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Klaus Wingenfeld: Die Entlassung aus dem Krankenhaus

Cover Klaus Wingenfeld: Die Entlassung aus dem Krankenhaus. Institutionelle Übergänge und gesundheitlich bedingte Transitionen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2005. 280 Seiten. ISBN 978-3-456-84216-5. 24,95 EUR, CH: 43,90 sFr.
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Zur Bedeutung der koordinierten Entlassung im Zeitalter der Diagnostic Related Groups.

Die gegenwärtigen ökonomischen und personellen Umstrukturierungen in den bundesdeutschen Krankenhäusern bedingt durch immer kürzere Verweildauern von Patienten und damit verbundener höherer Arbeitsverdichtung für alle Berufsgruppen implizieren auch die Frage, wie man die Entlassung aus den Kliniken in poststationäre Versorgungsformen optimieren kann. Ziel ist hierbei, möglichst zeitnah unter Berücksichtigung einer angemessenen und sicheren Versorgung Überleitung zu organisieren.

Neben der klassisch ausgerichteten Krankenhaussozialarbeit melden auch andere Professionen einen Anspruch auf Zuständigkeit im Kontext Entlassungsmanagement an. Die Einführung der Diagnostik Related Groups (DRG) zur weiteren Ökonomisierung der vollstationären Behandlungsstrukturen führt auch für Sozialarbeit im Krankenhaus zu einer veränderten Situation. Die Definition als Organisationsinstanz für schnelle Entlassungen in den Kliniken zeigt zwar deutlich die Kooperationsfähigkeiten Sozialer Arbeit auf (vgl. Geißler-Piltz et al. 2005. 19), allerdings ergibt sich in diesem Zusammenhang eine "schwierige Situation" für die Sozialdienste bisheriger Prägung. Denn sie müssen die Effizienz ihrer Arbeit im logischen Zusammenhang mit einem auf Entlassungsmanagement  bezogenes ökonomisches Paradigma nachweisen. Sozialdienste sollen zur wirtschaftlichen Sicherung der Kliniken beitragen und gleichzeitig die Autonomie des Patienten berücksichtigen.

Die einseitige Konzentration auf die Brückenfunktion von vollstationärer Versorgung in poststationäre Strukturen birgt die Gefahr, auch nur in diesem Zusammenhang beurteilt zu werden. Längst haben auch andere Berufsgruppen die Bedeutung des Entlassungsmanagements für sich entdeckt und so ist die Expansion der Pflegeprofession folgerichtig und in Fragen der pflegerischen Weiterversorgung auch sinnvoll.

Mit der vorliegenden Arbeit präsentiert Klaus Wingenfeld aus einer pflegewissenschaftlichen  Perspektive einen aktuellen Beitrag zur Situation des Entlassungsmanagements in Krankenhäusern.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in fünf Kapitel und den Schlussbetrachtungen:

  1. Problemstellung und Stand der Forschung,
  2. Entlassungsmanagement in Deutschland,
  3. Problemdimensionen und Risiken im Verlauf von Übergängen,
  4. Das Transitionskonzept als theoretischer Bezugsrahmen
  5. Entlassungsmanagement als Unterstützung bei der Bewältigung von Transitionen.

