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Ralph Dommermuth: [...] Selbstbestimmungsrecht geistig Behinderter

Cover Ralph Dommermuth: Dürfen was ich möchte. Selbstbestimmungsrecht geistig Behinderter. Lambertus Verlag (Freiburg) 2004. 144 Seiten. ISBN 978-3-7841-1563-4. 12,00 EUR, CH: 21,90 sFr.

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Einführung

Die wissenschaftliche Pädagogik ist besorgt. Nicht nur in diesem Buch von Ralph Dommermuth - 144 eng beschriebene Seiten lang. In den Einrichtungen der Behindertenarbeit werden die von ihr entwickelten modernen pädagogischen Ziele kaum in die Praxis umgesetzt: "Würde" nicht, "Freiheit" nicht, "Individualität" und "Selbstbestimmtes Leben" nicht, "Helfen" und "Gesundheit" werden falsch verstanden. Die Wissenschaft hat an den Bedürfnissen der Praxis vorbei gedacht. Dabei steigt die Zahl der Heimplätze für Behinderte in Deutschland sprunghaft, von 1991 bis 1997 um etwa mehr als 30.000 Heimplätze, von 1997 bis 2001 um etwas mehr als 25.000 Plätze (Prof. Dr. Rohrmann, 2005 veröffentlicht). Reste der Anti-Psychiatrie-Bewegung (Dörner) und die emanzipatorische Selbstbestimmt-Leben-Bewegung Behinderter (Bartz/Miles) propagieren den "Marsch aus den Institutionen" und ärgern sich über den mangelnden Zulauf.

Offenbar bieten die Einrichtungen der Nachfrage etwas durchaus Begehrtes. Nicht nur Ralph Dommermuth hat Sicherheit, Ordnung, Ruhe und Anpassung als kostbares Gut festgestellt. Die Öffentliche Meinung will das, somit die Politik. Kostbar bleiben die stationären Unterbringungen. 93 % der Ausgaben für Eingliederungshilfe wurden 2003 für Einrichtungen ausgegeben, über 20.000 € pro Kopf, ca. 4.500 € pro Kopf im ambulanten Bereich. Das ändert nichts daran, dass im Rahmen der stationären Unterbringung der Staat besonders im Personalbereich spart - mit ausdrücklicher Billigung aller relevanten gesellschaftlichen Kräfte.

Offenbar bieten die Einrichtungen den dort lebenden Behinderten allerdings auch etwas Lebenswichtiges. Denn mit wenigen Ausnahmen verhalten sie sich ruhig und angepasst. Nicht weil sie dumm und eingeschränkt sind, sondern weil sie sehr klug die einzige echte Lebenssicherheit wählen, die sie sich unter den gegebenen Bedingungen denken können. Der Marsch aus den Institutionen vermag nur mit Lösungen zu locken, die beängstigend unsicher sind. Organisationskompetenzen, die zu einem solchen ambulanten Leben von den behinderten Menschen abgefordert werden, haben sie nicht lernen können.

Auf dieses feste Gefüge trifft die Pädagogik aus den Hochschulen mit ihren Forderungen nach Selbstbestimmung der behinderten Menschen und Empowerment. Sie trifft die Einrichtungsträger, die moderne Forderungen gern in die broschierten Leitbilder ihrer Häuser schnüren, ohne deren Umsetzung jedoch vom Personal einzufordern. Es soll ein pädagogisch fortschrittliches Klima herrschen bei vorrangiger Ruhe, bei Ordnung und Sauberkeit. Das mögen die Angehörigen der behinderten Menschen, die oft über die konkrete Belegung eines Hauses entscheiden.

Gut, dass es Ausnahmen gibt: engagierte Eltern, problemfördernde BewohnerInnen und querdenkende Pädagogen, wie Ralph Dommermuth.

Inhalt des Buches

Ralph Dommermuth kommt aus der Praxis einer Wohngruppe für geistig behinderte Menschen. Er studierte Biologie und Sozialpädagogik. Sein vorliegendes Buch entstand im Rahmen seiner Diplomarbeit. Als Untersuchungsfeld wählte er die Wohngruppe, in der er selber gearbeitet hat. Er war kritisches Mitglied des Teams aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Dieser Kombination aus beobachtetem Praktiker und wissenschaftlichem Beobachter verdankt er die besondere Ausprägung des Buches. Da er keine empirische Methode gefunden hat, die auf die Forschungsfrage und seine Situation als Forscher passt, hat er sie selber entwickelt: Er definiert wissenschaftlich gründlich vier "allgemeine humane Normen", rekonstruiert die pädagogische Alltagspraxis seiner Wohngruppe, extrahiert die dort herrschenden Normen und vergleicht Wissenschaft und Praxis miteinander.

Den Höhepunkt des Buches bieten die Fallgeschichten aus dem Alltag der untersuchten Wohngruppe. Ralph Dommermuth hat sie seinen Gedächtnisprotokollen entnommen. Gegenstand ist jedoch in erster Linie der Konflikt zwischen Ralph Dommermuth und dem Rest der Mitarbeiterschaft. Symptome sind einzelne verbale Aussagen der Team-Mitglieder und einzelnes pädagogisches Verhalten. Das Verhalten der betreuten behinderten Menschen wird notwendiger Weise mit beschrieben.

