Birgit Jansen, Fred Karl u.a. (Hrsg.): Soziale Gerontologie
Birgit Jansen, Fred Karl, Hartmut Radebold, Reinhard Schmitz-Scherzer (Hrsg.): Soziale Gerontologie. Ein Handbuch für Lehre und Praxis. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2000. 855 Seiten. ISBN 978-3-407-55825-1. 69,00 EUR.
Einführung in das Thema
Gerontologie ist eine Querschnittswissenschaft zum Thema Alter und Altern. Sie speist sich aus einer Vielzahl von beitragenden Einzelwissenschaften (u.a. Medizin, Psychologie, Sozialpolitik und Soziologie), anderen Querschnittswissenschaften (Sozialarbeitswissenschaft) sowie aus interdisziplinär angelegten Querschnittsansätzen (z.B. Geschlechterstudien, Gesundheitswissenschaften). Die Frage der Eigenständigkeit und der (wissenschafts-)theoretischen Positionierung der Sozialen Gerontologie, insbesondere gegenüber der stark medizinisch ausgerichteten Gerontologie ist nicht endgültig geklärt. Dennoch signalisiert die Bandbreite der in diesem Handbuch vorgestellten Ansätze eine erste Konsolidierung und das Erreichen einer gewissen Etablierung dieser Disziplin (erkennbar auch an der wachsenden Zahl von Lehrstühlen in der Bundesrepublik Deutschland). Die im ersten Kapitel des Handbuchs vorgelegten Übersichten über die Geschichte und den erreichten Stand der Entwicklung ("state of the art") in Deutschland, Österreich und der Schweiz belegen diese Einschätzung.
Hintergründe für die Entstehung des Buchs
Es gibt bereits ein deutschsprachiges Handbuch der Gerontologie und andere Überblicke über diese Disziplin. Die Herausgeber selbst werfen deshalb die Frage auf, inwieweit die Veröffentlichung dieses Handbuchs legitimiert werden könne. Ihre Antwort: die Ansätze, die im Aufbaustudiengang Soziale Gerontologie an der Universität Gesamthochschule Kassel entwickelt worden sind, sollen hier – dies zumindest eine unterschwellige Motivation – als "Kasseler Handbuch" durchaus auch als Gegenposition zu anderen in der Geschichte der deutschsprachigen Gerontologie vertretenen Akzentuierungen einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt und zur Diskussion gestellt werden. Die teilweise verschlungenen Entwicklungspfade der Disziplin, auch unter tätiger Beihilfe aus dem eigenen Haus, sollen dabei nicht verleugnet, sondern weiter ausgetragen werden. Mit diesen Hinweisen sind insbesondere die kontroversen Grabenkämpfe in den 60er und 70er Jahren zwischen Medizin und Psychologie sowie Psychologie und Sozialpolitik gemeint.
Aufbau und Inhalte des Buchs
Die Herausgeber bedauern das Fehlen von Beiträgen, die aus ihrer Sicht das Handbuch wesentlich bereichert hätten (z.B. eine Aufarbeitung regionaler Unterschiede des Alterns). Diese Auslassungskritik läßt sich wohl bei jedem Versuch eines Überblicks über eine Disziplin konstruieren. Immerhin verweist der Hinweis auf derartige fehlende Beiträge auf weitere Perspektiven, die der Bearbeitung harren (S. 10). Es bleiben ohnehin genug Anregungen für die NutzerInnen dieses Handbuchs. Nach dem schon erwähnten ersten Kapitel zu den Überblicken über Geschichte und Stand der Sozialen Gerontologie in Deutschland, Österreich und der Schweiz befaßt sich das zweite Kapitel mit disziplinären Perspektiven. Hierbei wird deutlich, aus wie vielen unterschiedlichen Perspektiven Alter und Altern wissenschaftlich betrachtet werden kann und muß. Neben den schon beispielhaft aufgeführten Basiswissenschaften gibt es u.a. Beiträge aus folgenden (Teil-)Wissenschaften: Philosophie, Sozialanthropologie, Alltagsgeschichte, Demographie, Haushaltswissenschaften, Sozialökonomie, Rechtswissenchaften, Erziehungswissenchaften, Thanatologie, Theologie. Die Beiträge sind naturgemäß sehr unterschiedlich angelegt, sie eignen sich aber in allen Fällen als Einstieg in eine systematischere und ausführlichere Beschäftigung mit den jeweiligen Ansätzen.
