Harro Kähler: Soziale Arbeit in Zwangskontexten. Wie unerwünschte Hilfe erfolgreich sein kann
Harro Kähler: Soziale Arbeit in Zwangskontexten. Wie unerwünschte Hilfe erfolgreich sein kann. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2005. 136 Seiten. ISBN 978-3-497-01745-4. 16,90 EUR.
Zielsetzung und Zielgruppen
Die vorliegende Publikation zu Zwangskontexten Sozialer Arbeit setzt sich mit der Frage der Kontaktaufnahme dieses spezifischen Klientels auseinander. Ziel ist eine systematische Präsentation und empirische Fundierung bisheriger Veröffentlichungen, um eine Einführung in die professionelle Arbeit in Zwangskontexten zu ermöglichen. Das Buch wendet sich insbesondere an Studierende und Fachkräfte Sozialer Arbeit und verwandter Arbeitsbereiche. Der Autor Dr. Harro Dietrich Kähler ist Professor für Soziologie am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Fachhochschule Düsseldorf und Redakteur des Internet- Rezensionsdienstes für Fachbücher zu Sozialwirtschaft und Sozialwesen www.socialnet.de/rezensionen.
Aufbau und Übersicht über die behandelten Themen und Inhalte
Das Buch ist in acht Kapitel untergliedert.
Das erste Kapitel ist der Themenstellung und Hinweisen zur Lektüre vorbehalten. Hier wird der zentrale Titelbegriff "Zwangskontext" bereits als anfängliche Arbeitsdefinition in kurzen Erläuterungen als eine von außen oder fremdinitiierte Kontaktaufnahme einer sozialen Einrichtung definiert. Eine vom Verfasser durchgeführte empirische Studie, auf die im Text vielfach verwiesen wird und die aus dem Internet (www.reinhardt-verlag.de) heruntergeladen und parallel zum Lesen verwandt werden kann, dient der Verdeutlichung und Fundierung empirischer Erkenntnisse. Diese Ergebnisse werden im Buch mit grauen Balken markiert und erleichtern die Trennung zwischen Erläuterungstext und der Studie außerordentlich.
Im zweiten Kapitel wird die Entstehung von Klientenkontakten nach der Häufigkeit - selbst- oder fremdinitiiert - thematisiert. Weil in der Sozialen Arbeit die Ausrichtung auf das so genannte "freiwillige" Klientel dominiert und dieser Vorstellung in der Ausbildung Studierender noch Vorschub geleistet wird, verweist der Autor gleich zu Beginn darauf und versucht der Idealsichtweise zu begegnen, denn über alle untersuchten Arbeitsfelder hinweg ist nur ca. ein Drittel selbstinitiiert. Ausgehend von der Doppelfunktion von Hilfe und Kontrolle wird auf den unsichtbaren Dritten reflektiert, den Gesetzgeber oder die Person des sozialen Netzwerkes des Klienten im Hintergrund, der zu einer Begegnung mit der Sozialen Arbeit beigetragen hat.
Das dritte Kapitel setzt sich mit Initiativen zur Entstehung von Klientenkontakten auseinander. Beginnend mit Beispielen unterschiedlicher Art der Aufnahme von Kontakten wird schnell deutlich, dass vor allem dann Hilfe gesucht wird, wenn Schlimmeres abgewendet werden soll (Wenn du nicht zur Therapie gehst, verlasse ich dich.). Von Zwangskontext kann insofern nur dann gesprochen werden, wenn die Kontaktaufnahme durch Initiative des formellen und informellen Netzes oder durch rechtliche Vorgaben erfolgt. Ein Klient wird nur dann selbst Kontakte aufnehmen können, wenn er handlungsfähig ist, d.h. persönlichkeitsbezogene Voraussetzungen besitzt, er einen geeigneten Sozialen Dienst findet, den Nutzen höher bewertet als eventuelle Sanktionierungen oder sich berechtigt fühlt, diese Hilfe auch annehmen zu können. In den folgenden Ausführungen werden die Ergebnisse der empirischen Studie untermauert, Initiativen diesbezüglich konkret vorgestellt und Einrichtungen genannt, die vorwiegend entweder aus Eigeninitiative oder durch äußere Einflüsse aufgesucht werden.
