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Jutta Ecarius (Hrsg.): Familie. Ein erziehungswissenschaftliches Handbuch

Cover Jutta Ecarius (Hrsg.): Familie. Ein erziehungswissenschaftliches Handbuch. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 660 Seiten. ISBN 978-3-8100-3984-2.
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Thema

Dieses Handbuch stellt einen erstmaligen Versuch dar, aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive einen Überblick über die neueren Forschungen zum Thema Familie zu geben. Familie als ein selbstverständlicher Interaktions- und Lebensort wurde vielfach im pädagogischen Diskurs ausgeklammert, da in der Erziehungswissenschaft überwiegend eine subjekt- und handlungsorientierte Sichtweise bevorzugt wird. So hat bisher Familie in dieser Disziplin weitgehend unhinterfragt einen Stellenwert als primäre Sozialisationsinstanz genossen. Die Herausgeberin hat sich daher ein ehrgeiziges Ziel gesetzt, der erziehungswissenschaftlichen Familienforschung einen kräftigen Weiterentwicklungsimpuls zu geben und dementsprechend 45 Autoren und Autorinnen aufgefordert, das Thema Familie in ihrem theoretischen Diskurs in der Erziehung und Bildung mit einzubeziehen und zentrale Fragestellungen zu familialen Lebens- und Interaktionsformen sowie zur Familienerziehung systematisch aufzubereiten und aktuelle pädagogische Auseinandersetzungen unter diesem Fokus zu diskutieren. In erster Linie wird in diesem Handbuch das Verhältnis zwischen familiärer Erziehung sowie Sozialisation und professioneller Erziehung und Bildung in Deutschland als auch im deutschsprachigen Raum beleuchtet und nur in Bezug auf familiäre Wandlungsprozesse in einem europäischen bzw. internationalen Vergleich verortet. Im Handbuch wird ohne Anspruch auf Vollständigkeit eine spezifische Auslese von erziehungswissenschaftlichen Themen vorgenommen, die das Thema Familie zentral berühren.

Herausgeberin
Jutta Ecarius ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Justus-Liebig Universität in Gießen. Ihre berufliche Laufbahn weist von jeher auf eine einschlägige wissenschaftliche Laufbahn hin. Sie hat sich in den Themenbereichen Kindheits- und Jugendforschung, Familien- und Sozialforschung sowie in der Bildungsforschung vertieft.

Aufbau

Das 701 Seiten umfassende Handbuch gliedert sich übersichtlich in fünf große zentrale Themenbereiche der Erziehungswissenschaft, die das Thema Familie berühren. Die Kapitel sind so strukturiert, dass die Themen zunächst einen Überblick über die theoretischen und empirischen Beiträge zum Thema Familie geben: Zunehmend werden die Handlungsfelder konkreter und spezifischer.

