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Hans-Ulrich Wilms, Nadine Bull u.a.: Hilfen für Partner psychisch Kranker

Cover Hans-Ulrich Wilms, Nadine Bull, Bettina Wittmund, Matthias C. Angermeyer: Hilfen für Partner psychisch Kranker. Ein Gruppenmanual für Angehörige chronisch psychisch kranker Menschen. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2005. 167 Seiten. ISBN 978-3-88414-394-0. 29,90 EUR, CH: 52,20 sFr.

Reihe: Forschung für die Praxis - Hochschulschriften.
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Einführung und Hintergrund

Angehörige, vor allem Partner psychisch kranker Menschen erleben vielfältige Belastungen, für die sie oftmals nur unzureichend Hilfsangebote und Unterstützung finden. Das Buch stellt ein Manual vor für ein Gruppenprogramm zur Unterstützung von Partnern, die mit einem chronisch psychisch kranken Menschen zusammenleben. Es basiert auf den Ergebnissen zweier vom BMBF geförderter Forschungsprojekte als auch auf den Erfahrungen des Autorenteams in der Umsetzung des vorgestellten Unterstützungsangebots.

Zielgruppen

Psychologen, Ärzte und Sozialarbeiter

Aufbau

Das Buch setzt sich aus zwei Teilen zusammen.

In Teil I werden die für die Manualentwicklung wesentlichen Forschungsergebnisse vorgestellt. Teil I ist in 6 Kapitel gegliedert. Nach einer Einleitung werden in Kapitel 2 wesentliche Ergebnisse der Studie zu Belastungen von Angehörigen psychiatrischer Patienten vorgestellt und auf die gesundheitlichen Belastungsfolgen sowie auf diejenigen Bereiche und Themen eingegangen, in denen Angehörige Entlastung und Information brauchen. Vor- und Nachteile unterschiedlicher Konzeptionen von Angehörigenarbeit werden in Kapitel 3 zusammengefasst (z.B. störungshomogen vs. störungsheterogen) und das vorgestellte Programm in die Matrix vorhandener Konzepte eingeordnet. Das Programm ist konsequent nutzerorientiert, d.h. aus den von den Angehörigen selbst geäußerten Unterstützungsbedürfnissen heraus konzipiert. Kapitel 4 geht auf die Frage ein, was Angehörige zur Teilnahme an einem Gruppenprogramm motiviert; Forschungsergebnisse des Autorenteams werden vorgestellt. Kapitel 5 legt vorläufige Ergebnisse zur Evaluation des Gruppenprogramms vor. Kapitel 6 leitet zum eigentlichen Manual über. Das Programm wurde rückblickend von 81,0% als stark bis sehr stark hilfreich, die inhaltliche Gestaltung sogar von 93,7% als passend bzw. sehr passend erlebt.

Teil II stellt das Manual für ein Gruppenprogramm für Angehörige vor, deren Lebenspartner an einer Depression erkrankt ist. In Kap. 7 wird jeder der 13 Termine des Programms in einem eigenen Unterkapitel detailliert beschrieben. Eine umfangreiche Literaturliste (Kap. 8) sowie Materialien (Kap. 9) werden bereitgestellt.

Vorstellung des Programms

Das Programm ist am besten ab einer Gruppengröße von 6 Personen durchzuführen, bei besonderer Gewichtung von Kleingruppenarbeit sind 9 bis 12 Personen ideal. Es wird von zwei Moderatoren ausgegangen. Zunächst werden vier Termine in wöchentlichem Abstand vereinbart, auf die sechs Termine in 14tägigem und zwei Termine in monatlichem Abstand sowie ein abschließender nach drei Monaten folgen. Die zeitliche Struktur dient der Förderung einer selbst-management-orientierten Grundhaltung in der Gruppe und ermöglicht Vernetzung und Aktivierung sozialer Unterstützung über die Gruppentermine hinaus.

Inhalte der einzelnen Sitzungen sind Kennenlernen, Informationen über Krankheitsmodelle und Behandlungsansätze, Stressmanagement, Umsetzung in die Praxis, Entspannung, Genusstraining, Belastungsmanagement, Kommunikation in der Partnerschaft, Krisenplan, Abschied/Ausblick sowie ein Termin zur Wiederholung und Auffrischung. Inhalte einer Gruppensitzung können flexibel an die Bedürfnisse der Teilnehmer angepasst werden. Als Arbeitsformen werden u.a. die Methode des Reflektierenden Teams, Hausaufgaben und Kleingruppenarbeit eingesetzt. Auch hier wird eine flexible Kombination unterschiedlicher Methoden vorgeschlagen; leitend ist ein wertschätzender und lösungsorientierter Stil.

