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Norbert Myschker: Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen

Cover Norbert Myschker: Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Erscheinungsformen - Ursachen - Hilfreiche Massnahmen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2005. 5., überarbeitete und aktualisierte Auflage. 532 Seiten. ISBN 978-3-17-018641-5. 32,00 EUR, CH: 55,60 sFr.

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Einführung in die Themenstellung

Der Problematik junger Menschen, deren Verhalten eine kritische Abweichung von den gesellschaftlichen Erwartungsnormen zeigt, wird in unterschiedlichen Hilfesystemen mit verschiedener Begrifflichkeit und unterschiedlichen Verständnisperspektiven begegnet. Der Begriff der Verhaltensstörung im Sinne des Pädagogen Norbert Myschker umfasst längerfristig normabweichendes, "negativauffälliges Fehlverhalten" eines jungen Menschen, das nicht als nur vorübergehende Problemkonstellation, sondern als Ausdruck dafür verstanden werden muss, "dass für das Kind oder den Jugendlichen die Gefahr besteht, sich das soziokulturelle Erbe nicht adäquat aneignen zu können und Mündigkeit, Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung nicht erreichen zu können". Der Begriff meine aber auch, "dass Störfaktoren zu eliminieren sind, dass die Beeinträchtigung aufgehoben werden kann, dass durch Hilfeleistung der Weg wieder frei zu machen ist für die weitere adäquate Sozialisation..." Die Pädagogik, deren Fachgebiet der Autor als Professor der Freien Universität Berlin zugehört, ist auf die Entwicklung und Begründung solcher Hilfeleistung bezogen. Hierfür ist eine fachliche Einschätzung über die Struktur und die Störungswertigkeit der in Frage stehenden Verhaltensprobleme erforderlich. Entsprechende Einschätzungen implizieren wiederum zum einen Annahmen über den Aufbau der Person, beispielsweise hinsichtlich der Anlage-Umwelt-Interaktion, zum anderen soziale Wertungen, welche Verhaltensweisen als noch normwertig respektive als gestört gelten. Der Autor reflektiert den Begriff der Verhaltensstörung vor diesem sehr komplexen Hintergrund. Obwohl es das 1993 erschienene Buch dem Leser nicht immer leicht macht, ist es auf dem Weg zum Klassiker und liegt jetzt in der 5., überarbeiteten und aktualisierten Auflage vor.

