Peter Krieg, Paul Watzlawick (Hrsg.): Das Auge des Betrachters. Beiträge zum Konstruktivismus
Peter Krieg, Paul Watzlawick (Hrsg.): Das Auge des Betrachters. Beiträge zum Konstruktivismus. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2002. 278 Seiten. ISBN 978-3-89670-238-8. 22,00 EUR.
Das Thema
1991 erschien im Piper Verlag eine Festschrift zum 80. Geburtstag von Heinz von Foerster, auch als "Sokrates des Konstruktivismus" bezeichnet.
Dieser berühmt gewordene und unzählige Male zitierte Sammelband wird nun vom Carl Auer Systeme-Verlag neu aufgelegt.
Die Autoren/ der Hintergrund
Im Sammelband kommen 14 Autoren, allesamt Männer, zu Wort, die sich in den unterschiedlichsten Bereichen vom Radikalen Konstruktivismus, wie von Foerster ihn vertritt, haben inspirieren lassen. Gemeinsam ist den Autoren, dass sie in ihrem Leben Gäste von Foersters waren und ihre eigenen Ideen auch in Auseinandersetzung mit ihm entwickelt haben.
Zwei der Autoren (Luhmann und Varela) sind bereits verstorben und eine Rezension hat gewiss die Frage zu beantworten, in wieweit und für wen es sich lohnt, den nunmehr 11 Jahre alten Sammelband zu erwerben und zu lesen.
Der Inhalt
Hier möchte ich die einzelnen Autoren mit ihrer Tätigkeit (im Jahre 1991) und ihren Beiträgen kurz vorstellen:
MAURO CERUTI lehrt Epistemologie und Kognitionswissenschaften an der Universität von Palermo und dem Zentrum "L.Bazzucchi" in Perugia. Sein Beitrag "Der Mythos der Allwissenheit und das Auge des Betrachters" beschreibt in kraftvollen, fast poetischen Worten das Ende der klassischen enzyklopädischen Wissenschaft.
JEAN-PIERRE DUPUY lehrt an der CREA/ Ecole Polytechnique, Paris. Sein Beitrag ´ Zur Selbst-Dekonstruktion von Konventionen ª beschäftigt sich mit kulturell geprägten Konstruktionen zwischen amerikanischer und französischer Hochschulwelt.
ERNST VON GLASERFELD lehrt seit 1970 kognitive Psychologie an der Universität von Athens, Georgia. In seinem Beitrag "Abschied von der Objektivität" beschreibt er Wesen und Funktion von Wissen aus Sicht des Radikalen Konstruktivismus und setzt dies in Bezug zu erkenntnistheoretischen Klassikern der letzten Jahrtausende.
PETER M. HEJL ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Siegen mit Arbeitsschwerpunkt Logische Systemtheorie. Sein Beitrag "Fiktion und Wirklichkeitskonstruktion. Zum Unterschied zwischen Fiktionen im Recht und in der Literatur" beleuchtet in spannender Weise zwei Diskursformen der Moderne.
PETER KRIEG ist freier Dokumentarist und Produzent, lebt in Köln. In seinem Artikel "Blinde Flecken und schwarze Löcher. Medien als Vermittler von Wirklichkeiten" schildert er aus konstruktivistischer Sicht, wie mit Bildern und Texten im Medienbereich Ängste im Alltagsdiskurs thematisiert, geschürt und geweckt werden.
NIKLAS LUHMANN lehrte seit 1968 Soziologie an der Universität Bielefeld. Sein Aufsatz "Wie lassen sich latente Strukturen beobachten" untersucht Heinz von Foersters Beitrag unter Bezugnahme auf Spencer-Brown und entlarvt die Vorläufigkeit und Beliebigkeit "objektiver" Dichotomien, an denen entlang wir "Wirklichkeit" (z.B. der Gesellschaft) beschreiben.
HUMBERTO MATURANA ist Professor für Neurobiologie an der Universität von Santiago de Chile. In seinem Artikel "Wissenschaft und Alltag. Die Ontologie wissenschaftlicher Erklärungen" umreißt er die Grundlagen einer konstruktivistischen Wissenschaftstheorie.
EDGAR MORIN ist Professor für Soziologie an der C.N.R.S., Paris. Direktor der Zeitschrift "Communication". In seinem Beitrag "Kultur — Erkenntnis" legt er die Kulturgebundenheit und Kulturfreiheit jeglichen Wissens und Sinnes dar.