1. Themenbereich: Familienstrukturen

  • Unter dem Beitrag Familienstrukturen gibt Burkhard Fuhs einen Überblick über die vergangenen und gegenwärtigen privaten Lebensformen und analysiert darin auch die verschiedene Mythen über Familie. Familienbilder sind immer auch der jeweilige Ausdruck historischer Entwicklungen und sind nur in ihrem kulturellen, sozialen und politischen Kontext zu verstehen. Familien stellen keine homogenen Institutionen dar. Es wird deutlich, dass keine Lebensform mit mehr persönlichen Hoffnungen, Erwartungen und Enttäuschungen verknüpft ist als die Familie.
  • Die aktuelle Lage zur Familie wird von Rüdiger Peuckert thematisiert. Die moderne Kleinfamilie hat in der Zwischenzeit den Monopolcharakter verloren und ist nur mehr eine unter mehreren Familienformen, allerdings die bedeutendste. Der familiale Wandlungsprozess wird als das Ergebnis eines langfristig stattfindenden Individualisierungsprozesses interpretiert und die Muster der privaten Lebensführung, des Heiratens, der Familiengründung und der Scheidung sind im europäischen als auch im internationalen Vergleich dargestellt.
  • Francois Höpflinger und Beat Fux behandeln in ihrem Artikel, dass dieser Wandel nicht nur von sozio-ökonomischen Faktoren, sondern auch von sozio-kulturellen Werten bestimmt ist. Hierbei kommt der veränderten Stellung der Frau eine zentrale Bedeutung zu (Verzögerung der Familiengründung, mehr außereheliche Geburten und nicht eheliche Lebensgemeinschaften sowie postmoderne Werthaltungen bezüglich Lebens- und Familienformen). Trotz klarer intereuropäischer Unterschiede lassen sich ähnliche familiale Wandlungen nahezu europaweit nachweisen.
  • Weiters werden Muster der sozialen Ungleichheit unter dem Blickwinkel der Vererbung von sozialem, kulturellem und ökonomischen Kapital zwischen Generationen von Marc Szydlik vertieft. Unterstützungsleistungen für Kinder fallen in Familien mit mehr Ressourcen naturgemäß größer aus und vergrößern damit die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft, was aus gesellschaftpolitischer Sicht kritisch hinterfragt wird.
  • Dem Thema geschlechtstypische Besonderheiten in familialen Aufgabenbereichen stellt sich Barbara Rendtorff. Die Familie als Ort der Reproduktion geschlechtsspezifischer Strukturen wird anhand des materiellen und edukativen Arbeitsfeldes sowie der Versorgungsaufgaben aufgezeigt. Das zeittypische Modell der verantworteten Elternschaft scheint nicht verwirklicht zu sein und nun heimlich zu einem mütterlichen zu werden. Ungerechtigkeiten könnten langfristig Spannungen erzeugen, die die erzieherische Kraft der Familie schwächen.
  • Franz Hamburger und Merle Hummrich diskutieren Migrationsforschungsergebnisse in Bezug auf Familie und deren Bedingungen. Sie thematisieren, dass die Migrationsfamilie als "Gegengesellschaft" konzipiert wird, die ihres grundsätzlichen Schutzes, der sonst Familien in der Gesellschaft zukommt, beraubt ist. Migration als Entscheidung, das Herkunftsland und die damit verbundenen sozialen Einbindungen zu verlassen, ist mit weitreichenden Folgen für die Familienstruktur verbunden. Familiale Beziehungen besitzen in Bezug auf die Entwicklung von individuelle Bewältigungskompetenzen für psychosoziale Belastungen eine hohe subjektive Bedeutsamkeit. Aus wissenschaftlicher Sicht wird für eine Entkategorisierung des Migrationsstatus plädiert.

