Ihr Vorteil: Wir filtern, prüfen und ordnen die Angebote für die Sozialwirtschaft.

Rudolf Klein: Berauschte Sehnsucht

Cover Rudolf Klein: Berauschte Sehnsucht. Zur ambulanten systemischen Therapie süchtigen Verhaltens. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2002. 356 Seiten. ISBN 978-3-89670-271-5. 24,90 EUR, CH: 44,00 sFr.

Besprochenes Werk kaufen


Das Thema

Systemisch-konstruktivistische und lösungsorientierte Therapie bei Alkoholproblemen steht in der Bundesrepublik häufig im Kreuzfeuer der Kritik, weil hier Abstinenz kein essentielles Therapieziel darstellt. Klein legt erstmals ein grösseres deutsches Werk vor, das Theorie und Praxis dieses revolutionär neuen Ansatzes praxisorientiert, umfassend und auf dem Hintergrund einheimischer systemischer Theorien darlegt.

Der Autor / der Hintergrund

Rudolf Klein arbeitet seit 20 Jahren in der Beratung und Therapie süchtig trinkender Klienten und ihrer Familien. Er ist Diplom-Sozialpädagoge, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut, systemischer Lehrtherapeut und Lehrender Supervisor (SG).

Innerhalb des systemischen Spektrums vertritt Klein einen systemisch-konstruktivistischen Ansatz. Hiermit kombiniert er Elemente der Lösungsorientierung nach de Shazer / Berg, Luhmannsche Systemtheorie, Elemente der Aufstellungsarbeit (Hellinger / Weber) und ethnologische Konzepte (van Gennep / Turner) zu einem ideen- und facettenreichen Theorie- und Praxisgebäude.

Inhalt

Klein präsentiert seinen Ansatz in zwei grossen Blöcken:

  1. im ersten Teil beschäftigt ihn die Frage: Was ist süchtiges Trinken?
  2. Im zweiten Teil zeigt er — mit zahlreichen Therapietranskripten und Beispielen — seine Art der Therapie süchtigen Trinkens als Prozess.

Aus systemisch-konstruktivistischer Sicht stellt Klein die meisten gängigen klassisch medizinischen und Alltagstheorien über süchtiges Trinken in Frage. Süchtiges Trinken wird nicht als lebenslange, ständig rückfallgefährdete Krankheit betrachtet, sondern als sinnvolle oder irgendwann einmal sinnvoll gewesene Art der Kommunikation und Lebensgestaltung, in der Menschen feststecken können.

Süchtiges Trinken kann dabei in vielfacher Hinsicht "sinnvoll" sein. Beispiele:

  • Es kann helfen, Nähe und Distanz, Engagement und Isolation, Leidenschaft und Disziplin zwischen Menschen zu regeln.
  • Als eine "Pathologie der Wahl" (Isebaert) kann es Menschen davon abhalten, fällige weitreichende Entscheidungen zu treffen.
  • Es kann Übergangskrisen, d.h. fällige Wandlungs- und Veränderungsprozesse bei Einzelnen und in Familiensystemen hinauszögern.
  • Es ermöglicht (z.T. verdeckte) Loyalität zu süchtigen Familienmitgliedern aus vorhergehenden Generationen.

Interessant ist hier besonders für mich als Ethnologin, wie Klein ethnologische Konzepte einbringt: Van Genneps Phasenmodell der Initiationsriten und seine moderne Form, das Phasenmodell von Turner, wendet Klein auf süchtig trinkende KlientInnen an: Sie befinden sich häufig festgefahren in einem Schwellenzustand zwischen einem nicht mehr haltbaren und veralteten Zustand 1 und einem in der Zukunft wartenden Zustand 2. Aus den Übergangsriten traditioneller Völker kann sich hier der Therapeut / die Therapeutin Anregungen holen, wie Menschen aus feststeckenden Schwellenzuständen hinaus begleitet werden können.

Die gängigen Theorien zum süchtigen Trinken gehen in der Regel von einem starren "Entweder-oder" aus: Entweder trinkt jemand oder er lebt abstinent. Für Klein ist eine andere Unterscheidung wichtig: Er unterscheidet "süchtiges" Trinken vom "nicht-süchtigen" Trinken, vergleichbar den therapeutischen Ansätzen bei Ess-Süchtigen und Arbeitssüchtigen.

In seinem Therapieansatz wird deutlich, wie geduldig und respektvoll Klein sich auf unter Umständen langwierige Wandlungsprozesse seiner KlientInnen einlässt. Sensibel forscht Klein nach Übergangskrisen, nach Loyalitäten im Mehrgenerationen-Geflecht, nach "Unvereinbarkeiten" von Wünschen und begleitet seine KlientInnen durch Gespräche, Übergangsrituale, Aufstellungen und Experimente in ihrem Wandlungsprozess. Wo seine KlientInnen zu wenig Möglichkeiten sehen, arbeitet Klein mit öffnenden Angeboten. Ist die Komplexität zu hoch, reduziert sie Klein mit schliessenden Angeboten (z.B. Aufgaben und Ritualen).

Dabei breitet Klein ein eindrucksvolles Phasenmodell der Therapie aus und schildert anschaulich, wie er seine KlientInnen zu neuen und reicheren Narrationen und größerer Wahlfreiheit begleitet.

Zielgruppe

Das Buch bietet eine so große Fülle theoretischer Ausführungen und praktischer Therapieansätze, dass alle im Suchtbereich Tätigen, aber auch KollegInnen im weiteren Bereich systemisch-konstruktivistischer Beratung und Therapie hier wertvolle Anregungen zum Nachdenken und Nacharbeiten erhalten.

Fazit

Ein theoretischer und praktischer Schatz voll kluger Gedanken und eindrucksvoller Praxis.

Ich werde das Buch für Studium und Zusatzausbildung empfehlen.


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
FH University of Applied Sciences Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt "Beruf und Burnout-Prävention"
E-Mail Mailformular


Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 30.04.2002 zu: Rudolf Klein: Berauschte Sehnsucht. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2002. 356 Seiten. ISBN 978-3-89670-271-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/279.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang

Hilfe & Kontakt

Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.

Mehr zum Thema

Werner A. Leeb, Bernhard Trenkle u.a. (Hrsg.): Der Realitätenkellner

Klaus Dietze, Manfred Spicker: Wie viel ist noch normal?

Literaturliste anzeigen

Stellenangebote

Psychologen, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen als Gesundheitsmanager (w/m), Stuttgart

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.