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Marion Krüsmann, Andreas Müller-Cyran: Trauma und frühe Intervention

Cover Marion Krüsmann, Andreas Müller-Cyran: Trauma und frühe Intervention. Möglichkeiten und Grenzen von Krisenintervention und Notfallpsychologie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2005. 210 Seiten. ISBN 978-3-608-89008-2. 21,00 EUR, CH: 37,90 sFr.

Reihe: Leben lernen - 182.

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AutorInnen und ihr Hintergrund

Marion Krüsmann ist Psychotherapeutin in eigener Praxis und Mitarbeiterin der Trauma-Ambulanz an der Universität München. Andreas Müller-Cyran ist katholischer Seelsorger, Rettungsassistent, Gründer und Leiter des Kriseninterventionsteams (KID) in München und Leiter der Notfallseelsorge in der Erzdiözese München und Freising.

Zielgruppen

Das Buch wendet sich an alle, die interessiert sind, sich über Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) zu informieren, eigenes Wissen zu überprüfen bzw. zu erweitern oder überlegen, ob sie sich in diesem Bereich ehrenamtlichen engagieren wollen. Des Weiteren sollte es von all denen gelesen werden, die die Notwendigkeit einer PSNV immer noch infrage stellen und/oder dafür keine Mittel zur Verfügung stellen wollen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst ein Vorwort, 13 Kapitel und ein Literaturverzeichnis.

Kap. 1 Trauma und frühe Intervention (11-18). Das Buch startet mit einem Fallbeispiel einer psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) nach Suizidierung einer Ehefrau und Mutter.

Kap. 2 Zur Adaption an traumatische Erfahrungen(19-45). Einer Kurzdarstellung, wie sich medizinisch, theoretisch und praktisch die Einstellung zu Trauma geändert und entwickelt hat, folgt eine Beschreibung des aktuellen Traumaverständnisses entsprechend dem ICD 10 und dem DSM IV. Forschungsergebnisse verdeutlichen, dass sowohl eine längere Dissoziation nach dem traumatisierenden Ereignis als auch eine Akute Belastungsstörung (ABS) Prädiktoren für die Entwicklung einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sind.

Frühe Interventionen sind angezeigt, wenn Menschen extrem belastet werden und/oder einem traumatisierenden Ereignis ausgesetzt waren, einem Ereignis, das die Ressourcen und Strategien des/der Betroffenen überfordert, so dass er/sie in Hilflosigkeit gerät. Für traumatogene Erfahrungen konstitutiv ist, dass das Ereignis in keine Kausalkette mehr integriert werden kann und der Sinn für Kohärenz verloren geht. "PSNV gründet wesentlich in der Haltung, die Hilflosigkeit der Betroffenen, der Trauernden und der Hinterbliebenen in der funktionalen Hilflosigkeit zu teilen"(29). Konkret bedeutet es, in der Nähe bleiben, beizustehen, die Betroffenen und ihre Warum- Fragen aushalten, ohne sie zu beantworten, da dies die Fragenden letztendlich nur selbst können. PSNV bezieht ihr Selbstverständnis, ihre Arbeitsweisen und Handlungslogik aus der Konfrontation mit dem plötzlichen Tod - außerhalb der dafür vorgesehenen Reservate wie Krankenhäuser, Altenheime, Hospize - und seine Auswirkungen auf die Menschen.

AdressatInnen der PSNV sind einerseits Einsatzkräfte - Polizei, Rettungsdienst, Feuerwehr - und andererseits betroffene Menschen aus der Bevölkerung. Beide Gruppen dürfen nie von ein- und demselben PSNV-Mitarbeiter gleichzeitig betreut oder unterstützt werden, da ihre Ausgangssituationen, institutionellen Einbindungen sehr unterschiedlich sind. Aspekte der Qualitätssicherung in der PSNV werden vorgestellt und erläutert:

    Vernetzung und Kooperation mit Einrichtungen, die mittel- und langfristig begleiten und psychotherapeutische Akutintervention durchführen
  • gründliche und kritische Auswahl und Ausbildung der ehrenamtlichen MitarbeiterInnen
  • regelmäßige Supervision
  • aufgreifen, aktivieren und fördern der zwischenmenschlichen Fürsorge im Umfeld der Betroffenen.

