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Gabriele Müller, Kay Hoffmann: Systemisches Coaching

Cover Gabriele Müller, Kay Hoffmann: Systemisches Coaching. Handbuch für die Beraterpraxis. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2002. 256 Seiten. ISBN 978-3-89670-270-8. 25,90 EUR, CH: 44,00 sFr.

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Kein Basiswissen für Anfänger

Das vorliegende Buch "Systemisches Coaching — Handbuch für die Beraterpraxis" ist kein Lehrbuch im klassischen Sinne, denn es ist nicht als solches konzipiert. Dem Leser wird nicht das gegenwärtig aktuelle Basiswissen in systematischer Form unterbreitetet. Er erhält dementsprechend keinen orientierenden Überblick und Einstieg ins Thema "systemisches Coaching".

Es richtet sich daher auch nicht an den Anfänger, sondern eher an Leser, die sich bereits Kompetenzen systemischen Intervenierens angeeignet haben, an "Führungskräfte, Personen in beratender Tätigkeit..." und solche "die hauptberuflich als Coach" arbeiten. Diese Absicht löst der Text dann aus meiner Sicht jedoch nicht ein.

Aufbau und Inhalte

Das Buch beginnt mit einem ausgesprochen lesenswerten Vorwort von Gunther Schmidt, an das sich die Autorinnen mit einem kurzen Prolog anschließen. Bereits hier kann der Leser gut spüren, welche Gelassenheit sich aus einer bestimmten Haltung Problemen gegenüber ergibt. Gelingt es nämlich Probleme "als Salz in der Suppe" oder als wichtigen Inhalt des Lebens zu begreifen, dann kann man sich mit einer ganz anderen Offenheit der wichtigen Balance zwischen Problem und Lösung widmen.

Diese ganz und gar lösungsfokussierende Haltung vermittelt sich dann im ganzen Buch und wirkt wie eine "Kompetenz erweckende Alltags-Trance-Induktion". Insgesamt aber entsteht dabei der Eindruck, dass eigentlich nut gut gemeinte aber allzu einfache Lebensweisheiten vermittelt werden.

Die Autorinnen haben eine lexikalische Form gewählt, um dem Leser eine Vielfalt von

Begriffen und Themen zu präsentieren. Es ist angenehm, sich nicht vom Anfang bis zum Ende durch eine Lehrbuchsystematik durchackern zu müssen. Der Leser kann viel mehr von der Freiheit profitieren, die sich die Autorinnen bei ihrer Darstellungsform und der Auswahl der Begriffe genommen haben. Diese Auswahl scheint keiner rationalen oder bestimmen logischen Ordnung zu folgen, sondern einfach Begriffe aufzugreifen, die im Bereich lösungsorientierter Beratung Bedeutung angenommen haben (Beziehung, Fragen, Quellen, Veränderung, Ziel und Zweck). Oder aber es sind Begriffe, in denen Haltungen zum Ausdruck kommen, die dabei helfen könnten, dass der Berater seinen "ganz persönlichen Beratungsstil" verfeinert (Ausstrahlung, Herz, Liebe, Träumen).

Der Leser ist frei, das Buch auf jeder beliebigen Seite aufzuschlagen und sich unter A bis Z einen Begriff/ein Thema zu auszuwählen und sich inspirieren zu lassen. Es wird also kein systematischer Gewaltmarsch sondern ein in seiner Leichtigkeit z. T. inspirierendes Vergnügen, das durch die Zitatsammlung am Ende eines jeden Kapitels mit einem aphoristischen Schmunzeln gekrönt wird.

Jedes Kapitel des Buches folgt im wesentlichen dem gleichen Überschriftenschema:

  • Die Philosophie
  • Fragen aus der Beratungspraxis
  • Managementstrategien
  • Coachingtechniken
  • Der systemische Ansatz
  • Zitate

Unter der Überschrift Die Philosophie werden einleitende Gedanken dargestellt, wobei nicht immer ein Bezug zu Philosophie oder Geschichte hergestellt wird, sondern sich der Begriff Philosophie in einem eher modernen Sprachgebrauch auf konzeptionelle Grundvorstellungen bezieht. Auch darf der Leser hier keine in die Tiefe oder Detail gehende Einleitung erwarten.

Ein Beispiel: Das Herz

"Neben seiner anatomischen Bedeutung als Zentralorgan des Blutkreislaufs wird das Herz seit der Antike als Sitz der Gefühle, der religiösen Empfindungen und des Mutes betrachtet."

Fragen aus der Beratungspraxis könnte auch Fragen für die Beratungspraxis heißen, weil hier eine Reihe von Fragen vorgetragen werden, die unmittelbar in die Beratungspraxis einfließen können: Wann spüren Sie im Alltag Ihr Herz? Wenn Sie sich fragen, wofür Ihr Herz schlägt, welche Antwort kommt Ihnen spontan? Wenn es etwas gäbe, das Sie noch mehr als bisher "beherzigen" wollten, was wäre es?

Bei der dann folgenden Unterscheidung in Managementstrategien und Coachingtechniken zeigt sich der Nachteil der freien und nicht systematischen Themenauswahl und Konzeptionierung des Buches. Es wird nicht herausgearbeitet, worin der Unterschied zwischen Managementstrategien und Coachingtechniken gesehen werden kann. Die Erläuterungen, die wir dann antreffen, bekommen zu sehr einen "anthroposophischen Charakter von Büchern zur Lebenshilfe": zwar werden Techniken der Skalierung und Prozentuierung aufgegriffen, sie kommen mir jedoch zu beliebig vor.

Wenn dann das Kapitel unter "Der systemische Ansatz" mit der "frohen Botschaft" abschließt, dass es in einem sozialen System Auswirkungen hat, wenn sich "irgendjemand ein Herz fasst" und darauf geachtet werden sollte "dass das Herz dabei ist", dann bleibt mir erstaunt der Mund offen, der sich nach einer Weile zu einem aufgeklärten "Aha" formt.

Fazit

Die beschriebenen Äußerungen helfen mir nicht, ein orientierendes Verständnis von systemischem Coaching zu bekommen. Abschließend sei jedoch auch gesagt, dass der Text eigentlich von solchen Äußerungen und Gedanken "trieft", nur hätte ihnen eine systematische Ausarbeitung gut getan. Es scheint mir daher nicht zur Verwendung als lehrendes Handbuch geeignet, sondern eher als leichtgängige Lektüre, die, wie Gunther Schmidt im Vorwort schreibt, die Wirkung einer "wohltuenden kleinen Alltags-Trance-Induktion" haben kann.


Rezensent
Dipl.Psych. Axel Wrede
Psychologischer Psychotherapeut
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Zitiervorschlag
Axel Wrede. Rezension vom 18.06.2002 zu: Gabriele Müller, Kay Hoffmann: Systemisches Coaching. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2002. 256 Seiten. ISBN 978-3-89670-270-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/263.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.


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