socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Lieselotte Ahnert (Hrsg.): Frühe Bindung. Entstehung und Entwicklung

Cover Lieselotte Ahnert (Hrsg.): Frühe Bindung. Entstehung und Entwicklung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2004. 418 Seiten. ISBN 978-3-497-01723-2. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 67,00 sFr.

Mit einem Geleitwort von Jörg Maywald.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-497-02047-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Einführung in die Themenstellung

Bindungstheorie und Bindungsforschung haben sich seit ihrer Begründung durch John Bowlby und Mary Ainsworth zu einem außerordentlich aktiven interdisziplinären Forschungsprogramm entwickelt. Die zentralen Forschungsfragen leiten sich aus den Grundaussagen der Theorie ab. Im Fokus der klassischen Bindungstheorie steht die Unterscheidung spezifischer Interaktionsmuster zwischen Kindern und ihren Bindungspersonen in bindungsrelevanten Situationen. Diese Muster werden als tendenziell zeit- und situationsstabile Bindungsmuster verstanden. Hieran knüpfen die Fragen an, welche Bindungstypen empirisch unterschieden werden können und welche Faktoren auf ihre Entstehung einwirken. Das typische individuelle Bindungsverhalten wird nicht nur als charakteristisch für eine bestimmte Bindungsbeziehung gewertet. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass den Bindungsstilen unterscheidbare Verhaltens- und Erlebensstile einer Person entsprechen. Hieran knüpft die Frage an, wie eng und in welcher Form sich Zusammenhänge zwischen den frühen Mustern einer Bindungsbeziehung und der späteren Selbstregulation einer Person aufzeigen lassen. Der dritte und jüngste Fragenkomplex der Bindungsforschung gilt dem Aspekt der mentalen Repräsentation von Bindungserfahrungen. Nachgegangen wird hier u.a. den Fragen, inwieweit die typischen Bindungsmuster sich auch auf der Ebene der kognitiven Repräsentation unterscheiden lassen, wie reliabel und valide die gefundenen Muster sind, und inwieweit verschiedene Repräsentation auf die personale Selbstregulation zurückwirken.

Entstehungshintergrund des Buches

Lieselotte Ahnert, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal, versammelt Autorinnen und Autoren, die als führende Experten verschiedene Richtungen der Bindungsforschung repräsentieren und sehr fundiert entfalten. Alle Beiträge des Buches sind Ausdruck intensiver, oft langjähriger empirischer und theoretischer Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten der Bindungstheorie.

Aufbau und Inhalte

Das Buch enthält im ersten Teil fünf Einführungsbeiträge, auf die hier näher eingegangen werden soll.

  1. Die generelle Einführung von Klaus Grossmann gibt einen souveränen Einblick in die Entstehungsgeschichte der Bindungstheorie. Theoretische Schlüsselbegriffe wie "Feinfühligkeit", "Bindungsorganisation" oder "Bindungsrepräsentation" werden gut nachvollziehbar in ein alltagsbezogenes Verständnis übertragen. Vor dem Hintergrund evolutionsbiologischer Überlegungen beschreibt Grossmann eine grundlegende Asymmetrie zwischen dem phylogenetisch geformten Bindungsverhalten auf Seiten der Kinder und dem kulturell überformtem, erwachsenen Bindungsverhalten. Feinfühligkeit von Bindungspersonen gegenüber kindlichen Signalen wird als eine kulturell moderierte Kompetenz mit qualitativen Unterschieden zwischen verschiedenen Bindungsmilieus und verschiedenen Bindungspersonen verstanden. Bricht die beim Kind phylogenetisch angelegte Tendenz zur "gerichteten Mitteilung von Gemütsbewegungen bei innerer Belastung" in einem durch nicht ausreichende Feinfühligkeit geprägten Interaktionsmilieu zusammen, kann dies bedeutsame Konsequenzen haben für die Entwicklung und Fehlentwicklungen von Beziehung des Kindes, auch für seine Beziehung zur eigenen Erfahrung.
  2. Martin Dornes greift in seinem Beitrag psychoanalytische Aspekte der Bindungstheorie auf. Dabei wird beleuchtet, an welchen Punkten die Bindungstheorie sich historisch und konzeptionell von der Psychoanalyse abgesetzt und eine eigene wissenschaftliche Perspektive entwickelt hat. Als nicht vereinbar mit der klassischen Psychoanalyse beschreibt Dornes vor allem den theoretischen Stellenwert, der den realen Mutter-Kind Interaktionen bindungstheoretisch zugesprochen wird. Erst die jüngere, interaktionell geprägte Psychoanalyse gelangt zu ausreichender Konvergenz mit den plausiblen Grundpositionen der Bindungstheorie, um eine sinnvolle theoretische Auseinandersetzung beider Ansätze zu ermöglichen. Dornes zeigt einige Linien dieser Diskussion auf, die sich zwischen einer mentalistisch orientierten Bindungstheorie und einer bindungsorientierten Psychoanalyse entwickelt hat. Dabei wird unter anderem mütterliche Feinfühligkeit als beziehungsspezifische Variable betrachtet, die sich in den verschiedenen Bindungsbeziehungen einer Mutter differentiell ausformen kann, in Zusammenhang mit den mütterlichen Phantasien zu einem Kind und den frühen Interaktionserfahrungen.
  3. Eine eingehende Auseinandersetzung mit theoretischen Konzepten zur frühen Bindungsentwicklung leistet der Beitrag von Lieselotte Ahnert. Unter dem Begriff des Bonding wird den neurobiologischen Korrelaten der Mutter-Kind-Bindung nachgegangen, insbesondere hinsichtlich des mütterlichen Fürsorgeverhaltens. Ahnert bewertet die neurobiologischen Bindungsfaktoren als nicht hinreichend, um die Entstehung von Bindungssicherheit zu erklären. Mutter-Kind-Bindungen werden als multipel determinierte Regulationssysteme verstanden, die eine Anpassung an verschiedene Umgebungsbedingungen ermöglichen. Zur Disposition gestellt wird bei dieser Betrachtung das sogenannte Optimalitätstheorem der Bindungstheorie, das von der psychosozialen Überlegenheit eines bestimmten Bindungstyps ausgeht.
  4. Heidi Keller kritisiert das Optimalitätstheorem aus kulturvergleichender Perspektive. Die Adaptivität eines Bindungsstils, so die Argumentation, ist hinsichtlich der grundlegenden Sozialisationsziele einer Kultur zu bewerten. Der klassisch als "sicher" bewertete Bindungsstil, der eine hohe Kommunizierbarkeit negativer Affekte ermöglicht, ist optimal im Kontext unserer individualistisch orientierten, independenten Kultur, stimmt aber nicht mit den kulturellen Erwartungen interdependenter Gemeinschaften überein. Vor diesem Hintergrund setzt Keller empirische Befunde zu kulturellen Mutter-Kind-Betreuungsmustern mit den spezifischen Optimalitätsvorstellungen dieser Kulturen in Zusammenhang.
  5. Gabriele Gloger-Tippelt geht in ihrem Einführungsbeitrag auf die Methodik der Bindungsforschung ein. Zum einen wird anschaulich und gut nachvollziehbar die von Ainsworth entwickelte Verhaltensstichprobe "Fremde Situation" beschrieben, aus der die grundlegenden Bindungstypen abgeleitet wurden. Gloger-Tippelt diskutiert die Befundlage zur Methode der Fremden Situation und geht auf wichtige methodologische Kritikpunkte, insbesondere hinsichtlich der kategorialen Typenbildung ein. Zum anderen beschreibt und diskutiert Gloger-Tippelt die wichtigsten Verfahren zum Erschließen der Bindungsrepräsentationen von Kindern und Jugendlichen.