KARL H. MÜLLER lehrt Soziologie am Institut für Höhere Studien, Wien und unternimmt in seinem Beitrag "Elementare Gründe und Grundelemente für eine konstruktivistische Handlungstheorie" u.a. mit Bezug auf Wittgenstein den Versuch, aus den Grundlagen des Konstruktivismus eine Handlungslehre abzuleiten.
SIEGFRIED J.SCHMIDT ist seit 1979 Professor für Germanistik und allg. Literaturwissenschaften an der Universität Siegen und Direktor des Institutes für Empirische Literatur- und Medienforschung. Sein Beitrag "es ist alles ganz einfach — hör-spiel" ist ein polyphones Kunstwerk, das keine konventionelle, sondern auch in der literarischen Form eine konstruktivistische Präsentationsweise wählt.
HELM STIERLIN war 1957-74 als Psychiater und Psychotherapeut vor allem in den USA und 1974- 91 Leiter der Abteilung für psychoanalytische Grundlagen-forschung an der Universität Heidelberg. Sein Beitrag "Zwischen Sprachwagnis und Sprachwirrnis. Überlegungen zur systemischen Theorie und Praxis" untersucht die Rolle der Sprache in der gemeinsamen Konstruktion von Therapie zwischen Klientin und Therapeutin.
FRITZ SIMON ist Psychiater und Psychoanalytiker in Heidelberg, Privatdozent für Psychosomatik und Psychotherapie an der Universität Heidelberg. Sein Beitrag "Innen- und Außenperspektive. Wie man systemisches Denken im Alltag nützen kann" zeigt, wie nützlich konstruktivistische Überlegungen für eine Neubetrachtung von Alltag sind. So gewinnen unhinterfragte Begriffe wie "Tradition" im Lichte des Konstruktivismus und der Systemtheorie neue und überraschende Wendungen.
FRANCISCO VARELA lehrte u.a. an der CREA / Ecole Polytechnique in Paris. Gemeinsam mit Jean-Pierre Dupuy (s.o.) beschäftigt er in: "Kreative Zirkelschlüsse: Zum Verständnis der Ursprünge" mit Zirkelschlüssen als kreatives Element in vielfältigen Lebensbezügen.
PAUL WATZLAWICK ist seit 1960 Forschungsbeauftragter am Mental Research Institute, Palo Alto. Er würdigt in einer kurzen "Einleitung" zum Sammelband Heinz von Foersters Beitrag zum Konstruktivismus.
Bunt wie die Schar der Autoren sind auch die Beiträge. Wer sich auch in seiner wissenschaftlichen Arbeit nach den Grundsätzen des Konstruktivismus richten möchte, findet hier Stimmen aus den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Feldern und den unterschiedlichsten Diskurs-Traditionen vereint und kann erwarten, dass diese — manchmal verwirrende — Polyphonie einen angemessen bunten Eindruck hinterlässt.
Zielgruppen
Als Einführung in den Konstruktivismus sind die einzelnen Beiträge dieses Bandes zu schwierig und voraussetzungsvoll formuliert. Wer sich von dem Herausgeber Watzlawick angesprochen fühlt, ist über den mageren Einleitungsartikel von 4 Seiten sicher enttäuscht.
Wer sollte das Buch also kaufen und lesen? Meine Empfehlung dazu:
Dieser Klassiker des Konstruktivismus sollte im Bücherschrank all derjenigen stehen, die sich bereits gründlich und wissenschaftstheoretisch mit dem konstruktivistischen Paradigma auseinandergesetzt haben.
Da er häufig zitiert wird, sollte der Band auch im Bestand wissenschaftlicher Bibliotheken nicht fehlen.
Fazit
Auch 11 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen ist die vielzitierte Festschrift für Heinz von Foerster als Klassiker des konstruktivistischen Paradigmas heute noch aktuell.
Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
FH University of Applied Sciences Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt "Beruf und Burnout-Prävention"
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 15.10.2002 zu: Peter Krieg, Paul Watzlawick (Hrsg.): Das Auge des Betrachters. Beiträge zum Konstruktivismus. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2002. 278 Seiten. ISBN 978-3-89670-238-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/281.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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