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Karin Eble, Irene Schumacher (Hrsg.): Mädchen mit Medien aktiv

Cover Karin Eble, Irene Schumacher (Hrsg.): Mädchen mit Medien aktiv. Medienarbeit in der ausserschulischen Bildung. kopaed verlagsgmbh (München) 2005. 136 Seiten. ISBN 978-3-938028-54-4. 12,50 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema

Das Buch geht aus dem baden-württembergischen Landesleitprojekt „medi@girls – Stärkung der Medienkompetenz von Mädchen und jungen Frauen“ hervor, das vom Europäischen Sozialfonds und dem Ministerium für Arbeit und Soziales im Zeitraum 2001 bis 2003 finanziell gefördert wurde. Die zentralen Inhalte bilden dabei die in diesem Rahmen entstandenen Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Begleitung, einer Tagung sowie aus Vernetzungstreffen. Bereits im Jahr 2003 erschien eine Publikation zur Anleitung von pädagogischen Fachkräften, um geschlechtsspezifische Ansätze in der Medienarbeit mit Mädchen anzuregen und zu erleichtern (ebenfalls kopaed-Verlag). Das jetzt vorliegende Buch geht darüber hinaus und spricht durch seine vielfältigen Inhalte im Spannungs- und Problemfeld von geschlechtsspezifischer Mediennutzung einen weiten LeserInnen-Kreis an. Damit füllt der Band eine wichtige Lücke in einem bislang noch wenig fachlich diskutierten und dokumentierten Bereich der außerschulischen Jugendbildung. Hervorhebenswert ist, dass sowohl das Projekt als auch die Publikationen von engagierten Praktikerinnen initiiert und realisiert wurden, dass es eine enge Verbindung zwischen praktischen Anliegen und Umsetzung, zwischen fachlicher und öffentlicher Reflexion gibt. Dieses zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch.

Aufbau

Im Buch werden drei Schwerpunkte behandelt.

  1. Im ersten Teil geht es um theoretische Grundlagen und empirische Erkenntnisse im Zusammenhang von Mediennutzung bzw. Medienkompetenzen und Geschlechtersozialisation.
  2. Im zweiten Teil werden konzeptionelle Rahmenbedingungen für mädchenspezifische Angebote im Bereich Neuer Medien vorgestellt, kritisch diskutiert und für das baden-württembergische Landesleitprojekt Medi@girls anhand der Evaluationsergebnisse in seinen Möglichkeiten ausgelotet.
  3. In einem dritten Teil zeigen Autorinnen aus ganz verschiedenen Praxisbereichen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, welche Erlebnis- und Lernchancen sich für Mädchen ergeben, wenn sie spezifische Sozialräume (etwa in den Bereichen  Internet, digitale Film- und Bildgestaltung und DJing) mit entsprechender weiblich-pädagogischer Begleitung und Anleitung zur Verfügung gestellt bekommen.

