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William R. Miller, Stephen Rollnick: Motivierende Gesprächsführung

Cover William R. Miller, Stephen Rollnick: Motivierende Gesprächsführung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2005. 2. Auflage. 267 Seiten. ISBN 978-3-7841-1566-5. D: 26,00 EUR, A: 26,00 EUR, CH: 45,60 sFr.

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Thema

Alkoholabhängigkeit - ein heikles Thema. Ärzte und Patienten sind selten einer Meinung, wenn sie über "das Trinken" sprechen: Gut gemeinte Ratschläge und "sanfter Druck" wecken in der Regel lediglich den Widerspruch der Patienten. Alkoholabhängigkeit ist - mehr noch als manch andere psychische Erkrankung - ein Stigma, die Diagnose eine Kränkung, ein sachliches und unaufgeregtes Gespräch daher oftmals unmöglich.

Was ist Motivational Interviewing?

"Alkoholiker" haben einen schlechten Ruf. Schon Sigmund Freud und seine Schüler hatten keine gute Meinung von ihnen. In der psychoanalytischen Literatur findet sich vielfach der Hinweis, exzessiver Alkoholkonsum sei ein Zeichen "primitiver" Angstabwehr. Nicht weiter verwunderlich, dass Ärzte und Therapeuten in der Vergangenheit vor allem auf Konfrontation und Leidensdruck setzten: Alkoholabhängige Patienten - so die über Jahrzehnte hinweg weit verbreitete Annahme - seien uneinsichtig und unmotiviert, neigten zu Bagatellisierung und Verleugnung, allein Konfrontation könne ihnen die Augen öffnen und die Veränderungsbereitschaft fördern. Klingt, wenn auch nicht sehr einladend, irgendwie vernünftig, ist aber ein klarer Fall von "self-fulfilling prophecy" und bewahrheitet sich daher (scheinbar) immer wieder aufs Neue: Je vehementer der Arzt auf "Einsicht" besteht, desto heftiger wehrt sich der Patient gegen die (vermeintlich) diskriminierenden "Unterstellungen" und "Verdächtigungen" des Arztes - und bestätigt so dessen Erwartungen ("Typisch Alkoholiker!"). Wie soll man nun aber die Veränderungsbereitschaft alkoholabhängiger Patienten fördern? In "Motivational Interviewing" beschreiben die Psychologen William R. Miller (University of New Mexico) und Stephen Rollnick (University of Wales College of Medicine) ein zugleich direktives und patientenzentriertes Vorgehen, das weitgehend mit den Annahmen sozialpsychologischer Modelle der Verhaltensänderung übereinstimmt. Die Vorbehalte des Patienten werden nicht als "Verleugnung" ("Der Leidensdruck ist noch nicht groß genug!"), sondern vielmehr als ernst zu nehmendes Stoppsignal verstanden ("Das geht mir zu schnell!"). Bevormundung, nicht mangelnde Krankheitseinsicht, ist demnach die Ursache von Non-Compliance und Widerstand: Die Einschränkung oder Bedrohung der persönlichen Entscheidungsfreiheit ruft Reaktanz hervor - den Wunsch, die verlorene oder bedrohte Autonomie wiederherzustellen bzw. zu schützen - und setzt so ein Wechselspiel von Kraft und Gegenkraft in Gang. Der Patient sollte daher das Tempo bestimmen: Veränderungsbereitschaft ist nicht Voraussetzung, sondern vielmehr ein wesentliches (erstes) Ziel der Behandlung. Um der Konfrontations-Verleugnungs-Falle zu entgehen, initiiert der Therapeut den so genannten "change talk" - ein lautes Nachdenken über wichtige und mögliche (!) Veränderungen. So geben nicht die Argumente des Therapeuten, sondern die des Patienten den Anstoß zur Einschränkung des Alkoholkonsums! Offene Fragen lenken das Gespräch auf die Nachteile des Status quo einerseits und die Vorteile einer Veränderung andererseits.

Änderungen gegenüber der ersten Auflage

Die Autoren beschreiben in der nunmehr zweiten - aktualisierten und erweiterten -Auflage ihres Bestsellers ein Vorgehen, das sowohl sympathisch als auch "evidence-based" ist: Die Ergebnisse zahlreicher Studien belegen, dass eine Behandlung, die den von Miller und Rollnick formulierten Prinzipien entspricht, effektiv und effizient sein kann. Voraussetzung einer erfolgreichen Anwendung der zahlreichen im vorliegenden Band außerordentlich anschaulich illustrierten Techniken ist jedoch eine kompetente Ausbildung der Therapeuten. Diesem Aspekt sind in der Neuauflage daher eigens zwei Kapitel gewidmet. Diese Beiträge ergänzen die ersten beiden Teile des Bandes (Grundlagen und Praxis), die zweifelsohne das Interesse an weiteren Anwendungsmöglichkeiten wecken werden. Diese Neugier befriedigt der umfangreiche vierte Teil der amerikanischen Originalausgabe (Anwendungsfelder): Seit Erscheinen der ersten Auflage von "Motivational Interviewing" zu Beginn der neunziger Jahre wurde der Anwendungsbereich des Verfahrens erheblich erweitert (insbesondere die Verhaltensmedizin hat davon profitiert). Die Leser der deutschen Übersetzung werden leider auf eine Zusammenfassung des aktuellen Stands dieser Entwicklung verzichten müssen.

Fazit

Trotz dieser Einschränkung ist der von Rigo Brueck besorgten Übersetzung und allen "schwierigen" Patienten eine weite Verbreitung dieses Standardwerks der Psychotherapie zu wünschen.


Rezensent
Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Ralf Demmel
Dipl. Psychol., Psychologischer Psychotherapeut (VT) Benedictus Krankenhaus Tutzing GmbH & Co. KG Interdisziplinäres Zentrum für Schmerztherapie und Palliativmedizin


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Zitiervorschlag
Ralf Demmel. Rezension vom 24.01.2006 zu: William R. Miller, Stephen Rollnick: Motivierende Gesprächsführung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2005. 2. Auflage. ISBN 978-3-7841-1566-5.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7841-1900-7 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2416.php, Datum des Zugriffs 30.07.2016.


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