Das dritte Kapitel stellt einige "interdisziplinäre Anstöße" vor – Ansätze also, die ihrerseits Gegenstand interdisziplinärer Forschung sind, zugleich aber wichtige Bezüge zum Alter(n) aufweisen. Hierzu zählt u.a. eine Auseinandersetzung mit den Netzwerk-, Familien- und Generationenbeziehungen, der Gesundheit im Alter und den Geschlechterverhältnissen.
Im vierten Kapitel werden "lebensweltliche Aspekte" des Alter(n)s zur Diskussion gestellt. Dies ist eine Überschrift für besonders unterschiedliche Beiträge mit dabei unvermeidbaren Überschneidungen. Alltag im Alter, Häuslichkeit und Aspekte des Wohnens und des Lebens in der modernen Stadt sind Beispiele für die Lebenswelt von alten Menschen des "dritten Lebensalters". Pflege durch Angehörige, Pflege in Einrichtungen, Neue Leitbilder für Dienste im Gesundheits- und Sozialbereich und Rehabilitation im Alter sind Beiträge, die sich eher auf die Situation von alten Menschen des "vierten Lebensalters" konzentrieren. So deutlich wie hier wird in den Beiträgen aber nicht zwischen diesen Zielgruppen unterschieden – die Akzentuierung wird aber auch durch die Reihenfolge der Beiträge nahegelegt.
Der Charakter des Auswahl aus potenziell nicht vollständig zu berücksichtigenden Themen der Sozialen Gerontologie wird im fünften Kapitel besonders deutlich, in dem Handlungsfelder und berufspraktische Schwerpunkte exemplarisch vorgestellt werden. Hier finden sich Beiträge zu Aus-, Fort- und Weiterbildung, zu Beratung, Psychotherapie, Soziotherapie und Rehabilitation, zu kommunaler Altenplanung nach SGB XI sowie zur Modernisierung Sozialer Arbeit mit alten Menschen.
Das abschließende sechste Kapitel faßt Kommentare zur Zukunft Sozialer Gerontologie zusammen, die der Herausgeberkreis von ausgewählten Autorinnen und Autoren, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Praktiker und Praktikerinnen eingeholt hat. Diese Idee soll dazu beitragen, die Diskussion über die beitragenden AutorInnen dieses Handbuchs hinauszutragen. Die Lektüre dieses Kapitels vermittelt einen lebhaften Eindruck von der Vielfalt der Positionen und Einstellungen, die unter der Flagge der Sozialen Gerontologie segeln. Als abrundendes Endkapitel ist dieser Beitrag eine besonders hübsche Idee und trägt zur Lebendigkeit und zur Nutzungstauglichkeit dieses Handbuchs bei.
Ebenfalls nutzerfreundlich ist das umfangreiche Gesamtliteraturverzeichnis, das bei der Suche nach weiterführender Literatur ausgesprochen hilfreich sein kann. Die Angabe aller Adressen der beitragenden Personen kann ebenfalls als guter Service angesehen werden, weil auf diese Weise manche Diskussion aufgegriffen und fortgeführt werden kann.
Tauglichkeit für potentielle LeserInnen
Das Handbuch bietet einen vorzüglichen Überblick über den aktuellen Stand der Querschnittswissenschaft Soziale Gerontologie. Es ist eine Fundgrube für Anregungen und eignet sich besonders zum Einstieg in bestimmte Fragestellungen. Die nützliche Auswahl in der Literaturliste bietet dabei einen gute Hilfestellung.
Rezensent
Prof. Dr. Harro Dietrich Kähler
Redakteur des Internet-Rezensionsdienstes der socialnet GmbH
Homepage www.socialnet.de/ueber_socialnet/hkaehler.html
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Zitiervorschlag
Harro Dietrich Kähler. Rezension vom 01.11.2000 zu: Birgit Jansen, Fred Karl, Hartmut Radebold u.a. (Hrsg.): Soziale Gerontologie. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2000. 855 Seiten. ISBN 978-3-407-55825-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/27.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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Stefan Pohlmann: Sozialgerontologie
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