Hartmut Kaelble, Günther Schmid (Hrsg.): Das europäische Sozialmodell
Hartmut Kaelble, Günther Schmid (Hrsg.): Das europäische Sozialmodell. Auf dem Weg zum transnationalen Sozialstaat. edition sigma (Berlin) 2004. 455 Seiten. ISBN 978-3-89404-004-8. 27,90 EUR.
Hrsg. vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.
Ziele und Grundtenor
Aus dem Käfig der nord- und westeuropäischen Typologien auszubrechen - dieses Ziel hat sich das von Hartmut Kaelble und Günther Schmid herausgegebene WZB-Jahrbuch 2004 erklärtermaßen gesetzt. Zugleich versucht es, einen Beitrag zur Analyse und Begriffsbestimmung des "europäischen Sozialmodells" zu leisten.
Der Grundtenor der Aufsatzsammlung lautet: Bisher hätte die vergleichende soziologische und historische Forschung lange die Tendenz besessen, die Unterschiede europäischer Sozialsysteme herauszuarbeiten und in Typologisierungen zu gießen (etwa "Bismarck"- vs. "Beveridge"-Modell). Die damit verbundene These einer nationalen und kulturellen Pfadabhängigkeit wird von den Herausgebern und der Mehrzahl der Autoren nicht geteilt. Auch die These, "das Soziale" werde langfristig eine Domäne der Nationalstaaten bleiben, machen sich die Beteiligten nicht zu eigen (Ausnahme: die Beiträge von Markus Gangl, Alain Supoit). Vielmehr richtet sich der Blick auf das Werden eines europäischen Sozialmodells: Innerhalb eines kooperativen Wettbewerbs, so die Prognose, werden nicht nur Nationalstaaten, sondern auch die Akteure auf lokaler, zivilgesellschaftlicher und supranationale Ebene von den historischen und aktuellen Erfahrungen der europäischen Partner lernen und profitieren. In diesem Sinne kündigt der Untertitel des Bandes auch den "Weg zum transnationalen Sozialstaat" an - nicht als Frage, sondern als These formuliert.
Der Begriff "transnationaler Sozialstaat" ist gewiss unproblematischer als die Rede von Supranationalität. Und, weil der einzelne europäische Sozialstaat durch multi- und bilaterale Verträge, durch supranationale EU-Kompetenzen, durch ökonomische und politische Globalisierungsprozesse zunehmend in seiner Regelungs- und Bewegungsfreiheit beeinflusst wird, nicht untreffend gewählt. Doch muss in diesem Kontext an die bestehenden Grenzen erinnert werden: Dänische Steuerzahler, die deutsche Renten finanzieren? Eine europäische Pflege- oder Krankenversicherung? Derartige Dinge sind selbst in großen Zeitdimensionen gedacht und unabhängig davon, ob man die Tendenz im Interesse einer stärkeren europäischen Integration begrüßen mag, nicht zu erwarten. Dass Europa augenblicklich "wirtschaftlich und politisch mit einer atemberaubenden Dynamik" (11) zusammenwächst, lässt sich - nicht zuletzt angesichts der herben Rückschläge im Prozess der Verfassungsgebung - getrost bezweifeln. Auch mit Blick auf die sozialpolitische Integration ist eher Stagnation zu registrieren. Eine gewisse Skepsis scheint partiell selbst bei den Herausgebern mitzuschwingen: Obzwar sie gerade die europäische Spezifik zu betonen versuchen, konnten sie sich nicht dazu durchringen, das "europäische Sozialmodell" im Titel wenigstens symbolisch groß zu schreiben.
Der Band erscheint zu einem Zeitpunkt, da sich der europäische Sozialstaat einer heftigen Kontroverse gegenüber sieht. Auf der einen Seite werden die starke soziale Sicherheit, die hohe Qualifikation, der Gesundheitszustand und die Lebensqualität geradezu als Garant ökonomischer Leistungsfähigkeit und als Gewähr für die Nachhaltigkeit wirtschaftlichen Wachstums angeführt. Auf der anderen Seite gelten der hohe Kostenaufwand als nachteilig für die internationale Konkurrenzfähigkeit und die komfortable Absicherung der Arbeitslosigkeit als Hemmschuh der Motivation und Leistungsbereitschaft - die Folge: hohe Arbeitslosigkeit, verglichen insbesondere mit Japan und den USA. Für die Herausgeber des Bandes tragen diese eingefahrenen Sichtweisen zum Verständnis der aktuellen Umbruchsituation kaum etwas bei. Dass sich das europäische Sozialmodell in einer Phase der Neuorientierung befindet, ist unbestritten. Zugleich ist der Sozialstaat selbst jedoch, bei allen nationalen Unterschieden, das Ergebnis einer spezifisch europäischen Entwicklung. Das WZB-Jahrbuch 2004 beschäftigt sich mit dem europäischen Sozialmodell daher durchaus in dem Bewusstsein, dass das Thema weit über einen europäischen Vergleich von Organisation und Finanzierung von Lebensrisiken hinaus reicht. Jürgen Kocka, Präsident des WZB, schreibt in seinem Vorwort zu Recht, dass die Krise des europäischen Sozialmodells "leicht zur Infragestellung europäischer Identität" (10) insgesamt führen kann. Die beiden Herausgeber waren insofern gut beraten, den Band interdisziplinär auszurichten. Zu Wort kommen Vertreter aus Soziologie, Ökonomie, Geschichts-, Rechts-, und Politikwissenschaft, die sich allesamt schwerpunktmäßig mit arbeits- und sozialpolitischen Fragen befassen.
