Ina Adora Nnaji: Ein Recht auf Arbeit für Kinder!
Ina Adora Nnaji: Ein Recht auf Arbeit für Kinder! Chance zu gesellschaftlicher Partizipation und Gleichberechtigung. Tectum-Verlag (Marburg) 2005. 175 Seiten. ISBN 978-3-8288-8823-4. 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.
Arbeitende Kinder organisieren sich selbst
Seit Mitte der 1970er Jahre entstehen in der südlichen Halbkugel Bewegungen und Organisationen von arbeitenden Kindern und Jugendlichen. Teils handelt es sich dabei um selbstorganisierte Zusammenschlüsse der Betroffenen, teils werden sie von empathischen Erwachsenen initiiert und in ihrer Funktionsweise begleitet. Die Bewegungen und Organisationen der arbeitenden Kinder und Jugendlichen sind landesweit und regional und inzwischen international vernetzt. Ina Adora Nnaji versucht den theoretischen Hintergrund der Bewegungen und ihren aktuellen Stand aufzuzeigen. Das Erste Welttreffen von Delegierten aus allen Ländern der Bewegungen und Organisationen arbeitender Kinder und Jugendlicher fand 1996 in Kundapur, in Indien statt. Seither gewinnt neben der Frage der weltweit vernetzenden Selbstorganisation auch die Frage der Einflussnahme der Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlichen auf die Gesellschaft an Bedeutung. In dem Buch wird dargelegt wie die Organisationen und Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher dazu beitragen, Kindern und Jugendlichen mehr Möglichkeiten der gesellschaftlichen Partizipation und Gleichberechtigung zu eröffnen und ein Recht auf Arbeit für Kinder zu fordern. Es wird dabei der kindzentrierte und subjektorientierte Ansatz in der Wahrnehmung von arbeitenden Kindern mit dem in der Erwachsenenpädagogik entwickeltem Ansatz der "Befreiungspädagogik" des brasilianischen Pädagogen Paulo Freire verknüpft. Die Autorin nennt ihr Buch einen Beitrag zur "Menschenrechtserziehung".
Entstehungshintergrund
Das Buch basiert auf der wissenschaftlichen Abschlussarbeit, in der sich Ina Adora Nnaji mit Fragen gesellschaftlicher Partizipation von arbeitenden Kindern auseinandersetzt. Die Autorin belegt ihre Thesen mit den Erfahrungen aus dem Zweiten Welttreffen der Delegierten der Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher, das im Frühjahr 2004 in Berlin stattfand. Das Welttreffen wurde vom dem Verein ProNats e.V. ausgerichtet. Die Autorin war an der Planung und Durchführung des Welttreffens maßgeblich beteiligt.
Inhalt
Die Autorin setzt sich zunächst mit den Theorien von Kindheit und Kinderarbeit und Partizipation auseinander und diskutiert diese in Auseinandersetzung mit ihren Auswirkungen auf die Praxis. Die weltweite Verbreitung von Kinderarbeit wird dargestellt und der internationale rechtliche Rahmen (UN-Kinderrechtskonvention) bzw. der Umgang der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und des UN-Kinderhilfswerks UNICEF mit Kinderarbeit erörtert.
Unter der Fragestellung, wie können Kinder mehr bzw. gleiche Rechte in der Gesellschaft erreichen, setzt sich die Autorin mit Konzepten der emanzipatorischen Erwachsenenpädagogik auseinander. Die Bedeutung von educacion popular und empowerment für die Arbeitsweise der Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher werden diskutiert und in das Konzept des protagonismo infantil integriert. Am Beispiel der Bewegung arbeitender Kinder und Jugendlicher in Peru, MANTHOC, werden der historische und soziale Hintergrund der Entstehungsgeschichte und die Arbeitsweise der ältesten Bewegung arbeitender Kinder erläutert. Im Weiteren wird die Struktur des Zweiten Welttreffens der Delegierten arbeitender Kinder und Jugendlicher in Berlin und ein Teilnehmer des Welttreffens in einem Interview vorgestellt. Das Buch schließt mit der Forderung, die Politik der ILO zu Kinderarbeit neu auszurichten und das Recht auf Arbeit für Kinder gesetzlich zu verankern.
Zielgruppen
Das Buch richtet sich an diejenigen, die sich mit der gesellschaftlichen Situation arbeitender Kinder auseinandersetzen. Angesprochen werden PädagogInnen, entwicklungspolitisch Interessierte, VertreterInnen von NGOs, die mit Kindern arbeiten.
Diskussion
Die Autorin zeigt sich in diesem Buch als fachkompetente und engagierte Verfechterin der Stärkung der Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher. Ihre Argumentation basiert auf der Auseinandersetzung mit der relevanten pädagogischen Theorie und der vorgefundenen Praxis, die untermauert wird durch ihre Mitarbeit in dem Verein ProNats e.V., Verein zur Unterstützung arbeitender Kinder und Jugendlicher. Die im Buch vorgetragene Kritik an der von der ILO formulierten Definition von Kinderarbeit richtet sich gegen eine simple Perspektive, die Kinderarbeit verdammt. Während die ILO einen Kindheitsdiskurs fördert, der Arbeit für Kinder ausschließt, hebt die Autorin die persönlichkeitsbildenden Aspekte von Arbeit für Kinder hervor, und stellt fest, dass diese dazu beitragen würde, Kompetenzen zu entwickeln, selbständig zu werden, die soziale Integration und gesellschaftliche Anerkennung von Kindern zu fördern. Nnajis Argument gewinnt an Überzeugungskraft durch die eingefügten Zitate aus den Erklärungen der arbeitenden Kinder und Jugendlicher. Aus diesen geht auch die Bedeutung der Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher für die Bildung eines politischen Bewusstseins hervor. Die Auseinandersetzung mit der UN Kinderrechtskonvention und die Reflexion ihrer eigenen Realität lässt sie zu politischen Akteuren werden.
