Fee Czisch: Kinder können mehr (Grundschule)
Fee Czisch: Kinder können mehr. Erfahrungen mit einer anderen Grundschule. Kunstmann Verlag (München) 2005. 320 Seiten. ISBN 978-3-88897-387-1. 22,00 EUR, CH: 34,90 sFr.
Weil Schule (wie sie ist), an allen Kindern scheitert
Grundschullehrerin wollte sie eigentlich nicht werden. Aber jetzt, nach einer mehr als 25jährigen Tätigkeit als "Lehrerin für die Kleinen" und jetzt auch als Lehrbeauftragte am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und -didaktik in München bekennt sie in ihrem bemerkenswerten Buch - oder soll man sagen: ihrem Lebensbericht - unumwunden: "Ich freute mich jeden Morgen auf die Kinder und ihre Ideen, auf ihre Lust am Lernen und die Fülle ihrer Fähigkeiten". Na ja, werden Praktiker sagen, das schreibt sich so leicht hin, doch die Wirklichkeit ist anders! Gerade diese Wirklichkeit in der Schule heute ist ihr ein Anliegen - und ein Dorn im Auge. Denn ihren "Traum von Schule" gibt es doch, wenn auch nicht als Normalzustand, sondern in den Versuchen und Wagnissen von Reformern, öffentlich publiziert und als individuelle Haltung von Lehrerinnen und Lehrern. Fee Czisch ist beides: Reformerin und Lehrerin, der jedes Kind wichtig ist, die weiß, was jedes Kind gerade an Übung und Forderung braucht, die sich auseinander setzt mit und einlässt auf Kinder, wie sie sind: Witzig und charmant, bockig und begriffsstutzig, geduldig und ungeduldig, zugewendet und aggressiv.
Ideen aus Reformschulen
Die Ideen und Kraft, die Exempel und Utopien, den Mut und die Zuversicht für ihre Arbeit als Grundschullehrerin holt sie sich aus den Reformschulen, die es gab und gibt; etwa dem Schulentwurf von Ellen Key um 1900, deren Ziele in den späteren Reformversuchen immer wieder aufgenommen wurden:
- Sich an den kindlichen Bedürfnissen und Fähigkeiten, die man wachsen lassen müsse, zu orientieren.
- Den ganzen Menschen zu bilden und nicht nur Wissensermittlung zu betreiben.
- Das gesellschaftliche Bewusstsein für die Bedeutung des frühen Kindesalters zu stärken.
- Selbstbetätigung und manuelle Arbeit zu fördern.
- Nähe und Distanz, Emotionalität und Rationalität, Rechte und Pflichten als gesellschaftliche Werte und Normen zu erkennen.
- Erziehung in der und durch die Gruppe erfahrbar zu machen.
- Die Schule zu öffnen für die nahe und weite Umwelt.
- Demokratische Spielregeln am Modell des Schullebens einzuüben.
- Völkerverständigung, Abbau von Vorurteilen, Erziehung zur Toleranz und zu friedlichem Denken und Handeln zu praktizieren.
Angesichts dieser Werte, die sich in der Theorie und Praxis einiger Reformschulen heute wieder finden, etwa der Laborschule Bielefeld als Integrierte Gesamtschule, in der Anthropologie Abraham Maslows, in einigen Schulversuchen der "Progressive Education" in England und in den neueren Erkenntnissen der Hirnforschung, kommt die Autorin jedoch in der Reflexion über den Zustand der Schule heute zu einem pessimistischen Ergebnis: "Schule und Kinder passen schon lange nicht mehr zusammen".
Ursachen für das Scheitern
Bei ihrer Bestandsaufnahme, warum die Schule heute an allen Kindern scheitert, diagnostiziert sie
- weil sie auf Auslese setzt;
- weil sie auf Vereinzelung und Konkurrenz setzt, statt auf individuelle Entfaltung in der Gemeinschaft;
- weil sie auf Belehrung setzt, statt auf Erfahrung;
- weil sie auf Frontalunterricht und Gleichschritt setzt.
Alternativen
Diejenigen, die wie sie der Überzeugung sind, dass es möglich und notwendig ist, eine andere Schule zu denken und zu praktizieren, lässt Fee Czisch in ihrem Buch nicht allein. Sie zeigt Alternativen auf, wie eine Reform im Klassenzimmer möglich ist. Sie diskutiert didaktische und methodische Möglichkeiten zum differenzierten Lernen. Sie vermittelt ihre Erfahrungen beim Schulanfang, beim Lesen-, Schreibenlernen, im Mathematik- und im Sachunterricht. Vor allem, und das zeichnet das Buch in besonderer Weise aus, sie verweist darauf, dass die deutsche Diskussion um die Pisa-Ergebnisse einen Bereich des Lernens und Entwickelns von Kindern weitgehend ausklammert; nämlich die emotionale Bildung und Erziehung, mit den vernachlässigten gesellschaftlichen Werten:
- Achtsamkeit,
- Vertrauen,
- Langmut und Ausdauer,
- Erkennen,
- Anerkennen
- und Fürsorge.
Als langjährige Vorsitzende des Vereins "Aktion Humane Schule in Bayern" weiß die Autorin natürlich, dass Schulreformen nicht vom Himmel fallen oder von sonst woher kommen; auch, dass man als Lehrerin, Lehrer, Eltern, Reformansätze nicht (allein) der Schulpolitik und -aufsicht überlassen darf; sondern dass es notwendig ist, eine Veränderung von schulischer Bildung und Erziehung selbst anzupacken, "vor Ort" und gemeinsam mit anderen. Die Wirklichkeit verändern durch Mitdenken, Mittun und Gegensteuern, was Hans A. Pestalozzi als "positive Subversion" bezeichnet.
Fazit
So ist Fee Czischs Buch mehr als ein persönlicher Erfahrungsbericht. Es ist ein Handbuch für alle diejenigen, die direkt, als Lehrkräfte in der Schule tätig sind, die als Eltern und Erziehungsberechtigte Schule nicht nur als "Lehrzwangsanstalt" erleben wollen, die als Theoretiker in der Lehreraus- und -fortbildung arbeiten und sich als Studierende für den Lehrerberuf vorbereiten. Es ist zu wünschen, dass besonders in der Lehrerausbildung das Buch Pflichtlektüre für das pädagogische, didaktische und methodische Studium wird. Man braucht nicht mit jedem Czischschen Paradigma übereinstimmen. Aber es lohnt, sich damit auseinander zu setzen, weil viele der Bedingungen, die für Kinder heute in der Schule herrschen, dazu führen, dass sie unter Druck geraten. Druck aber erzeugt Angst, und die erzeugt Gewalt. Gewalt aber macht hart und gefühllos. Angst macht dumm. Positiv gewendet: Kinder können mehr, als wir vielfach als Lehrerinnen, Lehrer und Eltern wahrnehmen und ihnen zutrauen. Und das macht klug und lebenstüchtig!
Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 08.03.2005 zu: Fee Czisch: Kinder können mehr (Grundschule). Kunstmann Verlag (München) 2005. 320 Seiten. ISBN 978-3-88897-387-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2453.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.
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