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Maja Heiner: Professionalität in der sozialen Arbeit

Cover Maja Heiner: Professionalität in der sozialen Arbeit. Theoretische Konzepte, Modelle und empirische Perspektiven. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2004. 178 Seiten. ISBN 978-3-17-018120-5. 23,00 EUR.
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Andauernde Aktualität des Themas

Über Professionalität der und in der Sozialen Arbeit wird schon lange gestritten und diskutiert und, so kann man wohl mit Blick auf die letzten 30 Jahre sagen, ein Ende dieser Diskussionen ist wegen des Prekären und Ambivalenten ihrer Institutionalisierungsgestalt auch nicht abzusehen. Weder hat die Soziale Arbeit als Institution die Zuständigkeit für ein Problemfeld erfolgreich gegen andere Professionen durchgesetzt und monopolisiert, noch hat sie eine spezifische, nur ihr zurechenbare Problemdeutung und Problemlösungstechnik für besondere Fragen und  Gegenstände etabliert. Dies hat die berufspolitisch fatale Konsequenz, dass Soziale Arbeit ihre gesellschaftliche Legitimität nicht durch eindeutigen Nachweis eines problemfeldbezogenen Leistungsvermögens aus eigener Kraft heraus zu begründen vermochte. So konnte sie im Vergleich zu Medizin und Jurisprudenz nur einen geringen Autonomiesierungsgrad ausbilden und sich anders als diese beiden gesellschaftlichen Institutionalisierungen nicht aus ihrer einseitig unterlegenen Abhängigkeit von Sozialpolitik und Sozialstaat lösen, obwohl ihre Funktionsbedeutung für die gesellschaftliche Integration außer Zweifel steht.

Vor diesem Hintergrund einer letztlich nicht vollständig durchzusetzenden institutionellen Autonomie bezweifeln die einen AutorInnen die Professionalität der Sozialen Arbeit, während die anderen sie ihr gewähren oder aber sie mit Abstrichen als "quasi-" oder "semiprofessionell" einstufen. Bei all diesen Diskussionen wird der institutionelle Status der Sozialen Arbeit zumeist aus über- oder vorgeordneten theoretischen Bezugsrahmen wie derzeit der Systemtheorie oder der betriebswirtschaftlich orientierten Dienstleistungstheorie abgeleitet und als soziales Gebilde in seiner Identität bestimmt. Selten aber wird der Versuch gemacht, die Frage nach der Professionalität durch eine Untersuchung der sozialen PraktikerInnen selbst empirisch zu beantworten, und so zu einer realistischeren Einschätzung dessen vorzustoßen, was denn überhaupt als tatsächliche Professionalität in der Praxis und nicht nur in der Theorie der Sozialen Arbeit begriffen werden kann.

Diese Wissenslücke versucht jetzt eine Untersuchung der Tübinger Forscherin Maja Heiner zu schließen. Sie will ein "konsensfähiges Modell professionellen Handelns"(ebd.:37) entwickeln, dessen tatsächliche Geltung sie durch seine empirische Validierung ermitteln möchte, um auch brauchbare Vorschläge zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit zu gewinnen, die festen Boden unter den Füßen haben und nicht nur in der Luft hängen.

Inhalt

In einem ersten Schritt, der sich an eine dichte und präzise Wiedergabe der fachinternen Diskussion zur Professionalisierungsdebatte anschließt, konstruiert Heiner ihren handlungstheoretisch angelegten Idealtypus von "Professionalität" in der Sozialen Arbeit. Dessen Kern besteht in dem, was sie "Expertise", also ein bestimmtes "Wissen und Können zur Bewältigung der beruflichen Aufgaben"(ebd.:42) nennt. Professionelle Expertise in der Sozialen Arbeit stellt nach Ansicht der Autorin ein komplexes Bündel von fünf Merkmalen dar: Handeln in der Sozialen Arbeit ist dann "professionell", wenn es 1. als Aufgabe die Vermittlung zwischen der für sie konstitutiven Antinomie von Individuum und Gesellschaft wahrnimmt, die sich zum Beispiel in ihrem doppelten Mandat ausdrückt, wenn es sich 2. als sein kardinales Ziel das Selbstständigwerden ihrer Klienten in deren Lebensführung setzt, wenn es 3. im Verfolg dieses Ziels sowohl die Klienten als Personen unterstützt und befähigt als auch ihre äußere Lebenssituation verbessert, wenn es 4. methodisch strukturiert ist, also: "(a) ressourcenorientiert, (b) mehrdimensional, (c) mehrperspektivisch, (d) vernetzend, (e) , (f) umfeldbezogen und (g) partizipativ." (ebd.) Als fünftes Merkmal nennt Heiner als das anspruchsvollste und für sie zugleich auch unverzichtbarste die "Reflexivitität" professionellen Handelns. Reflexivität definiert Heiner als eine dauernd zu leistende kognitive Integration, die wissenschaftliches Wissen, berufliches Erfahrungswissen und aktuelles Alltagswissen aufgabengemäß kombiniert und auf seine Anwendungstauglichkeit im Einzelfall überprüft: "In der folgenden Untersuchung wird Reflexivität als Bereitschaft und Fähigkeit zur systematischen, methodisch kontrollierten und selbstkritischen Analyse des eigenen Tuns und der dazugehörigen Rahmenbedingungen (der Institution, des Hilfesystems, etc.) definiert. Diese systematische Analyse bezieht sich sowohl auf die eigenen Deutungsmuster (Tatbestandsdeutungen, Ursachenannahmen, Bewertungen) als auch auf die zentralen Interventionsmuster (Handlungspräferenzen und Handlungsroutinen)."(ebd.:44)