Inhalte

Zu den einzelnen Beiträgen: Im ersten Teil referieren Renate Schulz-Zander (Universität Dortmund) und Esther Ruiz Ben/Elisabeth Grunau (Universität Freiburg) auf der Grundlage von neueren empirischen Studien Ursachen und Folgen geschlechtsspezifischer Nutzungsmuster von neuen Medien(insbesondere von Computern) sowie Möglichkeiten von pädagogischer Einflussnahme, hier Änderungen zu bewirken. Schulz-Zander stellt fest, dass Kompetenzen mit den Informations- und Kommunikationstechnologien heute inzwischen zur Kulturtechnik geworden sind und nachhaltig auf Chancen in Berufsausbildung und Arbeitsmarkt einwirken. Die dabei zu konstatierenden Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen sind immens. Obschon Mädchen mittlerweile gegenüber Jungen im Besitz bzw. Zugang zu einem Computer deutlich aufgeholt haben, sind die Nutzungsunterschiede evident: Während erstere Kommunikation und Kooperation mit anderen via PC bevorzugen (also funktional-pragmatisch mit sozialer Ausrichtung nutzen), spielen Jungen in der Freizeit nicht nur intensiver Action-Spiele (etwa auch in LAN-Parties) und kommunizieren über technische Finessen, sondern sie definieren sich in ihrer Geschlechtsidentität auch stärker darüber. Die Ursachen für die nach wie vor vorhandenen Unterschiede im Nutzungsverhalten und in den Kompetenzen sieht Schulz-Zander unter Bezugnahme auf empirische Studien zum Computer bezogenen Selbstkonzept darin, dass Mädchen im Gegensatz zu Jungen ihre diesbezüglichen Fähigkeiten und Kenntnisse weniger hoch einschätzen. Dieses liege u.a. daran, dass Lehrerinnen als weibliche Vorbilder und Verstärker zum einen in diesem Bereich kaum tätig sind, zum anderen, dass sie ihre Kompetenzen ähnlich wie Mädchen niedriger als ihre männlichen Kollegen einstufen. Dadurch komme es zur sozialen Konstruktion von Geschlecht qua eigener Geschlechter-Stereotype – ein Ergebnis, das auch aus der Koedukationsforschung in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern bereits bekannt ist (S. 19). Dieses sind wichtige Argumente – neben der Dominanz von Jungen in koedukativen Zusammenhängen – für geschlechtshomogene Angebote nur für Mädchen im Bereich der Computertechnik. Hierbei – so Schulz-Zander – gebe es noch erheblichen Klärungsbedarf im Hinblick auf entsprechende didaktische Lösungen. Sie kommt zum Fazit: „Es handelt sich beim Zusammenhang von Selbstkonzepten, Interessen und Geschlechterstereotypisierungen um mehr als nur die Geschlechterperspektive. Es handelt sich um Lernprozesse generell und damit nach Nyssen (2003) um genuin didaktische Fragen“ (S. 22). Mit diesem Schluss bleibt mehr als eine Frage offen.   

Die von Schulz-Zander vorgestellten empirischen Ergebnisse dokumentieren bestimmte Trends von Techniknutzung und -interesse von Mädchen und Jungen sehr eindrucksvoll - jedoch vernachlässigen sie die differenzierende Ebene. Dieses hätte den knappen Rahmen des Beitrages gesprengt. Im nächsten Beitrag von Esther Ruiz Ben und Elisabeth Grunau wird genau dieser Fokus verfolgt. Ausgehend vom Konzept des doing gender werden Prozesse der Mediennutzung als verstärkende Momente des „digital divide“ als „gender divide“ (S. 25) betrachtet, an denen Mädchen und Jungen aktiv beteiligt sind und zugleich aber durch geschlechtsspezifische Rahmungen bestimmt werden. Die beiden Autorinnen referieren qualitative Studien, die Tendenzen des Umgangs von Mädchen und Jungen mit Computern aufzeigen. Sie kommen zu ähnlichen Ergebnissen wie Schulz-Zander, dass Technik eher zum männlichen Selbstbild gehört und dass entsprechende Kompetenzen wichtige Stabilitätsfaktoren für Maskulinität sind. Dabei spielt die Beschäftigung mit dem Computer in der Freizeit eine besonders zentrale Rolle. Demnach komme der Schule eine wichtige Funktion bei der Nivellierung von Geschlechterunterschieden zu – eine Integration von neuen Medien in das schulische Lernen könne überdies dazu beitragen, dass beide Geschlechter davon partizipieren könnten. Dabei ist es unerlässlich, an den Lernbiografien und Vorerfahrungen der Schülerinnen und Schüler anzuknüpfen. Deshalb wird in Anlehnung an australische Forschungsergebnisse vorgeschlagen, „das curriculare Angebot für Computerunterricht vielfältiger zu gestalten, um Interessen beider Geschlechter berücksichtigen zu können“ (S. 32). Die Diversität von Mädchen und Jungen, ihre spezifischen Interessen, Vorerfahrungen, ihre Erwartungen und die konkrete Lernsituation müssen in den Mittelpunkt der Mediendidaktik gestellt werden, um optimale Lernerfahrungen zu ermöglichen – so die Autorinnen. Sie bestätigen darin die in der sozialpädagogischen Bildungspraxis üblichen Koordinaten. Ob und wie in diesem koedukativen Setting die von den Autorinnen beschrieben Unterschiede von Mädchen und Jungen in den Technik-Kompetenzen abgebaut werden können, muss ebenso eine offene Frage bleiben, wie das Problem nach dem Stellenwert von Geschlecht als sozialer Kategorie im Diversity-Konzept.

