Ihr Vorteil: Wir filtern, prüfen und ordnen die Angebote für die Sozialwirtschaft.

Pascal Baumann: Tagebuch eines Selbstmörders

Cover Pascal Baumann: Tagebuch eines Selbstmörders. WiKu-Verlag - Wissenschaftsverlag & Kulturedition (Köln) 2004. 157 Seiten. ISBN 978-3-86553-107-0. 19,85 EUR.

Besprochenes Werk kaufen


Selbstdarstellungen von Menschen, die nicht mehr leben wollen

Es gibt viele beeindruckende Zeugnisse über die Erlebniswelt von Menschen, die einen Suizid oder Suizidversuch ausführten. Ein weiteres Dokument über seelische Qualen und innere Zerrissenheiten von Menschen, die nicht mehr leben wollen, legt Pascal Baumann mit seinem "Tagebuch eines Selbstmörders" vor. Das Buch enthält die Aufzeichnungen eines jungen Mannes zwischen zwei Selbstmordversuchen, die er mit 18 und 22 Jahren durchführte und überlebte. Seine Aufzeichnungen führte er nach dem zweiten Selbstmordversuch nicht mehr weiter. Der Herausgabe des Buches fügte der Autor ein Nachwort an, in dem er den Selbstmord nicht als einzigen Ausweg aus einer desolaten Lebenssituation sieht. Seine Texte bezwecken, "Verständnis zu schaffen, für ein Thema, was von vielen gemieden wird" (S. 152).

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus mehreren Teilen. Es beginnt mit einem Eingangstext, überschrieben mit "- Selbstmord -", in dem für eine Nichtverurteilung des Selbstmörders plädiert wird. Ihm allein wird auch das Recht zugestanden, über sein Leben selbst zu entscheiden. "Zu entscheiden ob jemand gehen durfte oder nicht É Dieses Recht obliegt nur dem Selbstmörder selbst" (S. 3).

Kapitel 1 enthält das eigentliche "Tagebuch eines Selbstmörders", beginnend mit einem Abschiedsbrief vor dem ersten Suizidversuch und endend mit einem kurzen Nachwort zum und Notizen aus dem Tagebuch. Das Tagebuch gibt tiefe Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt eines jungen Mannes, der an seinem Anderssein, seiner Einsamkeit und der Enttäuschung durch Mitmenschen (enttäuschte Liebesversuche) so leidet, dass er sich für "Zu ungeschickt zum Leben" (S. 10, 31) hält. Die Aufzeichnungen kreisen in Wiederholungsschleifen um zentrale Lebensthemen (Gefühlszustände): Einsamkeit, Entfremdung, Enttäuschung, Selbstzweifel und Unzulänglichkeit, mit dieser Welt zurechtzukommen, aber auch Wut auf sein Anderssein und seine Unfähigkeit, Wärme und Nähe zu finden ("Das Drama des Idioten!" (S. 35) ). Ausflucht und emotionale Bestätigung werden in der virtuellen Welt der Computer-Charaktere (Liebe zu Rei Ayanami), im Chat-Room und über SMS-Kontakte gesucht, auch mit der Hoffnung, dass sich daraus leibhaftige Beziehungen entwickeln. Wenn es dazu kommt, werden sie nach einiger Zeit leider wieder abgebrochen. Die seelischen Qualen bleiben und ziehen den zweiten Suizidversuch nach sich.

