Phoebe Caldwell: [...] Menschen mit Störungen im autistischen Spektrum
Phoebe Caldwell: Du weißt nicht, wie das ist! Wirkungsvolle Interaktion mit Menschen mit Störungen im autistischen Spektrum (SaS) und schweren Lernbehinderungen. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. 134 Seiten. ISBN 978-3-7799-2058-8. 13,00 EUR.
Reihe: Edition sozial. Originaltitel: You don't know what it's like. Aus dem Englischen von Anja Graf und Reinhard Koch.
Die Autorin
Phoebe Caldwell ist pädagogische Beraterin und Fortbildnerin im sozialen Feld und arbeitet seit dreißig Jahren mit Menschen mit einer schweren Lernbehinderung und mit einer Störung im autistischen Spektrum (SaS). Die in diesem Buch vorgestellte Methode zur Kommunikation für diese Personengruppe steht im Mittelpunkt ihrer Fortbildungstätigkeit.
Das Thema
Menschen mit Behinderung und besonders Menschen mit einer Störung im autistischen Spektrum (SaS) und einer Lernbehinderung erscheinen oft bizarr, skurril, merkwürdig und fremd. Ein Nicht-Verstehen zwischen "ihnen und uns" tut sich auf - und diese Kluft ist durch die uns selbstverständliche Art der Kommunikation nicht zu schließen. Beziehungen gestalten sich daher schwierig und werden zu einseitigen Verhältnissen, in denen Fürsorge oder Kontrolle dominieren.
Wie kann es gelingen, dass trotz komplizierter und schwieriger Voraussetzungen, Beziehungen zwischen "ihnen und uns" möglich werden? Was überbrückt die Kluft?
Diese Fragen, die im Mittelpunkt des Buches von Phoebe Caldwell stehen, sind weitreichend, denn die Autorin unterstellt einen direkten Zusammenhang zwischen gestörter Kommunikation und schwierigem Verhalten: Ihre These ist, dass schwieriges oder herausforderndes Verhalten von Menschen mit Behinderung (in vielen Fällen) eine Folge und das Ergebnis einer nicht gelungenen Kommunikation ist.
Kommentar
Jeder Mensch nimmt die Welt aus seiner Perspektive und mit seinen subjektiven Voraussetzungen wahr. Menschen mit einer autistischen Störung haben - und das ist durch die vielen Selbstbeschreibungen von Menschen mit dieser Störung heute gesichert - eine veränderte Wahrnehmung. Beschrieben werden vor allem Überlastungen und Überforderungen, die durch die beeinträchtige Verarbeitung von Reizen aus der Umwelt bedingt sind und zu enormen Stresssituationen führen können. Welt wird als Chaos erlebt und erfahren, weil die Vielzahl von Sinneseindrücken nicht zu einem Gesamten zusammen geführt werden können. Irritationen, Unsicherheiten und Ängste sind die Folge, Routinen, Rituale oder Stereotypien der subjektive Versuch, Bekanntes im Chaos zu etablieren, um Sicherheit und Verlässlichkeit in einer "fragmentierten Welt" zu organisieren. Zu den Umweltreizen gehören auch Menschen und soziale Situationen. Soll die Kommunikation zwischen Menschen mit SaS und Lernbehinderungen und "uns" gelingen, muss sie vor allem die Tatsache der veränderten Wahrnehmung berücksichtigen.
Inhalt des Buches
Inhalt des Buches ist die Darstellung der veränderten Wahrnehmung aus der Sicht von Menschen mit SaS, unterstützt mit Zitaten von betroffenen Menschen. Aus dieser detaillierten Beschreibung entwickelt Phoebe Caldwell ihre Kommunikationsmethode der Intensiven Interaktion. Die Autorin wirbt für eine Methode, die von der Position des Anderen ausgeht, und vor allem dessen existenzielle Verunsicherung nicht aus dem Blick lässt. Die Methode der Intensiven Interaktion geht von den persönlichen Äußerungen der Menschen mit SaS und Lernbehinderung aus. Sie ist Echo und Spiegel, sie gibt zurück, was sie hört - und entlastet so die Wahrnehmung und schafft Aufmerksamkeit statt Rückzug.
