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Rudolf Klier, Monika Brehmer u.a.: Jugendhilfe in Strafverfahren - Jugendgerichtshilfe

Cover Rudolf Klier, Monika Brehmer, Susanne Zinke: Jugendhilfe in Strafverfahren - Jugendgerichtshilfe. Handbuch für die Praxis Sozialer Arbeit. Walhalla Fachverlag (Regensburg) 2002. 2., neu bearbeitete Auflage. 304 Seiten. ISBN 978-3-8029-7467-0. 24,95 EUR, CH: 43,60 sFr.
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Das Thema

Solange "Erziehung" in ihrer strafrechtslimitierenden Funktion zu dem zentralen Leitprinzip des Jugendstrafrechts gehört, behält die Jugendhilfe in Strafverfahren gegen Jugendliche und Heranwachsende nicht nur ihre Legitimation sondern auch die Chance wachsender Bedeutung. Allerdings stehen die Zeichen auf Veränderung. Das Erziehungspostulat, seit lange heftig umstritten, wird nicht nur von konservativer Seite sondern auch im rechtswissenschaftlichen Diskurs in Frage gestellt. So zuletzt im Hauptgutachten von Hans Jörg Albrecht auf dem Deutschen Juristentag im September 2002. Vor diesem Hintergrund erscheint das Bemühen der Praktiker in der Jugendgerichtshilfe verständlich, ihr seit einigen Jahren neu formuliertes Selbstverständnis von Unabhängigkeit und Professionalität zu wahren und fortzuentwickeln. Daß auf diesem steinigen Weg den Sozialarbeitern und Sozialpädagoginnen viel abverlangt wurde, um das Spannungsverhältnis zwischen Jugendhilfe und Strafjustiz ohne Unterordnung auszuhalten, ist vielfach beschrieben und beklagt worden. Die AutorInnen des vorliegenden Buches gehen einige – wichtige – Schritte weiter; nicht nur die Analyse sondern insbesondere die Information über engagierte, kenntnisreiche und spezialisierte Jugendgerichtshilfe ist ihr Anliegen. Sie wollen mit diesem Praxisleitfaden helfen, dass "die Professionalisierung und die Qualität der Jugendgerichtshilfearbeit erhalten bleibt, weiterentwickelt und verbessert wird" (S. 16). Ihr Anspruch heißt: "Jugendgerichtshilfe ist Jugendhilfe!"

Die Autoren

Die Verfasser des vorliegenden Handbuches stellen sich selbst vor als Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen, die jahrelange Praxiserfahrung in der Jugendgerichtshilfe mitbringen sowie ressort- und berufsübergreifende Arbeitsweisen praktiziert haben. Sie arbeiten zum Thema der Jugendgerichtshilfe in der Fortbildung und Supervision und sind durch zahlreiche Veröffentlichungen insbesondere im Journal der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfe (DVJJ) bekannt.

Der Inhalt

Der Aufbau und der Inhalt des Buches orientieren sich an den Erfordernissen eines Praxisleitfadens. Im ersten, eher theoretischen Teil werden folgende Themen bzw. Fragestellungen in jeweils eigenen Kapiteln behandelt:

  • Mitwirkung des Jugendamtes in Verfahren nach dem Jugendgerichtsgesetz
  • Mit wem hat es die Jugendgerichtshilfe zu tun? Personen und Institutionen
  • Aufgaben und Handlungsschwerpunkte der Jugendgerichtshilfe
  • Stellungnahmen der Jugendgerichtshilfe
  • Hauptverhandlung und andere Gerichtstermine
  • Tücken der Strafgesetze
  • Rechtsfolgen der Tat
  • Organisation der Jugendgerichtshilfe
  • Statistik
  • Finanzierung von Maßnahmen

Ausführlich wird die Lebenswelt und die damit verbundenen Lebenslagen von Jugendlichen vorgestellt sowie die speziellen Probleme straffälliger junger Menschen aufgegriffen; zu den verschiedenen "Problemgruppen" von beispielsweise mehrfach straffälligen Jugendlichen, Drogenabhängigen, jungen Ausländern, Aussiedlern, Rechtsradikalen werden die differenzierten Aufgaben der Jugendgerichtshilfe umrissen. Weitere thematische Schwerpunkte des ersten Teils finden sich in den Unterkapiteln: Diversion, Täter-Opfer-Ausgleich, Vorrang von Jugendhilfeleistungen und Haftvermeidung. Anhand von Fallbeispielen werden Handlungsvorschläge als unmittelbare Hilfe für die Alltagspraxis angeboten.