Zusätzlich zu dieser empirischen Erhebung liest Ralph Dommermuth viel und webt die moderne pädagogische Meinung mit in seine Ausarbeitung. Die Quellen sind, wie wissenschaftlich üblich, exakt aufgelistet. Er vergleicht die Normen der Wohngruppe mit den Normen in der fortschrittlichen pädagogischen Literatur.

Die Praxis hält dem wissenschaftlichen Anspruch nicht stand. So kommt er zu dem Ergebnis, dass Integration ohne eine reflexive Professionalität nicht denkbar ist. Dabei empfiehlt er nicht, auf Alltagstheorien von Mitarbeitern, die diese eher aus persönlicher Lebenserfahrung gewonnen haben, zu verzichten. "Von fachlicher Seite her sollten nun durch den Integrationsgedanken, das Normalisierungsprinzip oder das Empowermentkonzept Gegengewichte É hinzutreten."

Kommentar

Den wissenschaftlichen Wert seiner empirischen Untersuchungen stellt Ralph Dommermuth mit Recht selber in Frage, wenn er bekennt, sich in der Gruppe in einer Streitkultur befunden zu haben. In Positionskämpfen sieht er sich, in denen sich offenbar die Mehrheitsmeinung durchgesetzt hat. Viele Äußerungen in diesem Konflikt beziehen sich also eher auf den Streit. Es entsteht der Eindruck, das Ringen des Buches um Wissenschaftlichkeit (immerhin 71 Seiten) diene lediglich dazu, Ralph Dommermuths Interpretation der Fallgeschichten (8 Seiten!) zu rechtfertigen. Unter dem enormen Druck, unter dem sich die pädagogischen Teams in den Einrichtungen befinden, sind hier Protagonisten von wissenschaftlichem Anspruch und Institutionsanspruch aufeinander losgegangen.

Bedauerlicher Weise wird in den Fallbeispielen und ihren Interpretationen nicht herausgearbeitet, was denn die behinderten Bewohner der Wohngruppe möchten. Was bedeutet ihnen in ihrer konkreten Lebensgeschichte Würde, Individualität, Freiheit, Empowerment. Vor allem jedoch, was bedeutet ihnen Sicherheit. Mit welcher Begründung schließt Ralph Dommermuth auf die jeweiligen Ziele der individuellen Selbstbestimmung? Die decken sich nicht unbedingt mit den wissenschaftlichen Normen.

Besonders geistig behinderte Menschen haben ein feines Gespür für ihre, im Vergleich zu Nichtbehinderten höhere Lebensgefährdung. In ihrem Bestreben zu überleben, delegieren sie ihre Sicherungs-Kompetenzen an Bezugspersonen, wenn nötig eben solche in einer Einrichtung. An diese binden sie sich und binden diese wiederum an sich selber. Es wäre wünschenswert, wissenschaftlich zu untersuchen, mit welchen bewussten und unbewussten Methoden Menschen in Einrichtungen für ihre BetreuerInnen sorgen. Da werden nicht nur Probleme gemacht, um Selbstbestimmung zu erreichen. All die vielen mehr oder weniger symbiotischen Beziehungen von Mitarbeitern und Bewohnern sind Verhältnisse von Selbstbestimmung - unter besonderen Bedingungen allerdings. Wer Geistigbehinderte in oder aus den Einrichtungen "befreien" will, kann das nur mit den "Betreuungspersonen", die die Behinderten mehr oder weniger freiwillig gewählt haben. Die Teams arbeiten im Brennpunkt der sich widersprechenden Ansprüche aller Beteiligten eines umfangreichen Systems.

Die wissenschaftliche Pädagogik hat diesen systemischen Blick noch nicht gefunden. Leider auch nicht die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung und leider auch nicht Ralph Dommermuth.

Fazit

Es bleibt das Verdienst des Buches, auf die momentane Wirkungslosigkeit von wissenschaftlicher Pädagogik auf die Pädagogik in den Einrichtungen hingewiesen zu haben, auf die fehlende berufliche Begleitung für die MitarbeiterInnen und die mangelnde Entwicklungsoffenheit für die behinderten Menschen dort.


Rezensent
Dipl.-Psych. Lothar Sandfort
Psychologischer Leiter des „Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (Berlin und Trebel), seit 1971 querschnittgelähmt und so seit vielen Jahren als Peer-Counselor in Beratung und Psychotherapie tätig. Unter anderem Supervisor für Teams in Einrichtungen der Behindertenarbeit von körperlich, geistig bzw. psychisch behinderten Menschen.
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Zitiervorschlag
Lothar Sandfort. Rezension vom 12.07.2005 zu: Ralph Dommermuth: [...] Selbstbestimmungsrecht geistig Behinderter. Lambertus Verlag (Freiburg) 2004. 144 Seiten. ISBN 978-3-7841-1563-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2414.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.


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