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Karlheinz Sonntag (Hrsg.): Personalentwicklung in Organisationen. Psychologische Grundlagen, Methoden und Strategien

Karlheinz Sonntag (Hrsg.): Personalentwicklung in Organisationen. Psychologische Grundlagen, Methoden und Strategien. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2005. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. 435 Seiten. ISBN 978-3-8017-1817-6. 46,95 EUR.

Relevanz

Wenn eine Publikation nach 1992, 1998 jetzt in der dritten Auflage erscheint, dann kann man wohl von einem Standardwerk sprechen. In kaum einer anderen Publikation wird man derart umfänglich mit der Personalentwicklung aus psychologischer Sicht vertraut gemacht. Organisationen, die eine gezielte Förderung und Entwicklung ihrer Mitglieder anstreben - und welche Organisation kann darauf verzichten? - finden hier eine Fülle an Informationen. Die grundlegenden Beiträge psychologischer Disziplinen zur Personalentwicklung werden ebenso dargestellt wie deren Methoden und Strategien. Hierzu konnte der Herausgeber wiederum zahlreiche namhafte Vertreter unterschiedlicher psychologischer Disziplinen als Autoren gewinnen. Einzige Kritik ist am Titel angebracht: Personalentwicklung wird immer noch als traditionelles Teilgebiet des Personalwesens verstanden, ist mithin also ein betriebswirtschaftliches Thema - wie der Herausgeber selbst anmerkt (S. 18). Insofern könnten Leser, die eine umfassende personalwirtschaftliche Darstellung der Personalentwicklung erwarten, in die Irre geführt werden. In dieser Publikation geht es ausschließlich um die Beiträge der Psychologie zur Personalentwicklung, die allerdings zunehmend unverzichtbarer werden - da ist dem Herausgeber zuzustimmen.

Inhalt

Das Buch umfasst drei Teile.

In der Einführung des Herausgebers wird kurz die psychologische Forschung zur Personalentwicklung referiert. Historische und aktuelle Entwicklungen werden präzise wiedergegeben. Es werden wichtige praktische Aufgaben wie die Bedarfsermittlung, die Vielfalt der Maßnahmen und die Evaluation und der Transfer dargestellt. Hiermit gewinnt der Leser einen ersten Eindruck über die Themen, die ihn im Folgenden erwarten und kann sie in einen Sinnzusammenhang einordnen. Zuzustimmen ist dem Autor auch bei seinem Resümee, nachdem die personale Förderung eine enge und effektive Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und Praktikern nahe legt. Erfreulicherweise verlangt der Herausgeber nicht nur den Theorie-Praxis-Transfer, sondern setzt ihn auch um.

Kapitel 2 lautet "Grundlegende Beiträge psychologischer Disziplinen zur Personalentwicklung". In fünf Beiträgen widmen sich namhafte Autoren dieser Thematik. Aus entwicklungspsychologischer Sicht betrachtet Rolf Oerter die menschliche Entwicklung im Erwachsenenalter - nur diese Phase ist für die Personalentwicklung von Interesse. Es wird der Frage nachgegangen, wieweit überhaupt noch menschliche Entwicklungen möglich sind oder welche Möglichkeiten der Selbstgestaltung bestehen und welche Auswirkungen dieses auf das Verständnis von Arbeit hat.

Überhaupt steht die Frage nach den Freiheitsgraden, nach den Ge­staltungsmöglichkeiten der Persönlichkeit durch Personalentwicklungs­maßnahmen im Vordergrund der Überlegungen. It"s all in the genes pflegen die Amerikaner zu sagen. Wenn denn nicht alles, aber vieles in den Genen vorbestimmt ist, wenn frühkindliche und adoleszente Sozialisation den Charakter maßgeblich bestimmt haben, was kann dann Personalentwicklung außer Kommunikationstrainings und Fachqualifikationen noch leisten? Diesen Fragen geht Hermann Brandstätter in seinem Aufsatz "Veränderbarkeit von Persönlichkeitsmerkmalen aus sozial- und differentialpsychologischer Sicht" nach. Andreas Krapp und Bernd Weidemann bieten dazu Überlegungen, wie Lernprozesse entwicklungsförderlich gestaltet werden können.

