Karin Beher, Reinhard Liebig u.a.: Strukturwandel des Ehrenamts
Karin Beher, Reinhard Liebig, Thomas Rauschenbach: Strukturwandel des Ehrenamts. Gemeinwohlorientierung im Modernisierungsprozeß. Juventa Verlag (Weinheim) 2000. 327 Seiten. ISBN 978-3-7799-1406-8. 22,00 EUR.
Das Thema
Die Debatte um das Ehrenamt erlebt seit einiger Zeit eine regelrechte Renaissance. Ob Politik, Kirchen, Wohlfahrtsverbände, Jugend-, Sport- und Kulturorganisationen, es gibt mittlerweile keine gesellschaftlich relevante Gruppe mehr, die sich nicht mit dem "Ehrenamt" befasst. Die jeweils gewählten Überschriften sind hier ebenso vielfältig wie die damit verbundenen Interessen und Motive. Selbst in größeren Wirtschaftsunternehmen gehört es inzwischen zum guten Ton, ehrenamtliche / bürgerschaftliche Aktivitäten als Teil einer neuen "corporate identity" zu unterstützen. Aktuell ist das Thema, handlungspraktisch sind die damit verbundenen Aktivitäten und vielfältigen Ansätze. Sie stehen in einem eigenartigen Kontrast zu dem tatsächlich vorhandenen Wissen über Motive und Ausprägungsformen sowie die gesellschaftlichen Bedingungen und Strukturmuster ehrenamtlicher Arbeit. Dieses Feld zu erhellen, stellen sich die Autoren als Aufgabe. Kenntnisreich melden sich Beher, Liebig und Rauschenbach erneut zu Wort. Nach ihrer klärenden Veröffentlichung zum Stand und Gehalt empirischer Studien zum Ehrenamt (1998) focussieren die Herausgeber nunmehr die gemeinwohlorientierten Aspekte des bürgerschaftlichen Engagements in ausgewählten Handlungsbereichen und Themenfeldern.
Die Autoren / der Hintergrund
Beher, Liebig und Rauschenbach arbeiten gemeinsam an der Universität Dortmund, hier am Institut für Sozialpädagogik. Rauschenbach als Professor für Sozialpädagogik, Beher und Liebig als wissenschaftliche Mitarbeiter/in. Der Themengegenstand gehört inzwischen zum festen Reportoire des Instituts, an dem ebenso die bundesweite Arbeitsstelle Jugendhilfestatistik angesiedelt ist.
Der Inhalt
Was das Buch auszeichnet, ist das Unterfangen, nicht bei einer allgemein-abstrakten Ebene stehen zu bleiben, sondern die Themenbehandlung konkret auf unterschiedliche Handlungs- und Themenfelder zu richten. In jeweils abgeschlossenen Kapiteln (die durchaus auch einzelnen und unabhängig voneinander gelesen werden können) wird die Bedeutung des Ehrenamtes in Wohlfahrtsverbänden, Jugendverbänden und im Sportbereich ebenso bearbeitet, wie der ehrenamtliche Beitrag von Frauen und Älteren Menschen in dem durch die Politik erneut entdeckten Politikfeld. Gegenstand der Betrachtungen sind ebenfalls verschiedene Modernisierungsstrategien des ehrenamtlichen Engagements, wie sie etwa durch Selbsthilfeinitiativen, Kontaktstellen und Freiwilligenagenturen zum Ausdruck kommen.
Die Gliederung der insgesamt acht Hauptkapitel im Überblick:
- Motivations- oder Strukturwandel des Ehrenamts?
- Die verbale Konjunktur des Ehrenamts. Analysen zu einer unübersichtlichen Debatte
- Das Ehrenamt in Wohlfahrtsverbänden
- Das Ehrenamt in Jugendverbänden
- Das Ehrenamt im Sport
- Frauen im Ehrenamt
- Ältere Menschen im Ehrenamt
- Modernisierungsstrategien: Selbsthilfe, Kontaktstellen, Freiwilligenagenturen
Gegenüber manch anderen vorliegenden Veröffentlichungen zum Thema heben sich die Beiträge der Autoren vor allem dadurch positiv ab, als sie sich eben nicht auf ein Nachzeichnen oder bloßes Abbilden gegenwärtig konstatierbarer Sachverhalte begrenzen. Anliegen ist es vielmehr, die oftmals vorherrschende subjektzentrierte Betrachtungsweise strukturell gegenzubürsten. Was hierbei sehr schnell deutlich wird, sind neue und veränderte gesellschaftliche Muster, in denen sich ehrenamtlichen Engagement ausprägt und realisiert. Der Wert eines solchen Zugangs liegt dabei nicht nur in einer valideren Einschätzungslage gegenüber der tatsächlichen Bedeutung von unterschiedlichen Formen des freiwilligen sozialen Engagements sondern ebenso darin, vor voluntaristischen Kraftakten bewahren zu können. Denn auch gewünschte Entwicklungen lassen sich nicht herbeireden oder per Dekret verordnen. Auch für das Ehrenamt und dessen Weiterentwicklung gilt, "Menschen machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken, aber sie machen sie selbst". Und was Menschen machen (können), hängt nicht zuletzt vom Bewusstsein ihrer strukturellen Handlungspotenziale ab.
Zielgruppen
Alle, die sich mit der Frage des Ehrenamtes / bürgerschaftlichen Engagements befassen. Es ist keinesfalls nur ein Buch für Wissenschaftlicher oder wissenschaftlich ambitionierte Personen, sondern in gleicher Weise interessierten PraktikerInnen zu empfehlen, die motiviert sind, aus einem konzeptionslosen Handlungspragmatismus auszubrechen.
Fazit
Natürlich behandelt die vorliegende Veröffentlichung nicht alle Aspekte und Aktivitätsfelder des Ehrenamts in der Bundesrepublik Deutschland. Die exemplarisch gewählten Themenfelder sind gleichwohl geeignet, zumindest den sozialen Bereich näher auszuleuchten und die hier stattfindenden Veränderungsprozesse einem rationaleren Diskurs zugänglich zu machen. Keine Frage, das Buch gehört nicht nur in jede Fachbibliothek des Sozialwesens, sondern ist eine unverzichtbare Lektüre für all jene, die sich mit der Frage des Ehrenamtes befassen.
Rezensent
Prof. Dr. Karl-Heinz Boeßenecker
bis 2009 Leiter des FSP Wohlfahrtsverbände / Sozialwirtschaft der FH Düsseldorf, Dekan a.D. und Professor an der HAW Hamburg, heute: Institut für Zukunftsfragen in der Gesundheits- und Sozialwirtschaft, Ev. Hochschule Darmstadt, www.izgs.de
Homepage www.izgs.de
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Zitiervorschlag
Karl-Heinz Boeßenecker. Rezension vom 01.01.2001 zu: Karin Beher, Reinhard Liebig, Thomas Rauschenbach: Strukturwandel des Ehrenamts. Juventa Verlag (Weinheim) 2000. 327 Seiten. ISBN 978-3-7799-1406-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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