Andrea Moldzio: Das Menschenbild der Systemischen Therapie
Andrea Moldzio: Das Menschenbild der Systemischen Therapie. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2002. 198 Seiten. ISBN 978-3-89670-310-1. 19,00 EUR.
Zielsetzungen des Buchs
Andrea Moldzio widmet sich in ihrem Buch einem in der Psychotherapie lange fälligen Bemühen, da es einmal an der Zeit war, sich explizit an die verschiedenen Aspekte von Menschenbildern, d.h. "an die Prämissen und Kombinationen" heranzumachen, wie sie psychotherapeutischem Denken und Handeln zugrunde liegen.
Im Zentrum ihrer Bemühung steht dabei die systemische Therapie und das Denken einer ihrer "kognitiven Leitfiguren", Fritz B. Simon.
Das Menschenbild wie dem des systemischen Denkens von Simon soll in seinen Schwächen und Stärken einer kritischen Analyse und Beurteilung unterzogen und um Perspektiven erweitert werden, wie sie Moldzio aus der Neuen Phänomenologie des Kieler Philosophen Herman Schmitz abzuleiten beabsichtigt.
Aufbau und Inhalte
In der Einleitung beginnt die Autorin damit, die eigene Ausgangsposition zu umreißen. Dabei begreift sie die Neue Phänomenologie in Kontrastierung zur alten Phänomenologie mit ihren Vertretern Husserl, Heidegger und Merleau-Ponty als ihre philosophische Heimat und sieht darin eine Reihe potentieller Horizonterweiterungen für später aufzuzeigende Mängel enthalten.
Im zweiten Kapitel geht Moldzio dann auf Funktion und Bedeutung von Menschenbildern ein, die "Bilder, Modelle und Verallgemeinerungen einer abstrakten Idee vom Menschen" liefern und als wesentliches Fundament von Wissenschaft oder als anthropologische Grundlage in jegliche Theorie einfließen. Moldzio sieht drei wesentliche Funktionen von Menschenbildern: die orientierende, identitätsstiftende und normative Funktion und referiert dann die verschiedenen Konzeptionen wie sie in die Menschenbilder der Psychoanalyse, Humanistischen Psychologie (mit Erwähnung von Gesprächspsychotherapie, Gestalttherapie, Logotherapie und Psychodrama) und der Verhaltenstherapie (dargestellt vor allem in ihrer historischen Entwicklung) eingeflossen sind.
Anschließend wird die Geschichte der systemischen Therapie anhand der vier Stadien "Kreatives Chaos", "Objektivismus", "Subjektivismus" und "Integration" aufgerollt und in Kapitel 4 in ihrem Selbstverständnis und Anspruch dargestellt.
Im Anschluss daran wird die Autopoiesetheorie Maturanas ausführlich mit ihren Konsequenzen ("Entstehen" beliebig vieler Sinnhorizonte, Unmöglichkeit instruktiver Interaktion, systeminterne Autonomie usw.) für das systemtheoretische Denken diskutiert und durch eine acht Punkte umfassende Kritik ergänzt.
Kapitel 6 und 7 widmen sich dann dem Menschenbild Simons, das unter folgenden Gesichtspunkten "analysiert" wird:
- Der Mensch als Individuum
- Der Mensch in seiner Beziehung zum anderen
- Mensch und Umwelt
- Mensch und Zeit
- Mensch und Freiheit
- Mensch und Ethik
Hier werden wesentliche in die systemische Therapie einfließende Basiskonzepte (Maturana, Spencer-Brown, Luhmann) dargestellt. Dieser Teil des Buches stellt sicherlich den Kern der Arbeit dar, da er der Leserin und dem Leser ausführlich die epistemologischen Folgen des systemischen Denkens und dem sich daraus ergebenden Menschenbild erschließt. Hervorzuheben ist dabei aus meiner Sicht auch die Darstellung der ethischen Konsequenzen, da hier kritisch auf den ethischen Relativismus hingewiesen wird, wie er sich als Konsequenz aus einer Erkenntnisauffassung ergibt, die den Menschen als Erschaffer seiner jeweiligen Wirklichkeit begreift und mitunter die orientierende Funktion eines Menschenbildes zum Verschwinden bringt
Bevor Moldzio schließlich zu einer kritischen Zusammenfassung des Dargestellten gelangt, werden Simons Auffassungen zum Verhältnis von Krankheit und Gesundheit dargestellt, die zum Teil auch für den systemisch Vertrauten einiges an kognitiver Flexibilität verlangen.
In vier Thesen trägt die Autorin abschließend ihre Einwände gegen bestimmte Aspekte in Simons Denken vor und zeigt verschiedene Widersprüche und Begrenzungen aber auch Ansätze für Auswege auf.
Subjektive Bewertung
Als ich auf den Titel "Das Menschenbild der systemischen Therapie" stieß, war meine Neugier und meine Hoffnung auf "Komplexitätsreduktion" im Sinne eines nach dem Lesen vielleicht einfach fassbaren Menschenbildes geweckt. Zumindest schien der Titel "Das Menschenbild..." mir dies zu suggerieren. "Aspekte eines Menschenbildes" hätte der perspektivischen Vielfalt vielleicht mehr Raum gelassen. Mir hat dieser durchaus nicht "leichtgängige" Text einiges an Durchhaltekraft abverlangt. Korrigiert werden sollte, dass Husserls Phänomenologie nicht am Anfang des 19. Jahrhunderts erschienen ist und dass Francisco Varela sich nicht als Konstruktivist verstanden hat.
Fazit
Das Buch kann für Leser, die noch wenig vertraut sind mit systemischen Denken zur spannenden Auseinandersetzung werden, zum Teil aber schwer verständlich bleiben.
Rezensent
Dipl.Psych. Axel Wrede
Psychologischer Psychotherapeut
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Zitiervorschlag
Axel Wrede. Rezension vom 10.05.2002 zu: Andrea Moldzio: Das Menschenbild der Systemischen Therapie. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2002. 198 Seiten. ISBN 978-3-89670-310-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/262.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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