Im zweiten Teil des Buches gehen fünf Beiträge detaillierter auf einzelne Aspekte der Entwicklung primärer Bindungsbeziehungen ein. Dietmar Todt beleuchtet die Befundlage zur Bindungsentwicklung bei nicht-menschlichen Primaten. Arnold Lohaus, Juliane Ball und Ilka Lißmann setzen sich mit der Eltern-Kind-Interaktion der ersten Lebensmonate auseinander. Der Beitrag von Gisela Klann-Delius ist auf den Übergang der Bindungsorganisation zur Bindungsrepräsentation bezogen, als Brücke wird die "sprachliche Formatierung von Beziehungserfahrungen" betrachtet. Im Fokus des Beitrags von Marcel R. Zentner steht der Zusammenhang von kindlichem Temperament und Bindungsentwicklung.

Teil 3 des Buches ist den "Bindungserfahrungen in erweiterten Beziehungsnetzen" gewidmet. Behandelt werden nicht-menschliche Primatengemeinschaften (Dietmar Todt), Vater-Kind-Beziehungen (Heinz Kindler und Karin Grossmann) und professionelle Betreuungskontexte (Lieselotte Ahnert).

Der vierte und letzte Teil des Buches ist auf Ursachen und Folgen devianter Bindungsentwicklungen bezogen. Diskutiert werden tierexperimentelle Befunde (Katharina Braun und Carina Helmeke), die Auswirkungen desorganisierter Bindungsorganisation (Marina Zulauf-Logoz) und Ansatzpunkte der Frühintervention, inbesondere für Kinder suchtkranker Eltern (Gerhard J. Suess und Wolfgang Hantel-Quitmann). Hellgard Rauh widmet ihren Beitrag der Frage, inwieweit behinderte Kinder spezifische Veränderungen ihres Bindungsverhaltens zeigen. Rauh geht dabei vertieft auf die Mutter-Kind-Interaktion bei Kindern mit Trisomie 21 ein.

Fazit und Zielgruppe

Das Buch kann uneingeschränkt empfohlen werden. Sowohl die Themenauswahl wie die Qualität der Beiträge wirken außerordentlich gelungen und überzeugend. Sprachlich bleiben die Texte trotz der komplexen Materie gut erfassbar. Das wissenschaftliche Spektrum der Bindungstheorie wird anschaulich, ebenso ihre Basisaussagen und Methoden. Wissenschaftlich tätige und praktizierende Fachleute aus dem psychosozialen Bereich werden von dem Buch sehr profitieren können.


Rezensent
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg


Alle 39 Rezensionen von Christian Brandt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 16.08.2005 zu: Lieselotte Ahnert (Hrsg.): Frühe Bindung. Entstehung und Entwicklung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2004. ISBN 978-3-497-01723-2. Mit einem Geleitwort von Jörg Maywald.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-497-02047-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2429.php, Datum des Zugriffs 26.09.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!