Adrian Kniel, Matthias Windisch: [....] Selbsthilfegruppen von und für Menschen mit geistiger Behinderung
Adrian Kniel, Matthias Windisch: People First. Selbsthilfegruppen von und für Menschen mit geistiger Behinderung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2005. 157 Seiten. ISBN 978-3-497-01755-3. D: 19,90 EUR, A: 19,90 EUR, CH: 34,90 sFr.
Einführung in das Thema
"People First" - Menschen zuerst ... Seit etwa 30 Jahren verfolgt die People-First-Bewegung weltweit das Ziel der Selbstvertretung und Selbstorganisation von Menschen mit Lernschwierigkeiten. In Deutschland entwickelte sich die People-First-Bewegung erst Anfang der 1990er Jahre. Besondere Impulse erhielt sie durch einen 1994 von der Bundesvereinigung Lebenshilfe organisierten Kongress zum Thema Selbstbestimmung (Motto "Ich weiß doch selbst, was ich will!"), die "Duisburger Erklärung", in der Betroffene artikulierten, was sie unter "Selbstbestimmung" verstehen, und durch People-First-Seminare, angeboten von Bifos e.V. Kassel und der Bundesvereinigung Lebenshilfe zur Förderung selbstorganisierter Selbstvertretungsgruppen. Zwischen 1997 und 2001 unterstützte das in Kassel angesiedelte Modellprojekt "Selbstorganisation und Selbstvertretung von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung - Wir vertreten uns selbst !" Gründung, Aufbau und Vernetzung von People-First-Gruppen in ganz Deutschland. Im Jahre 2001 wurde in der Folge in Kassel der Verein "Mensch zuerst - Netzwerk People First Deutschland e.V." ins Leben gerufen. Er wurde von und für Frauen und Männer gegründet, die nicht "geistig behindert", sondern "Menschen mit Lernschwierigkeiten" genannt werden wollen, und deren Ziel es ist, gemeinsam für ein selbstbestimmtes Leben, das vielen immer noch vorenthalten wird, zu kämpfen. In einem neuen seit Januar 2005 laufenden Projekt verfolgen diese Vereinsmitglieder weiterhin das Ziel, Menschen mit Lernschwierigkeiten über Möglichkeiten der Selbstorganisation zu informieren und in Selbstvertretung zu schulen.
Im Jahre 1999 wurden bundesweit bereits 21 People-First-Gruppen gezählt. Über die Bedeutung und Wirkung dieser lokalen Selbsthilfegruppen aus Sicht ihrer Mitglieder, über Gründe ihres Entstehens, Gruppenaktivitäten, Gruppenprozesse, Unterstützungssituationen, Ansprüche und Probleme, Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Gruppen war bislang wenig bekannt. Hier bietet die vorliegende Veröffentlichung von Kniel und Windisch mit Ergebnissen aus der Begleitforschung des oben genannten Modellprojektes "Selbstorganisation und Selbstvertretung von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung - Wir vertreten uns selbst !" einer Fachöffentlichkeit einen grundlegenden und informativen Einblick.
Anliegen der beiden Autoren
Adrian Kniel, Professor für außerschulische Behindertenpädagogik, und Matthias Windisch, promovierter Wissenschaftler, leiteten am Fachbereich Sozialwesen der Universität Kassel die Forschungsgruppe zur wissenschaftlichen Begleitung des genannten Modellprojekts (1998 - 2001). Mit ihrer Veröffentlichung legen sie die Ergebnisse der von Dr. Elisabeth Engelmeyer und Volker Weisheit durchgeführten Untersuchung vor und wollen damit "die Einheitlichkeit, aber auch die Vielfalt der People-First-Bewegung in Deutschland" aufzeigen und dokumentieren.
Angesprochene Zielgruppen
Studierende, Wissenschaftlerinnen / Wissenschaftler, Lehrende und Professionelle im Bereich der Pädagogik und der Sozialen Arbeit bei Behinderung, Mitarbeiterinnen / Mitarbeiter und Interessierte in Selbsthilfeorganisationen für und von Menschen mit Behinderung, Interessierte aus Sozialpolitik und dem Leistungsträger-Bereich.
Aufbau der Veröffentlichung
Vorwort und Einleitung (S.7 bis S.10) informieren über die Verortung der Untersuchung.
Es folgen eine Einführung in die methodischen Grundlagen der Untersuchung (S.11 bis S.15) und in die Thematik der Selbstorganisation und Selbstvertretung von Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung (S.16 bis S.25).
In drei Kapiteln werden dann die Ergebnisse der Untersuchung vorgestellt zu:
- Strukturmerkmalen der People-First-Gruppen (S.26 bis 64),
- Unterstützung der People-First-Gruppen (S.53 bis 64),
- Lebensqualität und Teilnahme an People-First-Gruppen (S.65 bis 139).