Kap. 3 Zum Erscheinungsbild traumabedingter Störung (45-56). Konstitutiv für eine traumatisierende Erfahrung ist zum einen, dass Leib und Leben der eigenen oder anderer Personen bedroht sind, und zum anderen die Bewältigungs- und Handlungsmöglichkeiten des betroffenen Individuums situativ und zeitlich begrenzt überfordert sind. Beschrieben und erläutert werden: die Wege und Prozesse der zerebralen Informationsverarbeitung unter Extremstress, die zerebralen Stress- und Notfallmechanismen speziell die peritraumatische Dissoziation, die Akute Belastungsreaktion und -störung (ABS), die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

Kap. 4 Was macht eine belastende Erfahrung zu einem Trauma (57-77). Für die drei Dimensionen Stressor ( spezifische Erfahrung/Ereignis), Person (individuelle Disposition/Eigenschaften) und Umwelt (soziale Beziehungen) werden sowohl protektive als auch vulnerabilisierende Faktoren beschrieben, Referiert werden dann Forschungsergebnisse

    zum Einfluss prätraumatischer Faktoren: Geschlecht, Alter, sozioökonomischer Status, Einkommen, Bildung, psychiatrische und psychologische Vorerkrankungen
  • zur peritraumatischen Phase: Grad und Dauer des dissoziativen Zustandes; mental planning (innere Autonomie) versus mental defeat (Selbstaufgabe); Verarbeitung, Speicherung, Erinnerung der konkret erlebten Sinneseindrücke
  • zu posttraumatischen Prozessen: dissoziatives Verhalten, Vermeidung von Erinnerungen, Gedanken und Gefühlen; subjektive Interpretation der traumatischen Erfahrung sowie erlebter Konsequenzen (dysfunktionale Interpretation), Attribuierung des Kontrollverlustes und protektive Faktoren wie Hardiness (subjektive Überzeugung von Eingebundensein, Kontrollmöglichkeiten und Weiterentwicklung); Kohärenzsinn, Glaubenssystem; Ernstgenommenwerden vom Gegenüber; materielle Unterstützung, soziale und gesellschaftliche Anerkennung; konkrete Hilfen zur Gestaltung des Alltags.

Kap. 5 Überblick über Möglichkeiten früher Interventionen (78- 89). Einblick gegeben wird in die Vielfalt der oft divergierenden Untersuchungsergebnisse zum debriefing - CISD, CISM, psychologisches debriefing, Einzel- und Gruppendebriefing - und in Konzepte, die notfallpsychologische Strukturen mit integrierter weiterführender Behandlung andenken. Plädiert wird für ein formalisiertes Konzept zur Bereitstellung von peritraumatischer - Einsatz von PSVN - und mittel- bzw. langfristiger Unterstützung - kognitiv-behaviorale und lerntheoretisch-psychodynamische Behandlungsansätze bei Akuter und/oder Posttraumatischer Belastungsstörung. Ziele und Inhalte peritraumatischer Krisenintervention werden in einer Übersicht vorgestellt.

Kap. 6 Ablauf der peritraumatischen Intervention (90-172). Peritraumatische Intervention hat eine Geh-hin-Struktur, ist einmalig und ereignisnah. Sie versucht, die traumatogene Situation zu normalisieren, Orientierung zu vermitteln, und die Wiedergewinnung der Handlungsfähigkeit durch eine erste emotionale Stabilisierung und Aktivierung der inneren und sozialen Ressourcen zu unterstützen. Der PSNV-Mitarbeiter ist jemand, der ausschließlich für den Betroffenen da ist, Zeit und Aufmerksamkeit für ihn hat. Der Ablauf der konkreten Maßnahmen wird in seiner inneren Logik dargestellt, die dem PSNV-Mitarbeiter Orientierung gibt, die mit den Bedürfnissen der Betroffenen abzugleichen sind, da diese interventionsleitend sind, damit nichts gegen seinen Willen geschieht. Für Einsatzkräfte wird eine peritraumatische Basisschulung gefordert, da diese es sind, die die PSNV anfordern (müssen). Es folgt eine differenzierte --Störvariable und Probleme erläuternde - Darstellung des Procedere: Identifizierung eines Betreuungsbedarfs, Alarmierung des PSNV, Erstinformation und -orientierung des PSNV-Mitarbeiters vor Ort, erste persönliche Kontaktaufnahme (Betreuungsbeginn), Gestaltung des settings, Orte der PSNV - Wohnung, Straßen, öffentliche Plätze, Sprechen/Erzählen und Sprachlosigkeit/Schweigen, Umgang mit Schuldgefühlen, dem schuldlos Schuldigwerden und Schuldvorwürfen, Abschied vom Leichnam, Erfragen und Aktivieren der sozialen Ressourcen, mündlicher und schriftlicher Verweis auf Psychoedukation und weiterführende psychosoziale Einrichtungen - bei Kindestod, nach Gewalterfahrung, nach Suizid, Dauer und Ende der Betreuung. Zwei Kasuistiken illustrieren das Procedere.

