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Gerhard Falk, Peter Heintel u.a. (Hrsg.): Handbuch Mediation und Konfliktmanagment

Cover Gerhard Falk, Peter Heintel, Ewald E. Krainz (Hrsg.): Handbuch Mediation und Konfliktmanagment. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 404 Seiten. ISBN 978-3-8100-3957-6. 69,90 EUR.

Reihe: Schriften zur Gruppen- und Organisationsdynamik, Band 3.

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AutorInnen und ihr Hintergrund

Alle Autoren/Autorinnen sind in unterschiedlichen Rollen, die meisten als Lehrende, in den Universitätslehrgang "European General Mediator" (EGM) involviert. In Theorie und Praxis haben sie Erfahrung in und mit Mediation in einer Vielzahl von Einsatzgebieten.

Zielgruppen

Das Buch wendet sich an alle, die interessiert sind, sich über Mediation, ihre Geschichte, Entwicklung, Methoden und Einsatzfelder ausführlich und fundiert zu informieren und an jene, die darüber hinaus an einer Mediationsausbildung interessiert sind und lesend prüfen wollen, ob sie eine solche durchlaufen wollen.

Aufbau und Inhalt

Das Handbuch hat ein Vorwort, 3 Schwerpunktbereiche mit insgesamt 29 Kapiteln und ein Autoren/Autorinnenverzeichnis. Das Handbuch macht es sich zur Aufgabe, das Thema Mediation aus verschiedensten Perspektiven zu be- und durchleuchten, um so einen umfassenden Einblick in den aktuellen Diskussionsstand zu geben. Dazu ist es in drei Schwerpunktbereiche unterteilt:

  1. Grundsätzliche Überlegungen zu Mediation und Konfliktmanagement
  2. Mediation und Konfliktmanagement in der Praxis
  3. Lerninhalte und das Konzept der reflexiven Qualifizierung

