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Norbert Nicoll: Attac Deutschland. Kritik, Stand und Perspektiven

Cover Norbert Nicoll: Attac Deutschland. Kritik, Stand und Perspektiven. Tectum-Verlag (Marburg) 2005. 156 Seiten. ISBN 978-3-8288-8819-7. 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.

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Attac als ökonomische Alphabetisierungskampagne ?

Die globalisierungskritische Bewegung, die als bürgerrechtliche Reaktion auf die zunehmenden Finanz- und damit Wirtschaftskrisen in den 90er Jahren überall in der Welt entstand, bildete sich 1998 zuerst in Frankreich. Die Abkürzung des Namens - Association pour la taxation des transactions finanicères pour l`aide aux citoyens (Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der Bürger) - als Attac, wird von der Öffentlichkeit und wohl auch von den Beteiligten heute mehr verstanden als "aktiver Widerstand" gegen die Auswüchse des globalen Kapitalmarktes und die Auswirkungen der Globalisierung auf allen Gebieten des menschlichen Lebens auf der Erde. Dabei heißt Attac auch "attackieren" und die Bedingungen nicht einfach hinnehmen, wie sie von der immer interdependenter sich entwickelnden Welt, vor allem in den Bereichen des wirtschaftlichen Handelns und der Abhängigkeiten entstehen. Die Sozialwissenschaftlerin und Vizepräsidentin von ATTAC-Frankreich, Susan George, drückt das mit der Überzeugung aus: "Die gegenwärtige Weltordnung ist nicht unausweichlich", und die Aktiven in der Bewegung machen sich Mut mit dem Slogan: "Eine andere Welt ist möglich".

Die Initiative breitete sich schnell über Frankreich hinaus aus. Mittlerweile haben sich Attac-Gruppen in mehr als 50 Ländern in Europa, Amerika, Asien und Afrika gebildet. ATTAC-Deutschland entstand im Januar 2000, gegründet von der katholischen Friedensorganisation Pax Christi, dem ökumenischen Zusammenschluss KAIROS und von WEED (Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung), Frankfurt/M. Die Faszination und die Aufmerksamkeit für das "Netzwerk zur demokratischen Kontrolle der Finanzmärkte" entsteht nicht zuletzt durch die programmatische Öffnung der Gruppierung für alle politischen und gesellschaftlichen Initiativen in Deutschland, die, das ist gleichsam der Grundkonsens, das neoliberale Konzept von Globalisierung unter der Inanspruchnahme von menschenrechtlichen, demokratischen, sozialen und ökologischen Kriterien ablehnen, so Peter Wahl, einer der Sprecher von Attac Deutschland ("Globalisierung mit menschlichem Antlitz", in: E+Z 12/2001).

Inhalt

Der mittlerweile als Journalist und Politologe tätige, 1981 in Eupen / Belgien geborene Norbert Nicoll, legt mit seinem Buch eine Bestandsaufnahme von Attac Deutschland vor. Dabei geht er zuerst auf die Entwicklung der Globalisierung und die daraus entstehende Globalisierungskritik ein. Ob Attac eine "Volksbildungsanstalt" sei, eine "Pressure Group" oder eine "Protestbewegung", ist letztlich nur eine rhetorische Frage. Nimmt man die Eckpfeiler, die Attac als Organisations- und Aktionsphilosophie ausgibt, so ist sie jedenfalls eine wichtige und notwendige, zivilgesellschaftliche Initiative: Es geht um

  • Pluralismus, weil Attac "keine verbindliche theoretische, weltanschauliche, religiöse oder ideologische Basis" habe;
  • um Basis- und Bewegungsorientierung, was bedeuten soll, dass "das Engagement der Bürgerinnen und Bürger vor Ort Grundlage der Aktivitäten ist";
  • um offene, dezentrale, partizipative und flexible Organisationsstrukturen "mit größtmöglicher Autonomie für lokale Initiative, sowie diskursive, konsensorientierte und transparente Entscheidungsprozesse";
  • um Pluralität von Instrumenten und Aktionsformen, mit dem Ziel, "eine produktive Dialektik aus konfliktiven und kooperativen Aktionsformen freizusetzen";
  • schließlich um Kooperations- und Bündnisorientierung, damit "ein breites Bündnis als Gegenmacht zu den Kräften der globalen Märkte und deren politischen Organen" entsteht.

