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Peter Rahn: Übergang zur Erwerbstätigkeit[...] in benachteiligten Lebenslagen

Cover Peter Rahn: Übergang zur Erwerbstätigkeit. Bewältigungsstrategien Jugendlicher in benachteiligten Lebenslagen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 265 Seiten. ISBN 978-3-531-14404-7. 26,90 EUR.

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Einführung in Thema und Zielsetzungen des Buches

In den letzten Jahren nehmen die Zahlen der Schülerinnen und Schüler, die das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) oder ein anderes berufsvorbereitendes Bildungsangebot in berufsbildenden Schulen (z. B. Berufsgrundschuljahr, einjährige Berufsfachschule) besuchen, immer weiter zu. Im Vergleich zu den anderen schulischen Angeboten zur Berufsvorbereitung sind es die Jugendlichen im BVJ, die statistisch nachweisbar über einen besonders schlechten oder gar keinen Schulabschluss verfügen und überproportional häufig Migrationserfahrungen haben. Im Schuljahr 2003/2004 besuchten immerhin knapp 80.000 junge Menschen das Berufsvorbereitungsjahr in Deutschland. Diesen Jugendlichen bleibt oftmals aufgrund des angespannten Ausbildungs- und Arbeitsmarktes kaum eine andere Chance, als noch einmal ein Jahr die Schulbank zu drücken in der Hoffnung, auf diese Weise endlich einen Ausbildungsplatz zu finden. Die Alternative, eine sozialpädagogisch orientierte außerschulische Berufsvorbereitungsmaßnahme bei einem Wohlfahrtsverband oder einem anderen freien Träger zu absolvieren, ist einem Teil der jungen Menschen nicht bekannt. Andere scheuen sich zum JobCenter oder Jugendamt zu gehen, um eine solche Maßnahme nach dem Sozialgesetzbuch VIII oder II und/oder III bewilligt zu bekommen, und wieder andere ziehen den vertrauten Schulbetrieb dem Besuch einer ihnen unbekannten Bildungseinrichtung vor. Immerhin wären hier ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz etwas größer: Während nach dem BVJ nur rund ein Drittel der Jugendlichen einen Ausbildungsplatz findet, sind es zumindest nach dem Besuch einer Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme nach dem SGB II und/oder III doch 50%, die eine Berufsausbildung aufnehmen.

Da das BVJ aufgrund der genannten Bedingungen als "Stiefkind" in berufsbildenden Schulen gilt - deshalb liegen auch nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen dazu vor -, ist Peter Rahn für seine sowohl in theoretischer als auch empirischer Hinsicht engagierte präzise und aufschlussreiche Untersuchung zu danken. Besonders spannend und weiterführend ist seine Untersuchung auch deshalb, weil es ihm hervorragend gelingt, mit - oder trotz(?) - seiner originär sozialpädagogischen Fragestellung nach den Bewältigungsstrategien von Jugendlichen im BVJ auch berufs- und wirtschaftspädagogische Blickwinkel mit aufzunehmen und einzubringen. Peter Rahn hat 98 junge Frauen und Männer in einem kaufmännischen BVJ in Baden-Württemberg befragt. Damit hat er sich für ein Berufsfeld entschieden, das in der Wissenschaftssystematik in der Wirtschaftspädagogik anzusiedeln ist. Während die Berufsbildung generell in die Wissenschaftsdisziplin und Profession der Berufspädagogik fällt, ist speziell mit der kaufmännischen Berufsvorbereitung auch die Wirtschaftspädagogik angesprochen. Aufgrund seines breiten, also sozial-, berufs- und wirtschaftspädagogischen Blicks auf die Lebenslagen der jungen Menschen im BVJ legt Peter Rahn mit seinen empirischen und theoretischen Untersuchungen nicht nur erkenntnisreiche Ergebnisse zu den Bewältigungsstrategien dieser benachteiligten Jugendlichen vor, sondern er zieht daraus auch weiterführende Konsequenzen für die dringend notwendige sozialpädagogische Förderung im BVJ. Dabei ist für mich besonders bemerkenswert, dass ihn seine sozialpädagogische Fragestellung konsequent vor einem Defizitblick auf die Schülerinnen und Schüler im BVJ schützt, der sich häufig in Untersuchungen zu als benachteiligt geltenden Jugendlichen "einschleicht". Mit seinem 'Kompetenzblick' gelingt es ihm auch, unterschiedliche Bewältigungsstrategien herauszuarbeiten, die er in fünf Typen, nämlich

  1. "die Waghalsigen",
  2. "die Wagemutigen",
  3. "die Schulaktiven",
  4. "die Aufgebenden" und
  5. "die Angepassten" bündelt.

Das Berufsvorbereitungsjahr

Nach seiner Einleitung skizziert Peter Rahn im 2. Kapitel die historischen Entwicklungslinien des BVJ und seine Bildungsperspektiven sowie die Notwendigkeit der bisher immer noch wenig ausgebauten sozialpädagogischen Förderung im BVJ. Dieses Manko zeigt sich besonders im Vergleich zu den hier bereits oben genannten außerschulischen sozialpädagogisch orientierten Maßnahmen zur Berufsvorbereitung nach dem SGB II, III oder VIII.

Benachteiligung und Lebenslage von Schülerinnen und Schüler im Berufsvorbereitungsjahr

Aus sozialpädagogischer Perspektive nähert sich Peter Rahn in seinem 3. Kapitel den Jugendlichen im BVJ, in dem er Marktbenachteiligungen von Benachteiligungen aufgrund der sozialen Merkmale Schichtzugehörigkeit, Geschlecht und Migrationshintergrund abgrenzt. Auf der Basis des sozialpädagogischen Begriffs der "Lebenslage" führt er subjektive und objektive Bedingungen für Benachteiligungen zusammen. Mit dem Begriff der "Lebenslage" gelingt es ihm hervorragend, die Benachteiligungen der Schülerinnen und Schüler im BVJ durch die zirkuläre Verknüpfung des subjektiven, oftmals wenig konstruktiven Verhaltens der Jugendlichen einerseits mit den objektiven sozialen und ökonomischen Bedingungen andererseits verstehbar und nachvollziehbar zu machen.