Ein Beispiel: Vera, eine Frau mit SaS und schwerer Lernbehinderung blendet zur ihrer eigenen Sicherheit Menschen, die Kontakt zu ihr aufnehmen wollen aus, indem sie sich abwendet. Sie spielt mit einer Chips-Tüte in der Hand und ist versunken in das Knistergeräusch der Tüte. Phoebe Caldwell nimmt ebenfalls eine Tüte in die Hand, setzt sich mit dem Rücken zu Vera und knistert. Nach einem kurzen Moment der Überraschung beginnen beide eine Konversation über die Geräusche. Im Wechsel - dem Sprechen ähnlich - knistern beide miteinander. Kontakt ist da und Kommunikation findet statt. Beide sprechen eine Sprache, beide sprechen autistisch. Um diese Methode der Intensiven Interaktion herum empfiehlt die Autorin weitere Methoden und pädagogische Interventionen, die alle mit dem Ziel eingesetzt werden, die Überforderung und Überlastung in der Wahrnehmung zu vermeiden und das erlebte Chaos zu minimieren.
Neben den pädagogischen Interventionen reflektiert die Autorin die Haltung der Professionellen als eine basale Bedingung für geglückte und störungsangepasste Kommunikation im Kontakt. Phoebe Caldwell formuliert u.a . dafür notwendige Schlüsselqualifikationen wie:
- Statt bewertend vorurteilsfrei beobachten können
- Von sich absehen können und die Anstrengung und die Not der von SaS betroffenen Menschen wahrnehmen und respektieren können
- Unbedrohlich sein im Kontakt
- und - vor allem - autistisch sprechen können
Aufbau des Buches
Das Buch ist sehr gut lesbar und in einer ansprechenden lebendigen Form geschrieben. Gegliedert ist das Buch in Kapitel, und am Ende jedes Kapitels sind die wichtigsten inhaltlichen Aspekte in Thesen zusammenfasst. Durch diese Struktur hat der Leser eine gute Orientierung auch bei einem späteren Nachschlagen. Der Text selbst ist mit vielen Beispielen aus der Praxis aufgelockert, und verdeutlicht und bebildert den theoretischen Hindergrund und den methodischen Ansatz.
Fazit
Das Buch ist aus meiner Sicht vor allem empfehlenswert für Professionelle, aber auch für interessierte Angehörige und Eltern von Menschen mit SaS und einer schweren Lernbehinderung. Sehr überzeugend dargestellt ist die Methode der Intensiven Interaktion, die Methode selbst leicht in die Praxis und in den Alltag integrierbar und möglicherweise ein Weg heraus aus schwierigen Situationen im Miteinander.
Besonders wichtig finde ich den Ansatz, schwieriges und herausforderndes Verhalten auch in Abhängigkeit von nicht gelungener Kommunikation zu sehen. Beeindruckend sind die Beispiele aus der Praxis, die die Richtigkeit dieser These untermauern und zugleich darauf hinweisen, dass Professionelle, also wir, es mit in der Hand haben, ob jemand schwierig ist oder nicht. Dieser begründete Hinweis auf die Bedingtheit von problematischem Verhalten und nicht geglückter Kommunikation zwischen Menschen mit Behinderung und Professionellen ist die Anschaffung dieses Buches allemal wert.
Rezensentin
Dipl.-Pädagogin Ella Sebastian-Strube
Freie Bildungsreferentin und
Mitarbeiterin der Lebenshilfe Köln e.V.
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Zitiervorschlag
Ella Sebastian-Strube. Rezension vom 26.07.2005 zu: Phoebe Caldwell: [...] Menschen mit Störungen im autistischen Spektrum. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. 134 Seiten. ISBN 978-3-7799-2058-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2518.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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