Inhalt

  1. Das erste Kapitel befasst sich mit der Problembeschreibung bei den Übergängen aus den Kliniken in die darauf folgenden Versorgungsstrukturen. Hier hat der Autor den Forschungsstand auch international  gesichtet und stellt die "kritischen Übergangsphasen" in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Er erweitert den Fokus auf die organisatorische Schnittstellenpoblematik um die damit verbundenen Probleme der betroffenen Patienten. Hierzu führt er an dieser Stelle erstmals das Transitionskonzept als Bezugsrahmen für seine weiteren Ausführungen ein und hat den nicht geringen Anspruch, somit problemanalytische als auch präventive Aspekte zu berücksichtigen. Schon an dieser Stelle stellt der Autor seine Präferenz für Pflegeprofession als verantwortliche Instanz in diesem Aufgabenfeld dar und verweist auf die Situation eines erheblichen Rückstandes bezüglich eines systematisierten Entlassungsmanagements im Vergleich zu anderen Ländern.
  2. Im zweiten Kapitel untersucht Wingenfeld die aktuelle Situation der deutschen Krankenhäuser im Zusammenhang mit gravierenden Veränderungen durch die DRGs und den damit verbundenen verkürzten Verweildauern von Patienten und erhöhten Entlassungszahlen. Dabei hat er folgerichtig auch die sich verändernden stationären aber auch ambulanten Versorgungsstrukturen im Blick. Als nächster Schritt werden die bislang zuständigen Sozialdienste als zentrale Entlassungsmanagementinstanzen in Frage gestellt. Der Autor versucht hier, aufgrund der Arbeitsprofile, des professionellen Selbstverständnisses und den organisatorischen Rahmenbedingungen die Widersprüchlichkeit zwischen Ambition und Realität der Bedeutung Sozialer Arbeit im Krankenhaus zu beschreiben, ohne allerdings die Komplexitäten der Beratungsinhalte zu berücksichtigen. Daneben stellt er gegenwärtige pflegerische und multidisziplinäre Entlassungsmanagementmodelle vor. Pflegeüberleitung als Äquivalent und Ergänzung zu den Sozialdiensten, Überleitungen durch pflegerisches Stationspersonal, fallbezogene multidisziplinäre Entlassungsallianzen und externe ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen, die in die Kliniken kommen. Hier nimmt Wingenfeld Bezug auf den Expertenstandard zum pflegerischen Entlassungsmanagement (DNQP 2002).
  3. Die Analyse von möglichen Problemen und Risiken beim Wechsel von stationär in poststationär erfolgt  im dritten Kapitel. Hier führt der Autor u.a. medizinische und gesundheitssoziologische Betrachtungen ein, nimmt aber sehr richtig auch Bezug auf strukturelle Bedingungen für die weitere Versorgung von erkrankten Menschen und die subjektive Bedeutung von Entlassung für Patienten und deren Angehörige.
  4. Das vierte Kapitel ist dem Transitionskonzept gewidmet, wobei sich hier Wingenfeld auf die theoretische Adaption der amerikanischen Pflegewissenschaftlerin und Soziologin Afaf I Meleis bezieht. Diese sogenannte Theorie mittlerer Reichweite wird als nützliches Instrument für die Pflegepraxis zur besseren Einschätzung von Kontexten und Situationen der betroffenen Patienten und Angehörigen eingeführt. Transitionen beschreiben hier die Wechsel und Übergänge zwischen unterschiedlichen Phasen eines Lebenslaufes. Der Autor skizziert sehr übersichtlich diesen theoretischen Bezugsrahmen.
  5. Im fünften Kapitel geht Wingenfeld auf mögliche Bewältigungsfunktionen der aktuellen Transitionen im Rahmen des Entlassungsmanagements einzugehen. Hier folgt die Darstellung einer damit verbundenen Problembeschreibung im Kontext Entlassung. Die vorgestellten Punkte sind allerdings überwiegend äquivalent zu den schon lange vorhandenen fachlichen Zugängen Sozialer Arbeit. So sind z.B. die Patientenorientierung (oder Empowerment), Einbeziehung der Angehörigen (oder Person-in-Environment) oder Multidisziplinarität (oder transdisziplinärer Zugang) wesentliche Aspekte in den schon vorhandenen Beratungen von Sozialdiensten. Die Notwendigkeit einer multiprofessionellen Orientierung bei Entlassungsmanagement wird klar benannt. In Fragestellungen der Krankheitsbewältigung und professioneller Unterstützung traut Wingenfeld der Pflege- und Ärzteprofession aus fachlichen und organisatorischen Gründen deutlich mehr zu als den Sozialdiensten.

Mögliche forschungs- und praxisrelevante Fragestellungen und Konsequenzen aus den Entwicklungslinien der vorherigen Kapitel skizziert der Autor in seiner Schlussbetrachtung. Hier fordert er zu Recht mehr empirische Forschung, um Unterstützungsangebote unter den erschwerten zeitlichen und ökonomischen Bedingungen zu optimieren.

Fazit

Ich halte das Buch insgesamt für gelungen. Klaus Wingenfeld stellt die Problematik der Entlassung von Patienten in einen größeren Kontext und koppelt geschickt die Entlassung in poststationäre Versorgungsformen mit dem Transitionskonzept. Außerdem erweitert er den Verantwortungsrahmen für Entlassung auch für die Pflegeprofession und am Rande auch für die Medizin. Die Beschreibung der Ist-Situation von Sozialdiensten aus der Rolle als externer Beobachter geschieht eher problemzentriert und berücksichtigt aus meiner Sicht kaum die Qualitäten eines notwendigen transdisziplinären und theoriegeleiteten Zugangs Sozialer Arbeit. Die damit verbundenen Wertungen des Autors regen allerdings zur Diskussion bezüglich der Neupositionierung der unterschiedlichen Berufsgruppen im Gesundheitswesen an. Somit ist dieses Buch jedem zu empfehlen, der sich mit der Thematik des Entlassungsmanagements aus unterschiedlichen Perspektiven beschäftigen möchte.

Literatur

  • Ansen, Harald, Norbert Gödecker-Geenen und Hans Nau. (2004), Soziale Arbeit im Krankenhaus. München, Basel. Reinhardt Verlag / UTB.
  • Dorfman, Rachelle A. (1996) Clinical Social Work. Definition, Practice, and Vision. NewYork: Brunner/Mazel.
  • Geißler-Piltz, Brigitte, Mühlum, Albert und Helmut Pauls. (2005),  Klinische Sozialarbeit. München. Reinhardt/UTB.
  • Pauls, Helmut. (2004), Klinische Sozialarbeit. Grundlagen und Methoden psychosozialer Behandlung. Weinheim und München: Juventa Verlag.
  • Wendt, Wolf Rainer. (1998), Behandeln können. Klinische Kompetenzen in Praxisfeldern sozialer Arbeit. In: Blätter der Wohlfahrtspflege, Heft 9/10, S. 173 ff.

Rezensent
Prof. Dr. phil. Stephan Dettmers
M.A. Klinische Sozialarbeit, Dipl. Sozialarbeiter
Fachhochschule Kiel
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Zitiervorschlag
Stephan Dettmers. Rezension vom 06.05.2007 zu: Klaus Wingenfeld: Die Entlassung aus dem Krankenhaus. Institutionelle Übergänge und gesundheitlich bedingte Transitionen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2005. ISBN 978-3-456-84216-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3050.php, Datum des Zugriffs 28.08.2016.


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