Aufbau und Inhalte

Im ersten Abschnitt gibt Myschker einen Überblick über die historischen Entwicklungslinien, in denen sich unsere gesellschaftlichen Bewertungen devianten Verhaltens Kinder und Jugendlicher ausgeformt haben. Idealtypisch abgegrenzt werden dabei ein sozialpädagogischer Entwicklungsstrang, eine kriminalpädagogische Linie, schul- und berufspädagogische Entwicklungslinien, sowie Ansätze in der pädagogisch-psychiatrischen Tradition. Aus diesen sehr unterschiedlichen Perspektiven sind "schwierige" Kinder und Jugendliche mit verschiedenen Begriffen "gelabelt" worden, die wiederum verschiedene Problemdefinitionen implizieren. Das zweite Buchkapitel setzt sich mit dieser, teilweise historischen Begrifflichkeit auseinander und gelangt zu einer Definition von Verhaltensstörung als "ein von den zeit- und kulturspezifischen Erwartungsnormen abweichendes maladaptives Verhalten, das organogen und/oder milieureaktiv bedingt ist, wegen der Mehrdimensionalität, der Häufigkeit und des Schweregrades die Entwicklungs-, Lern- und Arbeitsfähigkeit sowie das Interaktionsgeschehen in der Umwelt beeinträchtigt und ohne besondere pädagogisch-therapeutische Hilfe nicht oder nur unzureichend überwunden werden kann". Eine Abgrenzung zwischen Verhaltensstörung und psychischer Störung scheint auf der Grundlage dieser umfassenden Definition nicht möglich und ist vom Autor auch nicht intendiert. Myschker versteht Verhaltensstörung als "phänomenologischen Oberbegriff", der sehr unterschiedliche Erscheinungsformen zusammenfasst. Mit diesen heterogenen Erscheinungsformen setzt sich das dritte Kapitel des Buches auseinander. Das Kapitel enthält eine (offene) Zusammenstellung von Phänomenen, die unter Verhaltensstörung subsumiert werden und die intendierte Breite des Konzeptes illustrieren. Die Liste schließt unter anderem Atemfunktionsstörungen, Magersucht und Depression ein, die gewöhnlich als psychosomatische und psychische Störungen klassifiziert werden. Als eigenständige Konzepte grenzt Myschker Lernstörungen, Behinderung und Hochbegabung ab und diskutiert diese hinsichtlich ihres Zusammenhangs mit Verhaltensstörungen. Das vierte Kapitel, Verursachung und Entstehung von Verhaltensstörungen, betrachtet störungswertige Normabweichungen aus verschiedenen fachlichen Perspektiven. Myschker unterscheidet den biophysischen, den psychologischen, soziologischen und pädagogischen Aspekt, relativ großen Raum nehmen psychoanalytische und tiefenpsychologische Betrachtungen ein. Im nachfolgenden Kapitel zur Diagnostik bei Verhaltensstörungen sind die Ausführungen zur sonderpädagogischen Diagnostik hervorzuheben, die Myschker als multidisziplinären und integrativen Prozess beschreibt und dabei beispielhaft auf konkrete Fragestellungen und Diagnoseinstrumente eingeht. Das sechste Kapitel setzt sich eingehend mit Konzepten für Erziehung, Unterricht und Therapie auseinander. Der Autor durchdringt das immense Feld pädagogisch-therapeutischer Hilfen dabei mit bewundernswerter Souveränität und Sachkenntnis. Das siebte und achte Kapitel beschreiben pädagogische Institutionen und helfende Berufe für Kinder und Jugendliche mit Verhaltensstörungen. Der Schwerpunkt liegt auf dem System der Sonderpädagogik, vertieft eingegangen wird auf Sonderschulen für Erziehungshilfe und alternative Förderstrukturen. Das Schlusskapitel ist speziellen Störungen gewidmet, insbesondere Regulationsdefiziten gegenüber Angst und Aggressivität, psychischen Störungen mit somatischen Symptomen und kognitiven Regulationsstörungen. Dem Problem der Suizidalität im Kindes- und Jugendalter wird die erforderliche Aufmerksamkeit zugewendet. Eine fundierte Auseinandersetzung erfolgt auch mit delinquenten Verhaltensauffälligkeiten. Das von Myschker herangezogene Zahlenmaterial zeigt statistische Verläufe auf und ist in der Regel aktualisiert bis zum Jahr 2003.

Fazit und Zielgruppe

Das Buch diskutiert Verhaltenstörungen auf sehr komplexe und differenzierte Weise. Die begriffliche Breite, in der Myschker Verhaltensstörung definiert, ist aus psychotherapeutischer Sicht allerdings gewöhnungsbedürftig, da sich Verhaltensstörung und psychische Störung häufiger als konkurrierende oder komplementäre Konzepte begegnen. Die im vorliegenden Buch gewählte Definition bringt es mit sich, dass der Autor sich auch mit Störungsbildern und diagnostischen Fragen auseinandersetzt, zu denen aus psychotherapeutischer und kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht bereits sehr elaboriertes Wissen vorliegt. Es ist verständlich, dass die Darlegungen Myschkers dem Stand der psychotherapeutisch-psychiatrischen Diskussion hierbei nicht immer gerecht werden können, aber das Buch vermag einen Eindruck wesentlicher psychischer Störungsbilder im Kindes- und Jugendalter zu erzeugen. Die Ausführungen Myschkers zu den im engeren Sinn pädagogischen Fragestellungen sind sehr überzeugend und materialreich. In seiner Ganzheit entfaltet das Buch für Studenten der Pädagogik und an pädagogischen Fragestellungen interessierte Fachleute eine monumentale Wissensmenge und Vielfalt an Verständnisperspektiven. Nicht zuletzt der konsequent durchgehaltenen multiperspektivischen Betrachtungsweise ist die gute Eignung des Buches als Studienlektüre zuzuschreiben.


Rezensent
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg


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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 11.10.2005 zu: Norbert Myschker: Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2005. 5., überarbeitete und aktualisierte Auflage. 532 Seiten. ISBN 978-3-17-018641-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2778.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.


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