Klaus Leistner, Hans-Martin Beyer (Hrsg.): Rehabilitation in der Gesetzlichen Krankenversicherung
Klaus Leistner, Hans-Martin Beyer (Hrsg.): Rehabilitation in der Gesetzlichen Krankenversicherung. Antragsverfahren unter besonderer Berücksichtigung der ICF. ecomed verlagsgesellschaft (Landsberg) 2005. 362 Seiten. ISBN 978-3-609-16246-1. 49,00 EUR.
Mit CD-ROM.
Zur Bedeutung der Thematik
Wenn man ehrlich sein will, wurde das Thema "Rehabilitation" und speziell die Zusammenarbeit der Rehabilitationsträger untereinander schon unmittelbar nach dem Rehabilitations-Angleichungsgesetz von 1974 nicht so richtig ernst genommen. Jeder Sozialleistungsträger prüfte den Leistungsantrag nach eigenem Gutdünken und nach den für ihn gültigen Rechtsvorschriften. Auch wenn die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation viele Anstrengungen unternahm, den Stellenwert zu heben und zu verbessern, ist das bei den einzelnen Sozialleistungsträgern vielfach nur rudimentär gelungen. Umsetzungs- und Zuständigkeitsprobleme gibt es auch jetzt, nach dem In-Kraft-Treten des SGB IX, und das in nicht unerheblichem Umfang. Dem SGB IX folgten im April 2004 die neuen Rehabilitations-Richtlinien. Ein Fachbuch kann gut dazu beitragen, sie mit Leben zu füllen und die Rehabilitation ein gutes Stück voranzubringen. Das ist den Autoren, das sei vorweg festgestellt, sehr gut gelungen. Die vielen Facetten der Rehabilitation können durch die Beiträge mehrerer Autoren aus ihren eigenen speziellen Sichtweisen und Erfahrungsbereichen sehr gut beleuchtet werden.
Gerade das neu geschaffene Antragsverfahren in der Rehabilitation birgt in der Praxis eine Vielfalt von Problemen. Sie resultieren einerseits aus der oftmals hohen Erwartungshaltung des kranken und/oder behinderten Versicherten und der mehr oder weniger effektiven ambulanten ärztlichen Behandlung, wie andererseits den Zuständigkeitsproblemen und der Leistungsmöglichkeit und Leistungsbereitschaft bei den Sozialleistungsträgern vor dem Hintergrund der knappen Ressourcen. Auch in der Rehabilitation gelten die Grundsätze der Wirtschaftlichkeit, Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit. Der Grundsatz: "Soviel wie nötig und so wenig wie möglich." kann nur dann Beachtung finden, wenn sich die Beteiligten über die Ansprüche und Möglichkeiten im Klaren sind und zielgerichtet agieren. Dazu bedarf es eines ausreichenden Hintergrund- und Methodenwissens, das dieses Buch sehr gut vermittelt.
Herausgeber und Mit-Autoren
Das Handbuch wurde von Doz. Dr. med. habil Klaus Leistner, Medizinischen Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen, Essen, und Dr. med. Hans-Martin Beyer, Gemeinschaftspraxis in Essen, herausgegeben. Dabei unterstützten sie die Mit-Autoren:
- Dr. med. Barbara Gansweid, Medizinischer Dienst der Krankenversicherung Westfalen-Lippe, Gütersloh,
- Dr. med. Bernhard Gibis, Kassenärztliche Bundesvereinigung, Berlin,
- Dr. med. Thomas Hagen, Medizinischer Dienst der Krankenversicherung Bayern, Bad Kissingen,
- Dr. jur. Rainer Hess, Gemeinsamer Bundesausschuss der Ärzte, Zahnärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen, Siegburg,
- Dr. med. Rolf-Gerd Matthesius, Medizinischer Dienst der Krankenversicherung Berlin-Brandenburg e.V., Berlin,
- Dr. med. Elisabeth Nüchtern, Medizinischer Dienst der Krankenversicherung Baden-Württemberg, Lahr,
- Prof. Dr. med. Wolfgang Seger, Medizinischer Dienst der Krankenversicherung Niedersachsen, Hannover,
- Dr. med. Nina Sonntag, Medizinischer Dienst der Krankenversicherung Hamburg, Hamburg,
- Dr. med. habil. Manfred Viol, Medizinischer Dienst der Krankenversicherung Thüringen e.V., Erfurt,
- Hans-Udo Zenneck, Kompetenz-Centrum Geriatrie, Medizinischer Dienst der Krankenversicherung Hamburg, Hamburg.
