Peter Winterhoff-Spurk: Kalte Herzen. Wie das Fernsehen unseren Charakter formt
Peter Winterhoff-Spurk: Kalte Herzen Wie das Fernsehen unseren Charakter formt. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2005. 271 Seiten. ISBN 978-3-608-94102-9. 19,90 EUR, CH: 38,40 sFr.
Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-608-94557-7 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Autor
Der Autor Peter Winterhoff-Spurk ist Professor für Psychologie und Leiter der Arbeitseinheit für Medien- und Organisationspsychologie an der Universität Saarbrücken. Er erforscht seit 20 Jahren die emotionalen Auswirkungen der Medien auf den Zuschauer und gehört zu den führenden Repräsentanten psychologischer Medienforschung in Deutschland mit einem wachen Interesse an der pädagogischen Medienpraxis. Weitere lieferbare Titel:
- Die ganz alltägliche Gewalt (1996)
- Fernsehen (2001)
- Organisationspsychologie (2002)
- Medienpsychologie (2004)
Inhalt
Das Fernsehen - und hier vor allem das Privatfernsehen - verändert den Sozialcharakter der Menschen. Dieser, beeinflusst von psychischen Eigenschaften und Verhaltensweisen, war immer schon Veränderungen unterlegen, beispielweise sprach man am Anfang des 20. Jahrhunderts vom nervösen, später vom autoritären und narzisstischen Charakter. In der globalen Inszenierungsgesellschaft unserer Zeit ist, so die These des Autors, ein neuer Sozialcharakter entstanden: Der Histrio (Lat. "histrio" = Schauspieler), schnell erregt, oberflächlich, labil, unfähig zu differenzierendem Denken, erlebnishungrig und egozentrisch, mit einem deutlichen Hang zu theatralischen Reaktionen. Hauffs Märchen vom kalten Herzen, in dem der arme Köhler Peter Munk dem reichen Holländermichel für den Gegenwert von Reichtum und Ansehen sein Herz verkauft und anstelle dessen einen kalten Stein erhält, dient der thematischen Einleitung, die hinführt zu der Feststellung, dass vor allem das Privatfernsehen als "Affektfernsehen" die Gefühle des heutigen Fernsehkonsumenten für kommerzielle Zwecke instrumentalisiert und dabei effiziente Gefühlsarbeit leistet. Die Protagonisten dieses Medium, Histrios allesamt, sind also gute Gefühlsarbeiter, Verkäufer von Gefühlen, Schauspieler. Und sie wirken auf eine Generation ein, deren Kindheit geprägt ist von Bindungsunsicherheit und der Unmöglichkeit, ein stabiles Selbstkonzept zu entwickeln.
Es folgt eine Fülle von Beispielen zu dieser These. Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl müssen mit ihrer Vita als Beleg für die aus einer bindungsunsicheren Kindheit erwachsenen Vertreterinnen des Starsystems (kollektive Projektion der Wünsche und Phantasien der vielen Unbedeutenden) herhalten. Im Fernsehzeitalter wird dieses System auf Show- und Talkmaster, Entertainer, Moderatoren, Rock- und Popstars, Prominente und Politiker übertragen. "Stalking", vor allem bei selbstunsicheren Jugendlichen aus instabilen Familien, das Beispiel des Lennon-Mordes und Woody Allens "The Purple Rose of Cairo" dienen als Beleg für eine aufgeheizte Idolisierung, für die Identifizierung mit einem geborgten Ich-Ideal. Der Handlungsraum der Seifenopern und Serien wiederum kommt dem Lebensgefühl des Histrio entgegen durch Action (die allerdings in 45 Minuten abgearbeitet sein muss), aufgeheizte Emotionalität, Glamour und parasoziale Nestwärme.
Den Sehpräferenzen von Kindern und Jugendlichen sind weitere Kapitel gewidmet, in denen die Rolle der Sozialschichten und Milieugruppen (ein Arbeiterkind schaut doppelt so viel fern wie ein Kind aus Intellektuellenmilieu, ein Hauptschüler doppelt soviel wie ein Gymnasiast) untersucht wird. Das simple Muster, mit dem Seifenopern, Sitcoms, Krimi- und Krankenhausserien gestrickt sind, wird ebenso analysiert und zerpflückt, wie die zu Infotainment verkommenden Nachrichtensendungen. Das Fernsehen betreibt Stimmungsmanagement, wird zum emotionalen Erlebnismedium, dramatisiert und übertreibt, ein histrionisches Medium, das zu mentaler Oberflächlichkeit erzieht.
Es folgen noch eine kurze Abhandlung über den Zusammenhang von Fernsehen und Gewalt (Colombine High School, Gutenberg-Gymnasium Erfurt) und Daten und Zahlen zur täglichen TV-Nutzungszeit im Hinblick auf Körpergewicht und einer Diabetes-Variante. Die Wirkung des Hörspiels "Die Invasion vom Mars" (1938) soll noch einmal den Realitätsverlust unterer Bildungsschichten belegen und mit dem Beispiel der medialen Selbstinszenierungen von Politikern, die die Qualität von Showstars haben sollten, um histrionische Wähler zu animieren, der Verlust von Ernsthaftigkeit und Urteilskraft.
Durchaus hoffnungsvoll endet das Buch: Hauffs Peter Munk wird durch die Liebe seiner Frau gerettet und erhält sein warmes Herz zurück. Die Heilung für den Histrio wären familiäre Bindungssicherheit und das Erlernen von Medienkompetenz in Schule und Elternhaus.
Fazit
Ein kenntnisreiches, mit vielfältigen Daten, Zahlen, Zitaten und Studien unterlegtes Buch - ein umfangreicher bibliographischer Anhang rundet es ab - das für Medienwissenschaftler interessant ist und für Eltern und Pädagogen manch hilfreiche Erklärungen und Hinweise zum Umgang mit dem "unheimlichen" Erzieher, der "invisible religion" Fernsehen bietet.
Anmerkung der Redaktion: Zu diesem Buch liegt eine weitere Rezension vor.
Rezensentin
Dorothea Dohms
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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 07.06.2005 zu: Peter Winterhoff-Spurk: Kalte Herzen. Wie das Fernsehen unseren Charakter formt. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2005. 271 Seiten. ISBN 978-3-608-94102-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2755.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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