Zum Stellenwert der Berufsarbeit im Lebensentwurf aus pädagogischer Perspektive

Im 4. Kapitel setzt sich Peter Rahn nicht nur aus sozialpädagogischer, sondern auch aus berufs- und wirtschaftspädagogischer Sicht mit dem Stellenwert der Berufarbeit im Lebensentwurf der jungen Frauen und Männer im BVJ auseinander. Die von ihm zahlreich angeführten empirischen Ergebnisse belegen ebenso wie seine bildungspolitischen und -theoretischen Argumente, dass im BVJ nicht mehr nur die berufliche Integration der jungen Menschen als Ziel handlungsleitend sein sollte. Vielmehr ist eine "Balance zwischen beruflicher Integration und gesellschaftlicher Teilhabe" als Leitziel anzustreben, um die Schülerinnen und Schüler auf diskontinuierliche Erwerbsbiografien vorzubereiten, die neben Zeiten von Erwerbstätigkeit oder Zeiten von Arbeitslosigkeit und Weiterqualifizierung aufweisen werden.

Lebensbewältigung und Berufsperspektive

Obwohl in seinem 5. Kapitel das sozialpädagogische Paradigma der Lebensbewältigung mit den entsprechenden psychologischen Theorien und Befunden im Vordergrund steht, gelingt es Peter Rahn auch hier wieder, berufs- und wirtschaftspädagogische Argumente aufzunehmen, um die Bedeutung von Beruf und Arbeit für die Lebensbewältigung der Jugendlichen herauszuarbeiten. Allerdings erläutert er auch andere Strategien der jungen Menschen, um die "Balance zwischen beruflicher Integration und gesellschaftlicher Teilhabe" aufrecht zu erhalten.

Die Untersuchung und ihre Ergebnisse

Nachdem Peter Rahn im 6. Kapitel präzise sein quantitatives Untersuchungsdesign erläutert hat, präsentiert er im 7. Kapitel ausführlich und detailliert seine Befragungsergebnisse. Wie ich bereits oben erwähnt habe, ist dabei für mich besonders bemerkenswert, dass Peter Rahn aufgrund seines konsequent sozialpädagogischen Blicks auch die Kompetenzen und Stärken der Jugendlichen aufnimmt, die ansonsten häufig aus einem Defizitblick vernachlässigt werden. Die aus seinen Befragungsergebnissen herausgearbeiteten fünf Bewältigungstypen schwanken zwischen Waghalsigkeit, Wagemut, Resignation, Schulaktivität und Anpassung.

Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse

Im 8. Kapitel fasst Peter Rahn seine im 7. Kapitel sehr differenziert und detailliert vorgestellten Ergebnisse vor dem Hintergrund seiner Hypothesen und Modellannahmen nochmals kurz und präzise zusammen. Dies ist sehr hilfreich, denn aus der Flut der Einzelergebnisse fällt es schwer, Konsequenzen für die sozialpädagogische Förderung im BVJ zu ziehen. Insgesamt bleiben für mich diese Konsequenzen etwas zu schemenhaft, so dass unter dem Strich nur die Forderung in Erinnerung bleibt, dass die sozialpädagogische Arbeit im BVJ sowohl quantitativ als auch qualitativ dringend weiter ausgebaut werden sollte.

Zielgruppen

In diesem Buch finden nicht nur im BVJ tätige Lehrerinnen und Lehrer, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen wertvolle Anstöße für ihren pädagogischen Berufsalltag, sondern auch alle pädagogischen Fachkräfte, die in schulischen oder außerschulischen Angeboten zur Berufsvorbereitung und Berufsausbildung benachteiligter junger Menschen tätig sind. Darüber hinaus ist dieses Buch aber auch für Akteure in der Wissenschaft, Sozial-, Jugend- und Bildungspolitik sowie in den relevanten Verwaltungsbereichen der Berufsbildung benachteiligter Menschen hilfreich. Sie können sich mit Hilfe der von Peter Rahn umfangreich herausgearbeiteten theoretischen und empirischen Befunde nochmals der großen Bedeutung vergewissern, die die sozialpädagogische Förderung für benachteiligte junge Menschen in der Berufsbildung hat. Denn in Zeiten knapper öffentlicher Haushalte steht gerade die Sozialpädagogik immer wieder auf dem Prüfstand, in den verschiedenen Bildungsmaßnahmen ihre Notwendigkeit und Leistungen nachzuweisen. Schließlich ist dieses Buch auch für Studierende der Sozial-, Berufs- oder Wirtschaftspädagogik interessant, weil sie hier eine umfangreiche und vor allem aussagekräftige Informationsbasis mit entsprechend zahlreichen Literaturquellen zur beruflichen Bildung benachteiligter Jugendlicher finden.

Fazit

Meine begeisterten Ausführungen in dieser gesamten Rezension lassen nur den Schluss zu, dass ich dieses Buch von Peter Rahn den oben genannten Zielgruppen außerordentlich empfehlen möchte.


Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Enggruber
Fachhochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Ruth Enggruber. Rezension vom 25.10.2005 zu: Peter Rahn: Übergang zur Erwerbstätigkeit[...] in benachteiligten Lebenslagen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 265 Seiten. ISBN 978-3-531-14404-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2639.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.


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