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Gerd E. Schäfer: Bildungsprozesse im Kindesalter

Cover Gerd E. Schäfer: Bildungsprozesse im Kindesalter. Selbstbildung, Erfahrung und Lernen in der frühen Kindheit. Juventa Verlag (Weinheim) 2005. 3. Auflage. 306 Seiten. ISBN 978-3-7799-0352-9. 20,50 EUR, CH: 36,00 sFr.

Reihe: Grundlagentexte Pädagogik.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-2185-1 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Einführung

In der Reihe "Grundlagentexte Pädagogik" ist ein Buch von Gerd E. Schäfer in der dritten Auflage erschienen. Der Autor beschreibt Bildungsprozesse aus der Perspektive der Kinder und orientiert sich dabei an psychoanalytischen Vorgehensweisen, weil derart Themen in den Mittelpunkt gerückt werden, die die klassische Lernforschung unberücksichtigt gelassen hat. Genannt sei dabei die Bedeutung der Emotionen, des Fantasierens und Spielens bei Lern- und Bildungsprozessen. Die Bildungsprozesse der Kinder, die hier vor allem zwischen Geburt und Schuleintritt betrachtet werden, zeichnen sich durch eine hohe Komplexität aus. Wichtig ist dem Autor dabei die Frage, welche Beziehungen sich bei diesen Prozessen zwischen Kind, Mitmenschen und den Gegenständen abspielen. Eher theoretische Auseinandersetzungen wechseln sich im Buch mit praktischen Betrachtungen ab, dabei werden gleichzeitig wichtige Bereiche kindlicher Bildung diskutiert.

Zum Autor

Prof. Dr. Gerd E. Schäfer ist Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft am Pädagogischen Seminar der Universität Köln. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die "Pädagogik der Frühen Kindheit und Familienpolitik".

Hintergrund für die Entstehung des Buches

Die erste Auflage des Buches ist 1995 entstanden. Dies war eine Zeit, als es noch relativ wenig bildungspolitisches und wissenschaftliches Interesse am Thema der Frühpädagogik gab. Dies hat sich in den letzten Jahren erheblich geändert. Die im Buch enthaltenen Gedanken sind deshalb aktueller denn je.

Aufbau und Inhalte

In den "Ausgangspunkten" werden die Dimensionen frühkindlicher Bildung anhand von Ergebnissen der Säuglings- und Kleinkindforschung erläutert. Dazu wird die Situation der frühkindlichen Bildung kurz von der Seite der Praxis und aus der Erfahrungswissenschaft aufgezeigt. Es erfolgt eine thesenhafte Beschreibung der Vorstellungen von Bildungsprozessen.