Der zweite Teil des Buchs enthält folgende für die Praxis bedeutsame Arbeitshilfen und -muster:

  • Arbeits(platz)beschreibung
  • Infoblätter zur Jugengerichtshilfe
  • Briefe zur Kontaktaufnahme
  • Strukturierte Datenerhebung
  • Vorschlag zu Struktur und Inhalt einer sozialarbeiterischen Diagnose
  • Erhebungsbogen einschließlich Statistik
  • Produktbeschreibung
  • Informationen zum Versicherungsschutz für Jugendliche bei Ableistung richterlicher Weisungen und Auflagen

Den Abschluß bilden Literaturhinweise, eine Auswahlbibliographie sowie ein Stichwortverzeichnis.

Zielgruppen

Das Handbuch eignet sich für alle Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagogen der öffentlichen und freien Träger der Jugendhilfe, die junge Menschen vor, in und nach Strafverfahren begleiten und betreuen, darüber hinaus für MitarbeiterInnen der sozialen Dienste in der Justiz, für Juristen, die an einer interdisziplinären Zusammenarbeit interessiert sind. Lehrende, Studierende sowie PraktikantInnen im Bereich der sozialen Arbeit sind gleichfalls Adressaten.

Fazit und Kritik

Das inzwischen in 2. überarbeiteter Auflage erschienene Handbuch zeichnet sich durch eine klare Gliederung, einem gut durchdachten Aufbau und einer einfachen sowie verständlichen Sprache aus. Es enthält die wichtigsten Informationen für die praktische Arbeit in der Jugendgerichtshilfe und hält das Versprechen, als Praxisleitfaden konkrete Hilfen im Arbeitsalltag anzubieten. Das Engagement der AutorInnen gilt erfreulicherweise durchgängig den jungen Menschen, die in Schwierigkeiten geraten sind und denen sie mit Hilfsangeboten der Jugendhilfe begegnen wollen, um den justiziellen Strafanspruch zurückzudrängen. Zu Recht begreifen sich die AutorInnen in ihrem professionellen Selbstverständnis als Helfer - weniger gegenüber der Justiz und mehr gegenüber ihrer Klientel. Wie sehr sie in der Praxis der Jugendgerichtshilfe ihre KlientInnen kennengelernt haben, zeigt beispielsweise die einfühlsame Schilderung von Erfahrungen, die sie mit der Unsicherheit und Angst von jungen Angeklagten vor Gericht gemacht haben.

Die AutorInnen sollten in einer weiteren Auflage, die auf jeden Fall zu wünschen ist, ihre Aufmerksamkeit auf den Datenschutz richten. In den äußerst knapp gehaltenen Erläuterungen zu diesem – in der Praxis wohl auch eher vernachlässigten - Thema werden Unsicherheiten und Unzulänglichkeiten spürbar. Eine Auseinandersetzung zum Zeugnisverweigerungsrecht von Jugendgerichtshelfern fehlt gänzlich. In diesem Zusammenhang fällt negativ auf, dass die – mittlerweile umfangreiche - Kommentierung zu der zentralen Vorschrift von § 52 SGB VIII überhaupt nicht verwertet wird. Und schließlich noch ein juristischer Hinweis: wenn vom KJHG die Rede ist, wird übersehen, dass es sich um das SGB VIII handelt.

Gleichwohl kann das Handbuch ohne Einschränkungen empfohlen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Riekenbrauk
Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Klaus Riekenbrauk. Rezension vom 08.10.2002 zu: Rudolf Klier, Monika Brehmer, Susanne Zinke: Jugendhilfe in Strafverfahren - Jugendgerichtshilfe. Handbuch für die Praxis Sozialer Arbeit. Walhalla Fachverlag (Regensburg) 2002. 2., neu bearbeitete Auflage. ISBN 978-3-8029-7467-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/264.php, Datum des Zugriffs 28.03.2017.


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