2. Themenbereich: Familienformen

  • Jutta Ecarius leitet das Kapitel Familienformen mit einem theoretischen und empirischen Überblick zum Gegenstand Familienerziehung ein. Im Zentrum stehen die Theoriebildungen in Bezug auf Familienerziehung, Familienstile und familialen Erziehungskonzepte. Familienerziehung kann nicht ohne die Berücksichtigung von familialen Beziehungsstrukturen analysiert werden und bewegt sich im Spannungsfeld von individuellen Interessen, historischen und gesellschaftlichen Strukturen. Es wird außerdem die Frage aufgeworfen, wie Familien zu definieren sind? Es wird letztlich zwischen drei Familienformen unterschieden, die "Als-ob-Familie", die "ambivalente Stieffamilie" und die "Aushandlungsfamilie". Insgesamt liegt ein steter Wandel vom Befehls- zu einem Verhandlungshaushalt vor, wobei nicht von einer kontinuierlichen Entwicklungslinie ausgegangen werden kann. Daher ist Familienerziehung gegenwärtig zu einer anspruchsvollen und zugleich konfliktreichen Anforderung für leibliche und soziale Eltern geworden.
  • Gabriele Gloger-Tippelt beleuchtet die Eltern-Kind und Geschwisterbeziehungen näher und vertieft die theoretische Auseinandersetzung zum Thema Familienstrukturen, innerfamiliale Entwicklungsaufgaben für Kinder und Eltern sowie zum Familienzyklus. Die Qualität der Familienbeziehungen wirken sich maßgeblich auf das Familienleben und das Erleben der einzelnen Familienmitglieder aus. Dauerhafte Interaktionsformen in der Familie werden im Erleben des Einzelnen zu inneren Repräsentationen, welche die Gefühle organisieren und zukünftige Erwartungen und Handlungen festlegen. Ihre große Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung ist unumstritten. Geschwisterbeziehungen sind häufig durch die Dominanz des älteren Geschwisters und Gefühle von Rivalität gekennzeichnet. Im Erwachsenenalter lässt die Bedeutung und Intensität in der Regel nach und gewinnt im hohen Alter wieder an Relevanz.
  • Einen neuen Forschungszweig beschreiben Barbara Friebertshäuser, Michael Matzner und Ninette Rothmüller, nämlich die Betrachtung der Familie unter dem Fokus der Mütter- und Väterforschung. Zunehmend mehr wird die Ausgestaltung der Mutter- und Vaterschaft in der Gesellschaft reflektiert und ihre normativen Vorstellungen und Idealbilder von Müttern und Vätern kritisch hinterfragt. Es wird für eine intensivere Erforschung der unterschiedlichen Lebensmodelle plädiert, um ihre Auswirkung empirisch verfolgen zu können und mehr über die Vielfalt gelebter Mutter- und Vaterschaft in Erfahrung zu bringen.
  • Anna Brake und Peter Büchner richten ihren Fokus auf die Beziehungen zu den Großeltern in den Familien. Neben Eltern-Kind-Verhältnissen gehören Großeltern-Enkel Verhältnisse zu den tragenden Säulen der Beziehungsstrukturen in der Mehrgenerationenfamilie. Im alltäglichen Miteinander übernehmen Enkel und Großeltern wechselseitig wichtige Funktionen füreinander. Zu diesem Forschungsfeld gibt es allerdings noch kaum eine theoretische Fundierung. Besonders die Rolle von Großvätern wird selten in den Blick genommen.  
  • Jutta Ecarius erweitert die Beschreibung der familialen Beziehungensformen um die Verwandtschaft. Es gibt unterschiedliche Definitionen von Verwandtschaft und es bleibt offen, welche Personen dazu zählen. Fehlende Verwandtschaftsbeziehungen werden interessanterweise nicht durch Freundschaften oder Nachbarschaften ausgeglichen. Ein ausgeprägtes Familiennetz ist auch die Grundlage für Beziehungen außerhalb der Familie. Hilfeleistungen sowohl finanzieller Natur als auch gegenseitige Unterstützungen werden jedoch immer noch mehr von der Familie und Verwandtschaft geleistet und weniger von Freunden. Eine offene Frage bleibt, wie sich diese verwandtschaftlichen Beziehungsnetze angesichts abnehmender Kinderzahlen in Zukunft gestalten werden.
  • Mit dem Thema Kindheit und Familie beschäftigt sich Andreas Lange eingehender. Er zeigt auf, dass veränderte Handlungsanforderungen für Individuen, Gruppen und Gesellschaft die Kindheit in Familien umgestalten. Der Alltag wird immer häufiger durch die Kinder und Eltern gestaltet und wird dadurch zunehmend anspruchsvoller im Vergleich zu früher.
  • Richard Münchmeier wendet sich der Verbindung Jugendforschung und Familie zu. Jugendliche können mit dem Thema Familie immer noch viel anfangen. Ihre Lebensperspektive ist in erster Linie an beiden Zielen - Beruf und Familie - orientiert und sie gehen davon aus, beide Bereiche miteinander verbinden zu können. Materielle Nutzungsüberlegungen spielen dabei eine unbedeutende Rolle, da Familie als Ort der Liebe, Verlässlichkeit, Treue, Häuslichkeit und Partnerschaft verstanden wird. Eltern werden mehrheitlich als Vertrauens- und Unterstützungspersonen wahrgenommen und die Ablösung basiert mehrheitlich in Absprache mit den Eltern. Elterliches Zutrauen stellt dabei ein wichtiges Kriterium für eine gelingende Lebensbewältigung dar.
  • Cornelia Schweppe thematisiert die Familienbeziehungen im Alter. Forschungsergebnisse zeigen, dass die gelebten Beziehungen zwischen den alten und jungen Generationen eng und solidarisch sind. Das Verhältnis lässt sich am besten als "lebenslange Solidarität" beschreiben. Dieses Verhältnis wird allerdings sehr zentral durch die Familien-, Alten-, und Sozialpolitik beeinflusst und skizziert damit zutiefst eine politische Fragestellung. Wird politisch nicht hinreichend auf Veränderungen des familialen Wandels reagiert, kann es allerdings aufgrund von Überforderung der Beziehungen zu erheblichen Belastungen der Generationsbeziehungen kommen.