1 Grundsätzliche Überlegungen zu Mediation und Konfliktmanagement

  • Heintel beschreibt vier zentrale, unauflösbare Widerspruchsfelder menschlicher Existenz und Zusammenlebens, die Mediation - Fall-/Situationsspezifisch unterschiedlich akzentuiert - erhellen muss, um sowohl die beteiligte Systemlogik und ihre Wirkweise als auch die jeweiligen Eigenlogiken bewusst zu machen und in der Konfliktlösung zu berücksichtigen.
  • Krainz entfaltet differenziert und überzeugend die Morphologie der sozialen Welt. Er zieht Rückschlüsse bzgl. ihrer Bedeutung und Funktionalität für die Entstehung, Entwicklung und Bearbeitung von Konflikten. Konflikte rekrutieren ihre Komplexität daraus, dass (1) jede Konfliktebene ihre eigene Dynamik entwickelt, (2) die Konfliktebenen miteinander konflikthaft interagieren und (3) Konflikte sich meistens auf mehreren Ebenen gleichzeitig bewegen.
  • Schwarz setzt sich mit Mediation und Sachlogik auseinander. Er verdeutlicht, wie und weshalb es für Mediation wichtig ist, die aporetische Sachlage bzw. Sachlogik in den analytischen Blick zu nehmen, bewusst zu machen und die Wahrheit als ein Puzzle zu verstehen, "das aus Widersprüchen zusammengesetzt werden muss."(61) Es obliegt der Konfliktmediation entlang einer widersprüchlichen Sachlogik einen Lernprozess zu initiieren und zu steuern, der Strategien und Rituale einer ständigen Bearbeitung entwickelt.
  • Hanschitz beschäftigt sich mit Konflikten und Konfliktbegriffen. Er zeichnet nach, wie die Vergesellschaftung der Menschen Wertgefüge, Normen und Regeln notwendig machten, die die unmittelbaren Bedürfnisse Einzelner zugunsten aller einschränkten und zugleich Menschen vor Menschen schützten. Gegenwärtig geht es um die Selbstaneignung der Lebenswelt, um die verfügten Beschränkungen und Entfremdungen integrierend auf zu arbeiten. Konflikte - ob aus der Perspektive der Betroffenen oder von außen betrachtet - bleiben hochkomplex und multifaktoriell. Vorgestellt werden Konflikttheorien und vier Beratungsansätze - ontologisch, normativ-empirisch, analytisch und verstehensorientiert. Mediation vermittelt, sie entscheidet nicht zwischen richtig/falsch. Sie stellt Zeit und Raum zur Verfügung, "um Konfliktlösungspotentiale aus der Eigenkompetenz der Beteiligten zu gewinnen" (80). Sie strebt einen Interessenausgleich an, der für alle Beteiligten sinnvoll, bedeutsam und akzeptabel ist.
  • Zillesen beschäftigt sich mit Demokratietheoretischen Aspekten der Mediation. Er diskutiert politikwissenschaftliche, soziohistorische und gesellschaftspolitische Kriterien unter dem Fokus Partizipation, ihre Entwicklung, Bedeutung und Folgen für die Partizipierenden. Das Spannungsfeld gesellschaftlicher Ansprüche und staatlich regulierenden Handelns wird aufgespannt. Wertvorstellungen von Partizipation und Diskurs werden als zentrale Elemente einer Modernisierung der Demokratie in einer sich entwickelnden Wissensgesellschaft vorgestellt und expliziert. Mediation initiiert Lernprozesse, durch die Menschen sich in ihrem Diskursverhalten ändern und ihr Bewusstsein öffnen für die Koexistenz von divergierenden Interessen - eigener, fremder bzw. allgemeiner. Ein vermehrter Einsatz von Mediation als Verfahren der Konfliktregelung und Entscheidungsfindung beeinflusst die Entwicklung einer verantwortungsfähigen Bürger-/Zivilgesellschaft und den Wechsel von einer repräsentativen zur partizipativen Demokratie positiv und konstruktiv.
  • Mahler beschreibt wie Konfliktbewältigung durch Macht, Gesetz, Konsens funktioniert, was die jeweiligen Stärken/Schwächen sind, wann sie Mittel der Wahl sind und wie sie aufeinander bezogen sind, einander benötigen. Die evolutive Kraft von Mediation als dynamischem Prozess wird vorgestellt: Akzeptanz der Unterschiedlichkeit, personaler Respekt, Zukunftsgestaltung, ressourcenorientierte, synergetisch aufeinander abgestimmte, maßgeschneiderte Lösungen, Rechtsverwendung und im günstigsten Fall ein lex contractus; d.h. ein Frieden durch Gerechtigkeit.
  • Berger/Ukowitz erläutern die Stellung der Mediation im Rechtssystem, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um rechtswirksame Vereinbarungen erreichen zu können. Mediation ist ins Rechtssystem eingebettet und beachtet die zwingenden rechtlichen Normen. Sie intendiert eine konsensuale, dialektisch zu erarbeitende Lösung.
  • Falk/Pruckner beleuchten die Rechtsgrundlagen der Mediation am Beispiel Zivilrechtsangelegenheiten in Österreich. Die Grundsätze der Mediation und ihre Rechtswirksamkeit, das Mediationsverfahren, Haftungsfragen und die fachliche Qualifikation des/der MediatorIn werden beschrieben und erläutert.