Anschaulich geschildert sind die Struktur und der Verlauf des Zweiten Welttreffens der Delegierten der Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher in Berlin, das mit einem Interview mit einem 15-jährigen Teilnehmer überzeugend abgerundet wird. Aufgrund der konkreten Schilderung gelingt es der Autorin beim Leser und der Leserin eine Vorstellung davon zu erzeugen, mit welchen Herausforderungen die Bewegungen sich auseinandersetzen und wer ihre ProtagonistInnen sind. Es weckt das Interesse und die Neugier, mehr darüber zu erfahren. In diesem Zusammenhang wäre eine kritische Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Kindern und Erwachsenen, die die Bewegungen der arbeitenden Kinder und Jugendlicher begleiten, aufschlussreich gewesen. Zudem hätte es ein Anknüpfungspunkt sein können für die Thematisierung des hierarchischen Verhältnisses zwischen Kindern und Erwachsenen in unseren Breitengraden. Damit wäre ersichtlich geworden, dass die Argumentation des Buches auch relevant ist für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen in den industrialisierten nördlichen Ländern.
Der Text ist gut lesbar geschrieben und eignet sich für das pädagogisch arbeitende und an Kindheitstheorie interessierte Publikum. Die Auseinandersetzung mit den Konzepten von Kindheit, educacion popular und empowerment erfolgt zunächst auf abstrakten Niveau, die von dem Leser und der Leserin ein spezifisches Vorwissen verlangt, um die Ausführungen nutzbringend zu verstehen. Erst im zweiten Teil des Buches wird anhand der Schilderungen einer Bewegung arbeitender Kinder und Jugendlicher in Peru, Südamerika und des Zweiten Welttreffens der Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher in Berlin die Theorie an konkreten Beispielen verstehbar.
Es sei dahin gestellt, ob, wie von der Autorin behauptet wird, das Zweite Welttreffen der arbeitenden Kinder und Jugendlichen wesentlich dazu beigetragen hat, dem Ziel "bessere Arbeitsbedingungen, Partizipationsrechte und ein Recht auf Arbeit zu erlangen" (S. 136) näher gekommen zu sein. Nnaji erhebt die Forderung, Kindern ein Recht auf Arbeit zu zuschreiben. Einen solch einklagbaren Anspruch auf einen Job aber gibt es weltweit in keinem Bereich. Es ist auch die Frage, ob dieses wünschenswert wäre. Auch die Kinder- und Jugendbewegungen fordern lediglich das Recht, legal arbeiten zu können. Die Darlegung der Autorin veranschaulichen, wie die Auseinandersetzung mit den Kindern und Jugendlichen dazu beitragen kann, die politische Öffentlichkeit in Deutschland für das Thema Kinderarbeit aus der Sicht der Betroffenen zu sensibilisieren. Die Partizipationsmöglichkeiten arbeitender Kinder geraten in den Fokus der Auseinandersetzung.
Die Lesbarkeit des Buches leidet ein wenig unter der schludrigen Gesamtgestaltung des Buches. Die Belege sind nur schwer und manche leider auch gar nicht im Literaturverzeichnis aufzufinden. Eine alphabetische Gestaltung des Literaturverzeichnisses würde es der interessierten Leserin oder dem interessierten Leser erleichtern, die entsprechende Literatur aufzufinden. Das damit verbundene Hin- und Herblättern reißt aus der Lektüre heraus. Zur Stärkung des Arguments hätte es dem Buch gut getan, aufmerksam redigiert zu werden, einerseits um die Aussagen einzelner Kapitel zu fokussieren, andererseits um Rechtschreibfehler zu beheben.
Fazit
Das Buch thematisiert ein in Deutschland wenig bekanntes Thema. Die Autorin stellt dar, wie die Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher dazu beitragen, ein gesellschaftspolitisches Bewusstsein zu entwickeln und die gesellschaftliche Partizipation von Kindern zu stärken. Die Bewegungen werden als Möglichkeit der Kinder beschrieben, aus ihrer gesellschaftlichen Marginalisierung heraus zu treten. Im Rahmen politischer Bildungsarbeit und Menschenrechtserziehung mit Kindern gewinnt die Beschäftigung mit dem gesellschaftlichen Verhältnis von Erwachsenen und Kindern an Bedeutung. In dem Buch verdeutlicht Nnaji, wie notwendig ein Umdenken in Bezug auf Kinder und Kindheit ist, um Kindern gesellschaftlich "mehr Freiheit und Gleichberechtigung" zu ermöglichen."
Rezensentin
Anne Wihstutz (M.A.)
Kindheitssoziologin und Sozialarbeiterin in der Freien Jugendarbeit
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Zitiervorschlag
Anne Wihstutz (M.A.). Rezension vom 31.01.2006 zu: Ina Adora Nnaji: Ein Recht auf Arbeit für Kinder!. Tectum-Verlag (Marburg) 2005. 175 Seiten. ISBN 978-3-8288-8823-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3119.php, Datum des Zugriffs 06.09.2010.
Urheberrecht
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