Im vierten Kapitel werden weitere Einflüsse auf die Kontaktaufnahme heraus gearbeitet, wobei insbesondere die Art und Stärke der verfügbaren Sanktionen eine Rolle spielen dürften. Deshalb erfolgt eine Differenzierung nach Druckmitteln, Pushfaktoren genannt, und Anreizen, die als Pullfaktoren bezeichnet werden. Sehr ausführlich werden danach diese Faktoren mit Ergebnissen der eigenen Studie des Autors aus der Sicht von Fachkräften belegt. In weiteren zwei Unterkapiteln wird zur Dynamik und Mehrdimensionalität Stellung genommen. So muss in Betracht gezogen werden, dass sich das Kräfteverhältnis bei der Entstehung von Klientenkontakten ändern kann, sich Wirkungen neutralisieren oder verschieben können (S. 56). Bei allen Betrachtungen zur Kontaktaufnahme zu Sozialen Diensten wird zwischen zwei Ebenen unterschieden: Die erste Ebene ist die Initiative Kontakt aufzunehmen und die zweite ist die Motivation, die Lebenslage verändern zu wollen, um dann Push- und Pullaspekte unter diesen beiden Dimensionen bestimmen zu können.
Kapitel fünf beschäftigt sich mit dem Verhalten von Klienten in Zwangskontexten, um sich typische Reaktionsweisen des Klientels zu vergegenwärtigen. Leider wird die für viele Leser interessante Reaktanztheorie von Brehm und Brehm (1993) nur sehr kurz und eingeschränkt vorgestellt, die von der Annahme ausgeht, dass sich Menschen gegen Einschränkungen ihrer Autonomie wehren, wobei nur dann von Reaktanz gesprochen werden kann, wenn eine von außen vorgenommene Einschränkung auch individuell als Einengung empfunden wird. In den folgenden Ausführungen werden Erkenntnisse der Literatur und Forschung zu den unterschiedlichen Ausprägungen der Reaktanz bei Kontaktaufnahme in Zwangskontexten zusammengefasst. Die empirischen Befunde verdeutlichen, dass von außen initiierte Kontaktaufnahmen zu klientenspezifischen Reaktionen führen, die als Reaktanz interpretiert werden können. Dieses Kapitel bleibt m.E. etwas hinter den Erwartungen zurück, weil es nicht vermag, Formen der Reaktanz, die empirisch zwar benannt werden, theoretisch differenziert heraus zu arbeiten.
Kapitel sechs ist dem Verhalten von Fachkräften in Zwangskontexten gewidmet. Der Autor verweist auf deren nachvollziehbare Reaktion der möglichen Ablehnung und Meidung gegenüber Klienten, die nicht von sich aus Kontakt zum Sozialen Dienst aufgenommen haben und stellt gleichzeitig die wohl berechtigte Frage, ob Arbeit in Zwangskontexten überhaupt sinnvoll ist, weil sich unter dieser Annahme gravierende Probleme in der Berufsidentität von Sozialarbeitern ergeben könnten. Mit Hilfe der erwähnten eigenen Studie wird nachgewiesen, dass je häufiger und stärker die Zwangskontexte in einer entsprechenden Einrichtung ausgeprägt sind, desto geringer die Anerkennung der Arbeit mit dem Klientel ist. Die Arbeit unter diesen Voraussetzungen zieht eine starke Belastung für die Fachkräfte nach sich, denn die an die Arbeit gestellten Anforderungen sind sehr hoch und die Tendenz zur Ausprägung eines Burn-out-Syndroms sind ungleich höher, wenn auch diese Tendenzen ungleich verteilt und abhängig von der Art der Einrichtung sind.