2 Mediation und Konfliktmanagement in der Praxis

Vorgelegt werden 8 Beiträge

  • zur Mediation in Familien: typische Themen, Besonderheiten familiärer Konflikte, Allparteilichkeit und Grundhaltungen des/der MediatorIn, eskalierende, komplementäre und defensive Konfliktkonstellation, rechtlicher Rahmen und Entscheidungsspielraum der Medianten, Kinder und Jugendliche in der Familienmediation, empirische Befunde zur Familienmediation,
  • zur Problematik des Anfangs und der Widersprüche in der Scheidungsmediation: Angst vs. Neugier, Einigkeit vs. Uneinigkeit, Motivation vs. Demotivation, alte vs. neue Konfliktmuster, prozessuale vs. inhaltliche Aspekte, Schutzbedürfnis vs. Offenheit, Öffentlichkeit vs. Nichtöffentlichkeit, Fremd- vs. Selbsthilfe, Fremd- vs. Selbstbestimmung
  • zur Mediation in der Schule: Anleitung für die Mediationsarbeit im Schulbereich, Einführung von Peer-Mediation am Beispiel zweier Praxisfälle "Besserer Umgang mit Gewalt im Schulalltag einer Förderschule" und "Klassenklima- ein Projekt gegen Stress und Schikane im Alltag einer Gymnasialklasse"
  • zur Mediation in der Wirtschaft bei Unternehmensneustrukturierung: Analyse der Sachverhalte, Hypothesenbildung und Hypothesengeleitete Ablaufsarchitektur und Interventionen im Durchführungsprozess;
  • zur Wirtschaftsmediation als Konfliktprävention exemplifiziert an zwei Beispielen "Koexistenzvertrag-Satzung einer Partnerschaft" und "Testamentsplanung"
  • zur Mediation in Nonprofit-Organisationen: NPO spezifische Merkmale und ihre Folgen für Mediation, 10 Tipps zum Scheitern
  • zur Mediation im öffentlichen Bereich: mehrere Konfliktparteien, Entscheidungsvorbereitung für politische Gremien/Behörden, empirische Daten zur Mediation im öffentlichen Bereich
  • zu PR und Mediation: Kernthesen zum Verhältnis PR und Mediation, Aspekte erfolgreicher PR für Mediation als Verfahren und MediatorInnen als KonfliktmanagerInnen

