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Ulrike Hormel, Albert Scherr: Bildung für die Einwanderungsgesellschaft

Cover Ulrike Hormel, Albert Scherr: Bildung für die Einwanderungsgesellschaft. Perspektiven der Auseinandersetzung mit struktureller, institutioneller und interaktioneller Diskriminierung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. 330 Seiten. ISBN 978-3-531-14399-6. 29,90 EUR.

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Der staatlich-politische und der gesellschaftlich-individuelle Umgang mit Migration sind unzulänglich

Die Bundesrepublik Deutschland ist eine Einwanderungs- und eine multikulturelle Gesellschaft; diese Markierung ist mittlerweile im gesellschaftlichen Diskurs angekommen. Die Konsequenzen aus dieser Einsicht für politisches und Alltagshandeln jedoch werden nach wie vor äußerst ambivalent gezogen. Schuldzuschreibungen und Chancenvorhersagen beim schwierigen Integrationsprozess stehen sich weiterhin beinahe unversöhnlich gegenüber. Von wenigen Ausnahmen abgesehen (hier ist z. B. zu nennen: Rudolf Leiprecht / Anne Kerber, Hrsg.: Schule in der Einwanderungsgesellschaft. Ein Handbuch; Wochenschau-Verlag 2005, 478 S.), werden die Fragen zur Migration, auch in der Forschung, bisher weitgehend isoliert nach den (negativen) Erscheinungsformen, wie Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Rechtsextremismus, reflektiert. Versuche, die vielfältigen, positiven und negativen Entwicklungen im Migrations- und Einwanderungsprozess unter einen generellen Blick zu  betrachten, gibt es bisher in der deutschen Forschungslandschaft wenige. Auch Vergleiche über den eigenen nationalen Gartenzaun hinaus sind nur spärlich zu registrieren.

Zielsetzung und Autorin/Autor

Diese Lücke wollen die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialwissenschaften der Pädagogischen Hochschule Freiburg / Br., Ulrike Hormel und der Freiburger Soziologe Albert Scherr, schließen. Sie verweisen dabei auf den für die pädagogische Theorie und die Erziehungspraxis nicht vorteilhaften Diskurs, weitgehend nebeneinander entstehende Konzepte mit den je spezifischen Fragestellungen - wie z. B. Demokratieerziehung, Menschenrechtsbildung, interkulturelle und multikulturelle Pädagogik, antirassistische Erziehung, usw., - isoliert voneinander auf den Lernmarkt zu bringen - und damit die schulische und außerschulische Bildungsarbeit zu überfordern. Bei der vorgelegten Studie handelt es sich um ein von der Bertelsmann-Stiftung finanziertes Forschungsprojekt.

Inhalt

Diese grundsätzliche Annahme bestimmt den gesamten Ablauf der Studie: Bildung in der Einwanderungsgesellschaft erfordert sowohl eine rationale Analyse und Diskussion der Wirklichkeiten in dieser Gesellschaft, als auch die Entwicklung einer Kompetenz zur Kritikfähigkeit gegenüber struktureller Diskriminierung, fremdenfeindlichen, rassistischen, antisemitischen und nationalistischen Einstellungen und Ideologien. K. Peter Fritzsche nennt dies die Fähigkeit zur aktiven Toleranz. Der Schlüsselbegriff für ein Konzept zur Bildung in der Einwanderungsgesellschaft lautet deshalb: Pädagogische Antidiskriminierungsperspektive.

Nicht erst durch die spektakulären Ergebnisse der internationalen Vergleichsstudien des letzten Jahrzehnts und die dabei entstandenen Ranking-Diskussionen in den Bildungssystemen (PISA, u.a.), sondern auch die mittlerweile akzeptierte Erkenntnis, dass Bildung ein Menschenrecht ist und eine individuelle, wie auch eine "wertschöpfende", gesellschaftliche Bedeutung hat, lenkte in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion wieder stärker den Blick auf die Konzeptionen der Vergleichenden Pädagogik. In der Studie geht es deshalb zuvorderst darum, eine ländervergleichende Recherche der Bildungspolitik und -praxis in den Einwanderungsgesellschaften England, Kanada und Frankreich durchzuführen. Der Blick richtet sich dabei darauf, Anregungs- und Innovationspotentiale für Bildungsfragen zum deutschen Einwanderungsdiskurs zu erkunden. Die Ergebnisse sind interessant und lehrreich zugleich. Nicht neu ist die Erkenntnis, "dass weder das kanadische Modell des Multikulturalismus noch das französisch-republikanische Modell … als direkte Orientierung für die deutsche Situation geeignet" sind; auch die englische Praxis des "Diversity" kann nicht direkt auf deutsche Verhältnisse übertragen werden. Doch eine Reihe von Erfahrungen, insbesondere zur antidiskriminierenden Bildungspolitik und -praxis müssen, das zeigt schon die zähflüssige und kontroverse aktuelle Diskussion um die Etablierung eines Antidiskriminierungsgesetzes, in die innovativen Überlegungen in unserer Gesellschaft einfließen.

In den weiteren Kapiteln setzt sich das Autorenteam bei der Schwerpunktsetzung zur gesellschaftlichen "Überwindung struktureller, institutioneller und interaktioneller Diskriminierungen von MigrantInnen und Minderheiten", mit der Menschenrechtsbildung auseinander (vgl. dazu auch die verschiedenen Rezensionen zu: Lenhart, Lohrenscheit, Mahler/Mihr), diskutiert die Bedeutung der "Diversity-Perspektive" für die pädagogische Theorie und Praxis und fordert zum "Lernen aus der Geschichte" auf. In einem weiteren Teil werden ausgewählte Unterrichtsmaterialien und Seminarkonzepte zur argumentativen Auseinandersetzung mit Rassismus und Rechtsextremismus im Sinne einer "aufklärungsorientierten Bildungsarbeit" vorgestellt. Gabi Elverich bringt in den Band eine verdienstvolle Expertise zu den bildungspolitischen Reaktionen auf die Einwanderungsgesellschaft in den Bundesländern ein, in der sie eine Reihe von positiven Entwicklungen, aber auch Defiziten herausstellt; insbesondere aber deutlich macht - das als Hinweis auf die KMK-Aktivitäten und -möglichkeiten - dass die "Fülle von Einzelmaßnahmen … in einem erkennbaren Kontrast zu dem erheblichen Defizit (steht), das im Hinblick auf systematische Bemühungen zur nachhaltigen Etablierung von Inhalten zu konstatieren ist".

Fazit

In den Ergebnissen und Folgerungen aus der Studie wird deutlich gemacht, dass eine auf der Grundlage der Antidiskriminierungsperspektive beruhende Bildung und Erziehung in einer demokratischen Gesellschaft Initiativen auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens erforderlich macht: Curriculare, methodische und organisatorische Innovationen in der Schule, nicht zu vergessen die Schulsystemveränderung; in der pädagogischen Aus- und Fortbildung; und nicht zuletzt im Theorie- und Forschungsdiskurs. Die Entwicklung eines veränderten Aufklärungsbewusstseins für eine antidiskriminierende Bildung in der Einwanderungsgesellschaft ist eine gesellschaftliche Aufgabe für Alle!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 07.10.2006 zu: Ulrike Hormel, Albert Scherr: Bildung für die Einwanderungsgesellschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. 330 Seiten. ISBN 978-3-531-14399-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2455.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.


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