Matthias Richter: Gesundheit und Gesundheitsverhalten im Jugendalter
Matthias Richter: Gesundheit und Gesundheitsverhalten im Jugendalter. Der Einfluss sozialer Ungleichheit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 347 Seiten. ISBN 978-3-531-14528-0. 34,90 EUR, CH: 60,40 sFr.
Hintergrund und Thema des Buches
Im Gegensatz zu Erwachsenen ist in Deutschland der Kenntnisstand über die gesundheitliche Lage von Jugendlichen relativ gering. Auch zum Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und der Gesundheit bei Jugendlichen liegen bisher nur rudimentäre Forschungsresultate vor. Anhand der international vergleichenden Studie "Health Behaviour in School-aged Children" (HBSC) der Weltgesundheitsorganisation präsentiert Matthias Richter repräsentative Daten über den Gesundheitszustand und das Gesundheitsverhalten vor dem Hintergrund der sozialen Kontexte Jugendlicher. Ein weiteres Anliegen des Buches ist es, die Bedeutung sozialer Einflussfaktoren für die Gesundheit genauer zu analysieren, sowie der Frage nachzugehen, ob schulische Maßnahme und Peer Group bezogene Effekte dazu beitragen können, sozial bedingte gesundheitliche Ungleichheiten im Jugendalter abzubauen.
Der Autor
Dr. Matthias Richter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld.
Aufbau und Inhalt
In Kapitel 2 wird der Forschungsstand zum Thema "Soziale Ungleichheit in Deutschland" kompetent zusammenfassend dargestellt. Der Autor kommt dabei zu dem Fazit, "dass die vertikale Dimension sozialer Ungleichheit, und damit auch das Sozialschichtkonzept, wenig von seiner Aktualität und Bedeutung verloren hat" (S.29). Empirische Befunde zum Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und der Gesundheit im Erwachsenenalter werden in Kapitel 3 umfassend rezipiert.
Das folgende Kapitel zum gleichen Thema hat dann Jugendliche im Blickfeld. Trotz der für Deutschland schlechten Datenlage gelangt der Autor zu dem Fazit, dass in der Adoleszenz im Vergleich zum Erwachsenenalter kein konsistentes Muster sozialer Ungleichheit existiert. Die Resultate sind eher widersprüchlich und inkonsistent.
Unter den in Kapitel 5 referierten Erklärungsansätzen gesundheitlicher Ungleichheit kommt den speziell auf Jugendliche abzielenden Erkärungsfaktoren "Hypothese latenter Unterschiede" und "Pufferhypothese" besondere Bedeutung zu.
In den Kapiteln 6-8 werden die Fragestellungen, die Methodik und die Ergebnisse des deutschen Teils der WHO-Studie "Healthy Behaviour in School-aged Children" dargestellt. Die Stichprobe umfasst 5.650 Jugendliche im Alter von 11-15 Jahren aus den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Hessen, Sachsen und Berlin. Im Zentrum der Auswertung steht das Ausmaß sozialer Ungleichheit für eine Vielfalt gesundheitsbezogener Merkmale. Berücksicht werden dabei die folgenden abhängigen Variablen:
- Subjektive Gesundheit (psychosomatische Beschwerden),
- Allergien,
- Lebenszufriedenheit),
- Unfallrisiken,
- Gewalterfahrungen,
- Substanzkonsum (Tabak, Alkohol, illegale Drogen),
- Ernährungsgewohnheiten,
- Erfahrungen mit Diäten und körperliches Aktivität.
Darüber hinaus wird untersucht, in welchem Maße soziale Ressourcen und schulbezogene Einflussfaktoren für die Ausformung der gesundheitsbezogenen Merkmale von Bedeutung sind. Die methodisch kompetente Analyse des Datenmaterials ergibt eine Fülle von bisher für Deutschland kaum bekannter Resultate. Der Autor kommt dabei zu dem Schluss, dass "die soziale Ungleichheit keinen universellen Einfluss auf das Gesundheitsverhalten der 11-15-Jährigen hat" (S.222). Durch die alterspezifischen Analysen kann allerdings belegt werden, dass sich das Gesundheitsverhalten Jugendlicher mit zunehmendem Alter in stärkerem sozial differenziert. Hinsichtlich der "Schul- und Peervariablen" gelangt der Autor zu dem Fazit, dass diese Einflussfaktoren einen gewichtigen Einfluss auf ausgewählte Aspekte der Gesundheit und des Gesundheitsverhaltens ausüben (S.241).
Im abschließenden Kapitel werden unter Berücksichtigung der Hauptresultate der HBSC-Studie praxisrelevante Schlussfolgerungen für die Prävention und Gesundheitsförderung formuliert. Ein zentrales Thema ist dabei die Gesundheitsförderung sozial benachteiligter Jugendlichen. Dazu werden von dem Autor die folgenden Empfehlungen ausgesprochen:
- Veränderung der sozialstrukturellen Bedingungen,
- Integration von Gesundheitsdeterminanten in unterschiedliche Politikbereiche wie Erziehung, Bildung, Wirtschaft, Finanzen und Wohnungsbau,
- Unterstützung sozial benachteiligter Familien bei Belastungen und Krisensituationen,
- Stärkung personaler Ressourcen von Kindern und Jugendlichen,
- Abbau von Zugangschancen.
Zielgruppen
Das Werk richtet sich primär an forschende GesundheitswissenschaftlerInnen und MedizinsoziologInnen. Zudem werden interessierte PraktikerInnen aus den Bereichen Medizin, Sozialpädagogik und Gesundheitspsychologie angesprochen.
Fazit
Das Buch liefert einen aktuellen und methodisch versierten Beitrag, um das Beziehungsgeflecht zwischen sozialer Ungleichheit im Kontext von Schule und Peer-Group weiter aufzuhellen. Die umfassenden theoretischen Ausführungen, die methodische Herangehensweise und die präsentierten Resultate sind sowohl von großem Interesse für ForscherInnen als auch für interessierte PraktikerInnen.
Rezensent
Prof. Dr. Uwe Helmert
Universität Bremen
Zentrum für Sozialpolitik
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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 28.06.2005 zu: Matthias Richter: Gesundheit und Gesundheitsverhalten im Jugendalter. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 347 Seiten. ISBN 978-3-531-14528-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2719.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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