Aufbau und Inhalt des Gesamtwerkes
Das Kompendium gliedert sich in drei Teile:
- Leistungen der medizinischen Rehabilitation der GKV - Antragsverfahren und sozialmedizinische Begutachtung durch den MDK. Der erste Teil baut sachlogisch zunächst auf den sozialrechtlichen Rahmenbedingungen auf und grenzt die Akutbehandlung von der Rehabilitation ab. Dabei wird auch eine Abgrenzung der Rehabilitation zwischen der gesetzlichen Krankenversicherung und der gesetzlichen Rentenversicherung vorgenommen. Anhand ausführlicher Begriffsdefinitionen gelingt es den Autoren, den babylonischen Sprachenwirrwarr transparent und verständlich zu machen. Die Autoren möchten den richtigen Patienten zum richtigen Zeitpunkt von den richtigen Behandlern in der richtigen Einrichtung mit den richtigen Methoden erfolgreich behandelt und rehabilitiert wissen. Das ist ein sehr hoher Anspruch, zumal auch noch der Grundsatz beachtet werden soll, dass Rehabilitation vor Rente geht. Für die Umsetzung müssen folglich alle Beteiligten, Versicherte/Patienten, Vertragsärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen bzw. Rehabilitationsträger engmaschig zusammenarbeiten. Das Buch liefert dazu eine Vielzahl von Anhaltspunkten und schildert die Möglichkeiten für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit bei der Antragstellung. Im Zusammenhang mit der Sozialmedizinischen Begutachtung, als maßgeblichem zentralem und vom Gesetz vorgeschriebenem Faktor im Antragsverfahren werden die Unterschiede zwischen den einzelnen Maßnahmeformen verdeutlicht. "Kur" ist schließlich nicht gleich "Kur", und für bestimmte stationäre Maßnahmen sind auch nur die dafür vorgesehenen Rehabilitationsträger leistungspflichtig. Diese Tatsache und die damit zusammenhängende Abgrenzung unter den Trägern und ihren Aufgaben im Einzelnen werden durch die Autorenbeiträge sehr gut herausgearbeitet. So wird auch der Weg zum Erreichen der Rehabilitationsziele beschrieben.
- ICIDH und ICF als konzeptionelle und begriffliche Bezugssysteme der sozialmedizinischen Begutachtung in der GKV. Das Ziel dieses Buches könnte wohl nicht erreicht werden, wenn nicht auch eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Internationalen Klassifikation der Schädigungen, Fähigkeitsstörungen und Beeinträchtigungen (ICIDH) und der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF), ihre Entwicklung und Zweckbestimmung folgen würde. Die neuen Richtlinien sind strikt an der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) der WHO ausgerichtet. Die ICF mit ihrer bio-psycho-sozialen Konzeption stellt eine einheitliche und standardisierte Sprache sowie eine geeignete Systematik zur Beschreibung von Funktionsfähigkeit und Behinderung einer Person zur Verfügung.
- Anhang. Der Anhang nimmt die Texte der Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses über Leistungen zur medizinischen Rehabilitation (Reha-Richtlinien), der Gemeinsamen Empfehlung "Begutachtung" der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation, der Begutachtungs-Richtlinien Vorsorge und Rehabilitation sowie die Begutachtungshilfe "Geriatrische Rehabilitation" zum Nachlesen und zur Orientierung auf. - Ein leider etwas kurzes Stichwortverzeichnis schließt das Buch ab.
Die Zielgruppe
Für in der Rehabilitationsarbeit direkt Tätige wie Ärzte, Beschäftigte bei den Sozialleistungs-/Rehabilitationsträgern aber auch für Juristen sowie Rechtsberater und -vertreter im Sozialrecht ist das Buch besonders geeignet; man könnte auch behaupten, für diese Personen ist es eine Pflichtlektüre. Wo anders werden die Reha-Richtlinien und die Klassifikation der ICF im Zusammenhang anschaulicher dargestellt? Als grundsätzlicher Einstieg in die Thematik können alle die Ärzte von diesem Buch profitieren, die von ihren Kassenärztlichen Vereinigungen in Fortbildungskursen für die Prüfung und künftige Verordnung stationärer Rehabilitationsmaßnahmen qualifiziert werden. Deshalb orientiert sich das Buch zum großen Teil an den Inhalten der Kurse der Kassenärztlichen Vereinigungen.
Fazit
Der Leser erhält einen soliden Überblick über das Antragsverfahren sowie den Ablauf und die Besonderheiten des Verfahrens. Die gesetzlichen Grundlagen und Voraussetzungen werden gut verständlich und im Zusammenhang dargelegt. Es liefert dem Praktiker eine umfassende Kommentierung der seit April 2004 neuen Richtlinien mit den neuen Antragsvordrucken sowie eine intensive Einführung in die neue Klassifikation ICF, die zunehmend an Bedeutung gewinnen wird. Einzel- oder auch Zweifelsfragen werden im Sachzusammenhang erörtert und können so zu einer sicheren Stellung im Antragsverfahren beitragen. Ärzte im Allgemeinen und Ärzte in der Fortbildung zum "Reha-Arzt" haben die Möglichkeit, sich gut und umfassend zu informieren, weil insbesondere die praxisorientierten Hinweise sehr hilfreich sind.
Rezensent
Hans-Joachim Dörbandt
Rechtsberatung / Rentenberater - Prozessagent - Fachautor in den Bereichen Pflege, gesetzliche Pflegeversicherung, gesetzliche Krankenversicherung
Autor in www.CareHelix.de
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Zitiervorschlag
Hans-Joachim Dörbandt. Rezension vom 15.02.2005 zu: Klaus Leistner, Hans-Martin Beyer (Hrsg.): Rehabilitation in der Gesetzlichen Krankenversicherung. ecomed verlagsgesellschaft (Landsberg) 2005. 362 Seiten. ISBN 978-3-609-16246-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2384.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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