Jürgen Budde: Männlichkeit und gymnasialer Alltag
Jürgen Budde: Männlichkeit und gymnasialer Alltag. Doing Gender im heutigen Bildungssystem. transcript (Bielefeld) 2005. 267 Seiten. ISBN 978-3-89942-324-2. 25,80 EUR, CH: 45,20 sFr.
Reihe: Theorie bilden - Band 2.
Thema
Wie stellen Jungen in der gymnasialen Mittelstufe Geschlecht her? Durch Beobachtung von Jungen aus drei Klassen eines Gymnasiums, über drei Jahre hinweg, werden Praktiken des doing-gender in der Schule aufgezeigt und anlysiert. Innerhalb der Genderforschung stellt diese Arbeit einen Versuch dar, durch ethnografische Beobachtung das doing-gender von Jungen innerhalb des Beobachtungsfeldes Schule zu erfassen. Hier wird aufgezeigt in wieweit sich gängige Theorie in der Praxis nachweisen lässt und welche praktische Relevanz sich daraus für zukünftige Gestaltung pädagogischen Alltags ergeben kann.
Aufbau und Inhalt
Jürgen Budde nähert sich über eine historische Sichtweise der Geschlechter dem Begriff des "doing-gender". Er verbindet die Theorien Bourdieus, Butlers und Connells zu einem schlüssigen Gesamtkonzept von Männlichkeit als sozialer Kategorie. Macht, Hierarchie, Konkurrenz und Solidarität spielen eine zentrale Rolle in der Gestaltung der Beziehungen der Jungen untereinander. Durch Beobachtung und Interpretation schlägt Budde eine Brücke zwischen Theorie und konkreter Praxis des "doing-gender" und leitet schließlich eigene Schlüsse ab.
- Im ersten Kapitel widmet sich Budde der historischen Entwicklung der Herstellung von Geschlecht. Durch die Verortung des Subjekts im dichotomen Geschlechterkontext gelangt er zu der von Judith Butler beschrieben Subjektivation innerhalb der "heterosexuellen Matrix" und somit auch gleich zum Begriff des "doing gender".
- Im zweiten Kapitel findet besonders der Machtaspekt von Geschlechtszugehörigkeit und Geschlechtsrollengestaltung Beachtung. Budde verbindet Bob Connells "Hegemoniale Männlichkeit" mit Bourdieus "Habituskonzept" und entwirft so ein Bild ordnender Struktur im Sinne eher traditioneller Geschlechternormen.
- Das dritte Kapitel ist den Umständen der Untersuchungsdurchführung gewidmet. Das Gymnasium und die drei beobachteten Klassen werden vorgestellt, ebenso wie die Methode der "Ethnographischen Beobachtung". Budde erläutert hier zudem seine aus der Theorie abgeleiteten Analyseverfahren.
Im vierten, fünften und sechsten Kapitel werden Beobachtungen aus dem Schulalltag beschrieben und in Bezug zur Theorie ausgewertet. Verhalten wird unter dem Gesichtspunkt des persönlichen Gewinns, bzw. der Vermeidung von Verlust im Sinne der Bourdieuschen Kapitalien und Connells hegemonieler Männlichkeit gewertet. Durch diesen Zugang können die Verhaltensweisen der Jungen neu interpretiert werden.
- Im vierten Kapitel werden die Interaktionen der Schüler untereinander und im Kontakt mit Mädchen beleuchtet. Herstellung von Geschlecht geschieht hier zwischen Komplizenhaftigkeit und Ausschluss, immer aber unter Berücksichtigung von Hierarchie und Eindeutigkeit der eigenen Geschlechtesrolle.
- Im fünften Kapitel geht es um das Verhalten der Jungen als "Schüler" innerhalb der Institution Schule. Budde zeigt auf wie sich unterschiedliche Motive ergänzen, aufheben oder in einander greifen: doing-gender, doing-adult, doing-student.
- Im sechsten Kapitel werden Transformationen von Männlichkeiten beschrieben. Von Legitimierungsstrategien, Irritationen, Abweichungen und Verwirrung in Abgrenzung zu klaren Rollenerwartungen und Rollenverhalten ist hier die Rede.
- Im siebten Kapitel zieht Jürgen Budde sein Fazit. Er fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen und entwickelt Aussichten auf zukünftige pädagogische Praxis.
Zielgruppen
Für Fachleute die sich inhaltlich und methodisch mit Geschlechterforschung und Konstruktion von Männlichkeiten beschäftigen und für alle die sich für die Sozialisation von Jungen interessieren.
Diskussion
Kapitel Eins und Zwei bieten eine hervorragende Einführung in den Genderdiskurs. Die Erläuterungen zu Ethnographischen Forschungsmethoden werden schlüssig vermittelt und die Kapitel Vier, Fünf und Sechs bieten exemplarisch Einblick in deren Anwendung. Kapitel Sieben ließe mehr Struktur und Ausführlichkeit erwarten und fällt im Verhältnis zu dessen Gehalt recht kurz aus.
Der Text ist streckenweise sehr gut lesbar, vor allem in den beschreibenden Kapiteln. Bei der Erläuterung von theoretischen Zusammenhängen zeigt sich eine Neigung die Komplexität der Inhalte auch stilistisch zum Ausdruck zu bringen. Hier wird der Text teilweise schwer lesebar. Zu wünschen ist, dass bei einer neuen Auflage die relativ häufig auftretenden Textfehler (Satzbau, Rechtschreibung, Auslassungen) Beachtung, bzw. ein Ende finden.
Der Versuch zentrale Ansätze der Geschlechterforschung in der Analyse eines eingegrenzten relevanten Settings einzusetzen ist hier nachvollziehbar und im besten Sinne diskussionswürdig gelungen.
Die breiten Kenntnisse und die detaillierte Darstellung von Ansätzen der Genderforschung sprechen für die hohe fachliche Qualifikation des Autors.
Fazit
Die Darstellung der Thoerie in den ersten zwei Kapiteln zeigt sich hier kompakt und gründlich und ist als Zusammenfassung und Überblick unbedingt empfehlenswert. Die exemplarische Bearbeitung in der Untersuchungsdurchführung ist anregend und anschaulich.
Insgesamt ist dieses Buch sehr zu empfehlen.
Rezensent
M.A., Dipl. Soz.-Päd. Gregor Prüfer
War mehr als 10 Jahre tätig in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit; Aktiv in der Vernetzung von Jungenarbeit in München seit 1993 (www.netzwerk-jungenarbeit.de), Freiberuflicher Fortbildungsreferent zu Themen der Genderpädagogik und zu Gender Mainstreaming seit 1999. Seit 2005 Mitarbeiter im Münchner Informationszentrum für Männer mit den Schwerpunkten Männerberatung und Gruppenarbeit für Männer mit Gewalthintergrund (www.maennerzentrum.de), seit WS 2008/09 zusätzlich Lehrbeauftragter an der Katholischen Stiftungsfachhochschule für Sozialwesen in München (www.ksfh.de). Seit Januar 2011 außerdem Mitarbeiter am Pädagogischen Institut in München, zuständig für Genderpädagogik und Jungenförderung an den Städtischen Münchner Schulen (www.pi-muenchen.de).
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Zitiervorschlag
Gregor Prüfer. Rezension vom 01.11.2005 zu: Jürgen Budde: Männlichkeit und gymnasialer Alltag. transcript (Bielefeld) 2005. 267 Seiten. ISBN 978-3-89942-324-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2738.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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