Johannes Jungbauer: [...] Belastungen und Belastungsfolgen bei Angehörigen Menschen pflegen. Band 3:
Johannes Jungbauer: Unser Leben ist jetzt anders. Belastungen und Belastungsfolgen bei Angehörigen schizophrener Patienten. Psychiatrie-Verlag (Bonn) 2005. 176 Seiten. ISBN 978-3-88414-396-4. 29,90 EUR, CH: 52,20 sFr.
Reihe: Forschung für die Praxis - Hochschulschriften.
Thema
Lange Zeit gab es wenige Fachleute in der Psychiatrie, die die Belastungen der Angehörigen von schizophren Erkrankten als solche überhaupt wahrgenommen und zugleich als ihre Aufgabe betrachtet haben. Hoenig und Hamilton untersuchten 1966 als erste die Belastungen der Angehörigen durch eine schizophrene Erkrankung in der Familie und nahmen dabei eine Differenzierung zwischen objektiven und subjektiven Belastungsfaktoren vor. In der dann einsetzenden Forschung wurde deutlich, dass etwa 3/4 der Angehörigen, die sich um einen schizophren erkrankten Patienten kümmern, sich erheblich belastet fühlen, sei es gesundheitlich, emotional oder auch finanziell. Da die Mehrheit der Angehörigen die Eltern und insbesondere die Mütter sind, bezog sich die Belastungsforschung zunächst vorwiegend auf die Situation aus der Elternperspektive. Mittlerweile wurde in Forschung und Praxis vermehrt auch auf die Belastungen von Partnern, Geschwistern oder auch Kindern von schizophren Erkrankten eingegangen und ihr spezifisches Belastungserleben herausgearbeitet.
Johannes Jungbauer beschäftigte sich eingehend mit der Perspektive der Partner schizophren Erkrankter und veröffentlichte 2002 dazu ein Buch, das die Auswertung von narrativen Interviews zu Belastungslagen, Bewältigungsstrategien und Lebensentwürfen von Partnern schizophren Erkrankter beinhaltete (vgl. dazu die Rezension).
Im vorliegenden Buch "Unser Leben ist jetzt anders" stellt er weitere Ergebnisse aus qualitativen Angehörigen-Interviews zum Belastungserleben vor und ergänzt diese mit den Ergebnissen der quantitativen Verfahren zur Erforschung der objektiven Belastungsfaktoren - insbesondere der finanziellen und gesundheitlichen Belastungen. Dabei führt er auch Vergleiche zwischen der Eltern- und der Partnerstichprobe durch.
Entstehungshintergrund
Das Buch - die kumulative Habilitationsschrift von Johannes Jungbauer - stellt eine Zusammenführung bereits publizierter Zeitschriftenartikel dar.
Aufbau und Inhalt
In einem Einführungskapitel wird die grundsätzliche Problemstellung, die untersuchten Forschungsfragen und die angewandten Methoden erörtert, sowie die untersuchte Angehörigenstichprobe beschrieben.
Das zweite Kapitel bietet einen Literaturüberblick zu den Konzepten und Ergebnissen der bisherigen psychiatrischen Angehörigenforschung.
Die Kapitel drei bis zehn beinhalten die bereits mit verschiedenen Co-Autoren publizierten Zeitschriftenartikel in modifizierter Form und befassen sich mit folgenden Themen:
- Allgemeine und spezifische subjektive Belastungslagen von Eltern und Partnern schizophren Erkrankter
- Subjektive Belastungen von Partnern schizophren Erkrankter
- Finanzielle Belastungen von Eltern und Partnern schizophren Erkrankter im Vergleich
- Belastungsverläufe über zwölf Monate bei Eltern schizophren Erkrankter
- Entwicklungsprobleme in Familien mit schizophren Erkrankten aus Sicht der Eltern
- Psychische und psychosomatische Beeinträchtigungen von Angehörigen schizophren Erkrankter
- Hilfreiche und belastende Aspekte im Kontakt mit professionellen Helfern aus Sicht der Angehörigen
- Unterstützungsbedarf von Partnern schizophren Erkrankter
- Das elfte und letzte Kapitel liefert eine zusammenfassende Bewertung der Untersuchungsergebnisse und Vorschläge für weiterführende Studien.
Abschließend findet sich ein Literaturverzeichnis von 18 Seiten für das Gesamtwerk.
Besonders beachtenswert erscheinen mir folgende Untersuchungsergebnisse:
- Das subjektive Belastungserleben der Angehörigen schizophren erkrankter Patienten kann in krankheitsspezifische und beziehungsspezifische Belastungsaspekte und in akute und chronische Belastungslagen unterteilt werden.
- Das Belastungsniveau der Angehörigen ist abhängig vom aktuellen Erkrankungsstatus des Patienten.
- Es gibt einen größeren Anteil chronisch hoch belasteter Angehöriger in der Elternstichprobe, was damit zusammenhängt, dass Eltern im Vergleich zu Partnern häufiger Patienten betreuen, die langfristig sehr schwer krank sind und schwere psychosoziale Funktionsbeeinträchtigungen aufweisen.
- Angehörige schizophren erkrankter Patienten haben langfristige finanzielle Einbußen zu tragen. Dennoch wird den finanziellen Belastungen im Vergleich zu den anderen krankheitsbedingten Belastungen eine geringere Bedeutung beigemessen, sofern nicht eine prekäre finanzielle Situation der Familie entsteht.
- Angehörige schizophren erkrankter Patienten tragen ein erhöhtes Gesundheitsrisiko im Hinblick auf psychische und psychosomatische Beeinträchtigungen. Insbesondere die Prävalenzraten für depressive Störungen sind stark erhöht.
- Aufgrund der großen Variabilität der Belastungslagen sollten professionelle Unterstützungsangebote nicht nur auf einem einzelnen Konzept beruhen, sondern ein breites Spektrum von Hilfemöglichkeiten abdecken (Unterstützung zeitnah zum Erkrankungsbeginn besonders wichtig; Einzelgespräche mit dem behandelnden Arzt; schriftliches Informationsmaterial; Informationsvermittlung, Bewältigungshilfen und Erfahrungsaustausch in allgemeinen und/oder beziehungsspezifischen Angehörigengruppen; stärkere Einbeziehung in die Akut- und Langzeitbehandlung; aktive Kontaktsuche durch den behandelnden Arzt)
Zielgruppen
Als Zielgruppen kommen vorrangig Psychiater und Psychologen, aber auch alle weiteren Berufsgruppen, die in psychiatrischen Einrichtungen tätig sind, in Frage, sofern sie sich auch wissenschaftlich mit den Belastungen von Angehörigen schizophren Erkrankter auseinander setzen wollen. Auch für interessierte Angehörige - insbesondere für Angehörige, die aktiv in den Selbsthilfeorganisationen tätig sind - kann dieses Buch hilfreich sein zur Relativierung und theoretischen Einordnung der eigenen subjektiven Belastungserfahrungen.
Fazit
Mit der Zusammenfassung der verschiedenen Untersuchungsergebnisse in Buchform ist dem Autor ein bedeutendes Werk zur Angehörigen-Belastungsforschung gelungen.
Rezensentin
Dr. rer. biol. hum. Gabi Pitschel-Walz
Psychologische Psychotherapeutin
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München
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Zitiervorschlag
Gabi Pitschel-Walz. Rezension vom 28.06.2007 zu: Johannes Jungbauer: [...] Belastungen und Belastungsfolgen bei Angehörigen Menschen pflegen. Band 3:. Psychiatrie-Verlag (Bonn) 2005. 176 Seiten. ISBN 978-3-88414-396-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3129.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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