Walter Andreas Scobel: Supervision im Krankenhaus
Walter Andreas Scobel: Supervision im Krankenhaus. Kommunikation ist das Rezept. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2002. 138 Seiten. ISBN 978-3-456-83689-8. 19,95 EUR.
Einführung in das Thema
Das Gesundheitswesen nicht nur der Bundesrepublik Deutschland befindet sich in einer Dauerkrise. In der öffentlichen Debatte stehen Fragen der Finanzierbarkeit und einer grundlegenden Strukturreform im Vordergrund. Widerstreitende Interessen und Kämpfe um Macht und Einfluss blockieren seit langer Zeit gesellschaftlich sinnvolle Lösungen und belegen u.a. die seit Generationen gelernte und geforderte Fähigkeit von Ärzten und Ärzteverbänden, mit Macht zu agieren.
Auf der Alltagsebene wird unser Bild vom Krankenhaus überwiegend gespeist durch völlig überholte Klischees aus dem vermeintlichen Innenleben derselben. Ärzte- und Krankenhaussendungen haben in den letzten Jahren interessanterweise einen regelrechten Boom im öffentlichen und privaten Fernsehen erlebt. Deren Bilder jedoch grenzen an Verdummung und reproduzieren uralte Machtgefüge.
Wie aber sieht der Alltag z.B. in Krankenhäusern wirklich aus? Welchen Belastungen sind die dort tätigen Menschen ausgesetzt? Wie werden strukturelle Mängel, Dauerstress und emotionale Belastungen durch die permanente Konfrontation mit Schwäche, Nöten, Schmerz und Leid verarbeitet? Diesen Fragen will Walter A. Scobel in seinem neu erschienenen Buch über Supervision im Krankenhaus nachgehen.
In vielen Feldern der Sozialen Arbeit und Erziehung ist Supervision inzwischen ein anerkanntes Verfahren zur Reflexion des beruflichen Alltages geworden. Krankenhäuser und Kliniken stellen hingegen immer noch weiße Flecke dar auf einer Beratungslandkarte.
Walter A. Scobel möchte vor diesem Hintergrund mit seinem Buch einen umfassenden Überblick für die Anwendung von Supervision in Allgemeinkrankenhäusern und Kliniken geben. Ganz im Mittelpunkt der Betrachtung stehen hierbei die Akteure dieser Institutionen und die Möglichkeiten, wie durch gezielte und konfliktlösende Kommunikation Klärung und Verbesserung eintreten können.
Entstehung des Buches
Walter A. Scobel ist seit 1981 als freiberuflicher Supervisor und Gesprächspsychotherpeut u.a. in Kliniken tätig. Sein Buch ist gut angereichert mit praktischen Beispielen und offenbart eine profunde Kenntnis des Innenlebens und der Befindlichkeiten in einem Krankenhaus. Wenn er selbst auch nicht ausdrücklich auf die Entstehung seines Buches eingeht, so ist doch ein fachliches und menschliches Plädoyer zu erahnen, mithilfe von Supervision belastende Situationen im Krankenhausinnenleben zur Sprache zu bringen und hierüber Wege der Lösung zu eröffnen. Zugleich stellt das Buch einen Versuch dar, Supervision im Krankenhaus Türen zu öffnen und mit einem analytisch und gesprächstherapeutisch orientiertem Konzept zu untermauern.
Aufbau, Inhalte, Gliederung
Scobel legt den Maßstab an sein Buch hoch an. Er möchte einen umfassenden Überblick für die Anwendung von Supervision im Krankenhaus geben. Zunächst entfaltet er sein Grundverständnis von Krankenhäusern als Orte der Gefühle, die gleichwohl im Alltag der dort tätigen Menschen paradoxerweise permanent tabuisiert und verdrängt werden müssen.
In einem ersten Teil stellt Scobel Strukturen und Konfliktbewältigungsmuster in Klinken dar, die aus historischer Perspektive immer auch Strukturen der Machtvereilung, Hierarchisierung sind und einen immanenten Zwang zur "Unfehlbarkeit" hervorbringen und reproduzieren (Kapitel 2). Das Patriarchat der Ärzte korrespondiert mit einem Matriarchat der Pflege. Die dritte Seite im krankenhäuslichen Dreigestirn - die Verwaltung - wird von Scobel konsequenterweise mit der männlichen Macht des Geldes verbunden.
Diesem Abriss folgt ein allgemeines Kapitel über Supervision und die wiederkehrenden Ängste bzw. Widerstände gegen Supervision im Krankenhaus (Kapitel 4). Scobel betont die Notwendigkeit, dass Supervision eine Vermittlungsposition zwischen den verschiedenen Berufsgruppen einnehmen solle um Verständigung und Dialog zu ermöglichen. Scobel folgt einer "klassischen" Zielbeschreibung von Supervision als Reflexion und Analyse des beruflichen Erlebens und Handelns. Diese Zielbeschreibung differenziert er aus in zwei Zielebenen. Eine Zielebene bezieht sich auf "Innenverhältnisse" (Introspektion, Selbstöffnung und Selbstauseinandersetzung sowie Bearbeitung innerseelischer Konflikte), die zweite auf "Außenverhältnisse" (Beziehungen in der Supervisionsgruppe, auf der Station und in der Institution). Sympathischerweise betont Scobel hierbei, bescheiden zu bleiben im Umgang mit den Zielen und verweist zu Recht darauf, dass Entwicklungsprozesse mitunter einige Jahre Zeit benötigen.