Im zweiten Teil wird das Landesleitprojekt medi@girls in seinem Konzept und in seinen Ergebnissen der wissenschaftlichen Begleitung vorgestellt (Karin Eble, Irene Schumacher / Wissenschaftliches Institut des Jugendhilfswerks Freiburg e.V.). Im Projekt ging es darum, speziell für Mädchen in geschlechtshomogenen Kursen den Zugang zu modernen Medien zu erleichtern, ihnen die Entwicklung spezifischer Kompetenzen zu ermöglichen, inhaltliche Auseinandersetzungen mit Medien und ihren Lebenswelten anzustoßen, das Berufswahlspektrum zu erweitern, die Kooperation zwischen Mädchen zu befördern und vielfach unsichtbare Lebenswelten von Mädchen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im Zeitraum von 2001 bis 2003 wurden dazu 25 verschiedene Kurse angeboten und von insgesamt 184 Teilnehmerinnen in der Altersspanne zwischen 12 und 24 Jahren besucht. Flankiert wurde dieses Projekt durch verschiedene Fachtagungen, Vernetzungsprojekte, die wissenschaftliche Begleitung und einen Projektbeirat. Die Resultate können sich insgesamt sehen lassen. Diese sind für interessierte LeserInnen entsprechend grafisch und inhaltlich aufbereitet. Allerdings wäre es wünschenswert gewesen, die Texte des Fragebogens vollständig zu dokumentieren und die in den Grafiken fehlenden Items zu ergänzen, um eigene Interpretationen vornehmen zu können. Die erhobenen Daten werden deskriptiv dargestellt, ohne dass statistische Verknüpfungen, etwa mit dem Alter oder dem Bildungsmilieu immer systematisch hergestellt werden. Damit werden wichtige Ansatzpunkte und Erkenntnisse verschenkt. Einige Ergebnisse im Überblick:

  • Die Kurse wurden tendenziell von mehr Mädchen aus höheren Bildungsmilieus und deutscher Herkunft besucht.
  • Diese Gruppe der Mädchen hatte auch einen stärkeren Realismus im Hinblick auf spätere berufliche Wünsche. Lediglich zwei interessieren sich für einen IT-Beruf.
  • Die Mädchen hatten zu Hause weitgehend einen eigenen Computer bzw. es stand ihnen ein solcher ständig zur Verfügung.
  • Die Kurse wurden belegt, weil Mädchen bereits Erfahrungen mit und Spaß an der Arbeit mit dem PC hatten. Es waren vorwiegend die Eltern, die die Mädchen zum Kursbesuch ermunterten.
  • Die Geschlechtshomogenität der Kurse spielte anfangs bei den wenigsten eine Rolle bei der Auswahl. Dieses stellt sich am Ende anders dar, wo dieser Rahmen von den meisten als angenehm empfunden wurde.  
  • Die Bewertung der Kurse erfolgte insbesondere im Zusammenhang mit der wahrgenommenen Rolle und Funktion der Pädagoginnen („nett“, „spitze“). Die meisten verbuchten Lernerfolge dahin gehend, jetzt sicherer mit der Technik umgehen zu können.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich eine gezielte Arbeit mit sozial Benachteiligten im Bereich der außerschulischen Arbeit besondern schwierig gestaltet: Es werden v.a. solche Mädchen erreicht, die bessere Startchancen als andere im Hinblick auf moderne Medien haben. Die Autorinnen resümieren, dass eine enge Kooperation mit Jugend- und Jugendhilfeprojekten den Zugang für benachteiligte Gruppen erleichtert (S. 67). Als besonderer Erfolg kann die Öffentlichkeitsarbeit verbucht werden: So bekamen nicht nur die Teilnehmerinnen über gesendete Beiträge und veröffentlichte Artikel positive Rückmeldungen, sondern auch die geschlechtsspezifische Medienarbeit  gewann an öffentlicher Präsenz. Die Autorinnen beschreiben kommunale, landes- und bundesweite Synergieeffekte (S. 69): Das Projekt stieß auf reges Interesse, es gab zahlreiche Anfragen für die praktische Medienarbeit sowie Anstöße, andernorts ähnliche Projekte zu initiieren. Eine weitere Folge: Es gibt ein Nachfolgeprojekt Multiline, eine Internetplattform für Multiplikatorinnen der Mädchenarbeit.

Im nächsten Beitrag von Almut Sülzle werden die konzeptionellen Rahmen für Technik-Projekte speziell für Mädchen vorgestellt und kritisch diskutiert. Sie beschreibt das Spannungsfeld von Empowerment und (möglicher) stigmatisierender Nachhilfe von Mädchen in Sachen Technik als Dilemma: „Der immer noch ungebrochene Konnex zwischen Technik und Männlichkeit stellt dabei jede Nutzung von Medientechnik in einen Bezugsrahmen, der auf hochgradigen Geschlechterzuschreibungen basiert“ (S. 75). Andererseits wird dadurch von individuellen Unterschieden abstrahiert und Geschlechtsspezifika gewissermaßen naturalisiert. Dadurch unterliegen Mädchenprojekte potenziell der Gefahr, als Nachhilfe zu fungieren und Mädchen damit zu stigmatisieren. Dieses Dilemma ist teilweise auf der konzeptionellen Ebene lösbar, indem möglichst spezifische Veranstaltungs- und Projektformen gewählt und entwickelt werden, die den jeweiligen Zielgruppen und Zielen am besten entsprechen [1]. Dafür hat die Autorin in Auswertung von Erfahrungen aus der Praxis eine Matrix von fünf Begriffspaaren entwickelt, die dazu beitragen soll, „die Entscheidungen explizit zu treffen und damit das eigene Projekt in seinen Stärken und Schwächen besser zu verstehen oder zu optimieren“ (S. 76). Dies kann eine wichtige Hilfe zur strategischen Ausrichtung von Praxisprojekten, aber auch zur Kombination von Perspektiven und Ansätzen  – und damit eine wichtige Grundlage für die Erstellung von Konzeptionen sein. Allerdings ersetzt dies nicht die intensive Beteiligung von Mädchen als Expertinnen für ihre Situation.

Weiterhin stellt Almut Sülzle die wichtigsten Projektformen von Mädchen und jungen Frauen in Informatik, Naturwissenschaft und Technik vor. Interessant und neu ist dabei die grafische Systematisierung von bekannten Veranstaltungsformen (etwa Girl„s Day) im Zusammenhang mit der Altersspezifik und der Berufswahl. Diese kann auch als Stufen-Modell für die gezielte Förderung von technischen Interessen bei Mädchen verstanden werden. Das praktische wie auch politische Problem besteht „nur“ darin, wie die unterschiedlichen Ebenen und Institutionen miteinander verschränkt sein müssen, um tatsächlich über Projekte hinaus wirksame, nachhaltige Effekte zu erreichen. Dieses muss eine offene Frage bleiben.