3. Themenbereich: Familie und Bildungsinstitutionen

Im folgenden Kapitel wird Familie nicht isoliert betrachtet, sondern der Fokus auf die Einflüsse pädagogischer Bildungsinstitutionen auf die Institution Familie gerichtet.

  • Lilian Fried beschäftigt sich mit dem Verhältnis Familie und Elementarerziehung. Sie führt die fachliche Perspektive und die Elternsicht zusammen, um somit einen differenzierteren Blick auf die Elementarerziehung zu gewinnen. Es werden unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit mit Eltern und deren Auswirkung auf die Beziehungsgestaltung thematisiert und Kooperationsmodelle aufgezeigt, die zu einer verbesserten gegenseitigen Unterstützung führen.
  • Maria Fölling-Albers und Friederike Heinzel widmen ihre Analyse dem Thema Familie und Grundschule. Keine andere Institution wie die Grundschule ist so unauflösbar und so konflikthaft mit der Institution Familie verbunden. Es existiert ein Spannungsverhältnis zwischen Schule und Familie, da es aufgrund von unterschiedlichen Problemstellungen häufig zu gegenseitigen Schuldzuweisungen zwischen Lehrer/innen und Eltern kommt. In einer Ausweitung der Sozialisations- und Erziehungsaufgaben für die Schule könnte darin allerdings eine bessere Chance für eine umfassende Bildung und Chancengleichheit von Kindern liegen, was allerdings nur wenige Lehrer/innen so wahrgenommen wird.    
  • Mit dem Beitrag von Susann Busse und Werner Helsper wird der aktuelle Forschungsstand zum Verhältnis von Schule und Familie aufbereitet. Am besten erforscht ist der Zusammenhang zwischen Familie, Schule und Bildungserfolg. Die hohe Bedeutung der sozialen Lage der Familie für den Schulerfolg und Kompetenzerwerb bei Schülern ist nachgewiesen. Schulische Leistungsanforderungen sind bei einer leistungsorientierten Lebensführung der Eltern ein zentraler Kern familiärer Konflikte. Lehrpersonen sind der verstärkten Partizipation von Eltern in schulischen Prozessen ambivalent eingestellt. Letztlich ist die konkrete Passung zwischen der Schule, der Familie und des Schülers für das Verhältnis von Schule und Familie entscheidend.
  • Jürgen Wittpoth beschäftigt sich mit dem Themenkomplex Weiterbildung und Familie. Familie ist als Ressource für die Bildung bedeutsam, weiters stellt die Institution Familie einen zentralen Adressaten von Weiterbildung dar und zu guter Letzt wird die Familienbildung näher erörtert. Besonders Frauen, die wenig Unterstützung in ihrem Herkunftsfamilien erfahren haben, dürften mit Bildungsangeboten allein eher überfordert. Auch die Lebensumstände qualifizierter Mütter und Väter, die sich für eine vorübergehende Teilzeitarbeit entscheiden, erfordern besondere Angebote. Die unterschiedlichen Lebens- und Problemlagen von Familien führen dennoch keineswegs dazu, dass der Familienbildung die Adressaten verloren gehen. Es ist davon auszugehen, dass Familienbildung allerdings viel mehr sein wird als das, was in Familienbildungseinrichtungen geschehen kann.
  • Familienbildung hat bereits in vielen Institutionen eine lange Tradition. Es zeigt sich aber, dass die Anforderungen in der Familienerziehung für Eltern zunehmend schwieriger geworden sind und daher die Qualifikation von Eltern als eine notwendige Voraussetzung für Partnerschaft und Familie betrachtet werden müssen. Martin Textor beschreibt Ziele und Formen der Familienbildung sowie deren Methoden und Einsatzbereiche und plädiert für eine bedarfsgerechte Weiterentwicklung der Angebote, eine bessere Qualifikation der Mitarbeiterinnen und eine ausreichende finanzielle Ausstattung.

