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Andreas Farwick: Segregierte Armut in der Stadt

Cover Andreas Farwick: Segregierte Armut in der Stadt. Ursachen und soziale Folgen der räumlichen Konzentration von Sozialhilfeempfängern. Leske + Budrich (Leverkusen) 2001. 212 Seiten. ISBN 978-3-8100-3266-9. 20,50 EUR.

Reihe Stadt, Raum und Gesellschaft.

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Einführung in das Thema

In den 90er Jahren ist das Thema "Armut" in der Bundesrepublik Deutschland wieder stärker in den Blickpunkt sozialwissenschaftlicher Forschung gerückt, allerdings im Schwerpunkt aus der sogenannten "Armutsforschung" und im Kontext der Stadtsoziologie. Hartmut Häußermann schreibt 1997 dazu: "Die alarmierenden Nachrichten kommen heute nicht mehr aus dem Kernbereich soziologischer Theorie bzw. aus der ‚allgemeinen Soziologie’, wo man immer noch mit dem Verständnis der unübersichtlich gewordenen Mitte beschäftigt ist, sondern aus der Armutsforschung und aus der Stadtforschung. Die Begriffe, mit denen dort eine ‚neue’ gesellschaftliche Theorie beschrieben wird, lauten Ausgrenzung und Polarisierung" (Häußermann, H., S. 9 in LEVIATHAN 1/1997).

Mitte der 90er Jahre gewinnt auch in der Bundesrepublik die Frage an Bedeutung, ob sich in den Städten eine neue "urban underclass" herausbildet. Die Diskussion bezieht sich auf frühere Veröffentlichungen zu Problemquartieren in den USA, Großbritannien und Frankreich und thematisiert insbesondere Folgen der "residentiellen Segregaton", "der ungleichen Verteilung von Wohnorten unterschiedlicher sozialer Kategorien (Klassen, Schichten, Haushalts- oder Milieutypen, Altersgruppen sowie ethnische und rassische Gruppen) im Raum" (Dangschat, J., S. 620 in PROKLA Heft 109)

Diesen theoretischen Auseinandersetzungen folgten zahlreiche Veröffentlichungen über konkrete Forschungen. Die Vorstellung konkreter Forschungsergebnisse steht auch bei der Veröffentlichung von Andreas Farwick im Mittelpunkt und ist somit ein weiterer Beitrag zur Überprüfung theoretischer Auseinandersetzung mit dem Thema.

Zum Hintergrund des Entstehens des Buches

Der Autor informiert wie folgt über den Entstehungszusammenhang des Buches: "Die vorliegende Arbeit entstand im Rahmen meiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZWE "Arbeit und Region" und später am Institut für Geographie der Universität Bremen ... und wurde dort "1999 als Dissertation angenommen" (S.15). Die Arbeit ist in der von Hartmut Häußermann u.a. herausgegebenen Reihe "Stadt, Raum und Gesellschaft" veröffentlicht.

Aufbau und Inhalt

Gegenstand der Arbeit ist die Untersuchung von Ursachen und sozialer Folgen der residentialen Segregation von Sozialhilfeempfängern in den Städten Bremen und Bielefeld: "Kommt es infolge zunehmender Armut in den Städten zu einer Ausweitung und Verfestigung der räumlichen Konzentration von Armut und auf welche Ursachen ist dies zurückzuführen? ... Verringert ein von Armut geprägtes Wohnumfeld die Chance, eine Armutslage zu beenden?" (S.18). Der Autor problematisiert zwar die Eingrenzung des Armutsbegriffes auf den Bezug von Sozialhilfe mit Hinweis auf "verdeckte Armut" (die auf diese Weise nicht erfasst wird), verweist allerdings auf die "eindeutige Statuszuweisung" die dadurch ermöglicht wird (im Unterschied zu den relativ ungesicherten Definitionen des lebenslagenorientierten Ansatzes). Hinzu kommt, dass in beiden Städten "Längsschnittdaten von Sozialhilfeempfängern" vorliegen, was die Untersuchung wesentlich erleichtert (S. 22 f.).

Im ersten Teil Arbeit bietet Andreas Farwick eine Übersicht über verschiedene Theorieansätze, die im Zusammenhang mit "residentialer Segregation" existieren. Hierbei kommt in neueren Ansätzen dem Wohnungsmarkt eine besondere Bedeutung zu. Der Autor entwickelt im Anschluss daran einen eigenen Ansatz, der sowohl Faktoren der Angebots- als auch der Nachfrageseite des Wohnungsmarkts berücksichtigt (S. 53 ff).