Während die theoretischen Beiträge des Buches viele Informationen und Anregungen lieferten, aber auch zahlreiche Fragen offen ließen, konnten die Praxisbeispiele viele Einblicke geben, welche Effekte mädchenspezifische Projekte tatsächlich haben können. Und diese sind beeindruckend! Die Beiträge berichten über ganz unterschiedliche Projekte und Erfahrungen. Da ist zunächst der Bericht von Barbara Eppensteiner, die über das österreichische Projekt „Görls cultures – weibliche Jugendkultur im Mittelpunkt“ schreibt. Anlass war, weibliche jugendkulturelle Aspekte öffentlich sichtbar zu machen und damit Mädchen (und Jungen) die Chance zu geben, sich öffentlich zu artikulieren, sich anders wahr- und ernst zu nehmen. Das Projekt knüpft damit an eine weitgehend auch heute immer noch verdeckte (und seit der Mädchenforschung der 1970er Jahre bekannte) Tatsache an, dass Jugendkulturen männlich dominiert sind und Mädchen häufig als „Anhängsel“ von Jungen vorkommen - und weibliche Artikulationsformen und Lebenswelten eher im Verborgenen vorkommen und deshalb kaum öffentlich wahrgenommen werden (vgl. auch Bütow 2006). Andererseits wollen Mädchen nicht mit dem medial verbreiteten Kommerz-Bild des „Girlie“ identifiziert werden, weil es nicht ihren Lebensrealitäten entspricht. Deshalb entschieden sich die Wiener Macherinnen zusammen mit Mädchen für das „ö“ im „girl“ als Logo für die Festivals, an denen sich einzelne Mädchen oder auch Gruppen mit ihren Aktionen und Projekten melden konnten. Von Anfang an entschieden sich die Mädchen dafür, dass auch Jungen als Besucher teilnehmen konnten, es aber zugleich auch jungenfreie Angebote gab. „Die Stimmung wurde – auch von den anwesenden Burschen und Männern – als intensiv weiblich empfunden und zwar auf eine Art, die jedes Gaffen und Objektivieren von Frauen unmöglich machte“ (S. 91). Ein wichtiger Effekt war auch, dass Mädchen sich die technischen Möglichkeiten von neuen Medien aneigneten und für die öffentliche Darstellung ihrer Erfahrungen, Probleme und Lebenswelten nutzten – etwa zu den Themen von Liebe, Sexualität, Körperlichkeit. Nicht Technik und die Demonstration von Technik-Kompetenzen standen im Mittelpunkt, sondern die Inhalte, die dadurch transportiert wurden. Die durchweg positiven Rückmeldungen durch Besucherinnen und Besucher, die örtlichen Medien, die Gespräche unter den beteiligten Mädchen stärkten Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein, das mit folgendem Satz einer Teilnehmerin sehr deutlich beschrieben werden kann: „Durch die Arbeit an unserem Projekt für görls cultures ist mir klar geworden, dass Kultur etwas ist, was wir Mädchen ohne Hilfe können“ (S. 94). Ein dritter wichtiger Effekt war, dass Mädchen in der Öffentlichkeit sichtbarer wurden und ihre kreativen Potenziale statt Defizite und Benachteiligungen wahrnehmbar und thematisierbar waren.

