Carl-Ernst Brisach, Roland Ullmann u.a.: Planung der Kriminalitätskontrolle
Carl-Ernst Brisach, Roland Ullmann, Georg Sasse, Ekkehard Hübner, Roland Desch: Planung der Kriminalitätskontrolle. Kriminalitätsstrategie am Beispiel der Alltagskriminalität, der Rauschgiftkriminalität und der Organisierten Kriminalität. Richard Boorberg Verlag (Stuttgart) 2001. 276 Seiten. ISBN 978-3-415-02730-5. 29,00 EUR.
Bedeutung der Veröffentlichung
Die Publikation wurde verfasst von (ehemaligen) Dozenten der Polizeiführungsakademie in Münster-Hiltrup. Sie basiert auf den dortigen Unterrichtsmaterialien der Fächer Kriminalistik und Kriminologie und richtet sich an Führungskräfte der Polizei, welche Aufgaben in der Kriminalitätskontrolle wahrzunehmen haben. Das Buch erhebt den Anspruch, einen umfassenden Einblick in den Stand der kriminalstrategischen Planung zu geben. Kriminalstrategie wird hier definiert als "Planung und Durchführung der Gesamtheit der Maßnahmen zur Kriminalitätskontrolle nach rechtlichen und politischen Vorgaben unter Berücksichtigung des Sicherheitsgefühls und Beachtung der materiellen und personellen Ressourcen mit dem Ziel der Reduzierung von Kriminalität."(S. 35).
Aufbau
Die Gliederung der Publikation folgt in ihrem Aufbau der Ausbildung zum höheren Polizeivollzugsdienst in den Fächern Kriminologie und Kriminalistik. Die Möglichkeiten kriminalstrategischer Planung werden exemplarisch an den drei Aufgabenfeldern "Alltagskriminalität", "Rauschgiftkriminalität" und der sogenannten "Organisierten Kriminalität", nach denen sich auch die Publikation in drei große Teile gliedert, vermittelt.
Im Teil eins "Die Entwicklung von Kriminalstrategien zur Kontrolle der Alltagskriminalität" werden die Grundlagen kriminalstrategischer Planung mit direktem, praktischen Bezug zur Alltagskriminalität vorgestellt. Nach Klärung verschiedener Begriffe (wie u.a. Kriminologie, Kriminalistik, polizeilicher Strategiebegriff) werden Rahmenbedingungen (Rolle der Polizei in der demokratischen Gesellschaft, polizeiliche Leitbilder, Bürger als Bezugspunkt kriminalstrategischer Planung) und Handlungs- und Entscheidungsebenen (Kriminalpolitik, Wechselwirkungen zwischen Polizei und Politik, internationale, nationale, regionale und örtliche Entscheidungsgremien) sowie die Elemente kriminalstrategischer Planung (Informationsbeschaffung- und Verarbeitung, strategische Frühaufklärung und Prognose, Zielbildung, Wirkungsanalyse, Evaluation und Controlling) dargestellt. In den weiteren beiden Teilen werden diese Grundlagen kriminalstrategischer Planung in Bezug zu den polizeilichen Praxisfeldern Rauschgiftkriminalität und organisierte Kriminalität dann vertieft, wobei hier auch bisher angewandte Kriminalstrategien auf ihre Effektivität hin kritisch hinterfragt werden.
Inhalte
Beispielhaft für den Aufbau und die inhaltliche Fülle auch der anderen beiden Teile der Arbeit soll hier nur knapp der zweite Teil mit dem Titel "Die Entwicklung von Kriminalstrategien zur Kontrolle der konsumbezogenen Aspekte der Rauschgiftkriminalität" behandelt werden. Er gliedert sich in sechs Kapitel mit weiteren Unterkapiteln. In einer kurzen Einführung verdeutlichen die Autoren zunächst, dass der Wandel der Erscheinungsbilder der Rauschgiftkriminalität zur Folge hat, dass es keine überdauernde polizeiliche Strategie für alle Rauschgiftphänomene geben kann. Auch engen die Autoren die hier zu behandelnde Thematik auf die Problematik offener Drogenszenen ein. Im folgenden werden unter der Überschrift "Drogen, Sucht und Strafbarkeit" die gängigen Drogen und verschiedene Definitionen von Sucht vorgestellt sowie die Strafbarkeit nach dem Betäubungsmittelgesetz und die verschiedenen Deliktsbereiche dargelegt. Auch liefern die Autoren eine kurze Beschreibung der rechtlichen Situation in Bezug auf BtM-Delikte in anderen europäischen Ländern. Unter der Überschrift "Phänomenologische Aspekte" behandeln die Autoren im Folgekapitel die vorhandenen Darstellungen zur Rauschgiftsituation (polizeiliche Lageberichte, Daten der polizeilichen Kriminalstatistik) und hinterfragen kritisch die Aussagekraft der herangezogenen Indikatoren (Drogentodesfälle, Sicherstellungsmengen, Anzahl der erstauffälligen Konsumenten harter Drogen). In knapper Form werden dann unter der Überschrift "Erklärungsansätze" mögliche Faktoren, die zur Entstehung der Drogenabhängigkeit führen (Persönlichkeit der Konsumenten, Charakteristika der Drogen, gesellschaftliche Faktoren) angeführt. Im fünften Kapitel dieses Teils werden die Grundstrategien der Drogenpolitik (prohibitiver vs. permissiver Ansatz) vorgestellt und die in diesem Kontext diskussionsrelevanten Begrifflichkeiten (Legalisierung, Entkriminalisierung, Entpönalisierung, staatliche