Günter Mey: Jung und Alt. Perspektiven im städtischen Raum. Texte und Fotografien
Günter Mey: Jung und Alt. Perspektiven im städtischen Raum. Texte und Fotografien. Kölner Studien Verlag 2005. 112 Seiten. ISBN 978-3-936010-05-3.
Mit 45 Fotographien von 11 Schülern der graphischen Abteilung der Berliner Lette-Schule.
Thema
Im Zuge der Modernisierung unserer Gesellschaft verändert sich die Art und Weise der Kontakte zwischen den Generationen. Die höheren Anforderungen an die berufliche und räumliche Mobilität haben Auswirkungen auf örtliche Präsenz von Familie, nicht selten wohnen die Großeltern an anderen Orten. Aber insbesondere der Rückgang der Geburten und die teilweise ins mittlere Alter verschobene Familienplanung haben zu deutlichen Veränderungen in der Familienstruktur geführt. War die Familie in der Vorkriegszeit mit vielen Geschwistern, Tanten und Onkeln, Cousins und Cousinen eher "breit" aufgestellt, so hat sie sich nun "gestreckt": Die gestiegene Lebenserwartung sorgt für eine langjährige Existenz von Großeltern und zum Teil auch Urgroßeltern, dafür fehlen auf Grund des Geburtenrückganges vielfach familiäre Querverbindungen in der "Breite". Die damit einher gehende Reduzierung von Kontakten zwischen Jung und Alt gewinnt auf dem Hintergrund der demografischen Prognosen an Brisanz. So wundert es nicht, dass Kontakte von Jung und Alt zunehmend Gegenstand von Projekten werden (siehe u. a. die Projektdokumentation "Generationenübergreifende Projekte", Schriftenreihe des MGFFI NRW, 2007/1039). Die Handlungs- und Aneignungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen im öffentlichen Raum sind bereits seit vielen Jahren Gegenstand fachlicher Diskussion. Relativ neu ist, dass im Kontext der demografischen Prognosen die Lebensbedingungen Älterer im Stadtteil bzw. im Wohnquartier betrachtet werden (siehe u. a. Deinet/Knopp, Sozialmagazin Heft 11/2006). Der Thematisierung der Möglichkeiten von Begegnungen von Jung und Alt im städtischen Raum, der damit verbundenen Konflikte und Potentiale, kommt auf diesem Hintergrund besondere Bedeutung zu.
Entstehungshintergrund
Ende der 90er Jahre befasste sich eine Projektgruppe im Fach Entwicklungspsychologie an der Technischen Universität Berlin mit den "sozialen Arrangements von Alt und Jung" im Alltag. Ein wesentlicher Aspekt dabei war, Begegnungen und Kontakte durch eine Fotodokumentation zu "visualisieren".
Aus den fachlichen Blickwinkeln von Psychologie, Soziologie und Stadtplanung wurden interdisziplinäre Arbeitsgespräche zu Stadtöffentlichkeit als Begegnungsraum von Jung und Alt veranstaltet. Mit der Veröffentlichung wird diese Arbeit (foto-) dokumentiert und kommentiert.
Aufbau und Inhalt
Das Buch enthält, neben den einleitenden Bemerkungen des Herausgebers, sechs relativ kurze Texte, die sich auf unmittelbar auf die Themenstellung beziehen. Annette Lepenies fasst die Ergebnisse der Beobachtungen, die Schüler und Schülerinnen einer Berliner Erzieher- und Altenpflegerschule "an verschiedenen Orten in Berlin" im Rahmen der Projektarbeit machten, zusammen: Im Unterschied zu einem familiären Miteinander im öffentlichen Raum "gehen die Interaktionen zwischen Mitgliedern verschiedener Altersstufen, die sich nicht kennen und nicht zusammengehören, über einen Blickkontakt oder eine beiläufige Bemerkung nicht hinaus" (9). Günter Mey unterstreicht diesen Befund: "Das Überraschende an unseren Arbeiten ist, dass so wenig Überraschendes gefunden wurde" (16). Ein sprachloses und blickloses Nebeneinander prägt den Alltag. Er führt dies wesentlich auf Altersbilder und -stereotype zurück. Kontakte im öffentlichen Raum benötigen Anlässe oder Mittler, was auf die Notwendigkeit einer aktiven Gestaltung desselben verweist. Illustriert wird dies z.B. durch die Betrachtungen, die Hans-Liudger Dienel zu Bürgersteigen ("Bürger-Steige") anstellt. Frieder R. Lang geht auf Aspekte der Interaktionen zwischen Jung und Alt im öffentlichen Raum ein, die nicht unmittelbar sichtbar sind, weil sie mit den Gedanken der Akteure zu tun haben. So ist die Angst Älterer vor Verletzungen durch unaufmerksam tobende Kinder manifester Bestandteil ihrer Verhaltensweisen, diese ist den jungen Akteuren jedoch kaum präsent (24). Den einführenden Beiträgen folgt die Dokumentation einer Vielzahl von "Momentaufnahmen" der elf am Projekt beteiligten Fotografinnen und Fotografen.
Fazit
Das Buch bietet anregende und spannende Texte und eine Vielzahl von ausdruckstarken Fotografien, die im wahrsten Sinne des Wortes als Aufnahmen von Momenten der Begegnung unterschiedlicher Altersgruppen im Stadtraum bezeichnet werden können. Auch wenn viele der Fotografien "für sich sprechen" wäre es interessant gewesen, mehr von den Eindrücken, Beobachtungen und Kommentaren der zur Beobachtung sozialer Wirklichkeit ausgeschickten (jungen) Akteure zu erfahren.
Rezensent
Dr. Reinhold Knopp
Arbeitsgemeinschaft stadt-konzept/Düsseldorf
Dozent FH Düsseldorf, Schwerpunkt Stadtsoziologie
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Zitiervorschlag
Reinhold Knopp. Rezension vom 10.10.2007 zu: Günter Mey: Jung und Alt. Perspektiven im städtischen Raum. Texte und Fotografien. Kölner Studien Verlag 2005. 112 Seiten. ISBN 978-3-936010-05-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3089.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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