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Gert Jugert, Anke Rehder u.a.: Soziale Kompetenz für Jugendliche

Cover Gert Jugert, Anke Rehder, Peter Notz, Franz Petermann: Soziale Kompetenz für Jugendliche. Grundlagen, Training und Fortbildung. Juventa Verlag (Weinheim) 2009. 6., überarbeitete Auflage. 152 Seiten. ISBN 978-3-7799-2138-7. 12,50 EUR, CH: 22,10 sFr.

Reihe: Pädagogisches Training.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-3204-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Autorin und Autor

  • Dr. Gert Jugert ist freier Mitarbeiter am Bremer Institut für Pädagogik und Psychologie und widmet sich den Arbeitsschwerpunkten soziales Lernen, Prävention von Verhaltensstörungen, Supervision sowie Fort- und Weiterbildung. 
  • Anke Rehder arbeitet als Dipl.-Psychologin bei der Hans-Wendt-Stiftung Bremen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen auf den Gebieten Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen sowie im Bereich der Konfliktforschung.
  • Peter Notz arbeitet als selbständiger Dipl.-Psychologe vor allem auf dem Gebiet der Evaluation. 
  • Dr. Franz Petermann ist Professor für Klinische Psychologie und Direktor des Zentrums für Klinische Psychologie und Rehabilitation der Universität Bremen. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt vor allem im Themenbereich Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen.

Entstehungshintergrund

Gesellschaftliche Veränderungen innerhalb von Arbeitsmarkt, Schule und Familie stellen auch Jugendliche vor neue Herausforderungen:  Die Auflösung gesellschaftlicher Bindungen ebenso wie neue Muster von Erwerbsarbeit und Freizeit können ihre erfolgreiche Integration in die Gesellschaft erschweren.  Einem Teil der Jugendlichen gelingt es heute nicht, die Entwicklungsaufgabe soziale Kompetenz individuell befriedigend zu bewältigen. Schwierigkeiten bei der persönlichen, schulischen und beruflichen Entwicklung sind oftmals die Folge. Das vorliegende Buch setzt bei den heutigen Entwicklungsproblemen vieler Jugendlicher an und verfolgt als zentrales Ziel die aktuelle und präventive Förderung von sozialen und berufsbezogenen Fähigkeiten und Fertigkeiten Jugendlicher.  

Aufbau

Geleitet von der Zielsetzung, allen an Jugendhilfe und Jugendarbeit Interessierten eine theoretische Orientierung zu bieten, die zusammen mit dem Trainingsmanual FIT FOR LIFE von Jugert et al. (2008) als effektive Präventivmaßnahme  in der Jugendhilfe praxisnah eingesetzt werden kann, enthält das Buch drei große Kapitel: Der erste Teil widmet sich dem psychologischen Konzept der sozialen Kompetenz mit Begriffsdefinition , theoretischen Grundlagen und konkreten Ansätzen zur Förderung. Der zweite Teil beschreibt das Kompetenztraining FIT FOR LIFE. Im dritten Teil des Buches steht die Fortbildung zum Training sozialer Kompetenz im Mittelpunkt.

Inhalte

Der  erste Teil beinhaltet neben der begrifflichen Definition und der Darstellung von Einflussfaktoren auf soziale Kompetenz auch Ansätze zur  trainingsbezogenen Kompetenzdiagnostik sowie die methodischen Grundlagen zur Durchführung von Kompetenztrainings. Eine kurze Vorstellung ausgewählter Trainingsprogramme für Kinder, Jugendliche und Erwachsene verbunden mit einem ersten Überblick über die Module des Kompetenztrainings FIT FOR LIFE und deren Ziele schließt den ersten Teil des Buches ab.  Bei der begrifflichen Definition wird deutlich, dass es sich bei sozialer Kompetenz nicht um ein eindimensionales Konzept handelt, sondern um ein komplexes Gebilde sozialer Fähigkeiten und Fertigkeiten, deren Anwendung altersabhängig erfolgt und somit in Abhängigkeit vom Entwicklungsverlauf betrachtet werden muss.  Während in der klinischen Psychologie die Begriffe soziale Kompetenz und soziale Fertigkeiten weitgehend synonym verwendet werden, sprechen sich die AutorInnen dafür aus,  den Begriff soziale Kompetenz als Oberbegriff für soziale Fertigkeiten zu verwenden.  Die Verfügbarkeit sozialer Fertigkeiten als solche macht nach diesem Verständnis noch keine soziale Kompetenz aus, sondern erst die flexible, aufgaben- und situationsangemessene Anwendung der Fertigkeiten. 

