Gunthard Weber, Helm Stierlin: In Liebe entzweit [...] Magersuchtsfamilie
Gunthard Weber, Helm Stierlin: In Liebe entzweit. Ein systemischer Ansatz zum Verständnis und zur Behandlung der Magersuchtsfamilie. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2003. 2. Auflage. 283 Seiten. ISBN 978-3-89670-200-5. 12,90 EUR.
Das Thema
Magersucht junger Menschen ist in Zeiten magerer Schönheits- und Körperideale wieder ein brennendes Thema. Ausgehend von den Magersuchts-Arbeiten der Mailänder Schule (Mara Selvini Palazzoli und MitarbeiterInnen) haben systemische TherapeutInnen jahrzehntelange Erfahrung in der Therapie von Familien mit magersüchtigen Kindern.
Die Autoren/ der Hintergrund
Mit Weber und Stierlin legen zwei der erfahrensten und bekanntesten systemischen Lehr-Therapeuten ihre Ansätze zur Analyse und Behandlung dieser körperlich und seelisch schwierigen Familiensituationen dar.
Beide sind Mediziner und im systemischen Bereich als Lehrer und Autoren bekannt:
Helm Stierlin leitete lange die Abteilung für psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie der Universität Heidelberg, war Herausgeber der Zeitschrift "Familiendynamik" und ist durch zahlreiche Veröffentlichungen von Grundlagenliteratur zu systemischen Ansätzen bekannt.
Gunthard Weber ist einer der Mitbegründer und Lehrsupervisor der Internationalen Gesellschaft für Systemische Therapie (IGST) und Leiter des Wieslocher Instituts für systemische Lösungen. Er ist vor allem in den letzten Jahren durch seine Arbeiten zu Familien- und Organisationsaufstellungen bekannt geworden.
Der Inhalt
Theoretische Grundlagen und länger dokumentierte Fallbeispiele wechseln in diesem lebendig und spannend geschriebenen Buch.
In sehr vorsichtiger Weise und im Wissen um die Beliebigkeit, Vergänglichkeit und Vorläufigkeit wissenschaftlicher Konstruktionen und in einem verantwortlichen Umgang mit den Gefahren wissenschaftlicher Stigmatisierungen schildern die beiden Autoren, was sich in ihrer jahrzehntelangen Praxis als gemeinsame Kennzeichen von Familien mit magersüchtigen Kindern herausgeschält hat.
Verankert in einer Kultur, die Leistung, Disziplin und Schlankheit belohnt, sind es besonders Themen wie Familienbindung, Leistung, Gerechtigkeitssinn, Verlust- und Trennungsängste, Treue und Verantwortung, die von Familien mit einem magersüchtigen Kind auf eine ganz besondere Weise gelebt und interpretiert werden. In solchen "Bindungsfamilien" (Stierlin) ist die Lebens- und Entwicklungsaufgabe der "bezogenen Individuation", der Balance zwischen der Verwirklichung als Individuum und der Bezogenheit auf Menschen im persönlichen Netzwerk, sehr schwierig zu leisten.
Stierlin und Weber schildern zur Abgrenzung, wie sich aus ihrem Erfahrungshintergrund heraus die idealtypische Familie mit einem magersüchtigen Kind von idealtypischen anderen Familien in problematischen Situationen (z.B. von Familie mit einem bulimischen Kind) unterscheidet.
Danach erläutern die beiden Autoren die Prinzipien und Vorgehensweisen der systemischen Therapie und erläutern auf der Basis systemischer Grundannahmen methodisches Vorgehen wie Hypothesenbildung, zirkuläres Fragen, Unterscheiden, Kontextualisierung, Doppelbeschreibung, Rangfolgenbildung und systemische Frageformen.
Ziel der therapeutischen Arbeit ist es, bei allen Familienmitgliedern eine fortschreitende bezogene Individuation zu fördern, wobei die schwierige Balance gelingen muss, der Familie neue Impulse und Lernmöglichkeiten zu geben, ohne jedoch den Rapport und die Wertschätzung der einzelnen Familienmitglieder zu verlieren.
Wie Weber und Stierlin dabei vorgehen, wird in den unterschiedlich ausführlich dokumentierten Fallbeispielen deutlich, die das gesamte Buch durchziehen. Hier können sich Interessierte zahlreiche Anregungen für die eigene Arbeit holen.
Zielgruppen
Das Buch ist zu empfehlen für systemische Familientherapeuten und alle, die im Umfeld des Symptoms Magersucht therapeutisch arbeiten. Es ist auch durchaus für interessierte Betroffene interessant und lesenswert.
Fazit
Nach dem inzwischen eher historisch interessanten "Magersucht" von Mara Selvini Palazzoli derneue systemische Klassiker zu diesem Thema.
Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der 1. Auflage (2001).
Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
FH University of Applied Sciences Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt "Beruf und Burnout-Prävention"
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 30.06.2002 zu: Gunthard Weber, Helm Stierlin: In Liebe entzweit [...] Magersuchtsfamilie. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2003. 2. Auflage. 283 Seiten. ISBN 978-3-89670-200-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/285.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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