Elmar Lange: Soziologie des Erziehungswesens
Elmar Lange: Soziologie des Erziehungswesens. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 2., überarbeitete Auflage. 233 Seiten. ISBN 978-3-531-14122-0. 19,90 EUR, CH: 34,90 sFr.
Reihe: Studienskripten zur Soziologie.
Eine fundierte Einführung in das Bildungswesen
Dieser 1986 in erster Auflage erschienene Grundlagentext von Elmar Lange, Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld, bietet Studierenden der Sozial- und Erziehungswissenschaften eine fundierte Einführung in zentrale Bereiche des Bildungswesens. Der Schwerpunkt liegt dabei in einer soziologischen Analyse der allgemeinbildenden Schulen. Als theoretischer Ansatz dient eine "aufgeklärte" Version der Rational Choice-Theorie, unter besonderer Berücksichtigung der Sozialisationstheorie.
Aufbau und Inhalt
- Fragestellungen und theoretische Grundlagen. Im ersten Teil des Lehrbuches skizziert Lange zunächst die Themen der Soziologie der Erziehung, z.B. die Befassung mit den Aufgaben, die seitens Politik, Wirtschaft und Gesellschaft an das Bildungssystem gestellt werden, und mit dem Ausmaß der Aufgabenerfüllung. Dann wird die Rational Choice-Theorie vorgestellt, die im Gegensatz zu struktur-funktionalen und systemischen Ansätzen eine Verknüpfung von Makro- und Mikroebene ermögliche. Ein zentraler Bestandteil von ihr ist der Prozess der Sozialisation, dessen Verständnis für eine Analyse des Bildungswesens grundlegend sei.
- Das Erziehungssystem der Bundesrepublik Deutschland. Im zweiten Teil gibt Lange einen groben Überblick über die Struktur des Bildungssystems, wobei er die Versorgung mit Krippen-, Kindergarten- und Hortplätzen anhand statistischer Zahlen erläutert und die Geschichte der Vorschulerziehung skizziert, die verschiedenen Schulformen definiert, die jeweiligen Schülerzahlen auflistet und die geschichtliche Entwicklung der Schule behandelt sowie die zahlenmäßige und die historische Entwicklung der Hochschulen behandelt.
- Gesellschaftstheoretische Analyse des Erziehungssystems. In diesem Teil des Buches untersucht Lange das Verhältnis des Bildungswesens zur Wirtschaft, zur Gesellschaft und zur Politik. Beispielsweise stellt er die Qualifikations-, die Selektions- und die Arbeitsmarktregulationsaufgabe von Schule und Universität heraus, wobei er insbesondere auf den Bedarf an hochwertigen Qualifizierungen eingeht und mit Bezug auf den "Pisa-Schock" fragt, inwieweit dieser gedeckt wird. Ferner beschreibt er den Bezug zwischen sozialer Herkunft und erreichtem Bildungsabschluss, geht auf die schicht- bzw. klassenspezifische Sozialisation ein und zieht das Fazit, dass das deutsche Bildungswesen weiterhin in hohem Maße soziale Ungleichheit reproduziere. Lange behandelt dann die bildungspolitischen Programme der letzten Jahre, die das Erziehungssystem wettbewerbsfähiger, besser und gerechter machen sollen. Schließlich analysiert er die Ausgaben für Bildung, Forschung und Wissenschaft in Deutschland, wobei er Vergleiche zu anderen europäischen Ländern zieht.
- Organisationssoziologische Analyse des Erziehungssystems. Im vierten Teil des Buches untersucht Lange das Bildungswesen als formal organisiertes System, wobei er die Spannungen zwischen bürokratischen Aspekten und der Dienstleistungsfunktion herausarbeitet und am Beispiel der Lehrerrolle konkretisiert. Ferner beschreibt er die Binnenorganisation schulischer Lernprozesse, also z.B. die Dreigliedrigkeit des Schulsystems, das alternative Gesamtschulkonzept und das "Privatlehrer-Modell", das bereits an 175 amerikanischen Schulen praktiziert wird. Anschließend werden organisationsstrukturelle Effekte auf Selektion, Einstellungen und Leistungen der Schüler/innen herausgearbeitet.
- Interaktionssoziologische Analyse. Im letzten Teil des Buches beschreibt Lange den Unterricht als soziale Interaktion, wobei er sich besonders mit dem Einfluss unterschiedlicher didaktischer und methodischer Ansätze auf die Qualität des Unterrichts und die Leistungen der Schüler/innen befasst. Dabei greift er auch auf internationale Studien zurück, in denen unterschiedliche "Unterrichtskulturen" deutlich wurden. Ferner geht er darauf ein, welche Faktoren die Leistungsmotivation, die Selbständigkeit und die soziale Kompetenz der Schüler/innen stärken bzw. beeinträchtigen. So arbeitet er Charakteristika "guter" Schulen heraus, bezogen auf das Schulklima, die Einstellung der Lehrer/innen, die Rolle der Schulleitung und den Grad an Schulautonomie. Abschließend wird noch auf die Vor- und Nachteile von Ganztagsschulen eingegangen.
Das Buch endet dann abrupt mit dem Literaturverzeichnis sowie einem Sach- und einem Personenregister.
Kritische Anmerkungen
Langes Buch gibt einen guten und interessanten Überblick über das Bildungswesen der Bundesrepublik Deutschland, häufig bereichert durch internationale Vergleiche. Das Ziel, eine fundierte Einführung in die Soziologie des Erziehungssystems für Studierende zu sein, wird voll erreicht. Allerdings hätte das Layout ansprechender gestaltet werden können - dies kann heute von einem Lehrbuch erwartet werden. Auch sollte ein Fehler wie eine sich über mehr als 30 Seiten erstreckende falsche Kopfzeile - die zudem noch fehlerhaft geschrieben ist - nicht auftreten.
Rezensent
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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Zitiervorschlag
Martin R. Textor. Rezension vom 19.04.2005 zu: Elmar Lange: Soziologie des Erziehungswesens. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 2., überarbeitete Auflage. 233 Seiten. ISBN 978-3-531-14122-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2338.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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