Im zweiten Teil wird das Kompetenztraining FIT FOR LIFE umfassend beschrieben: Ausgehend von den theoretischen Grundlagen des Trainings werden Zielgruppen, Ziele und Trainingsmethoden erläutert, gefolgt von der detaillierten Darstellung der einzelnen Trainingsmodule und der exemplarischen Wiedergabe eines vollständigen Trainingsmoduls. Den Abschluss des zweiten Teils bildet ein Kapitel zu den Effekten des Trainings, in dem sowohl die Evaluationsergebnisse der AutorInnen  (Jugert et al., 2000) als auch eine Reihe von späteren Evaluationsstudien im Zeitraum von 1999 bis 2008 dargestellt werden. Die theoretischen Grundlagen des Kompetenztrainings FIT FOR LIFE bilden zum einen das Modell der sozial-kognitiven Informationsverarbeitung von Dodge (1993) und zum anderen die sozial-kognitive Lerntheorie von Bandura (1986). Während das Modell von Dodge insbesondere dazu dient, Defizite auf den verschiedenen Ebenen der Informationsverarbeitung zu erklären und passende Interventionen abzuleiten, bietet die sozial-kognitive Lerntheorie von Bandura die theoretische Basis, um Strukturen, Methoden und Verhaltensweisen abzuleiten, mit denen Lernprozesse optimiert werden können.  Dabei wird vor allem das psychologische Prinzip der Selbstwirksamkeit berücksichtigt, nach dem das Verhalten einer Person von ihren Kompetenz- und Ergebniserwartungen kognitiv beeinflusst wird (Bandura, 1994). Das Konzept der Selbstwirksamkeit dient sowohl der Analyse von hemmenden Einflussfaktoren auf die Anwendung sozialer Fertigkeiten als auch zur Ableitung konkreter Möglichkeiten zur  Verbesserung sozialen Handels.  Der theoretische Rahmen des Kompetenztrainings wird durch Befunde und Konzepte der Jugendpsychologie abgerundet. Hierbei werden vor allem die für das Jugendalter spezifischen Entwicklungsaufgaben sowie mögliche Störungen des Sozialverhaltens und die Entwicklung sog. Scheinkompetenzen fokussiert. Als  Zielgruppe des FIT FOR LIFE-Trainings  werden sozial benachteiligte Jugendliche und junge Erwachsene genannt. Dazu gehören AbsolventInnen der Sonderschule, Jugendliche ohne Hauptschulabschluss bzw. ohne Berufsabschluss ebenso wie ausländische Jugendliche und MigrantInnen.  Das hier vorgestellte Trainingsprogramm ist als Präventivmaßnahme ausgelegt, welches nach Angaben der AutorInnen explizit nicht dazu dient, bereits vorhandene Verhaltensauffälligkeiten individuell zu therapieren. Stattdessen wird als übergeordnete und wichtigste Zielsetzung des Trainings die Förderung sozialer Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie beruflicher Schlüsselqualifikationen verbunden mit der Unterstützung der persönlichen Entwicklung jedes einzelnen Jugendlichen und seiner gesellschaftlichen Integration herausgestellt. Orientiert an der übergeordneten Zielsetzung  wird eine Reihe von Feinzielen definiert, die die Grundlage zur Konzeption der 15 Trainingsmodule bilden. Die Trainingsmethoden sind auf Transparenz und Mitbestimmung ausgelegt. Das strukturierte Rollenspiel mit Videoaufnahme und die Verhaltensübung in der Realsituation bilden dabei wesentliche Elemente. Ebenso werden Verhaltensregeln und Trainingsrituale wie auch das Basisverhalten der TrainerInnen besonders hervorgehoben. Die Themen der Module des Kompetenztrainings FIT FOR LIFE reichen von Motivation,  Selbstsicherheit und  Selbstmanagement über Kommunikation, Kooperation und Teamfähigkeit  bis hin zur Lebens- und Berufsplanung sowie Sensibilisierung für Gefühle und Förderung der Konfliktbewältigung. 