Untersuchungsansatz

Datenbasis der Untersuchung bilden Interviews mit 32 Fachkräften aus verschiedenen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit. Als Erhebungsmethode wurde das mit narrativen Elementen bestückte problemorientierte Interview benutzt, gestützt durch eine Fragebogenerhebung im Vorfeld, das die institutionellen, berufsfeldspezifischen Umstände der Interviewten eruiert. Die so zustande gekommenen Fälle werden in qualitativ subtiler Weise von der Autorin interpretiert und in verschiedenen Forschungsschritten typologisch zusammengefasst, verglichen und so fortschreitend einer immer höheren Stufe der typisierenden Verallgemeinerung zugänglich gemacht.

Ergebnisse

Als m.E. wichtigstes Ergebnis profiliert die Untersuchung von Maja Heiner drei Typen sozialarbeiterischen Handelns: den der unprofessionell, teilweise professionell und professionell arbeitenden PraktikerInnen der Sozialen Arbeit. Gemäß den Kriterien ihres idealtypischen Modells sind die unprofessionellen PraktikerInnen nicht zum ressourcenorientierten Arbeiten fähig, leisten keine Motivationsarbeit, reflektieren ihr eigenes Tun nicht selbstkritisch, verfügen nur über ein defizitorientiertes Klientenbild und haben kein positives Kontrollkonzept in Bezug auf Förderung ihrer Klienten.(ebd.:151) Die semiprofessionellen PraktikerInnen sehen sich am ehesten als distanzierte Dienstleister mit einer für sie charakteristischen Servicementalität. Und die als professionell beurteilten PraktikerInnen, auf die auch der größte Teil der Befragten entfällt, haben ein ressourcenorientiertes Klientenbild, das Hand in Hand mit einem entwicklungsorientierten Kontrollkonzept geht. Dazu tritt ein Bewusstsein der eigenen Berufsrolle bezogen auf den gesellschaftlichen Kontext und ein Bewusstsein der eigenen Verantwortung, das die eigene Machtüberlegenheit durch Ermöglichung von Partizipation der KlientInnen ausgleicht. Dieses Bild wird abgerundet durch die ausgeprägte Bereitschaft, "sich im Berufsalltag prozessbezogen zu evaluieren und das eigene methodische Vorgehen und die Beziehungsgestaltung zu reflektieren - unterstützt durch Supervision und kollegiale Beratung und eine entsprechende Reflexionskultur der Institution."(ebd.:153)

Fazit

Mit dieser Forschungsarbeit liegt ein wichtiger Beitrag zur Diskussion um die Professionalität in der Sozialen Arbeit vor, der Professionalität und professionelles Handeln theoretisch in Form einer Typologie von Handlungsmodellen bestimmt und differenziert. Darüber hinaus aber nimmt die Autorin auch die Mühe auf sich, ihre Handlungsmodelle von sozialarbeiterischer Professionalität auf deren  tatsächliche Geltung im Bewusstsein der PraktikerInnen empirisch zu überprüfen, in deren Handeln allein "Professionalität" in der Sozialen Arbeit letztlich sich realisiert.


Rezensent
Prof. Dr. Richard Utz
Fachhochschule für Sozialwesen Mannheim
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Zitiervorschlag
Richard Utz. Rezension vom 13.09.2005 zu: Maja Heiner: Professionalität in der sozialen Arbeit. Theoretische Konzepte, Modelle und empirische Perspektiven. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2004. ISBN 978-3-17-018120-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2472.php, Datum des Zugriffs 30.09.2016.


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