Grafische und tabellarische Darstellungen veranschaulichen in diesen drei Kapiteln die empirischen Ergebnisse. Ebenso enthalten drei exemplarische Selbstdarstellungen von People-First-Gruppen in ihren Kontaktadressen symbolische und fotografische Darstellungen und rücken damit - trotz der Winzigkeit dieser Abbildungen - Arbeit und Ziele bildhaft in den Blick (S. 49 bis 52). In einem abschließenden Kapitel finden sich eine knappe Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse und ein Ausblick mit drei Fragestellungen zur weiteren Entwicklung der People-First-Gruppen in Deutschland (S. 140 bis S.144).
Zum Inhalt
Die wissenschaftliche Begleitung des Modellprojekts hatte zum Ziel, eine Bestandsaufnahme der People-First-Gruppen und ihrer Bewegung in Deutschland vorzunehmen, die Strukturmerkmale der Gruppen anhand von Erkenntnissen aus der Selbsthilfeforschung zu überprüfen und die Funktion von Unterstützungspersonen zu ermitteln. Zudem sollte die Bedeutung der Gruppen für die Lebensqualität aus der Bewertungsperspektive ihrer Mitglieder analysiert werden. Als Maßstab für Lebensqualität wurde vor allem die Selbstbestimmung im Alltag in den Blick genommen.
Methodisch wird die empirische Studie (Untersuchungszeitraum: Nov. 1997 bis 2001) als Zwei-Phasen-Modell vorgestellt: In der ersten Phase wurden 20 der 21 Selbstvertretungsgruppen (Gruppeninterviews, standardisierter Fragebogen) und 16 Unterstützungspersonen (schriftliche Befragung) befragt, um Informationen über die Selbstvertretungsgruppen zu erhalten. In der zweiten Phase wurden die Auswirkungen der Beteiligung an People-First-Gruppen auf die Lebensqualität ermittelt, indem jeweils nahezu 60 Beteiligte aus Selbstvertretungsgruppen und ebenso viele Personen ohne Zugehörigkeit zu Selbsthilfegruppen (als Vergleichsgruppe) interviewt wurden (standardisierte und offene Einzelinterviews). Die Auswahl der Personen für die Einzelinterviews erfolgte quotiert nach Geschlecht und Wohnformen. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden "an die Beteiligten des Modellprojekts zurückgekoppelt und im Rahmen von Tagungen auch mit Vertretern der People-First-Gruppen diskutiert" (so die Ausführung im Vorwort). Eine methodische Verortung dieses wichtigen letzten die Ergebnisse an die Befragten zurückgebenden Schrittes ist in dem Kapitel zu den "methodischen Grundlagen" leider zu vermissen.
Im Folgenden kurz einige ausgewählte Ergebnisse der Untersuchung, die von den Autoren in der Veröffentlichung ausführlich analysiert, dokumentiert und - soweit die Datenlage es erlaubte - mit der deutschen Bewegung sozialer Selbsthilfegruppen im Gesundheits- und Sozialbereich und der internationalen People-First-Bewegung verglichen werden:
- Auch in Deutschland erfüllen People-First-Gruppen die charakteristischen Merkmale: Betroffenheit, Autonomie, Selbstgestaltung, Solidarität und fehlende Gewinnorientierung. Sie können somit als soziale Selbsthilfegruppen betrachtet werden. Vor allem das Bedürfnis nach Selbstbestimmung in den Lebensbereichen Wohnen und Freizeit motivierte zur Gründung der Gruppen. Unterschiede zwischen den Gruppen zeigen sich vor allem auf der Zielebene: Es gibt Gruppen, die als eher "innenorientiert" charakterisiert werden, andere Gruppen sind stärker "außenorientiert". Alle Gruppen entwickeln aber ähnliche Aktivitäten im Bereich von Selbstbestimmungsfragen. Bezogen auf die Merkmale "Aktivitäten", "Partizipation", "Gruppenkonsens" wird bei allen Gruppen eine starke Übereinstimmung festgestellt. Hieraus folgern die Autoren, dass sich "die People-First-Gruppen in Deutschland diesbezüglich als eine einheitliche Bewegung mit ähnlichen Aktivitäts- und Interaktionsmustern" darstellen.
- Die Gruppen, die durchschnittlich aus 12 Beteiligten bestehen und - überraschenderweise - häufig an Einrichtungen (Wohnheime, Werkstätten) angebunden sind, bieten einen Rahmen, der die Entwicklung gegenseitiger Stärkung, Anerkennung und Unterstützung ermöglicht. Die an den Gruppen Beteiligten nehmen sich hier als handelnde Subjekte wahr. Die Gruppenprozesse sind vergleichbar mit Prozessen, die aus anderen Selbsthilfegruppen bekannt sind: Selten gibt es eine klare Aufgabenregelung, nicht alle Mitglieder nehmen an den Treffen teil, häufig dominiert ein Gruppenmitglied. In der Wahrnehmung der Mitglieder erscheint der Umgang untereinander dennoch in einer positiven Tonierung. Viele Gruppen wünschen sich eine Verbesserung ihrer (materiellen) Unterstützungssituation. Vorhandene Unterstützungspersonen sind in der Mehrheit der Gruppen nicht bewusst von den Mitgliedern ausgewählt worden. Von Unterstützenden erwarten Gruppenmitglieder vor allem "Zurückhaltung und Assistenz".