  1. Der erste Teil des Buches beschäftigt sich mit der frühen Selbstbildung des Kindes in den ersten beiden Lebensjahren. Dabei wird die Bezogenzeit zwischen Mutter und Kind ebenso beleuchtet, wie der "aktive Säugling". Mit Hilfe einer Fallgeschichte werden die möglichen Schwierigkeiten eines Kindes bei der Selbstabgrenzung verdeutlicht.
  2. Im zweiten Teil werden grundlegende Bildungsprozesse, die nach Ansicht des Autors vor allem Integrationsprozesse sind, erläutert. Bei diesen Prozessen geht es zum einen um die innere Integration verschiedener Dimensionen der Wahrnehmung und ihrer Verarbeitung. Zum anderen läuft dabei eine Integration von subjektiven, inneren Dimensionen des Erlebensprozesses mit der äußeren Umwelt ab, also eine äußere Integration. Das führt dann zu einer dritten Dimension der Wirklichkeit, der symbolischen, und den Prozessen der Symbolbildung. Nach der Darstellung von Ergebnissen der Hirnforschung werden pädagogische Schlussfolgerungen abgeleitet, wie z. B. über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit pädagogischer Beeinflussung und die besondere Bedeutung der Wahrnehmung für das kindliche Lernen.
  3. Bildungsprozesse im intermediären Bereich werden im dritten Teil des Buches näher beleuchtet. Dabei geht der Autor auf die Rolle des Spiel, des Phantasierens und des Gestaltens ein, diskutiert verschiedene Modellvorstellungen vom kindlichen Spiel und geht auf Technikphantasien von Kindern ein. Die Argumentationslinie des Autors wird durch eine Diskussion der Bedeutung des ästhetischen Denkens und Verarbeitens als einer wesentlichen Dimension kindlicher Bildungsprozesse fortgeführt. Exemplarisch erfolgt dabei eine Beschreibung der Entwicklungsprozesse in der Kinderzeichnung und eine Darstellung von Facetten des Gestaltungsprozesses von Kinderzeichnungen.
  4. Im vierten Teil des Buches wird schlussfolgernd unter der Überschrift "Bildung als ästhetische Erfahrung" erläutert, wie die Verbindung einer inneren und äußeren Welt nicht nur in den Bereichen des Phantasierens, Spielens und Gestaltens gefördert werden kann, sondern als ästhetischer Anteil des Denkens den gesamten menschlichen Erfahrungsprozess durchzieht. Am Beispiel der Reggio-Pädagogik zeigt der Autor auf, wie der Komplexität des ästhetischen Denkens Rechnung getragen werden kann. Dabei wird auch die Verwendung von Sprache als "poetisches Spielzeug" anhand der Auffassungen von Gianni Rodari (ital. Journalist und Kinderbuchautor, der die Reggio-Pädagogik stark beeinflusst hat) dargestellt.

Zum Abschluss des Buches formuliert Schäfer einige Ziele frühkindlicher Bildung.

Bewertung

Gerd E. Schäfer entwirft ein umfassendes Bild kindlicher Lern- und Selbstbildungsprozesse. Dabei bereichert er das kognitiv orientierte Bild Piagets vom kindlichen Lernen um eine ästhetische Dimension und verknüpft es mit der Psychoanalyse und Ergebnissen der Hirnforschung. Mit diesen ungewohnten Sichtweisen ist der Autor aktuell, ist die Nachauflage des Buches gerechtfertigt. Das Buch ist nicht immer einfach zu lesen, wenn man sich aber auf den fachwissenschaftlichen Sprachgebrauch einlassen kann, ist es ausgesprochen anregend. Wie der Autor in den einleitenden Bemerkungen selbst feststellt, gibt es einige Abschnitte, die sehr theoriegeleitet sind. Diese wechseln sich mit Texten ab, in denen Praxiserfahrungen und Ergebnisse von Beobachtungen kindlichen Tuns reflektiert werden. Gerade dieser Wechsel erleichtert das Lesen des kompakt geschriebenen Buches.

Die Bezeichnung "Grundlagentext" ist zutreffend, weil vielfältige Theorien, z. B. zum Bildungsbegriff von Piaget oder des Psychoanalytikers Winnicott, aufgegriffen und erläutert werden.

Zielgruppe

WissenschaftlerInnen, ExpertInnen und Studierende im Bereich frühkindlicher Bildung, ErzieherInnen, LeiterInnen von Kindertagesstätten

Fazit

Das wissenschaftliche Grundlagenbuch gibt auf der Basis psychoanalytischer Betrachtungsweisen einen sowohl theoretischen als auch erfahrungsorientierten Einblick in kindliche Lern- und Selbstbildungsprozesse.


Rezensentin
Prof. Dr. paed. Michaela Rißmann
Fachhochschule Erfurt
Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
Professur "Erziehungswissenschaften, Erziehung und Bildung von Kindern"
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Zitiervorschlag
Michaela Rißmann. Rezension vom 27.12.2005 zu: Gerd E. Schäfer: Bildungsprozesse im Kindesalter. Selbstbildung, Erfahrung und Lernen in der frühen Kindheit. Juventa Verlag (Weinheim) 2005. 3. Auflage. ISBN 978-3-7799-0352-9. Reihe: Grundlagentexte Pädagogik.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-2185-1 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2817.php, Datum des Zugriffs 01.10.2016.


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