4. Themenbereich: Differenzielle Felder

In diesem Kapitel werden unterschiedlichste Felder aufgegriffen, die das Feld Familie ausdifferenzieren.

  • Ludwig Stecher und Jürgen Zinnecker beschäftigen sich mit den kulturellen Transferbeziehungen zwischen den Generationen. Familie ist derjenige Ort, wo die kulturelle Weitergabe augenfällig ist. Eltern leben Kindern kulturelle Muster einer Gesellschaft vor. Diese leben sie nach und verändern sie mit der Zeit nach ihren Interessen und Bedürfnissen. Vermehrt wird auch der Blick darauf gerichtet, wie die jüngere auf die ältere Generation einwirkt. Zugleich ist die Familie auch der hauptsächliche Ort des gesellschaftlich unerwünschten kulturellen Transfers.
  • Carola Groppe versucht den Bedeutungen von Erzählungen, Gegenständen, Räumen und Ritualen als konstituierende Momente des Familiengedächtnisses auf die Spur zu kommen. Familienstrategien bauen darauf auf und suchen nach Erklärungen dafür, wann Vorgaben von Lebensmustern, das Vorleben von Lebensformen oder die soziale Platzierung von der nachfolgenden Generation angenommen oder abgelehnt werden.
  • Kathrin Audehm, Christoph Wulf und Jörg Zirfas beschäftigen sich mit der erziehungswissenschaftlichen Erforschung von Familienritualen. Auch wenn Rituale für die Herausbildung von Gemeinsamkeit und Zugehörigkeit sowie Abgrenzung als auch für die Prozesse der Selbstfindung große Bedeutung haben, wird vor einem "Zuviel" aber auch vor einem "Zuwenig" an Ritualen gewarnt. Sie haben einerseits herrschaftsstabilisierende Funktion, zugleich könnte ein Bedeutungsverlust von Ritualen, die Isolation, Bindungs- und Orientierungslosigkeit verstärken.
  • Karin Richter verdeutlicht in ihrem Beitrag, dass die Bildungsnähe von Familien in einem direkten Zusammenhang mit der Leseleistung und dem Interesse der Kinder an Literatur steht. Soziale Benachteiligungen von Kindern aus bildungsfernen Familien und Familien mit Migrationshintergrund können auch nicht durch die Schule ausgeglichen werden. Weiters wird anhand von Kinderliteratur analysiert, wie die Familie für junge Leser darin thematisiert wird. Familie war immer schon ein dominantes Thema in der Literatur und diente dazu, die Blicke zu weiten und zum Nachdenken anzuregen.
  • Burkhard Schäffer widmet sich einem sehr umfassenden Thema, der Bedeutung von Medien in Familien und wie die Medien auf die Familie als Ganzes wirken, aber auch der Darstellung von Familie in den Medien. Über die Rolle der Medien in der Reproduktion familialer Milieus ist noch sehr wenig bekannt.
  • Stephan Sting greift ein Thema auf, das sich selten im Fokus wissenschaftlicher Betrachtungen befindet. Obwohl die gesundheitliche Belastungen und Krankheiten einzelner Familienmitglieder die Lebensgestaltung der jeweiligen Familie tiefgreifender beeinflussen, ist erstaunlich, dass bisher die Familie im Gesundheitsdiskurs eine relativ geringe Rolle spielt. Familie stellt oft die wichtigste Quelle für Stress sowie für soziale Unterstützung dar. Es werden Kriterien für eine familienbezogene Gesundheitsförderung aufgezeigt, wobei ein Zusammenhang zwischen sozialem und gesundheitlichem Status überdeutlich ist.
  • Auf mehreren Ebenen nähert sich Ulrich Schwab dem Thema Religion an. Er beleuchtet das Verhältnis von Familie und Religion. Weiters erläutert er die Bedeutung von Religiosität in der Gegenwart und anschließend beschreibt er die Auswirkungen von Familienreligiosität auf die Erziehung. Neuere Forschungen belegen, dass in hochindustrialisierten westlichen Gesellschaftsformen in der Regel so gut wie kaum mehr eine religiöse Erziehung in der Familie stattfindet. Er plädiert dafür, dass Eltern lernen, ihre eigenen Glaubensvorstellungen wieder für Kinder sichtbarer und nachvollziehbarer werden zu lassen und spricht sich für eine subjektorientierte Aneignung religiöser Inhalte aus. Dabei betont er jedoch, dass Kinder von Anfang an eigene Vorstellungen von Gott entwickeln.