Ein ganz anderes Projekt beschreibt Ulrike Schmidt mit der kostenlosen Internet-Plattform „LizzyNet“. Diese ist eine Informations-, Kommunikations-, Kooperations- und Lernplattform für Mädchen und junge Frauen ab 12 Jahren und wurde im Rahmen der BMBF-Initiative „Schulen ans Netz“ 1996 etabliert. Als weltweit einziges Medium dieser Art für Mädchen soll es dazu beitragen, dass Mädchen sich entsprechende Kenntnisse interaktiv aneignen, das Internetgeschehen mitgestalten und sich virtuell vernetzen können. Langfristig soll ein Beitrag dazu geleistet werden, dass sich mehr Mädchen für IT-Berufe entscheiden. Bis zum Jahr 2004 wurden 52.000 Lizzys als angemeldete Userinnen registriert, es gab ca. 70 Clubs von Gleichgesinnten zu spezifischen Themen wie Musik, Reisen, Familie u.a. sowie diverse Chat-Rooms. Auch bundesweite LAN-Parties für Mädchen konnten große Beteiligung, Erfolg und Spaß verbuchen. Insgesamt ist zu konstatieren, dass LizzyNet virtuelle und reale Gemeinschaften befördert hat und sich nun selbstständig durch die Mädchen ständig weiter entwickelt: „Die Mädchen begreifen Lizzynet als ihr Projekt, indem sie selbst Aktionen planen und durchführen. Sie fühlen sich sowohl für die Plattform als auch für andere Lizzys verantwortlich“ (S. 103). Ob dadurch die Vorteile, die Jungen durch ihre intensive Computernutzung in der Freizeit immer noch haben und weiter ausbauen, ein Stück weit sich zu Gunsten der Mädchen entwickeln, muss eine offene Frage bleiben, da leider keine entsprechenden (Begleit-)Studien angestellt wurden. Auf jeden Fall bleibt zu konstatieren, dass das Projekt einen wichtigen Beitrag dazu geleistet hat.

Lorena Marin Echeverry widmet in ihrem Beitrag den interkulturellen Aspekten von Medienarbeit. Sehr ausführlich wird der Ansatz begründet – zu kurz kommen hingegen die geschlechtsspezifischen Projekte, speziell mit Mädchen. Im Rahmen des baden-württembergischen Landesleitprojekts medi@girl (siehe weiter vorn) gab es ein Hörfunk-Projekt von Mädchen mit Migrationshintergrund. Leider erfahren die Leserinnen und Leser nur sehr wenig über die konkreten Inhalte und Erfahrungen der Teilnehmerinnen.

Die Schweizerin Mithras Leuenberger berichtet schließlich über ihre DJane-Schule („rubinia djanes“), die sich ausschließlich an Mädchen und junge Frauen richtet. Gefördert durch die Christoph Merian Stiftung Basel konnte der Verein 2001 eine Schule einrichten, die mittlerweile unabhängig von öffentlicher Finanzierung arbeiten kann. Die Kurse – insbesondere von jungen Frauen aus dem deutschsprachigen Raum besucht – werden durch Treffmöglichkeiten und eine Internet-Plattform unterstützt, so dass sich eine kleine, aber stetig wachsende Gemeinschaft von DJanes – einer immer noch vorhandenen Minderheit in der Musikbranche – austauschen und gegenseitig bestärken können. Ein besonderes Problem in der DJ-Branche ist neben der starken jugendkulturellen und szenespezifischen Verankerung einerseits die hohe Dynamik von Musik-Geschmack (die eine hohe Abhängigkeit von der Szene nach sich zieht und häufig technisches Können in den Hintergrund stellt), andererseits der extreme männlich Konkurrenz- und Selbstdarstellungsdruck, der mit der Abwertung von weiblichen DJ-Aktivitäten einhergeht. Dieses erschwert es jungen Frauen auch mit entsprechenden technischen und musikalischen Fähigkeiten, sich in diesen Szenen zu etablieren. Diese Einschätzung findet sich auch meiner eigenen Studie sehr eindrücklich wieder (Bütow 2006). Eine entsprechende Vernetzung von DJanes kann hier wichtige Akzente setzen.

