Björn Kraus: Konstruktivismus - Kommunikation - Soziale Arbeit
Björn Kraus: Konstruktivismus - Kommunikation - Soziale Arbeit. Radikalkonstruktivistische Betrachtungen zu den Bedingungen des sozialpädagogischen Interaktionsverhältnisses. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2002. 233 Seiten. ISBN 978-3-89670-312-5. 21,00 EUR, CH: 37,00 sFr.
Mit einem Vorwort von Micha Brumlik.
Das Thema
Wie passen die Grundannahmen des Radikalen Konstruktivismus zu sozialpädagogischen Fragestellungen? Das will Björn Kraus in seiner hier veröffentlichten Dissertation untersuchen.
Der Autor / der Hintergrund
Björn Kraus leitet das Kinder- und Jugendbüro des Stadtjugendamtes Kaiserslautern. Er ist Diplom-Sozialpädagoge sowie systemischer Therapeut und Berater. Für seine Promotion an der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Universität Heidelberg verfasste er die vorliegende Dissertation. Als Lehrbeauftragter ist Björn Kraus an der Fortbildung der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen beteiligt.
In seinem "Verlag für Systemische Forschung" will der Carl-Auer-Systeme-Verlag auch speziellen systemischen Forschungsarbeiten ein Forum bieten. Micha Brumlik schrieb das Vorwort zu Björn Kraus Veröffentlichung.
Der Inhalt
Nachdem der Radikale Konstruktivismus, wie ihn von Glasersfeld, von Foerster, Watzlawick und Maturana vertreten, in den Sozialwissenschaften insgesamt und in der Sozialen Arbeit speziell diskutiert und z.T. übernommen wird, will Björn Kraus in seiner Dissertation untersuchen, in wieweit sozialpädagogische Grundpositionen mit den Grundannahmen des Radikalen Konstruktivismus zu vereinbaren sind.
Dabei geht Kraus von einem erziehungswissenschaftlich geprägten Verständnis sozialer Arbeit aus und begreift sozialpädagogisches Handeln als subjektorientiertes und intentional-pädagogisches Handeln. Dieses pädagogische Handeln agiert dabei - so Kraus - in der Spannung zwischen Lebenswelt-Orientierung und Durchsetzung gesellschaftlicher Normalitätsvorstellungen.
Die Schwerpunkte seiner Arbeit behandelt Kraus, indem er die verwendeten Begriffe genau definiert und klärt, wichtige AutorInnen mit ihren Positionen vorstellt und diskutiert und schließlich eigene Vorschläge zur Kompatibilität von Sozialpädagogik und Radikalem Konstruktivismus vorlegt.
Im ersten Teil der Arbeit behandelt Björn Kraus das radikalkonstruktivistische Menschenbild, wie es sich ihm in den Werken von Glasersfeld, von Foersters, Maturana & Varelas zeigt.
Im zweiten Teil untersucht Kraus im Vergleich die radikalkonstruktivistisch orientierten Kommunikationstheorien von Luhmann, Schmidt und Rusch und entwirft ein eigenes Modell des "Verstehens fremdseelischer Intentionalität".
Danach zeichnet Kraus die Genese des sozialpädagogischen Lebensweltbegriffs nach, um diesen dann konstruktivistisch zu reformulieren. Dabei thematisiert Kraus die Spannung zwischen der Orientierung an der Autonomie der KlientInnen sozialer Arbeit und der Orientierung an staatlichen Normalitätsvorstellungen.
Schließlich beschäftigt sich Kraus mit der Diskussion um den Machtbegriff, der im strengen Radikalen Konstruktivismus keinen Platz hat. Für die Sozialpädagogik schlägt Kraus hier eine Unterscheidung in instruktive und destruktive Macht vor: Instruktive Macht als "Chance, das Verhalten oder Denken eines Anderen zu determinieren" bedarf der Zustimmung des zu Instruierenden, während destruktive Macht, " die Chance, die Möglichkeiten eines anderen zu reduzieren" nicht der Zustimmung des Ohnmächtigen bedarf, sondern nur der Verfügungsgewalt über materielle und immaterielle Ressourcen (S.233).
Insgesamt ist Kraus sehr belesen. Er stellt die von ihm behandelten AutorInnen kenntnisreich und in kritischer Auseinandersetzung vor. Er diskutiert - wie in einer Dissertation angemessen - dabei kritisch auch Einzelaspekte. Schade fand ich persönlich, dass neben einer Vielzahl erziehungswissenschaftlicher Ansätze die genuin sozialpädagogischen und sozialarbeiterischen Ansätze der Kollegen um Kersting und Bardmann in Mönchengladbach/Aachen nicht ausführlicher behandelt werden.
Die umfangreiche Literaturliste vermittelt einen guten Überblick über die erziehungswissenschaftliche Rezeption des Radikalen Konstruktivismus bis zum Ende der 90er Jahre.
Zielgruppen / Fazit
Ein sehr spezielles Buch, zu empfehlen für akademisch orientierte KollegInnen, die an einer Übertragung des Radikalen Konstruktivismus in erziehungswissenschaftliche Kontexte interessiert sind.
Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
FH University of Applied Sciences Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt "Beruf und Burnout-Prävention"
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 21.01.2003 zu: Björn Kraus: Konstruktivismus - Kommunikation - Soziale Arbeit. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2002. 233 Seiten. ISBN 978-3-89670-312-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/276.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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