Im dritten Teil wird die Fortbildung zum Training sozialer Kompetenz vorgestellt. Neben theoretischen Grundlagen, Zielen, Methoden und Inhalten der Fortbildung werden dabei auch die Möglichkeiten zur Evaluation des Trainings eingehend erläutert. Mit jeweils einem Kapitel zur Supervision/Praxisbegleitung und zur Implementierung des Trainings in die Institution schließt der dritte Teil des Buches ab.

Diskussion

Das  vorliegende Buch widmet sich der Förderung sozialer Kompetenz bei Jugendlichen in grundlegender und zugleich praxisorientierter Weise. Ausgehend von der theoretischen Analyse des komplexen psychologischen Konstrukts sozialer Kompetenz und den spezifischen Entwicklungsbedingungen im Jugendalter entwickeln die  AutorInnen ein Trainingskonzept, welches als Präventivprogramm angelegt und an der sozial-kognitiven Lerntheorie ausgerichtet, klar definierte Ziele verfolgt, die mit Hilfe eines strukturierten Trainingsprogramms erreicht werden sollen. Die differenzierte Darstellung der Trainingsmethoden und Trainingsinhalte bis hin zur exemplarischen Wiedergabe eines vollständigen Trainingsmoduls ermöglichen einen umfassenden  und konkreten Einblick in die Durchführung des Trainings. Die zahlreichen Berichte über Trainingseffekte am Ende des zweiten Teils geben einen objektiven Überblick über die Erreichung der gesetzten Trainingsziele und vermitteln zugleich einen Eindruck hinsichtlich der Chancen und der Grenzen des Trainingsprogramms und seiner Evaluation.  Insgesamt lassen die Evaluationsstudien den Schluss zu,  dass die erwarteten Effekte des Trainings als bestätigt betrachtet werden können. Dass die AutorInnen es nicht mit der Darstellung des Trainings und seiner Effekte bewenden lassen, sondern sich im dritten Teil des Buches ausführlich mit der Ausgestaltung der Fortbildung zum Trainingsprogramm beschäftigen und dabei sowohl die Rahmenbedingungen zur Durchführung der Evaluation als auch die Praxisbegleitung und Planung der Implementierung behandeln, macht dieses Buch zu einer äußerst praxisbezogenen Handlungsanleitung, die umfassende Hilfestellung bei der Einführung eines derartigen Trainingsprogramms bietet. 

Fazit

Wenn auch die Konzentration auf das hier vorgestellte Kompetenztraining FIT FOR LIFE im vorliegenden Buch sehr ausgeprägt ist und dem Überblick über vergleichbare Trainingsansätze relativ wenig Raum gegeben wird, so wird das von den AutorInnen angestrebte Ziel durchaus erreicht, MitarbeiterInnen im Umfeld von Jugendhilfe und Jugendarbeit ein Mittel zur Professionalisierung und Qualitätssicherung ihrer Arbeit zu bieten.  Mit der Analyse des Forschungsstands zum Konzept der sozialen Kompetenz und unter besonderer Berücksichtigung der Entwicklungsaufgaben des Jugendalters gelingt es den AutorInnen, ein theoretisch fundiertes und zugleich anwendungsorientiertes Trainingskonzept zu entwickeln und praxisnah vorzustellen, welches als Präventivmaßnahme zur Förderung von sozialen und berufsbezogenen Fähigkeiten und Fertigkeiten Jugendlicher nachweislich effektiv eingesetzt werden kann.  


Rezensentin
Dr. Margot Klinkner
Zentralstelle für Fernstudien an Fachhochschulen - ZFH
Autorin sowie Dozentin im Themenbereich Selbst- und Sozialkompetenz, Lehrbeauftragte für Kommunikation
Homepage www.zfh.de


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Zitiervorschlag
Margot Klinkner. Rezension vom 15.01.2010 zu: Gert Jugert, Anke Rehder, Peter Notz, Franz Petermann: Soziale Kompetenz für Jugendliche. Grundlagen, Training und Fortbildung. Juventa Verlag (Weinheim) 2009. 6., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7799-2138-7. Reihe: Pädagogisches Training.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-3204-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3165.php, Datum des Zugriffs 05.12.2016.


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