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Franz Schultheis, Kristina Schulz (Hrsg.): [...] Zumutungen und Leiden im deutschen Alltag

Cover Franz Schultheis, Kristina Schulz (Hrsg.): Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Zumutungen und Leiden im deutschen Alltag. UVK Verlagsgesellschaft (Konstanz) 2005. 592 Seiten. ISBN 978-3-89669-537-6. 29,00 EUR, CH: 49,80 sFr.

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Die Herausgeber

  • Franz Schultheis, Prof. Dr., arbeitete seit 1986 eng mit Pierre Bourdieu in dessen  sozialwissenschaftlichem Institut "Centre de Sociologie Européenne" zusammen und erlebte die Entstehung der französischen Studie mit.
  • Kristina Schulz, Dr. phil. koordinierte die Studie von der Schweiz  aus, wo sie in diesen Jahren als wissenschaftliche Assistentin am soziologischen Institut der Universität Genf arbeitete.

Entstehungshintergrund

Entstanden ist die deutsche Entsprechung  in Anlehnung an ein 1993 in Frankreich erschienenes Werk, ""La misère du monde" (Das Elend der Welt), des renommierten französischen Sozialforschers Pierre Bourdieu (1930-2002). Bourdieu veröffentlichte darin Interviews mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und Lebenssituation und begleitete diese Texte mit sozialwissenschaftlichen Analysen. Sowohl diese Befragung selbst als auch das wissenschaftliche Rüstzeug dazu nahm großen Einfluss auf die soziologische Forschung. Bourdieu hatte es sich zur Aufgabe gemacht, zwei sich gegenüber stehende soziologische  Ansätze unter ein gemeinsames Dach zu bringen und kreierte seine praxeologische Theorie. Der einen Richtung, den  Subjektivsten warf er vor, dass sie sich bei der Analyse zu sehr auf die individuellen Primärerfahrungen stützten und den Objektivisten hielt er entgegen, dass ihr Blick sich zu sehr auf äußere Rahmenbedingungen und deren Auswirkungen verenge. Bourdieu benutzte seine  praxeologische Erkenntnisweise um beide Sichtweisen zu vereinen.

Das Buch fand in Frankreich großes Interesse, erfuhr doch hier die Nation authentisch, wie es mit der Lebenssituation ihrer Bürger, mit ihren Wünschen, Hoffnungen und Erwartungen, tatsächlich bestellt war. Der Aufmerksamkeitserfolg beruhte wohl nicht zuletzt auf dem Erstaunen darüber, dass die Franzosen sich weit weniger zufrieden mit ihrem Leben zeigten, als es der öffentlichen Wahrnehmung entsprach.

Das Echo auf Bourdieus Gesellschaftsdiagnose  war weltweit, ähnliche Projekte wurden z.B. in Österreich, Griechenland und sogar in Laos realisiert. Auch in Deutschland erregte Bourdieus Blick nach Innen großes Interesse und nachdem Radio Bremen 1999 ein Gespräch zwischen Günter Grass und dem französischen Sozialforscher über dessen Studie "La misère du monde" ausgestrahlt hatte, begann man auch hier mit den Planungen für ein vergleichbares Projekt. Gab es in Deutschland ein ähnliches Maß an Verunsicherung? Hatte die deutsche Wiedervereinigung und das Ende des kalten Krieges, unter dem die Deutschen mehr gelitten hatten, als ihre westlichen europäischen Nachbarn, keine spürbaren positiven Nachhall auf die allgemeine Grundstimmung? War das  Ausmaß an politischem und sozialem Verdruss ähnlich ausgeprägt wie beim französischen Nachbarn? Aber es dauerte noch drei Jahre bis sich eine durch die Herausgeber koordinierte 30 köpfige Forschungsgruppe sich von 2002 bis 2004 daran machen konnte, finanziert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die deutsche Version der Sozialanalyse zu erarbeiten.