Es folgen systematische Schritte, um die eingangs gestellten Fragen zu beantworten. Zunächst stellt der Autor die Entwicklung der räumlichen Konzentration einkommensarmer Bevölkerungsgruppen in den Städten Bielefeld und Bremen vor, gegliedert nach den in den 60er/70er Jahren zu verzeichnenden Entwicklungen und nach der Ausweitung und Verfestigung dieser Konzentration in den 80er/90er Jahren. Sein Fazit lautet: "Mit der gesamtstädtischen Zunahme der Zahl von Sozialhilfeempfängern in den 1980er und 1990er Jahren ist das Ausmaß der räumlichen Konzentration von Armut — gemessen durch die Sozialhilfedichte — in vielen der bereits seit 1970er Jahren bestehenden Armutsgebieten in Bremen und Bielefeld deutlich angestiegen" (S. 92). In der daran anschließenden Erklärung für diese Entwicklung gelangt er —anhand der Auswertung von Längsschnittanalysen zum Sozialhilfebezug- zu der Aussage, dass "der überproportionale Anstieg der Sozialhilfeempfänger in den Armutsgebieten nicht durch einen einseitig gerichteten Zuzug bereits im Sozialhilfebezug stehende Bevölkerungsgruppen in die Armutsgebiete erklärt werden kann" (S.114). "Vielmehr... ist der starke Anstieg der Zahl der Sozialhilfeempfänger durch eine erhöhte Verarmung der Bevölkerung in den Armutsgebieten begründet". Hinzu kommen Folgen, die mit der "kommunalen Zuweisung von Aus- und Übersiedlern" in die betreffenden Gebiete zusammen fallen (ebenda).

In den beiden folgenden Kapiteln bilden der Zusammenhang zwischen dem benachteiligten Wohnquartier und der Verweildauer in Sozialhilfe sowie die Erklärungsfaktoren dafür die Schwerpunkte. Auch wenn die Untersuchung in beiden Städten zu unterschiedlichen Resultaten führt, ist folgende Aussage möglich: "Die Ergebnisse verdeutlichen, daß das Ausmaß der Segregation von Armut durchaus einen Einfluß auf die Dauer der Armutslage hat und damit auch das Risiko einer langfristigen Armutslage erhöht" (S.142). Im Kapitel 6, in dem es um die "Erklärungsfaktoren zum Einfluß auf die Dauer der Armutslagen" geht, werden Theorieansätze zur "Handlungsrelevanz des Raumes" bezogen auf ein "Armutsgebiet" vorgestellt und zwar unter den drei Aspekten: "Ort mangelnder Ressourcen", "Ort des Lernens ‚falscher’ Handlungsmuster" und "Ort von Stigmatisierung und Diskriminierung". Die von Andreas Farwick getroffenen Schlussfolgerungen beziehen sich in diesem Teil nicht mehr auf eigene empirischen Arbeiten, sondern auf die "bisherigen Ergebnisse von Studien zu Armutsgebieten" (insbesondere die Untersuchung von Ulfert Herlyn u.a. 1991), aus denen er ableitet, dass "es weniger Aspekte einer defizitären Ressourcenausstattung, als Faktoren der symbolischen Bedeutung von Armuts-quartieren sind, über die die ... aufgezeigten armutsverlängernden Effekte in den Armutsquartieren vermittelt sind" (S. 171). Hiermit gibt der Autor eine Vorlage für die weitere wissenschaftliche Diskussion, denn die Auseinandersetzung über diese Schlussfolgerung, insbesondere anhand von neueren Forschungen ist sicherlich lohnend.

Fazit

Mit der vorliegenden Veröffentlichung ist ein spannender Beitrag für eine Diskussion geleistet worden, die über das rein wissenschaftliche Fachgebiet hinaus geht und alle ansprechen sollte, die mit Fragen sozialer Stadtplanung und Armutsbekämpfung befasst sind. So leitet der Autor aus seinen Analysen auch Forderungen an "eine Politik der Bestandssicherung preiswerten Wohnraumes in sozialräumlich gemischten Gebieten" und den Mut zur einer "Wohnungsbaupolitik nach den Prinzipien der Standortgerechtigkeit", d.h. keiner einseitigen Belegung mit Aus- und Umsiedlern in Armutsquartiere (S.176).


Rezensent
Dr. Reinhold Knopp
Arbeitsgemeinschaft stadt-konzept/Düsseldorf
Dozent FH Düsseldorf, Schwerpunkt Stadtsoziologie
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Zitiervorschlag
Reinhold Knopp. Rezension vom 22.06.2002 zu: Andreas Farwick: Segregierte Armut in der Stadt. Leske + Budrich (Leverkusen) 2001. 212 Seiten. ISBN 978-3-8100-3266-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/242.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.


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