5. Themenbereich: Familie und sozialpädagogische Arbeitsfelder

Im letzten Kapitel stehen professionelle sozialpädagogische Handlungsfelder zur Diskussion.

  • Britta Tammen skizziert die Entwicklungen des Familienrechtes. Bei familienrechtlichen Regelungen steht zunehmend weniger die Einhaltung von gesellschaftlichen Normen im Zentrum. Geschlechtsspezifische Benachteiligungen sind weitgehend abgebaut und das Familienrecht räumt den Betroffenen zunehmend mehr Autonomie bei der Regelung ihrer familiären Verhältnisse ein.
  • Johanna Mierendorff und Thomas Olk greifen das Verhältnis von Jugendhilfe und Familie in einem historischen Abriss auf. Sie beschreiben sechs Hauptströmungen, die sie aufgrund ihrer Materialfülle filtern konnten und stellen eindeutig einen Wandel im Verhältnis von Jugendhilfe zu Familie (von einem kontrollierenden zu einem partnerschaftlichen Verhältnis dar) als einen Prozess von Kontrolle zu Partnerschaft dar. Davon ausgenommen bleibt der Diskurs über die defizitäre Unterschichts- und Migrationsfamilie.
  • Einen Überblick über die Hilfen zur Erziehung gibt Mechthild Seithe. Diese sind als Angebot an die Klientel zu verstehen und dienen dazu, eine Lebenssituation herzustellen, die das "Wohl der Minderjährigen" in einem ausreichenden Maß gewährleistet. Da sich diese Klientel selten als aktive Akteure ihres Lebens verstehen, ist die Beteiligung bei den "Aushandlungsprozessen", welche Hilfestellung adäquat ist, ein konstituierender Moment für den Erfolg der Hilfen.
  • Heinz Schattner vertieft das Thema Sozialpädagogische Familienhilfe. Es handelt sich um eine relativ junge Hilfeform, die vor allem dafür erfunden wurde, um teure Fremdplazierungen zu vermeiden. Die Gestaltung des Alltages und die soziale Integration sind zwei zentrale Zielsetzungen der Sozialpädagogischen Familienhilfe. Ihr Erfolg steht in einer engen Verknüpfung zum fachlichen Hintergrund der Fachkräfte. Ihre Gestaltungsmöglichkeiten sind allerdings auch von dem "Eigenwillen" der Familien abhängig.
  • Petra Bauer und Christine Wiezorek zeigen auf, dass eine vollständige Aufhebung der Trennung von Elternrecht und Kindeswohl für eine sozialpädagogische Sicht auf Familie nicht durchführbar ist. Es wird aber auch deutlich, dass der Trennung von Eltern und Kind mehr Beachtung geschenkt wird als der Bedeutung der Familie als Ganzes. Ein grundlegendes Misstrauen gegenüber der Erziehungskompetenz von Eltern wird dadurch deutlich. Eine stärkere Reflexion dieses Spannungsfeldes scheint hier angebracht zu sein.
  • Das Thema Gewalt in der Familie, so Kai-D. Bussmann, wird auch weiterhin eine Herausforderung der Zukunft bleiben. Nur eine Verzahnung verschiedenster Maßnahmen wird zum weiteren Rückgang der Gewalt beitragen, denn Gewalt lässt sich - bis auf einzelne Fälle ausgenommen - nicht mit Psycho-Pathologien der Täter erklären. Effektive Gewaltprävention setzt in erster Linie in der Familie und in der Erziehung an.
  • Stefan Schmidtchen geht in seinem Beitrag auf die Differenzen in den Behandlungsmethoden in der Beratung und Familientherapie ein und bezieht sich dabei im Besonderen auf die Gestaltung der therapeutischen Arbeit mit Familien, in denen ein Kind oder ein Jugendlicher unter einer seelischen Erkrankung leidet. Hohe therapeutische Effektivität kann bei einer Behandlung aller Familienmitglieder erzielt werden, indem kind- bzw. jugendlichenzentrierte Maßnahmen und eine Familienbehandlung kombiniert werden.
  • Markus Höffer-Mehlmer nimmt eine nicht einfach bewältigbare Aufgabe an und widmet sich dem Thema Erziehungsratgeber. Anhand von Erziehungsratgebern analysiert er die Entwicklung von Familienleitbildern und zeigt auf, dass sich das jeweilige zeitgenössische Erziehungsdenken aus der Analyse der Elternratgeber erschließen lässt. Zudem wird das problematische Verhältnis zwischen Erziehungsratgebern und Erziehungswissenschaft diskutiert und darauf hingewiesen, dass eine Rationalisierung der Familienerziehung begrenzt bleiben sollte.