Kommentar

Einige allgemeine kritische Anmerkungen: Die Komplexität der Thematik von Medienarbeit in der Jugendbildung – überdies im Zusammenhang mit der Konstruktion von Geschlecht, den immer noch zu konstatierenden gravierenden Unterschieden von Mädchen und Jungen in der Nutzung von Modernen Medien – hätte entweder eine gewisse inhaltliche Fokussierung oder aber einen einführenden Beitrag erfordert, worin die Begriffe und zentralen Forschungsergebnisse referiert und dargestellt werden. Auch ist festzustellen, dass die einzelnen Beiträge in ihren Aussagen und in ihren Strukturen sehr unterschiedlich sind. Die Qualität des gesamten Buches wäre deutlich besser gewesen, hätten sich die einzelnen Beiträge stärker auf ein inhaltliches Konzept beziehen können. Zumindest hätte hier ein abschließender Artikel, der nochmals einzelne Aspekte hervorhebt und aufeinander bezieht, für die Leserin bzw. den Leser hilfreich sein können, die Vielfalt zu ordnen.    

Die Praxisbeispiele zeigen sehr eindrücklich, welche positiven Effekte durch ein gezieltes Engagement von Mädchenpädagoginnen möglich sind, wie selbstverständlich leicht Mädchen sich Technik aneignen und damit selbstverständlich umgehen können, wenn spezifische Projekte dies ermöglichen und befördern. Das Buch ist deshalb ein sehr überzeugender Beleg dafür, dass Mädchenprojekte äußerst sinnvoll sind, dringend einer Ausweitung und vor allem einer Verstetigung bedürfen. Die Erwartungen, die häufig von politischer Seite daran geknüpft werden, dass sich mehr Mädchen für technische Berufe entscheiden, sind sehr hoch. Kurzfristige Effekte sind nicht zu erwarten, wie das Projekt medi@girls gezeigt hat. Erfolge sind eher langfristig möglich, etwa in dem Sinne, dass solche Projekte und Anliegen, wie sie im Buch vorgestellt und begründet werden, Mädchen in ihren technischen Kompetenzen öffentlich sichtbar werden lassen, dass sich Pädagoginnen angesprochen fühlen, ihre eigenen Fähigkeiten im Hinblick auf moderne Medien weiter zu entwickeln, um damit Mädchen als Vorbild fungieren zu können.

Fazit

Das Buch kann Praktikerinnen und Praktiker im (sozial)pädagogischen Bereich ansprechen und sensibler für die Thematik machen - und möglicherweise Anregungen für den eigenen Arbeitsbereich geben. Die Fülle an Informationen und Internet-Adressen regen zu eigenen Recherchen und zur Kontaktaufnahme an.      

Literatur

  • Bütow, Birgit (2006): Mädchen in Cliquen. Sozialräumliche Konstruktionsprozesse von Geschlecht in der weiblichen Adoleszenz. Juventa
  • Faulstich-Wieland, Hannelore; Weber, Martina; Willems, Katharina (2004): Doing Gender im heutigen Schulalltag. Empirische Studien zur Konstruktion von Geschlecht in schulischen Interaktionen. Weinheim und München: Juventa. Vgl dazu die Rezension.

[1] Damit hat die Autorin das Spannungsfeld der „Dramatisierung“ und „Entdramatisierung“ der Geschlechterdifferenz lediglich ganz vorsichtig angetippt. Die Gender-Forschung ist hier bereits deutlich weiter und hat dazu differenzierte Ergebnisse geliefert (vgl. dazu v.a. Faulstich-Wieland u.a. 2004).


Rezensentin
Univ.-Prof. Dr. Birgit Bütow
Tätigkeitsfelder: Soziale Arbeit mit Frauen und Mädchen; Kinder- und Jugendhilfe; Theorien und Geschichte der Sozialen Arbeit
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Zitiervorschlag
Birgit Bütow. Rezension vom 30.05.2006 zu: Karin Eble, Irene Schumacher (Hrsg.): Mädchen mit Medien aktiv. Medienarbeit in der ausserschulischen Bildung. kopaed verlagsgmbh (München) 2005. ISBN 978-3-938028-54-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3182.php, Datum des Zugriffs 28.05.2016.


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