Obwohl Attac Deutschland nicht als eine Massenorganisation bezeichnet werden kann - mittlerweile dürfte die Initiative weniger als 20.000 eingeschriebene Mitglieder umfassen - liegt die Stärke und Einflussnahme des Netzwerks in den vielen, meist wenige Aktive umfassenden lokalen und regionalen Gruppierungen und den Aktivitäten der größeren Mitgliedsorganisationen, die von BUND bis ver.di reichen. Norbert Nicoll stellt auch die bisher weitgehend in der Öffentlichkeit unbekannten Organisationsstrukturen vor. Auf Bundesebene das höchste Entscheidungsgremium "Ratschlag", dem geschäftsführenden Organ "Koordinierungskreis", dem Gremium, das die Mitgliederorganisationen präsentiert, dem "Attac-Rat", der Beratungs- und Forschungseinrichtung als "Wissenschaftlicher Beirat", dem "Attac-Büro" mit dem ursprünglichen Sitz im niedersächsischen Verden an der Aller und ab 2002 in Frankfurt/M., den dezentralen "Kampagnen und Arbeitsgruppen", und von "feministAttac", mit dem Ziel, die feministische Perspektive in die Organisation einzubringen und "Kulturattac", die mit dem Motto agiert: "Eine andere Kultur ist möglich".

Wenn auch zögerlich, so stellt der Autor bei der Frage nach der gesellschaftlichen Legitimation von Attac doch fest, dass das Netzwerk ein "gewisses Legitimationsdefizit" aufweise. Hier hätte er z. B. bei Jörg Bergstedt (Mythos attac. Hintergründe, Hoffnungen, Handlungsmöglichkeiten, 2004, siehe die Rezension) nachschauen können. Dieser stellt etwa fest, dass Attac, als Organisation neuen Typs, es den Anhängern leicht mache, dabei zu sein, die Organisations- und Entscheidungsstrukturen es jedoch nur schwer ermöglichten, wirklich sich aktiv an den wichtigen Zielen einer globalen Gesellschaftsveränderung zu beteiligen: "Der Aktionsstil von Attac, die sanften Forderungen, die verkürzten Kritiken und die Ausrichtung von Protest auf wenige bunte Events sind für die MacherInnen neoliberaler Umgestaltung aushaltbar". Zu dieser kritischen Betrachtung passt auch ein Erlebnisbericht, den eine "Attac-Aktivistin" über ihre Teilnahme an einem von Red Bull gespendeten Flug vom Berliner Flugplatz Tempelhof zum Live-Konzert von Bob Geldorf beim G8-Gipfel nach London in der Wochenzeitung DIE ZEIT (29 vom 14.7.05, S. 56) schrieb: "... der Flieger (viel Mahagoni, schwere Ledersessel) ist ein absurd luxuriöses Verkehrsmittel, um zum Globalisierungskritisieren zu kommen". Ob Norbert Nicolls Darstellung der finanziellen Situation von Attac, im Gegensatz zu Bergstedts Vorwürfen, in Wirklichkeit so positiv ist, kann bezweifelt werden. Die Frage, welche Zukunft das Bündnis habe, geht Norbert Nicoll meines Erachtens zu oberflächlich an. Die Aussage, die Zukunft von Attac sei nicht unbedingt rosarot, aber doch gesichert, lässt jeder Spekulation, der wohl- wie der missmeinenden, Türen und Tore offen.

Fazit

Häme ist freilich nicht angebracht. Dass eine Bewegung, Aufklärungs- und Aktionskampagne gegen die Missstände und Fehlentwicklungen der Globalisierung, für alle Menschen in allen Lebensbereichen, notwendig ist, ein aktiver, politischer Widerstand organisiert werden muss, diese Erkenntnis dürfte mittlerweile in der globalen Gesellschaft angekommen zu sein. Die Entwicklung von Attac, lokal, regional und global, bedarf der kritischen Beobachtung und Begleitung. Norbert Nicolls Arbeit "Attac Deutschland" ist ein Baustein dazu. Als ein Beispiel, wie Kritik und Widerstand aussehen könnte, sei auf das Büchlein von ATTAC Schweiz, Nestlé. Anatomie eines Weltkonzerns (2005) verwiesen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.08.2005 zu: Norbert Nicoll: Attac Deutschland. Kritik, Stand und Perspektiven. Tectum-Verlag (Marburg) 2005. 156 Seiten. ISBN 978-3-8288-8819-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2826.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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