Dieser allgemeinen Beschreibung folgen nun zwei anschauliche Abschnitte über Supervisionsprozesse mit Ärztinnen und Ärzten (Kaptitel 4) sowie mit Pflegenden (Kapitel 5). Hierbei geht Scobel detailliert auf die Supervisionsprozesse ein und untermauert seine Erfahrung zugleich mit fachlichen Einschüben insbesondere zu innerpsychischen Abwehrformen.
Im sechsten Kapitel wird Scobels Anspruch sichtbar, ein geschlossenes Supervisionskonzept darzulegen. Einmal mehr betont er die hierbei Kommunikation durch Sprache und Sprechen und entfaltet ein sehr differenziertes Feedbackmodell. Er beschreibt die typischen Supervisionsphasen, geht ausführlich auf die Rolle der Supervisorin und des Supervisors ein und hebt - aus analytischer Sicht - die Achtsamkeit für Phänomene von Gegenübertragung in der Teamsupervision hervor.
Im abschließenden Kapitel beschreibt der Autor gut nachvollziehbar einen langjährigen Teamentwicklungsprozess. Die Beschreibung mündet in einer idealtypischen Gegenüberstellung "alter" und "neuer" bzw. reifer Teamfähigkeiten.
Zielgruppen
Das Buch von Scobel wendet sich an Interessierte, die "hinter die Kulissen einer Institution" schauen wollen (Seite 7). Hiermit sind sowohl die Akteure der Institution selber gemeint als auch Beraterinnen und Supervisoren, die sich dem Arbeitsfeld Krankenhaus und Klinik nähern möchten. Da das Buch wie eine Erzählung angelegt ist - zumindest von seinem Anspruch her - richtet es sich an kein spezifisches Publikum.
Tauglichkeit, Lesbarkeit, Nützlichkeit, fachliche Qualifikation des Autors
Ich habe die Anfrage zur Rezension des Buches in der Endphase eines Supervisionsprozesses mit einem Pflegeteam eines Allgemeinkrankenhauses erhalten und deshalb direkt zugesagt. Ich habe mir von der Lektüre eine Möglichkeit versprochen, die eigene Praxis zu reflektieren und vielleicht weitere Hinweise zu bekommen für Stolpersteine, die während des Supervisionsprozesses aufgetreten waren. Mit Neugierde habe ich also angefangen, das Buch zu lesen und war am Anfang auch sehr angetan. Nicht zuletzt wurde im Vorwort versprochen, dass Geschichten erzählt würden um hierüber beim Leser Abbilder von Wirklichkeit entstehen zu lassen. Das ist ein hoher Anspruch! Und damit nicht genug: Der Autor verspricht auch, dass manches wie aus dem Lehrbuch verwendet werden könne. Während des Lesens hat sich meine Begeisterung jedoch bald gelegt, nicht nur weil mich "Rezeptversprechungen" skeptisch machen.
Das Buch gibt detailliert und gut lesbar Praxis wider. Ebenso vermag es einen theoretischen Bogen zu ziehen. Und doch bleibt es merkwürdig blass. Vieles steht aus meiner Sicht additiv nebeneinander, fokussiert auf einzelne Phänomene ohne jedoch einen ganzheitlichen Hintergrund auszuleuchten. Vielleicht ist der selbstgestellte Anspruch auf "das große Ganze" (Bert Brecht) zu viel gewesen und eine klare Entscheidung über die Zielrichtung des Buches wäre m.E. hilfreich gewesen: So ist kein wirklich erzählendes Buch und schon gar kein Lehrbuch entstanden. Methodisch halte ich es zudem für eng angelegt. So z.B. finden sich keine Hinweise auch auf analoge und kreative Ansätze in der Supervision, obwohl die besondere Bedeutung der Sprache und des Sprechens hervorgehoben wird.
Fazit
Das Buch von Walter A. Scobel entfaltet ein analytisch und gesprächstherapeutisch begründetes Supervisionskonzept für das Arbeitsfeld Klinik und Krankenhaus. Die Förderung und Verbesserung der menschlichen Kommunikation in mitunter hochkomplexen Arbeitsbeziehungen stellt für die Akteure einen sinnvollen und not-wendigen Weg dar, neue und reife Bewältigungsmuster zu erschließen.
Das Buch ist praxisnah und fachlich fundiert geschrieben. Einen wichtigen Beitrag des Buches sehe ich darin, für Supervision in Allgemeinkrankenhäusern Türen zu öffnen, indem es einerseits erfolgreiche Supervisionsprozesse dokumentiert und zugleich ein begründetes Konzept hierfür entfaltet. Gut gefällt mir an dem Buch, dass es eindringlich vor der Erwartung kurzfristiger Erfolge warnt. An dieser Stelle sei es u.a. Geschäftsführern von Kliniken empfohlen. Supervisions- bzw. Entwicklungsprozesse benötigen Zeit.
Dem Anspruch, einen umfassenden Überblick zur Supervision im Krankenhaus zu bieten, wird das Buch gleichwohl nicht gerecht. Als Einstiegs- und Übersichtslektüre ist es dennoch zu empfehlen.
Sehr zu empfehlen ist hingegen die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift "Organisationsberatung - Supervision - Coaching" aus dem Verlag Leske+Budrich (Heft 1-2002). Dieses widmet sich überaus präzise und im Rahmen einer Fachzeitschrift umfassend dem Themenschwerpunkt "Changeprozesse in Kliniken".
Rezensent
Andreas Baumgärtner
Freiberuflicher Supervisor (DGSv) und Coach (DGfC)
Praxis für Supervision, Coaching und Weiterbildung
Homepage www.andreas-baumgaertner.org
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Zitiervorschlag
Andreas Baumgärtner. Rezension vom 02.07.2002 zu: Walter Andreas Scobel: Supervision im Krankenhaus. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2002. 138 Seiten. ISBN 978-3-456-83689-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/297.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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