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Barbara Günther-Burghardt, Helga de Freese-Weers: [...] Fotografien und Geschichten zur Erinnerungspflege [...]

Cover Barbara Günther-Burghardt, Helga de Freese-Weers: Als ich Kind war. Fotografien und Geschichten zur Erinnerungspflege mit alten und dementen Menschen. verlag modernes lernen borgmann publishing (Dortmund) 2005. 30 Seiten. ISBN 978-3-938187-01-2. 29,80 EUR, CH: 51,30 sFr.

30 farbige Fotokarten in Schachtel.
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Über die Autorinnen

Barbara Günther-Burghardt ist künstlerische Fotografin und psychologische Psychotherapeutin; sie hat die Fotos erstellt. Helga de Freese-Weers ist freie Schriftstellerin sowie Kunsttherapeutin und arbeitet mit dementiell erkrankten Menschen; von ihr stammen die Bildtexte.

Aufbau, Inhalt, Ziele und Einsatzmöglichkeiten des Materials

Es handelt sich um 30 Fotokarten mit kurzen Geschichten, die Kindheitssituationen von alten Menschen ansprechen: z.B. Spielen, Verreisen, Küche, Wäsche, Nähen, Werken, Pflanzen, Tiere, Ausgehen, Schreiben, Musik, Spirituelles. Beigefügt ist eine Anweisungskarte mit Anregungen zum Gebrauch, die über die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten des Kartenmaterials informiert. Die Bilder und Texte zur Alltagswelt -gesehen aus der Perspektive eines Kindes - knüpfen an Kompetenzen alter und dementiell veränderter Menschen an, z.B. ihrem Langzeitgedächtnis und ihrer Fähigkeit, Stimmungen wahrzunehmen.

Ziel des Materials ist es, Türen zu eigenen und fremden Erinnerungen und Gefühlen, zu vergangenen und verloren geglaubten Lebenswelten zu öffnen und dabei zu helfen, dass Menschen mit ihrer Geschichte sichtbar bleiben. Die Arbeit mit den Karten soll Demenzkranken zumindest zeitweilig ermöglichen, ihrer Sprach- und Orientierungslosigkeit zu entkommen und Brücken der Verständigung mit Angehörigen oder Helfern zu betreten. Die Autorinnen gehen davon aus, dass die Karten überall da eingesetzt werden können, wo Hilfen für die oft schwierige Kommunikation mit alten und dementen Menschen benötigt werden:

  • im familiären Zusammensein
  • in der häuslichen Pflege von Angehörigen
  • in Altersheimen und Pflegestationen für Demenzkranke im Rahmen von Biografiearbeit, Kunst- und Ergotherapie
  • in der Hospizarbeit, in der das biographische Erinnern Lebenssinn erschließt und so das Abschiednehmen erleichtert.

Da die Bilder und die Geschichten jeweils für sich sprechen, können sie nicht nur im Bezug zueinander (Vorder- und Rückseite jeder Karte) sondern auch als unabhängige Impulse benutzt werden.

Beurteilung

Das Kartenmaterial ist ansprechend gestaltet: es ist robust und verspricht eine lange Lebensdauer; die Fotos sind aussagestark und von hoher ästhetischer Qualität. Die zugeordneten Texte beschreiben sehr behutsam und sensibel typische Alltagssituationen von Kindern aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Die sinnlichen Anregungen durch Bilder und Texte (besonders bezogen auf eine "weibliche Kindheit") dürften sich hervorragend als "Trigger" für die Erinnerungspflege eignen, vor allem, wenn sie den dementiell Erkrankten in einer Atmosphäre von Nähe und Vertrautheit dargeboten werden. Das Kartenmaterial "Als ich Kind war" erlaubt, diese Aufgabe sowohl professionellen Pflegekräften als auch Laienhelfern (z.B. Verwandten) zu übertragen, um bei den Demenzkranken Alltagskompetenzen zu erhalten und ihnen einen Zugang zur eigenen Identität zu ermöglichen. Bei geschätzten 800 000 an Alzheimer erkrankten Menschen und etwa 400 000 demenzkranken BewohnerInnen von Alten- und Pflegeheimen in Deutschland kann von einem immensen Bedarf an Materialien zur Erinnerungspflege und Biographiearbeit ausgegangen werden, auf den sich Altenhilfe sowie Pflegewissenschaften einzustellen haben. Verfügen Betreuungspersonen über keine Kenntnisse der Lebensgeschichte von Demenzkranken, besteht leicht die Gefahr der Fehlinterpretation ihres kommunikativen Verhaltens. Da nicht oder permanent falsch verstandene Patienten ihre Kommunikationsversuche schließlich resigniert einstellen werden, ist es wichtig, über mitgeteilte Erinnerungen das Identitätsgefühl der Demenzkranken zu erhalten.

Fazit

Durch ihren offensichtlichen Lebensweltbezug erscheint die Publikation der Autorinnen Barbara Günther-Burghardt und Helga de Freese in besonderer Weise geeignet zu sein, Erinnerungen an vergangenes Leben zu pflegen und dadurch die Identität alter und dementiell erkrankter Menschen zu bewahren. Das Foto- und Textkartenmaterial von "Als ich Kind war" wird sowohl in der stationären Betreuung Demenzkranker seinen Platz finden als auch in der ambulanten Altenhilfe von Nutzen sein können - eine weite Verbreitung ist ihm jedenfalls in Bezug auf eine Verbesserung der leider häufig anzutreffenden rudimentären Standardkommunikation im Pflegealltag sehr zu wünschen.


Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Koch
FH Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit


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Zitiervorschlag
Rüdiger Koch. Rezension vom 26.04.2005 zu: Barbara Günther-Burghardt, Helga de Freese-Weers: Als ich Kind war. Fotografien und Geschichten zur Erinnerungspflege mit alten und dementen Menschen. verlag modernes lernen borgmann publishing (Dortmund) 2005. ISBN 978-3-938187-01-2. 30 farbige Fotokarten in Schachtel. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2701.php, Datum des Zugriffs 25.07.2016.


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