Im siebenten Kapitel wird der Umgang mit Klienten in Zwangskontexten thematisiert. Die Herstellung von Transparenz in der Hilfeleistung und die Klärung der spezifischen Rollen zwischen Fachkraft und Klient sind wesentliche Voraussetzungen einer erfolgversprechenden Arbeit. Das Freiwilligkeitspostulat, das sich auf zwei Aspekte bezieht - die Initiative zur Kontaktaufnahme und die Motivation auf Veränderung der Lebenslage - als eine zentrale Annahme, von der Fachkräfte Sozialer Arbeit ausgehen, sollte der Realität angepasst werden. Vor allem muss versucht werden, aus nicht oder gering motivierten Klienten Verbündete im Veränderungsprozess zu machen. Etwas ungewöhnlich mutet an, dass obwohl das gesamte Buch Probleme differenziert darstellt, die mit Zwangskontexten verbunden sind, im Unterkapitel 7.2 auf Chancen verwiesen wird, die bei Zwang eröffnet werden, weil sich dann etwas in Bewegung setzt, was sonst nicht in Bewegung käme (S. 89). Sehr hilfreich für die tägliche Arbeit von Fachkräften ist die ausführliche Diskussion der angemessenen Methoden unter Zwangskontexten. Abschließend wird auf zwei Vorschläge eingegangen, die helfen könnten, die schwierige Konstellation zwischen den Partnern in Zwangskontexten zu verbessern: 1. die Vereinbarung einer Probezeit für drei bis fünf Wochen und 2. die Trennung von Beratung und Kontrolle, die häufig in Personalunion durchgeführt wird. Beide Vorschläge sind allerdings in anbetracht der geringen Ressourcen der Ämter schwer zu realisieren.
Das letzte Kapitel steht unter der Thematik "Beratung unter Zwang: Allgemeine und besondere Aspekte". Es wird heraus gearbeitet, dass der Begriff "Zwangskontext" für sehr unterschiedliche Ausprägungen eingeschränkter Autonomie der Klienten angewandt wird. Immer dann, wenn der Kontrollauftrag einer Einrichtung auf den Schutz anderer Menschen gerichtet ist, erhält die Fachkraft-Klient-Beziehung einen größeren Zwangscharakter. Zu Abschluss des Kapitels wird auf arbeitsfeldübergreifende Aspekte verwiesen, die Fachkräften Hilfe und Unterstützung in diesem komplexen Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit geben sollen.
Fazit
Die vorliegende Publikation hält, was sie verspricht. Es ist eine systematische Präsentation und empirische Fundierung bisheriger Veröffentlichungen und eine überzeugende Argumentation für die tägliche Arbeit von Fachkräften Sozialer Arbeit in Zwangskontexten. Sie zeichnet sich durch eine stringente Gliederung und einen klaren Sprachstil aus, der für die gewählten Zielgruppen äußerst angemessen ist. Besonders positiv hervor zu heben sind die Vorschläge und Arbeitshinweise, die durch konkrete Fragestellungen des Herangehens in Tabellen und Übersichten verdeutlicht werden und jedem, der in diesem Feld tätig ist, eine fundierte Handlungshilfe sein kann. Die Untermauerung der Ausführungen mit der eigenen Forschungsstudie des Autors, ist sehr übersichtlich und anwendungsbereit aufgearbeitet. Ein Wermutstropfen scheint mir zu sein, dass die immer wieder aufs Neue heraus gearbeiteten Probleme, die sich aus der Nichtfreiwilligkeit der Klienten ergeben, teilweise zu Wiederholungen und Überschneidungen führen.
Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Jugendsoziologie und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 24.05.2005 zu: Harro Kähler: Soziale Arbeit in Zwangskontexten. Wie unerwünschte Hilfe erfolgreich sein kann. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2005. 136 Seiten. ISBN 978-3-497-01745-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2759.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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