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BauWohnberatung Karlsruhe, Schader-Stiftung (Hrsg.): Neues Wohnen fürs Alter. Was geht und wie es geht

Cover BauWohnberatung Karlsruhe, Schader-Stiftung (Hrsg.): Neues Wohnen fürs Alter. Was geht und wie es geht. Anabas-Verlag (Frankfurt/Main) 2004. 216 Seiten. ISBN 978-3-87038-363-3. 19,90 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Zur Thematik des Buches

Wohnen im Alter wird zunehmend aufgrund der demografischen Alterung mehr und mehr ein zentrales Thema auch für die Sozial- und Stadtplanung. Die Zeit, als sich noch das Seniorenwohnen auf Altenwohnheime, Altenheime und exklusive Residenzen beschränkte, scheint endgültig vorbei zu sein. Auf der anderen Seite besitzen die ersten Formen gemeinschaftlichen Wohnens im Alter noch Seltenheitswert, wenn davon ausgegangen werden kann, dass gegenwärtig ca. 250 Wohnmodelle realisiert worden sind und ca. 500 sich noch in der Vorbereitung befinden. Ein Trend für neue Wohnformen lässt sich aus dieser geringen Anzahl noch nicht ablesen.

Die vorliegende Veröffentlichung enthält Beiträge des Kongresses "Wohnen im Alter", der im November 2003 in Karlsruhe von der Schader-Stiftung zusammen mit der BauBeratung veranstaltet wurde.

Inhalt

Der erste Beitrag (Städtebau und demografischer Wandel) von Albrecht Göschel befasst sich recht ausführlich mit den sozialpolitischen und städteplanerischen Aspekten der weiteren Bevölkerungsschrumpfung in Deutschland, die bereits jetzt schon in den neuen Bundesländern und auch in Teilen des Ruhrgebietes zu beobachten ist. Folgende Konsequenzen wird dieser Bevölkerungsrückgang u. a. für die Kommunen haben: kostenintensiver Um- und Rückbau der technischen Infrastruktur, Ausdünnung des Versorgungssystems, Wertverlust der Immobilien, Entleerung ganzer Infrastrukturbereiche wie Schulen, Kinder- und Jugendeinrichtungen, fehlende Steuereinnahmen und ihre Auswirkungen auf den kommunalen Haushalt. Letztlich wird diese Entwicklung bis hin zur Stadtauflösung führen.

Joachim Brech macht sich in seinem Beitrag (Wir werden immer älter - Sind die richtigen Fragen schon gestellt?) Gedanken über ein Wohnen im Alter vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Wohn- und Betreuungsangebote. Er konstatiert eine "Umbruchzeit. Neben die alten Lebensweisen sind neue, offenere getreten, die dem einzelnen mehr Wahlmöglichkeiten bieten im Laufe des Lebens" (Seite 43). Wohin diese Entwicklung jedoch hinsichtlich der gesellschaftlichen Integration des Einzelnen führen wird, vermag der Autor jedoch nicht einzuschätzen.

Im Abschnitt "Selber und gemeinsam Bauen und Wohnen im Alter" entwickelt Marie-Therese Krings-Heckemeier Konzepte für selbstbestimmte und gemeinschaftliche Wohnformen, wobei sie u. a. für den Aufbau flexibler und leistungsfähiger Unterstützungsorganisationen plädiert, die wie ein "Schneeballsystem für informelle Hilfen zwischen verschiedenen Gruppen" wirken sollten (Seite 51). Renate Narten beschreibt in ihrem Referat die unterschiedlichen Rahmenbedingungen für gemeinschaftliche Wohnformen im Alter in Deutschland und den Niederlanden. Und Gerda Helbig gibt eine Reihe von Ratschlägen und Hinweisen für den Aufbau von Netzwerken zur Selbstorganisation im Bereich des gemeinschaftlichen Wohnens.

Im Abschnitt "Projekte und Initiativen" wird Folgendes vorgestellt:

  • "bed & roses" - Neues Wohnen in der zweiten Lebenshälfte, eine Initiative der BauWohnberatung Karlsruhe (u. a. ein altersgemischtes Wohnprojekt auf einem ehemaligen Kasernengelände) (Berta Heyl),
  • das Projekt ZAG (Zukunft Alternativ Gestalten) - Wohnen am Hofgarten in Karlsruhe (selbständiges Wohnen im Alter) (Alexander Grünenwald),
  • ein Rundfunkinterview über Neues Wohnen im Alter (SWR 4) (Alex Hofmann).
  • „Baugemeinschaften für Jung und Alt“ aus Hamburg (Joachim Reinig)
  • „Gemeinschaftliches Wohnen im Bestand“ u. a. am Beispiel der Nordweststadt in Frankfurt am Main (Wohnsiedlung aus den 60er Jahren mit 7.800 Sozialwohnungen) (Tobias Robischon)

Der Abschnitt "Akteure und Träger" enthält einen Beitrag aus der Perspektive der freien Wohlfahrtspflege über neues Wohnen (Harald Nier) und Ausführungen über Finanzierungs-, Träger- und Organisationsformen für selbstbestimmte Wohnprojekte im Alter (Rolf Novy-Huy).