Zum Inhalt

Die Herausgeber haben um die 50 Interviews aus etwa 1oo ausgewählt, die sie mit aus unterschiedlichen Lebensbereichen stammenden Menschen geführt haben und sie in die Studie aufgenommen.  Als unübersehbare Tendenz erweist sich so, dass die Befragten ihre Lebenssituation häufig als schwer zu bewältigende Zumutung empfinden. Außerdem äußern sie die Empfindungen, dass sich diese Belastungen und Zumutungen noch weiter steigern und es für sie immer schwerer wird, sich zu orientieren oder zurecht zu finden. Alltagsstress und Frust, beruflich wie privat, scheint alle Gesellschaftsgruppen und soziale Schichten in ähnlicher Weise zu bekümmern. Hinzu tritt mitunter das Gefühl der Ohnmacht, an den als bedrückend empfundenen Verhältnissen doch letztlich nichts ändern zu können. Da kommen ein evangelischer Pfarrer ebenso zu Wort, wie eine Managerin , ein Bauernpaar , eine Rentnerin, ein Strafgefangener und ein Arbeitsschutzexperte. Letzterer beklagt die Arbeitsbedingungen auf dem Bau, die Ausbeutung der Arbeiter und die Korruption. Ein Sparkassenleiter moniert, dass ihn der Job auffrisst, die Frauenbeauftragte muss sich damit abfinden, dass die Lorbeeren für ihre Arbeit, andere einheimsen, ein Bergmann sieht sich als eine Art Landsknecht, der als Sprengmeister in den Krieg zieht, um seiner Familie den sozialen Status zu sichern, ein arbeitsloser  50jähriger hat alle seine Hoffnungen aufgegeben und versucht, sich mit seiner Perspektivlosigkeit zu arrangieren.

Es wird deutlich, dass die Erwartungshaltung bezüglich des Anspruchs auf ein gutes Leben ständig gewachsen ist, möglicherweise beflügelt durch politische Versprechungen, ebenso wie durch die unausweichliche mediale Beeinflussung. Anderseits aber haben sich  die ökonomischen und sozialen Verhältnisse für viele Menschen in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Eine Situation, die deutlich wahrgenommen wird. So wird die tägliche, erlebte Realität als ein Überlebenskampf wahrgenommen, der durchweg mit Gefühlen wie Bedrängnis und Zumutung verbunden wird.

Die Übereinstimmung mit den Aussagen der französischen Studie Bourdieus von vor dreizehn Jahren ist unübersehbar; was die Frage nach den Gründen für die offensichtliche Sinnkrise dieser beiden westlichen Gesellschaften zu Beginn des 21. Jahrhunderts aufwirft.

Diskussion

Die Herausgeber weisen darauf hin, dass es sich bei der Studie um eine Art "offener Baustelle" handele, an der weiter gearbeitet werden müsse. So bleibt denn auch offen, wie repräsentativ diese Aussagen sind. Wenn einer der Koautoren in seinem Vorwort : "Der Wohlfahrtsstaat in der Krise" die wirtschaftliche Entwicklung in  der Kanzlerschaft Gerhard Schröders kommentiert und auf ihre sozialen Wirkungen hinweist, so wird man nicht leugnen wollen, dass diese auf die feststellbare Einstellung der Deutschen einen Einfluss ausübt. Tatsache ist wohl auch, dass sich die finanzielle Situation, insbesondere des Großteils der abhängig Beschäftigten, in den letzten Jahren verschlechtert hat und die Kaufkraft der Bevölkerung abgenommen hat. Dass dieser Umstand, nämlich weniger ausgeben zu können und so einen Teil des Frustes der Arbeitswelt durch Konsum kompensieren zu können, nicht mehr möglich ist, negative Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl und das Vertrauen in die Regierung und ihre Protagonisten schlechthin hat, verwundert nicht.

Fazit

Die Studie ist, auch außerhalb der Diskussion um soziologische Forschungsmethoden, interessant für alle diejenigen, die einen ungeschminkten Blick auf die Lebenssituation von Mitbürgern werfen möchten, mit deren Lebenswelten sie sonst kaum in Berührung kommen. Ein Arzt im einem Krankenhaus wird sich kaum mit dem Leben einer Verkäuferin eines Lebensmittelmarktes beschäftigen, ebenso wenig wie der Bauleiter einer Großbaustelle sich Gedanken machen wird über den beruflichen oder privaten Stress eines Pfarrers oder das Bemühen eines Strafgefangenen um den Erhalt seiner Selbstachtung. Die Momentaufnahme deutscher Befindlichkeit bietet die Möglichkeit, sich in unserer Gesellschaft umzusehen und sich zu fragen, inwieweit sich die eigenen Vorstellungen, Hoffnungen und Ängste dort wiederspiegeln. Zuallererst aber ist die Studie ein deutlicher Hinweis auf eine weitreichende Verunsicherung, die in unserer Gesellschaft Platz gegriffen hat. Hier deutet sich eine Krise der westlichen Kultur an.


Rezensent
Dr. Gerd Manstein
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Zitiervorschlag
Gerd Manstein. Rezension vom 28.02.2006 zu: Franz Schultheis, Kristina Schulz (Hrsg.): [...] Zumutungen und Leiden im deutschen Alltag. UVK Verlagsgesellschaft (Konstanz) 2005. 592 Seiten. ISBN 978-3-89669-537-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/2999.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.


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