Reto Eugster: Die Genese des Klienten
Reto Eugster: Die Genese des Klienten. Soziale Arbeit als System. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2000. 199 Seiten. ISBN 978-3-258-06151-1. 19,90 EUR.
Das Thema
Was ist die Identität Sozialer Arbeit?
An diese Debatte will Reto Eugster mit seinem Buch anschliessen.
Grundlegend für sein Buch ist seine These, dass "erst die Bestimmung der gesellschaftlichen Funktion Sozialer Arbeit den Zugang zu deren Identitätskern freilegt."
Zur Bestimmung der gesellschaftlichen Funktion Sozialer Arbeit wählt Eugster als Bezugsrahmen die Systemtheorie Niklas Luhmanns, die für ihn die überzeugendsten und hilfreichsten Konstrukte zur Beschreibung der Funktion und Identität Sozialer Arbeit bereithält.
Der Autor / der Hintergrund
Reto Eugster ist Dozent an der Hochschule für Soziale Arbeit in Rorschach / Schweiz, wo er auch ein Institut für Forschung, Weiterbildung und Consulting ("Institut für Soziale Arbeit") leitet. Im Rahmen eines Freisemesters - in der Schweiz "Bildungszeit" - hat Reto Eugster u.a. an der FU in Berlin die Grundlagen für das vorliegende Buch erarbeitet.
Der Inhalt
Im Buch finden sich für mich als Leserin in z.T. bunter Mischung 3 grosse Stränge:
- Zum einen beschäftigt sich Eugster mit den wichtigsten Begriffs- und Inhaltsdebatten moderner Sozialarbeitswissenschaft und diskutiert – mehr oder weniger ausführlich -, eine Vielzahl unterschiedlicher Positionen, die er selbst nicht teilt.
- Weiterhin stellt Eugster seine systemtheoretischen Grundannahmen dar, die sich weitgehend mit Luhmanns Systemtheorie decken.
- Auf dieser Grundlage führt Eugster dann aus, wie er Soziale Arbeit in ihrer gesellschaftlichen Funktion und ihren Handlungsmöglichkeiten sieht.
Für mich als Leserin ist der dritte Strang der spannende. Lasse ich mich auf das Experiment ein, Soziale Arbeit durch die Brille Luhmann’scher Systemtheorie zu betrachten, kann ich dem Autor in ein Feld origineller Denkmodelle folgen, die meinen Blick auf Soziale Arbeit bereichert und – im systemischen Sinne – anregt.
Hier einige der für mich interessantesten Ideen und Vorschläge Eugsters:
- Moderne funktional differenzierte Gesellschaften produzieren Exklusion, eine "Risikokultur" analog zur "Multioptionsgesellschaft". Treffen Exklusionsrisiken aufeinander, tendieren sie dazu, sich zu verstärken. Es entstehen gesellschaftliche Zonen des Ausgeschlossensein.
- In diesem Kontext stellt Soziale Arbeit ein eigenständiges gesellschaftliches Funktionssystem dar. Sie bearbeitet speziell definierte Fälle von Exklusion oder zielt auf die Bearbeitung generalisierter Exklusionsrisiken (z.B. in der Prävention), vor allem in den Bereichen der vier Exklusionsgeneratoren Erwerbsarbeit, Erziehung, Massenmedien und Intimbeziehungen.
- Damit reagiert Soziale Arbeit auf bestimmte Folgen der Operationen anderer gesellschaftlicher Funktionssysteme, die ihre Exklusionseffekte nicht selbständig kontrollieren oder regeln können. Soziale Arbeit kann entsprechend als gesellschaftliches Sekundärsystem betrachtet werden.
- Jedes Funktionssystem hat seine spezifische Leitdifferenz, einen binären Code, mit dem es die Welt betrachtet und deutet. Für Soziale Arbeit heisst dieser binäre Code: Fall / Nicht-Fall, in der Selbstbeschreibung Sozialer Arbeit: Hilfe / Nicht-Hilfe.
- Soziale Arbeit agiert dort, wo Massenmedien und Protestbewegungen bestimmte Exklusionseffekte moderner Gesellschaft als vermeidbar bezeichnen, als Soziale Probleme thematisieren und wo diese Sozialen Probleme in sozialarbeiterische Fallförmigkeit überführt werden können.
- Die Entscheidung über Fall / Nicht-Fall geschieht im Spannungsfeld von Interaktion (Hilfsbedürftigkeit) und Organisation (Hilfsbedarf), wobei die Sozialarbeit "an der Basis" Elemente des Situativen, Sozialarbeit als Organisation dagegen Elemente der Typisierung aufnimmt.
- Wo die Entscheidung für einen Fall getroffen wird, entsteht auch ein Klient sozialer Arbeit. Klient bezeichnet hier im Luhmann’schen Sinne nicht einen Menschen, sondern die soziale Adressierbarkeit von Personen.
- Soziale Arbeit kann nicht (Re-)Inklusion in andere Systeme ermöglichen und auch keine Exklusionsrisiken mindern. Sie inkludiert Personen nur als Klienten und setzt sie damit weiterer Stigmatisierung und Exklusion aus.
- Im interessanten Bereich der Interventionstheorie weist Eugster im Rückgriff auf Luhmanns Autopoiesis-Konzept alle Steuerungshoffnungen der Sozialen Arbeit zurück (auch die der Kontextsteuerung!).
- Was Soziale Arbeit aus Eugsters Sicht aber jenseits der Steuerungshoffnungen leisten kann:
- Experten und Klienten bilden neue Problemlösungssysteme, die mit ihrer eigenen Logik und ihren eigenen Codes sowohl die Experten-Systeme wie auch die Problemsysteme anregen, irritieren und faszinieren. Dadurch kann Veränderung eintreten, ist aber keinesfalls planbar.
- Was Soziale Arbeit sollte und kann: Neue Beobachtungsperspektiven eröffnen, Gelegenheiten sehen und situativ nutzen, neue kompetenzorientierte Beschreibungen (statt problemorientierter Erzählungen) generieren, kurz: Kontingenzrückgewinnung unterstützen.
Zielgruppen
Sicher ein interessantes Buch für LeserInnen, die mit der Systemtheorie von Luhmann und/oder Willke vertraut sind und neue interessante Blickwinkel für Soziale Arbeit suchen.
Fazit
Ein Buch, das ich gerne gelesen habe, das zum Weiterdenken anregt, das manchmal kreativ Widerspruch hervorruft, aber immer das schafft, was es auch von Sozialer Arbeit wünscht: Kontingenz erweitern.
Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
FH University of Applied Sciences Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt "Beruf und Burnout-Prävention"
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 01.01.2001 zu: Reto Eugster: Die Genese des Klienten. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2000. 199 Seiten. ISBN 978-3-258-06151-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/30.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Helmut Lambers: Systemtheoretische Grundlagen Sozialer Arbeit
Dieter Kreft, Ingrid Mielenz (Hrsg.): Wörterbuch Soziale Arbeit
Stellenangebote
Erzieher/in für familienanaloge Wohngruppe, Berlin
Erzieher/in für Kindertagesstätte, Stuttgart
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