Abgabe) definiert sowie der aktuelle drogenpolitische Diskussionstand als auch die praktizierten drogenpolitischen Modelle (Schadensminimierung, Therapeutisches Modell, Modell der Kontrolle, Pragmatischer Ansatz) referiert. Dergestalt mit Hintergrundwissen ausgestattet, kann der (i.d.R. polizeiliche) Leser dann das Kernthema der Publikation, die Planung der Kriminalitätskontrolle, angehen. Zunächst werden hier die drogenpolitischen Leitlinien (Das Drei- bzw. Vier-Säulen-Modell von Prävention, Repression, Therapie und Überlebenshilfe) vorgestellt und die in den Aufgabenbereich der Polizei entfallenden Komponenten dieses Modells (Prävention und Repression) expliziert. Sodann werden aus diesen drogenpolitischen Aufgaben Zielvorgaben für die polizeiliche Praxis (Bekämpfung der Organisierten Rauschgiftkriminalität, Bekämpfung der allgemeinen Rauschgiftkriminalität, Bekämpfung der offenen Drogenszene) abgeleitet. Entsprechend der in der Einleitung zu diesem Teil des Buches vorgenommenen Schwerpunktsetzung wird infolge das Problem offener Drogenszenen behandelt und, aufgegliedert nach den im ersten Buchteil erarbeiteten Elementen der kriminalstrategischen Planung, analysiert. So wird z.B. im Planungselement "Informationsbeschaffung und — analyse" den Auswirkungen der offenen Drogenszene auf die Sicherheitslage einer Region Beachtung geschenkt und im Planungselement "Zielbildung" polizeiliche Grobziele (Verbesserung der Kontrolle der offenen Drogenszene), Oberziele (Erhöhung des Verfolgungsdrucks gegen Händler, Verbesserung des Sicherheitsgefühls, etc.) und Feinziele (z.B. Verhinderung größerer Ansammlungen) dargestellt. Im Abschnitt "Maßnahmeplanung" wird das der Polizei bei der Bekämpfung offener Szenen zur Verfügung stehende Instrumentarium (in erster Linie Platzverweise und Ingewahrsamnahmen nach dem Polizeirecht) erläutert.
Im sich anschließenden Abschnitt "Wirkungsprognose" werden sowohl erwünschte (z.B. Rückgang der Beschaffungskriminalität) als auch unerwünschte Wirkungen (Verdrängung, Verunsicherung der Bevölkerung) vorgestellt. Im Abschnitt "Evaluation" wird als Beispiel für eine im Zusammenhang mit Konzeptionen gegen offene Drogenszenen eher die Ausnahme bildende Evaluationsmaßnahme die Evaluation des "Polizeilichen Handlungskonzeptes St. Georg", eines in besonderem Maße durch die offene Szene belasteten Stadtteils Hamburgs, kurz vorgestellt. Der Teil des Buches zur Rauschgiftkriminalität schließt mit dem Kapitel "Kooperation", in welchem in erster Linie das Für und Wider der Einrichtung von Drogenkonsumräumen dargelegt wird.
Zielgruppen
Da die Arbeit die Planung der Kriminalitätskontrolle auch in ihrem gesellschaftswissenschaftlichen und kriminalsoziologischen Kontext darstellt, sich also nicht nur darauf beschränkt, das im engeren Sinne kriminalistisch relevante Wissen zu vermitteln, ist zu hoffen, dass die Publikation in dem für sie speziell gedachten Leserkreis der Polizeibeamten weite Verbreitung findet. Obgleich die Publikation als Lehrbuch für die polizeiliche Ausbildung konzipiert wurde, ist sie gerade aufgrund ihrer Aktualität und der großen Fülle von Fachinformationen und Begriffsklärungen auch für Nicht-Polizeibeamte durchaus lesenswert.
Fazit
Nur wenigen Publikationen gelingt es, in derart verdichteter und sprachlich leicht verständlicher Form Hintergrund- und Praxiswissen zu vermitteln. Es versteht sich dabei von selbst, dass die angesprochenen Thematiken nur knapp und nicht weiter in die Tiefe gehend behandelt werden können. Im Bereich der sozialen Arbeit Tätige können von der Publikation nicht zuletzt auch dadurch profitieren, als dass deren Lektüre es im Kontakt mit der Polizei erleichtert, eine gemeinsame Sprache zu finden. Wer fähig ist, sein Anliegen in der aktuellen Fachterminologie des Gegenübers zu übersetzen, darf auf Verständnis hoffen.
Rezensent
Dipl. Soz.-Wiss. Kurt Groll
Dipl.-Soz.Wiss. Lehrbeauftragter und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sozialwissenschaftlichen Institut der Heinrich Heine Universität Düsseldorf im Forschungsprojekt "Kommunale Drogenpolitik"
Lehrbeauftragter (Soziologie abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle) des FB Wirtschaftswissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal
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Zitiervorschlag
Kurt Groll. Rezension vom 18.06.2002 zu: Carl-Ernst Brisach, Roland Ullmann, Georg Sasse u.a.: Planung der Kriminalitätskontrolle. Richard Boorberg Verlag (Stuttgart) 2001. 276 Seiten. ISBN 978-3-415-02730-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/253.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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