Spätestens mit der wertorientierten Managementforschung und dem Wissensmanagement, wie es von Nonaka & Takeuchi postuliert wurde, hat der Kompetenzbegriff eine überragende Bedeutung erhalten. Lutz von Rosenstiel betrachtet dieses wichtige Thema aus sozialpsychologischer Sicht: Wie entwickeln sich Werthaltungen und interpersonale Kompetenz? Den Abschluss dieses 2. Teils bildet ein arbeitspsychologischer Aufsatz von Eberhard Ulich zu den Lern- und Entwicklungspotenzialen in der Arbeit. Hiermit wird die Brücke zur Berufspädagogik geschlagen, die auch wieder zunehmend den Bildungscharakter des Ernstwertes der Arbeit entdeckt und sich der stetigen Verschulung aller Bildungsprozesse entgegen stellt.

Die genannten Themen sind nicht nur interessant, sondern spiegeln auch die aktuelle Diskussion in Wissenschaft und Politik wieder. Nicht zuletzt durch die Ausrichtung des Europäischen Qualifikationsrahmens (EQF) an den Kompetenzen dürfte ein Prozess in Gang kommen, der Arbeits- und Bildungschancen weit mehr von der Persönlichkeit und den erworbenen Kompetenzen als von formalen Abschlüssen abhängig macht. Hierzu liefert das Grundlagenkapitel wichtige Beiträge.

Der Teil 3 Methoden und Strategien der Personalentwicklung ist nochmals untergliedert in die Teile "Analyse", "Intervention" und "Evaluation" - mithin psychologisch strukturiert. Für den oft betriebswirtschaftlich oder juristisch vorqualifizierten Personalleiter mag das ungewöhnlich erscheinen, erleichtert jedoch den instrumentellen Umgang mit der Publikation. Die drei Aufsätze zur "Analyse" decken ein breites Spektrum ab: Neu hinzugekommen ist in der 3. Auflage der Aufsatz "Ermittlung organisationaler Merkmale: Organisationsdiagnose und Lernkultur" von Sonntag/Stegmaier & Schaper. Eine notwendige Erweiterung, ist doch seit 20 Jahren organisationales Lernen nach den Modellen von Argyris/Schön oder die Lernende Organisation von Peter Senge ein Schwerpunkt personalwirtschaftlicher Überlegungen; auch wenn die Autoren hierauf keinen Bezug nehmen.

Praktisch und mit hohem Nutzen für Personalentwickler in den Betrieben sind die beiden Aufsätze zur Bedarfsermittlung: Karlheinz Sonntag schreibt über die "Ermittlung tätigkeitsbezogener Merkmale: Qualifikationsanforderungen und Voraussetzungen menschlicher Aufgabenbewältigung" und Heinz Schuler & Yvonne Görlich zur "Ermittlung erfolgsrelevanter Merkmale von Mitarbeitern durch Leistungs- und Potenzialbeurteilung".

Auch wenn der Begriff "Intervention" dem betriebs- oder sozialwirtschaftlich vorgeprägtem Leser zunächst ungewöhnlich erscheint, die beiden Aufsätze hierzu sind es nicht. Sonntag & Schaper beschreiben die "Förderung beruflicher Handlungskompetenz" - eines der zentralen Anliegen der Berufsbildung und Bildungspolitik derzeit. Schließlich gelten Fach-, Methoden-, Sozial- und Personalkompetenz als die entscheidenden Bausteine lebenslangen Lernens. Und auch der zweite Aufsatz von Battmann & Schönpflug spricht ein zentrales Thema der betrieblichen Realität an: "Stress in Organisationen: Ursachen, Konsequenzen und Bewältigungsformen."

Der dritte Teilbereich "Evaluation" geht auf das zentrale Thema des Human Resource Managements ein: Welche Erträge erwirtschaftet Personalentwicklung? Finanzmarktorientierte Unternehmen, Mergers & Acquisitions oder die International Accounting Standards (IAS) - sie alle wollen den Wertschöpfungsbeitrag des Personals irgendwie wissen und bemessen. Eine Voraussetzung hierfür ist die "Evaluation von Personalentwicklungsmaßnahmen", wie sie von Thierau-Brunner, Wottawa & Stangel-Meseke dargestellt wird. Aber was nützen die besten Maßnahmen, wenn die neuen Kompetenzen nicht in der Tätigkeit umgesetzt werden können? Schon Donald Kirkpatrick hat in seinem Standardwerk "Evaluating Training Programs" auf die hohe Bedeutung des Transfers hingewiesen, wie er von Bergmann & Sonntag in ihrem Aufsatz "Transfer: Die Umsetzung und Generalisierung erworbener Kompetenzen in den Arbeitsalltag" beschrieben wird.