Kap. 7 Von der peritraumatischen zur akuten Intervention (173-175). Die PSNV sollte mit weiterführenden Hilfeangeboten vernetzt sein, um Betroffene und ihre Angehörigen hinreichend zu informieren und ggfs. Erstkontakte für sie zu organisieren.

Kap. 8 Integrative Arbeit im Kontext früher Interventionen (176-180). Skizziert wird der humanistisch gestalttherapeutische Therapieansatz zur Behandlung einer Akuten Belastungsstörung. Plädiert wird für eine Integration lerntheoretischer Konzepte in individuell zugeschnittene humanistischen Verfahren, damit die Klienten in sich wieder Ruhe und Frieden finden und wieder Lebensfreude empfinden können. Einzelne Aspekte werden erläutert: Integration von abgespaltenen und/oder unterdrückten Wahrnehmungsvorgängen, Konfrontation und Ressourcenarbeit.

Kap. 9 Grundlegende Aspekte und Ziele früher Interventionen (181-182). 15 therapeutische Aspekte und Ziele für die frühe Interventionen nach traumatischen Erfahrungen werden beschrieben. Die therapeutische Grundhaltung muss zugewandt, wertschätzend und fürsorglich sein unter Beachtung und Einhaltung der eigenen Grenzen, um die Integration der traumatischen Erfahrung durch Annehmen und Verantwortung einfordern (oder sich der eigenen stellen), Ent-Schulden, Verstehen und Verzeihen zu ermöglichen und jenseits der Opferrolle wieder Ruhe und Frieden zu erlangen.

Kap. 10 Frühe präventive Interventionen (183-203). Diese sind Personen mit einer ABS anzubieten, um eine PTBS zu verhindern. In einem ersten Screeninggespräch ist zu eruieren, ob eine ABS vorliegt oder nicht, um die Interventionsart - Psychoedukation oder Bearbeitung der traumatischen Erfahrung - zu bestimmen. Nach drei Fallvignetten mit unterschiedlicher Behandlungsdauer werden relevante Faktoren für unterschiedliche Behandlungsdauer vorgestellt. Die Anfangsphase einer Behandlung wird bzgl. ihrer Ziele, Inhalte und Arbeitsweisen beschrieben und in einem Exkurs wird erläutert, was unter emotionalem und kognitivem Arbeiten gemeint ist.

Kap. 11 Die Arbeit mit Symptomen. Beschrieben wird die Bearbeitung der traumabedingten Symptome im Sinne der Psychoedukation. Eingegangen wird auf den Umgang mit Angst und Übererrregung, Intrusionen, Vermeidung, und Dissoziation.

Kap. 12 Die Arbeit an Selbstprozessen (211-224). In der ersten Therapiephase erlangt der Klient innere und äußere Sicherheit wieder. Danach wird - ohne direkte Konfrontation - an Prozessen wie Verantwortung, Schuldzuschreibungen, Selbstwertgefühl, Kohärenz der Erfahrung, Beurteilung des eigenen Handelns und Verlusterfahrungen gearbeitet. Nachdem zusätzlich die soziale Umweltunterstützung geklärt und gesichert ist, beginnt die Konfrontation mit den Auswirkungen der traumatischen Erfahrung. Danach geht es um die Integration der Erfahrung - trauern, annehmen, verzeihen. Zum Abschluss der Behandlung wird das Erreichte rekapituliert und sich der Zukunft zugewandt, mögliche Rückfälle angesprochen.

Mit einem Wunsch für ein gutes Gelingen ihrer Arbeit mit der notwendigen Unterstützung verabschieden sich die Autoren von den LeserInnen.

Fazit

Das Buch ist engagiert geschrieben und informiert detailliert und illustriert mit Fallbeispielen umfassend über die PSNV und anschließende psychoedukative und therapeutische Folgeprozesse.


Rezensentin
Dr. Michaela Schumacher
Homepage www.drmichaelaschumacher.de
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Zitiervorschlag
Michaela Schumacher. Rezension vom 22.11.2005 zu: Marion Krüsmann, Andreas Müller-Cyran: Trauma und frühe Intervention. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2005. 210 Seiten. ISBN 978-3-608-89008-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2997.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.


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