Ergänzt wird das Tagebuch durch Kurzgeschichten und Gedichte, die von Pascal Baumann in der Zeit zwischen den Suizidversuchen geschrieben wurden. Eingestreut werden außerdem Illustrationen, die - es ist anzunehmen - ebenfalls von ihm stammen. Ähnlich radikal in der Sprache wie der Tagebuchtext sind die Kurzgeschichten, in den Themen bitter skurril bis fantastisch. Einige Titel sollen als Beleg dienen: "Der träumende Amokläufer", "Fred die Rasierklinge", "Der Kobold". Es sind in der Einschätzung des Autors "Zeilen einer Person die nichts anzufangen wusste in dieser Welt" (S120). Zwischen Kurzgeschichten (Kapitel 2) und Gedichten (Kapitel 4) werden noch "Quälende Gedanken" (Kapitel 3) eingeschoben, die die Gefühls- und Gedankenwelt des Textschreibens schlaglichtartig erhellen, wenn er das Leben nach einem missglückten Suizidversuch ("Überlebter Suizid") beschreibt, sich sieht als "Ein sterbender Stern", sich fragt: Bin ich "Zu sensibel für das Leben?" oder seine Sehnsucht nach der besseren Welt, seiner "Traumwelt", aufgibt ("Sterbe deine Träume").

Diskussion

Die Texte sind ein beeindruckendes und authentisches Dokument über einen jungen Mann, der sich unfähig und überfordert erlebt, in einer realen Welt, die nicht die seine ist, Anerkennung und Befriedigung zu finden. Seine Existenz auf der Schneide zwischen Leben wollen in einer "Traumwelt" und nicht Leben können in der "Realwelt" wird in allen Texten überdeutlich.

Dem Leser wird der Zugang zu den Texten nicht leicht gemacht. Sie erschließen sich erst beim beharrlichen Bemühen um Verständnis und Nachvollzug der meist (selbst)quälenden Gedankengänge und Gefühlsäußerungen. Dieses Bemühen sollte jedoch aufgebracht werden, um die persönliche Nähe und Authentizität der Aufzeichnungen als Gewinn zur Schärfung und Differenzierung eigener Einstellungen zum Selbstmord einschätzen zu können. Über orthografische Unebenheiten darf man beim Lesen nicht stolpern.

Jeder, der sich für die Suizidthematik interessiert, ob als Laie oder Professioneller, wird von diesem Buch beeindruckt sein und vor allem die abschließenden Zeilen des Autors zu seinen Texten (Kapitel 5 - Nachwort und Zusätze, S. 151-156) nicht überlesen. Sie geben Hoffnung, dass der Suizid nicht die einzige "Tür" zum Verlassen eines nicht mehr erträglichen Lebens sein muss, sondern dass es auch noch andere "Türen" geben mag, auf die der Verzweifelte mit Hilfe anderer stoßen kann. Suizidprävention (auch wenn dieser Begriff nicht fällt) scheint möglich zu sein, auch wenn dem Selbstmörder das Recht nicht genommen werden darf und kann, die für ihn einzige "Tür" zu wählen.

Fazit

Pascal Baumann schließt sein Buch mit dem Fazit: "Ich bin mittlerweile an einen Punkt angelangt, bei dem ich sagen muss, dass Selbstmord nicht der richtige Weg für mich ist. Zweimal habe ich es damals versucht, zweimal überlebte ich. Es häufen sich die Tage, an denen ich von meinem Herzen sagen kann: Es ist schön, hier zu sein ..." (S. 155-156). Der Autor ist nach eigenen Worten nun in der Lage, zu seiner Vergangenheit zu stehen, auch wenn der Schatten seiner selbst wie eine dunkle Wolke über ihm schwebt.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Erlemeier
E-Mail Mailformular


Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Norbert Erlemeier. Rezension vom 12.04.2005 zu: Pascal Baumann: Tagebuch eines Selbstmörders. WiKu-Verlag - Wissenschaftsverlag & Kulturedition (Köln) 2004. 157 Seiten. ISBN 978-3-86553-107-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2506.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang

Hilfe & Kontakt

Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.

Mehr zum Thema

Günther Wallraff: Aus der schönen neuen Welt

Fabrizio Gatti: Bilal. Als Illegaler auf dem Weg nach Europa

Literaturliste anzeigen

Stellenangebote

Psychologen, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen als Gesundheitsmanager (w/m), Stuttgart

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.