- Die Mehrheit der an den People-First-Gruppen Beteiligten und Befragten arbeitet in einer WfbM (nur 7 % sind auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt), verfügt über ein monatliches Durchschnittseinkommen in Höhe von 196 Euro, befindet sich im Alter zwischen 20 und 30 Jahren und wohnt ambulant betreut. Wie in anderen Selbsthilfegruppen auch, überwiegt der Anteil der Frauen.
- Unterstützende der Gruppen - überwiegend sind dies Frauen im Alter von etwa 40 Jahren, die aus sozialen Berufen sowie dem Umfeld der Initiativen kommen - sehen ihre Aufgabe vor allem darin, die "Selbständigkeit der Gruppenmitglieder bei anstehenden Entscheidungen durch zurückhaltendes Handeln zu fördern". Sie verfügen über die Fähigkeit, "ihre Arbeit recht selbstkritisch" reflektieren zu können. Dennoch verweisen die Autoren auf das ernst zu nehmende Problem, dass mit der Unterstützungsarbeit grundsätzlich das Risiko verbunden ist, die Gruppen zu beeinflussen.
- Im Vergleich zur deutschen Gesamtbevölkerung bringen die Befragten subjektiv eine ausgeprägtere allgemeine Lebenszufriedenheit zum Ausdruck. Unterschiede nach Geschlechtszugehörigkeit zeigten sich nicht. Die Untersuchung konnte unter der Fragestellung nach der subjektiven Bedeutung von Lebensqualität auch keinen signifikanten Unterschied zwischen People-First-Gruppenmitgliedern und Personen ohne Zugehörigkeit zu einer Gruppe nachweisen. Allerdings zeigen Befragte aus People-First-Gruppen eine stärkere Entscheidungsautonomie in lebensorganisatorischen Bereichen.
Diskussion
Spannend wäre gewesen, wenn die Veröffentlichung auch folgenden Themen einen zentralen Stellenwert gegeben hätte:
- Welche Diskurse gab es nach der Präsentation der Ergebnisse zwischen der Forschungsgruppe und den am Forschungsprozess Beteiligten aus den People-First-Gruppen und dem Modellprojekt?
- Welche Forschungsergebnisse riefen bei den Beteiligten beispielsweise Erstaunen oder Bedenken hervor?
- Gab es Prozesse der Auseinandersetzung oder strittige Themen?
- Mit welchen Erkenntnissen fühlten die Beteiligten sich in ihren Anliegen unterstützt?
Leider finden sich in der Veröffentlichung trotz des Anspruchs einer beteiligenden Begleitforschung hierzu keine Aussagen.
Die Analyse der Strukturmerkmale der People-First-Gruppen lässt unbeantwortet, wie Geschlechterverhältnisse in den Gruppen von den Mitgliedern eingeschätzt und gestaltet werden, und welche Auswirkung diese sowohl auf Gruppenprozesse als auch auf die Bewegung haben. Anscheinend wurde diese Thematik nicht systematisch als Erkenntnisinteresse in den Blick genommen.
People-First-Gruppen und ihre Mitglieder aus ländlichen Räumen haben ganz spezifische Probleme. Die Untersuchung zeigt auf, dass die Selbstvertretungsgruppen vor allem in (groß-)städtischen Regionen entstanden sind. Punktuell werden Schwierigkeiten, die aus sozialräumlichen Benachteiligungen resultieren, zwar aufgezeigt - etwa die stärkere Abhängigkeit von Fahrdiensten - , verblassen dann aber in der Informationsfülle. Eine besondere Platzierung der Thematik in der Veröffentlichung hätte der Sichtbarmachung eines gravierenden "Hintergrund"problems gedient.
Fazit
Die Veröffentlichung präsentiert einen differenzierten Einblick in Stand und Entwicklung der People-First-Gruppen im ersten Jahrzehnt ihrer Aufbau- und Etablierungsphase in Deutschland. Aufgeräumt wird mit dem immer noch gängigen Vorurteil, dass Frauen und Männer mit sogenannter geistiger Behinderung nicht ihre Interessen und Belange selbst vertreten könnten. Die Untersuchungsergebnisse machen deutlich, worauf die Autoren abschließend hinweisen: Sowohl die Weiterentwicklung der Lebensverhältnisse von Menschen mit Behinderung außerhalb von Sondereinrichtungen als auch die der Selbstvertretungsgruppen erfordern kontinuierliche politische Aufmerksamkeit, Initiative und Unterstützung.
Rezensentin
Dr. Elke Schön
Sozialwissenschaftlerin
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Zitiervorschlag
Elke Schön. Rezension vom 24.01.2006 zu: Adrian Kniel, Matthias Windisch: [....] Selbsthilfegruppen von und für Menschen mit geistiger Behinderung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2005. 157 Seiten. ISBN 978-3-497-01755-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2329.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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