Diskussion

Auffallend ist in der Informationsvermittlung die Orientierung an einem medizinischen und expertenorientierten Krankheitsmodell. Beispielsweise wird Angehörigen vermittelt, "welcher Experte zu welchem Zeitpunkt zu kontaktieren ist". Das vorgestellte kognitiv-verhaltenstherapeutische Modell zum Verständnis von Depression wird von den Autoren selbst als "vereinfacht" bezeichnet. Es wird auf die Bereiche Denken, Handeln und Biologie eingegangen;  emotionale Zusammenhänge und lebens- und beziehungsgeschichtliche Hintergründe sind jedoch weitgehend ausgeklammert. Das ist um so schwerer nachvollziehbar, da zum Ende des Buches die Bedeutung von Emotionen z.B. für Denken und Entscheidungen angesprochen wird, wenn die Autoren sagen: "Möglicherweise ist es ja auch gerade dieses Schuldgefühl, das mit besonderer Kraft Belastungen von Angehörigen hervorruft, deren Unterstützungsleistungen im Behandlungsprozess blockiert und die Teilnahme an Unterstützungsprogrammen behindert." Es könnte daher lohnend sein, in Weiterentwicklungen des Angebots die Rolle von Emotionen stärker zu berücksichtigen.

Obwohl die Autoren in der Durchführung des Programms eine flexible Kombination von Methoden vorschlagen und z.B. selbst systemisch-lösungsorientierte Vorgehensweisen nutzen, wird auf die Bedeutung anderer Ansätze als der kognitiven Verhaltenstherapie nicht eingegangen. Informationen z.B. über Paar- und Familientherapie und deren Indikationen könnten jedoch gerade für Partner depressiver Patienten relevant sein.

Weiterhin wäre eine präzisere Verwendung und Explikation von Begriffen wünschenswert. Zum Beispiel wird schon im Untertitel von "chronisch psychisch kranken Menschen" gesprochen - das Programm wurde jedoch hauptsächlich mit Partnern depressiver Patienten entwickelt und durchgeführt und es bleibt offen, in welchem Maße es sich dabei um chronische Krankheitsverläufe der Patienten handelte.

Einschätzung

Das Buch ist sehr gut aufgebaut und in einem lebendigen, praxisnahen Stil geschrieben. Theoretische Informationen zur schnellen Orientierung und empirische Ergebnisse zur Einschätzung des Programms sind sparsam und sehr gut verständlich aufbereitet. Besonders hervorzuheben sind die konsequente Orientierung an den Bedürfnissen und Themen der Angehörigen - beispielsweise sind die im Buch enthaltenen Tabellen und Materialien teilweise direkt in Kleingruppenarbeit der Angehörigen entstanden -  sowie die wertschätzende und ressourcenorientierte Perspektive in der Gestaltung des Programms.

Die Autoren legen zwar ein sehr gut strukturiertes 13 Termine umfassendes Programm vor, sprechen jedoch immer wieder von Anregungen, Vorschlägen und der flexiblen Auswahl und Kombination von Methoden und Inhalten. Diese Flexibilität und Anpassung an die jeweiligen Nutzer macht einerseits Kompetenz und Erfahrung für die Durchführung besonders notwendig. Andererseits kann das Programm gut für andere Störungen oder andere Gruppen modifiziert und an die entsprechende Versorgungssituation angepasst werden.

Fazit

Mit dem Manual liegt ein beziehungsspezifisches Angebot für Lebenspartner depressiver Patienten vor, das sich an ihren Bedürfnissen orientiert. Es bietet einen Fundus an methodischen und inhaltlichen Anregungen für die Angehörigenarbeit. Mit der empirischen Untermauerung, der konsequenten Orientierung an der Perspektive der Nutzer und dem Einbezug klinischer Expertise ist es sicher richtungsweisend für eine "Forschung für die Praxis".


Rezensentin
Prof. Dr. Jeannette Bischkopf
Fachhochschule Kiel, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
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Zitiervorschlag
Jeannette Bischkopf. Rezension vom 13.06.2006 zu: Hans-Ulrich Wilms, Nadine Bull, Bettina Wittmund, Matthias C. Angermeyer: Hilfen für Partner psychisch Kranker. Ein Gruppenmanual für Angehörige chronisch psychisch kranker Menschen. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2005. ISBN 978-3-88414-394-0. Reihe: Forschung für die Praxis - Hochschulschriften. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3130.php, Datum des Zugriffs 29.07.2016.


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