In den Abschnitten Projektbeispiele und Projekte werden nach einem Einführungsreferat über gemeinschaftliches Wohnen im Alter (Cornelia Kricheldorff) folgende Projekte jeweils auf wenigen Seiten vorgestellt:

  • Generationenhaus West, Stuttgart
  • FGWA e. V., (Forum für gemeinschaftliches Wohnen im Alter), Tübingen
  • WohnSinn eG, Darmstadt
  • Stiftung Dorf in der Stadt, Heidenheim
  • MiKa Wohnungsgenossenschaft eG, Karlsruhe
  • St. Anna-Hilfe für ältere Menschen gGmbH
  • Haus Mobile, Köln-Weidenpesch
  • Karmelkloster Bonn-Pützchen

Kritische Würdigung

Die in dieser Publikation vorgestellten Initiativen, Modelle und Projekte lassen sich grob in zwei Gruppen unterteilen:

  1. Konzepte des selbstbestimmten und gemeinschaftlichen Wohnens im Alter auf der Grundlage eigenständiger Planung und Gestaltung der räumlichen und sozialen Komponenten. Diese Modelle haben meist eine recht lange Planungs- und Vorlaufzeit, die teilweise bis zu sieben Jahre andauern kann. Zusätzlich sind diese Modelle mit einem relativ hohen Kapitaleinsatz verbunden, denn meist handelt es bei den Neubau- oder Umbauleistungen um kostenintensive Investitionen. Demgemäß dominiert hier das Konzept der Homogenität bezüglich Altersgruppe, Einkommen und Einstellungen.
  2. Konzepte völliger Heterogenität, die ebenfalls Modelle gemeinschaftlichen Lebens propagieren. Doch hier sollen in einem Wohnansatz Gegensätze wie arm und reich (Eigentumswohnungen und öffentlich geförderter Wohnraum), Jung und Alt, Behinderte und Nicht-Behinderte, Kernfamilien und unvollständige Familien bzw. Alleinstehende in einem Sozialgefüge miteinander verbunden werden. Ein Kerngedanke dieser Wohnformen besteht in dem Komplementärkonzept: gegenseitige Hilfe auf der Grundlage von unzureichender Selbsthilfe. Konkret äußert sich das in den Erwartungen, dass z. B. eine Alleinerziehende ihr Kind einer "Wahl-Oma" des Wohnprojektes zur Betreuung überlässt, die hierfür als Gegenleistung Hilfestellung bei schweren hauswirtschaftlichen Tätigkeiten erwarten kann. Neben diesen eher funktional-rationalen Überlegungen einer reziproken Leistungserbringung stehen Überlegungen, gemeinschaftliches Miteinander praktizieren zu wollen - jedoch teils mithilfe sozialpädagogischer Moderation ("Gemeinwesenarbeiter" u. Ä.).

Beiden Ansätzen gemeinsam sind die hohen Erwartungshaltungen, ein emotional und sozial angemessenes Lebens jenseits aller Befürchtungen von sozialer Deprivation, Isolierung und Vereinsamung führen zu können. Der Rezensent muss hier jedoch seine Skepsis kundtun, denn ihm sind keine gemeinschaftlichen Wohn- und Lebensmodelle bekannt, die auf der Grundlage bloßer "Wahlverwandtschaft" über Jahrzehnte tragfähig sein können. Viele dieser Zielvorstellungen erinnern den Rezensenten an die alternativen Lebensformen zu Beginn der 70er Jahre (Landkommunen auf der Grundlage der Selbstversorgung u. Ä.), die meist eine nur sehr geringe Dauer aufwiesen. Es kann somit hier noch nicht von "erfolgreichen Praxisbeispielen" (siehe Klappentext) ausgegangen werden, denn Aussagen hierüber lassen sich in der Regel erst nach ca. 20 Jahren machen.

Der Rezensent sieht in diesen Modellen eher den Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung, die durch wachsende Desintegrationsbewegungen (Ehescheidungen, unvollständige Familien, wachsender Anteil Alleinlebender nicht nur im Alter) gekennzeichnet ist und der viele Betroffene eben durch diese Wohn- und Lebensmodelle nicht nur im Alter zu entfliehen versuchen. Dass hier soziale und teils utopistische Träumereien nur die Sehnsüchte nach einem zwischenmenschlich befriedigenden Leben dokumentieren, kann nachvollzogen werden. Ob sie sich realisieren lassen werden, muss jedoch stark bezweifelt werden.

Fazit

Die vorliegende Veröffentlichung weist eine immense Stofffülle an Modellen und Konzepten auf, die eine angemessene Berücksichtigung in den Fachkreisen verdient. Es sollte bei der Aufarbeitung jedoch beachtet werden, dass hier überwiegend kein Orientierungs- und Praxiswissen für das Wohnen im Alter offeriert wird. Es handelt sich eher mehr um Versuche, Formen der Vergemeinschaftung im sozialen Nahbereich einer Wohnanlage oder Kleinstsiedlung zu realisieren.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 14.06.2005 zu: BauWohnberatung Karlsruhe, Schader-Stiftung (Hrsg.): Neues Wohnen fürs Alter. Was geht und wie es geht. Anabas-Verlag (Frankfurt/Main) 2004. ISBN 978-3-87038-363-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2458.php, Datum des Zugriffs 29.09.2016.


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