3 Lernverhalten und das Konzept der reflexiven Qualifizierung

  • Breidenbach/Falk erläutern Leitbilder, Grundannahmen, Phasenmodell der Mediation und zu erwerbende Grundhaltung von MediatorInnen. Sie beschreiben die Notwendigkeit von erlebens- und erfahrungsorientierter Lehrveranstaltungen mit nachgängiger theoretischer Unterlegung.
  • Posendorfer stellt Konfliktdiagnoseinstrumente vor insbesondere die systemische und paradoxe Fragetechnik nach F.Simon
  • Krainz/Simsa zeigen den Nutzen von Moderationstechniken für Mediation, da Moderator/MediatorIn Chefs des Verfahrens sind. Sie warnen - illustriert an Life-Szenen - vor einem technoziden Gebrauch von Methoden. Drei Bezugsdimensionen - Struktur von Problemlösungsprozessen, Gestaltungsspielraum und Selbststeuerungsfähigkeit der Medianten - für die Moderationsausrichtung werden erläutert und in Beziehung gesetzt.
  • Carmann/Schulte-Derne beschäftigen sich mit dem "Fragen und Zuhören" in Mediationen und erläutern, wie sie in ihrem Lehrgangsmodul dies Thema erarbeiten.
  • Krainer durchleuchtet den Zusammenhang von "Sprache und Mediation", legt die Janusköpfigkeit der Sprache und des Schweigens offen und begründet die Notwendigkeit ihrer Interdependenz für gelingende Kommunikation und konsensuale Konfliktregelung. Sie bestimmt die verschiedenen Orte der Sprache im Konfliktregelungsprozess, skizziert ihre jeweiligen Funktionen und hebt die Notwendigkeit von Verschriftlichung/Visualisierung in Konfliktverhandlungsprozessen hervor, Sprachprozessen, die ohne Gewalt auskommen wollen.
  • Krainz beschreibt die Lehrgangselemente "Trainingsgruppe" und "Organisationslaboratorium" als Lernorte, wo die angehenden MediatorInnen zugleich als Subjekt und Objekt eines Selbsterforschungsprozesses sich als Individuen, Systeme und Subsysteme in ihren Wirkungen, Betroffenheiten und Wechselwirkungen erleben, verstehen und reflektieren lernen.
  • Schulte-Derne/Schulte-Derne stellen das Ausbildungsmodul "Intragruppenkonflikte" vor, in dem sich TeilnehmerInnen in zwei case-studies in Planung und Intervention konkret üben können und by the way ihre Methoden-Toolbox einrichten, erproben und erweitern. Tools werden kurz erläutert.
  • Pesendorfer/Fischli beschäftigen sich mit dem fundamentalen Prinzip "Geben und Nehmen" zum einen für menschliche Reifungsprozesse und zum anderen für den Weg von der Gruppe zur Organisation. Pesendorfer beschreibt kombinierte Reifungs- und Kooperationsprozesse an der Kleinkindentwicklung nach Melanie Klein und demonstriert den Prozess des Gebens und Nehmens zwischen Gruppen und Organisation am Begriff Führung. Fischli skizziert die Entwicklungsaufgaben von Gruppen im Spannungsfeld der Organisation entlang der neun Phasen von M. Klein, die phasenspezifischen Grundkonflikte werden benannt und an Praxisbeispielen illustriert.
  • Krainz vermittelt einen differenzierten Einblick wie in dem viersemestrigen Master of Advanced-Studies-Lehrgang (European General Mediator) dem Lernziel "Soziale Kompetenz" nachgegangen wird, welche Lernsettings installiert wurden und wie die Lernerfolgs(über)prüfungen erfolgen, wie die Balance zwischen Selbst- und Fremdreflexion, Selbst- und Fremdfeedback, schriftlichen und praktischen Demonstrationen hergestellt wird.
  • Dalheimer/Fodor stellen das Modul "Individuelle Konfliktgeschichte" und seine zentralen Elemente vor: Balancierung von Mitgefühl und Überblick, von persönlicher Betroffenheit und Einsicht in die sie umgebenden Systeme; psychologische, kulturelle, soziale und ökonomische Konfliktanalyse; Aufklärung eigener Befangenheiten; Loslassen und Abschiednehmen; Selbstreflexion; Konflikte im Trend der Zeit; Konfliktverständnisse und -handhabung im sozialen und organisatorischen Umfeld, neue Professionalität "MediatorIn" gebiert neue Konflikte.
  • Patera und Gombos beschäftigen sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Qualitätsmerkmal "Reflexion" im Rahmen des EGM. Reflexionsfoki, Reflexionsorte, -settings und -methoden werden vorgestellt. Die Reflexionsräume gestatten durch ihre Verlangsamung, die Vielfalt der mentalen Modelle und die Unterschiedlichkeit der TeilnehmerInnen wahrzunehmen und wertzuschätzen. Hilflosigkeit, Nichtwissen und Verwirrung eröffnen auf je eigene Art Chancen zur Einsicht, zur fragenden Exploration und zur Veränderung mentaler Modelle. Gombos beschreibt Konstrukt, Prozess und Methoden der Reflexionsgruppen.
  • Hagleitner-Klocker/Bannister-Etter/Mark, drei Absolventinnen des ersten EGM-Lehrgangs, berichten von ihren Lernerfahrungen.

Fazit

Das Handbuch ist ein Hand-Buch, auf das man gerne zugreift, sowohl, um sich zu informieren, eigenes Wissen zu prüfen bzw. zu festigen als auch, um sich Anregungen zu holen für die eigene Arbeit als MediatorIn und/oder LehrendeR. Die AutorInnen sind ausgewiesene Theoretiker und Praktiker und ihrem Thema Mediation "leidenschaftlich" verpflichtet, was eine gute, eingängige Lesbarkeit erzeugt.


Rezensentin
Dr. Michaela Schumacher
Homepage www.drmichaelaschumacher.de
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Zitiervorschlag
Michaela Schumacher. Rezension vom 08.11.2005 zu: Gerhard Falk, Peter Heintel, Ewald E. Krainz (Hrsg.): Handbuch Mediation und Konfliktmanagment. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 404 Seiten. ISBN 978-3-8100-3957-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2627.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.


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