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AntiDiskriminierungsBüro (ADB) Köln von Öffentlichkeit gegen Gewalt e. V. und cyberNomads (cbN) (Hrsg.): The BlackBook. Deutschlands Häutungen

Cover AntiDiskriminierungsBüro (ADB) Köln von Öffentlichkeit gegen Gewalt e. V. und cyberNomads (cbN) (Hrsg.): The BlackBook. Deutschlands Häutungen. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2004. 377 Seiten. ISBN 978-3-88939-745-4. 19,90 EUR, CH: 31,80 sFr.
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"Ich sehe schwarz - ich weiß"

Da haben wir das Problem. Die Aufklärungskampagne der GEZ gegen die Zeitgenossen, die in ihren Wohnungen Radio und / oder Fernseher stehen haben und "schwarz sehen", also die Geräte in Betrieb nehmen, ohne die entsprechenden Gebühren dafür zu bezahlen, verrät (ungewollt) rassistisches Gedankengut in unserer Gesellschaft. Die vom Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer bereits vor Jahren diagnostizierte Zustandsbeschreibung, wonach der Rassismus sich in unserer Gesellschaft nicht in erster Linie an deren Rändern zeige, sondern aus der Mitte komme, sich also als ein alltäglicher, vielfach kaum bewusster Zustand darstelle, gilt mittlerweile in der Analyse über rassistisches, fremdenfeindliches Denken und Handeln in Deutschland als kaum mehr widersprochene Erkenntnis. Die in Publikationen aufgenommenen Erfahrungen, dass es schwierig ist, nicht rassistisch zu sein (Kalpaka / Räthzel), tolerant zu sein (K. Peter Fritzsche) und solidarisch zu sein (Jörg Schlömerkemper), stellt Fragen nach den Befindlichkeiten in unserer Gesellschaft. Über den Begriff "Rassismus" wird, wissenschaftlich und im Alltagsdenken, seit Jahrhunderten weidlich gestritten, wie Karin Priester in ihrem Buch über die Sozialgeschichte des Rassismus informativ darstellt (siehe die Rezension). Im Kern geht es dabei um Höherwertigkeitsvorstellungen der eigenen Herkunft gegenüber der Minderung, Geringschätzung und Diskriminierung von Menschen, die aus anderen Kulturen stammen, anders aussehen, anders denken und handeln. In der Erklärung der Vereinten Nationen über Rasse und Rassenvorurteile vom 27. 11. 1978, die auf den Bestimmungen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 fußt, heißt es in Art. 1 unmissverständlich: "Alle Menschen gehören einer einzigen Art an und stammen von gemeinsamen Vorfahren ab. Sie sind gleich an Würde und Rechten geboren und bilden gemeinsam die Menschheit".

Rassismus, der sich in vielfältigen Formen ausdrückt, wie etwa Fremdenfeindlichkeit, Ethno- und Eurozentrismus, Imperialismus, Kolonialismus und Nationalismus, tritt in erster Linie dort zu Tage, wo die körperlichen Merkmale, wie z. B. die Hautfarbe, sich von der einer Mehrheitsgesellschaft unterscheiden. Die deutsche und europäische Kolonialgeschichte ist nur erklärbar durch die in der Zeit auch wissenschaftlich anerkannten und gepflegten Einstellungen, dass der Mensch mit weißer Hautfarbe denen anderer überlegen sei. Der honorable Missionar und das hoch geachtete Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Diedrich Westermann (1875 - 1956), war überzeugt: "Das Geschick des Afrikaners ist für alle absehbare Zeit mit dem des Europäers aufs engste verbunden, je es ist von ihm abhängig, er ist der Schüler und Arbeitnehmer, wir die Lehrer und Arbeitgeber, aber auch: wir sind die Herren und er der Untergebene".

Inhalt

Die beiden Nichtregierungsorganisationen, das AntiDiskriminierungsbüro Köln und die Multimedia-Agentur cyberNomads Berlin, legen ein bemerkenswertes Buch mit dem Ziel vor, zur "öffentlichen Selbstdefinition Schwarzer Menschen in Deutschland" beizutragen. Die Erfahrungen von Menschen in unserer Gesellschaft, die als "Afrodeutsch" oder als "Schwarze Deutsche" bezeichnet werden: Hautfarbe ist auch heute noch signifikant für Rassismus und dient als (Alltags) Kriterium zur Beurteilung von Menschen. 42 Autorinnen und Autoren aller Hautfarben und Herkünfte, Theoretiker und Praktiker aus allen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens, äußern sich selbstbewusst und -bestimmt. Die im Buch gewählten fünf Kapitelüberschriften verdeutlichen summarisch das Anliegen der beiden Herausgeberorganisationen und des Autorenteams. Sie wollen den öffentlichen Blick richten auf die Einstellungen der Mehrheitsgesellschaft auf die "Schwarze Community" innerhalb unserer Gesellschaft. Dabei geht es darum, Unbewusstes bewusst zu machen, strukturelle Wirkungsmechanismen von Rassismus und Diskriminierung aufzudecken und Strategien zur Stärkung des Selbstbewusstseins und der Identität Schwarzer Deutscher aufzeigen:

  1. Deutschlands koloniale Vergangenheit und kritische Diskurse der Gegenwart
  2. "Wir waren schon immer da" - Schwarze Community in Deutschland
  3. Gegenstrategien der Diaspora und Antirassismusarbeit
  4. Mediale Präsenz - Sichtbarwerden ohne zu verblassen
  5. Kunst, Self-Empowerment, Rehabilisierung.

Die einzelnen Beiträge, als Erfahrungsberichte und theoretische Reflexionen, führen immer wieder auf eine Spur, die in der deutschen Mentalitäts- und Identitätsgeschichte bisher wenig Aufmerksamkeit gefunden hat: Was bedeutet "Schwarz-Sein" und "Weiß-Sein"? Warum sind Weiße für Weiße "unsichtbar", Schwarze für Weiße aber "sichtbar"? Sie greifen das Phänomen auf, dass als die "Lebenslüge der deutschen Gesellschaft" bezeichnet wird, nämlich die Auffassung, dass es so etwa wie eine monoethnische Zusammensetzung eines Volkes gäbe und sich (partei)politisch in der Auffassung artikulierte, dass Deutschland keine multikulturelle Gesellschaft sei; auch, dass es im Deutschland nach Nachkriegszeit, übrigens in den damaligen beiden deutschen Staaten, keinen Rassismus geben würde.

Wenn man ein Datum für die Initiativen Schwarzer Deutscher nennen will, sich in der Gesellschaft bemerkbar zu machen, kann man an den programmatischen Buchtitel "Farbe bekennen" (1986) erinnern. Wie kann sich eine "schwarze Identität" entwickeln und wie kann sich Transkulturalität in unserer Gesellschaft durchsetzen? Der Fingerzeig auf Menschen, die anders aussehen als man selbst, weist mit einem auf sich selbst zurück. Es ist deshalb wichtig, auf unsere Benennungen und den Gebrauch von Begriffen zu achten. "Der Negerkuss" wird bis heute in einschlägigen Konditoreien und in der industriellen Fertigung angeboten, darauf weist z. B. die Afrikawissenschaftlerin Susan Arndt in ihrem Buch "Afrika und die deutsche Sprache" hin (siehe Rezension). Warum gibt es nicht "Weißeuropäer" oder "Gelbasiaten", aber "Schwarzafrikaner"?

Einen wichtigen Teil der Arbeit nimmt die Diskussion ein, wie sich "Schwarze Deutsche" in ihrer Heimat fühlen, welchen Ausgrenzungen und Diskriminierungen sie unterliegen und wie sich individuelle und strukturelle Rassismen darstellen. Bemerkenswert dabei, dass in der Antidiskriminierungsarbeit an vielen Orten in Deutschland interkulturelle Initiativen entstehen, die hoffentlich dazu beitragen, dass sich aus der Spannweite des gesellschaftlichen Wertungsbewusstseins vom "Weiß-Sein als Besser-Sein" und "Schwarz-Sein als Anders-Sein" eine multikulturelle Identifikation vom "Gleichwertig-Sein" entwickelt, im Sinne eines Eine-Welt-Denkens, das basiert auf den Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen".

Fazit

Das Autorenteam unternimmt dabei den Versuch, "allen LeserInnen eine weite Tür (zu) öffnen, hinter der sie möglicherweise neue Analysen und kritische Ansätze finden, und neugierig machen auf Perspektiven und Positionen, die lange Zeit und auch heute noch von der Gesellschaft nicht wahrgenommen und unter Verschluss gehalten werden". Diese Tür weit aufzumachen, ist gelungen. Ob die Stufen und Barrieren hinein geringer werden, ist unser aller Aufgabe, in dieser Gesellschaft.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.03.2005 zu: AntiDiskriminierungsBüro (ADB) Köln von Öffentlichkeit gegen Gewalt e. V. und cyberNomads (cbN) (Hrsg.): The BlackBook. Deutschlands Häutungen. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2004. ISBN 978-3-88939-745-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2553.php, Datum des Zugriffs 28.03.2017.


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