Den Abschluss bildet ein Aufsatz von Sonntag & Stegmaier "Personalentwicklung und Unternehmensperformance - Eine Evaluationspers­pektive für das Human Resource Management". Dieser Nachweis wäre sicherlich eines Nobelpreises würdig. Auch wenn Controller vielleicht enttäuscht sind, dass es immer noch kein umfassendes Modell gibt, finden sich in diesem Aufsatz zahlreiche Ansätze. Es wird verdeutlicht, dass ohne Werte keine Messung möglich ist, dass die Zielsetzungen wie Produktivität, finanzieller Erfolg oder Marktanteil vorab festzulegen sind. Und es wird den vielen Praxismodellen der Spiegel vorgehalten, dass nämlich ohne Theorie alles letztlich doch das berühmte "Stochern mit der Stange im Nebel" bleibt. Allerdings ist hier kritisch anzumerken, dass spätestens jetzt Interdisziplinarität weiterhelfen würde. So wie in den 1960er Jahren Likert sich mit seinen Kollegen aus dem Rechnungswesen zusammensetzte, um das Human Resource Accounting zu entwickeln, sollten Psychologen ihre Hemmungen über Bord werfen und sich mit Controllern und Finanzexperten zusammentun, um Maßstäbe für den Beitrag der Personalentwicklung zur Unternehmensperformance zu entwickeln.

Praxisbezug und angesprochener Nutzerkreis

Für Arbeits- und Organisationspsychologen dürfte dieses Buch ein "Muss" sein. So umfassend und auf dem neuesten Stand, dazu leicht verständlich dürfte man sich sonst nirgendwo einen Überblick über die psychologische Forschung zur Personalentwicklung informieren können. Dieses gilt im Prinzip auch für die zweite angesprochene Gruppe, die "Personaler", wie Personalwissenschaftler, Personalmanager, Personaltrainer und Personalberater. Allerdings werden diese durch die psychologische Systematik, die dort angewandten Forschungsmethoden und Sichtweisen wenig Gewohntes finden. Beherrschende Themen wie Bedarfsermittlung, organisationales Lernen oder Humankapital finden sich zwar auch hier, jedoch aus einem anderen, möglicherweise ungewöhnlichen und wenig vertrauten Blickwinkel. Dies setzt die Bereitschaft voraus, sich von bekannten Denkschemata und Erklärungsmustern zu lösen, erlaubt dann aber einen neuen und vielleicht weiterführenden Blick auf die Personalentwicklung. Und wer will sich schon ernsthaft Innovationen verschließen? 

Fazit

Ein Fazit soll objektiv sein, alles noch einmal zusammenfassen und abschließend bewerten. Ich verstoße hiermit bewusst gegen diese Regel: Wenn man sich beruflich bedingt durch Berge an sogenannter praxisbezogener Literatur quälen muss, an "To Do-Listen", "Good- und Best-Practice-Beispielen", die weder transferierbar noch in ihrer betrieblichen Leistung einschätzbar sind, dann ist es geradezu eine Freude, eine solche Publikation in der Hand halten und lesen zu dürfen. Die Autoren beweisen einmal mehr, dass auch komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse einfach und verständlich ausgedrückt werden können, ohne hierbei zu vereinfachend oder vernachlässigend zu sein.


Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
Fachhochschule Koblenz
RheinAhrCampus Remagen
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 08.08.2006 zu: Karlheinz Sonntag (Hrsg.): Personalentwicklung in Organisationen. Psychologische Grundlagen, Methoden und Strategien. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2005. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. 435 Seiten. ISBN 978-3-8017-1817-6. In: socialnet Rezensionen unter http://www.socialnet.de/rezensionen/3057.php, Datum des Zugriffs 11.03.2010.


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