Entstehungshintergrund und Überblick
Das Zustandekommen des Bandes geht auf Zweierlei zurück: Hartmut Kaelble hat während seiner Gastprofessur an der Berliner Humboldt-Universität im Juli 2003 eine internationale Tagung zum Thema "europäischer Sozialstaat" veranstaltet. Ein Teil der Beiträge entstammt diesem Anlass. Günther Schmid, Direktor der Abteilung "Arbeitsmarktpolitik und Beschäftigung" am WZB, leitet dort den Schwerpunkt Arbeit, Sozialstruktur und Sozialstaat. Diesem Bereich entstammen weitere Studien. Trotz dieser Konstellation, die nicht unbedingt eine komplementäre Abstimmung vermuten lässt, zeichnet sich der Band durch eine weithin gelungene Systematik aus: In 14 Beiträgen, vier davon englischsprachig, wird der Themenkomplex im Lichte von sechs "Dimensionen" ausgeleuchtet. Dass diese sechs Dimensionen in vier Teilen behandelt werden, mag anfangs irritieren, erklärt sich aber mit dem interdisziplinären Profil, weil eben auch eine international vergleichende Perspektive z.B. eine historische Dimension kennt. Auf ein Register haben die Herausgeber leider verzichtet. Allerdings sorgt eine ausführliche, die einzelnen Ausätze zusammenfassende Einleitung für Übersicht.
Inhalt
- Im ersten Abschnitt rückt zunächst die Geschichte des europäischen Sozialmodells ins Blickfeld: Hintergrund ist vor allem die Frage nach der Pfadabhängigkeit der sozialen Sicherung, also ob sich Erwartungshaltungen, Rechtsansprüche und politische Positionierungen geformt haben, die die Entscheidungsspielräume der Akteure auch langfristig binden. Die Frage richtet sich dabei nach einem einführenden, historischen Überblick (Hartmut Kaelble) sowohl an die "Glanzzeit" der einzelnen europäischen Wohlfahrtstaaten von 1948 bis 1973 (Lutz Raphael) wie an die Sozialpolitik der EU (Bernd Schulte).
- Der zweite Teil des Buches widmet sich dem Thema aus einer international vergleichenden Perspektive, die die fünf Regionen Osteuropa, Lateinamerika, Ostasien, Australien und USA berücksichtigt (Béla Tomka, Il‡n Bitberg, Yoko Tanaka, John Buchanan, Markus Gangl). Im Zentrum stehen Impulse, die das europäische Sozialmodell historisch von außen erhalten hat, sowie seine Wirkungen auf andere Wirtschaftszonen der Welt.
- Die transnationale Perspektive ist der Schwerpunkt des dritten Abschnitts. In den exemplarisch behandelten Bereichen Rente, Gesundheit und Beschäftigungspolitik geht es um die Frage, wie unter Wahrung nationaler Souveränität und des Subsidiaritätsprinzips mit Hilfe der "Offenen Methode der Koordinierung" (OMK) normative wie strategische Prinzipien europäischer Sozialpolitik zu etablieren sind. Die Autoren (Thomas Gerlinger und Hans-Jürgen Urban / Kristine Kern und Hildegard Theobald / Günther Schmid und Silke Kull) kommen - im Gegensatz zu vielen Kommentatoren, die dieses eher "weiche" Steuerungsinstrument bereits misstrauisch als "trojanisches Pferd" für den Einfall eurokratischen Hineinregierens beäugen - zu einer weitgehend positiven Wertung.
- Der vierte Teil konzentriert sich schließlich auf Kulturen und Traditionen, auf institutionelle Arrangements, ungeschriebene Regeln und Wertstrukturen, mithin auf die normative und rechtliche Dimension des europäischen Sozialmodells. Exemplarisch diskutiert werden europäische Konvergenzprozesse im Bereich Familie (Chiara Sarenco), das Management neu auftretender Einkommens- und Beschäftigungsrisiken (Günther Schmid) sowie eine historisch ausgerichtete Untersuchung zum juristischen Konzept von "Arbeit" und "Arbeitnehmer" (Alain Supiot). Der letzte Beitrag gießt freilich Wasser in den Wein der Grundthese des Buches, kommt der Autor doch zu dem Ergebnis einer weiteren Fortdauer nationaler Modelle auf dem Gebiet des Arbeitsrechts.
Fazit
Insgesamt haben Herausgeber und Autoren mit dem Band, der sich primär an ein akademisches Publikum richtet, eine interessante Zusammenstellung reflektierter Beiträge vorgelegt, die insbesondere den Blick für das spezifisch europäische Profil der Sozialstaatlichkeit schärfen und die Diskussion um Qualität und Tragfähigkeit des europäischen Sozialmodells mit vielen empirischen Fakten und Analysen beleben dürfte.
Rezensent
Dr. rer. pol. Thomas Schölderle
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Zitiervorschlag
Thomas Schölderle. Rezension vom 29.11.2005 zu: Hartmut Kaelble, Günther Schmid (Hrsg.): Das europäische Sozialmodell. edition sigma (Berlin) 2004. 455 Seiten. ISBN 978-3-89404-004-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3107.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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