Zielgruppe

Dieses Handbuch richtet sich an alle, die die Vorzüge eines Handbuches genießen möchten und keine Scheu vor vielen Seiten und kleiner Schrift haben. Dieses Handbuch stellt daher für all diejenigen eine fundierte Wissenszusammenschau zum Thema Familie dar, die sich damit theoretisch als auch praktisch im Erziehungsbereich beschäftigen möchten. Besonders geeignet erscheint es mir für Forschende, Lehrende als auch für Studierende oder für AbsolventInnen von Ausbildungen in diesem Bereich zu sein. Das betrifft sowohl Erziehungs- und Sozialwissenschafter/innen, Psycholog/innen, als auch Soziolog/innen.

Fazit

Der Herausgeberin ist mit der inhaltlichen Aufbereitung dieses Handbuches ein besonderes Kunststück gelungen, nämlich ein für die Erziehungswissenschaft ambivalent besetztes und komplexes Thema Familie bekömmlich und nachvollziehbar aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive aufzubereiten und ohne den roten Faden zu verlieren. Dieses Unterfangen ist bei dieser Materialfülle zum Thema Familie sowie auch bei den vielfältigsten wissenschaftlichen Zugängen kein ganz leichtes Unterfangen. Die Beiträge sind klar auf ihre spezifischen Schwerpunktsetzungen fokussiert und liefern entweder eine fundierte Analyse der Forschungsergebnisse sowie der theoretischen Diskussion oder bieten eine Bearbeitung dieses Themas aus erziehungswissenschaftlicher Sicht an. Die Autor/-innen haben sich auch nicht gescheut, den Stand der theoretischen Diskussion aus ihrer Sicht eindeutig zu bewerten und Perspektiven für neue Forschungen in diesem Feld zu entwerfen. Insgesamt betrachtet, liegt mit diesem Handbuch ein einmaliges Standardwerk vor, das eine profunde Arbeitsbasis darstellt und in keiner Bibliothek fehlen sollte.


Rezensentin
Dr. Rosa Heim
SOS-Kinderdorf, Colleg für FamilienPädagogik
Aus- und Weiterbildungseinrichtung für Betreuungspersonen in einem sozial- und familienpädagogischen Feld


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Zitiervorschlag
Rosa Heim. Rezension vom 31.01.2008 zu: Jutta Ecarius (Hrsg.): Familie. Ein erziehungswissenschaftliches Handbuch. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. ISBN 978-3-8100-3984-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2635.php, Datum des Zugriffs 25.06.2016.


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