Kurt Ludewig: Einführung in die Grundlagen der systemischen Therapie
Kurt Ludewig: Einführung in die Grundlagen der systemischen Therapie. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. 128 Seiten. ISBN 978-3-89670-466-5. 12,95 EUR.
Thema
Systemische Theoriemodelle und Handlungsansätze haben sich in der Psychotherapie, in der Sozialen Arbeit wie in den Sozialwissenschaften allgemein zunehmend verbreitet. Abstrakte Konzepte wie „Autopoiese“, „Konstruktivismus“ oder „Kybernetik 2. Ordnung“ haben im Laufe der Zeit zu unterschiedlichen praktischen Realisierungen des systemischen Ansatzes geführt. Dies Buch schafft hier Übersicht, es führt zunächst zu den biologischen, neurowissenschaftlichen, soziologischen und systemtheoretischen Voraussetzungen systemischen Denkens und behandelt dann die Grundlagen systemischen Handelns in der therapeutischen Praxis.
Autor
Kurt Ludewig, Dr.phil, geb. 1942 in Valparaiso (Chile) ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut. Er war 30 Jahre in der universitären Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig, zuerst im Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg, zuletzt von 1992-2004 als Leitender Psychologe am Universitätsklinikum Münster.
Aufbau
Das Buch ist in zwei etwa gleich umfangreiche Hauptteile gegliedert: Die erste Hälfte des Buches steht unter der Überschrift „Systemisches Denken“, beschäftigt sich zunächst mit dem Begriff „systemisch“, geht auf die Denkvoraussetzungen systemischen Denkens ein, stellt den Entwurf eines systemischen „Menschenbildes“ vor und leitet dann zur Koppelung von systemischem Denken und Psychotherapie über. In der zweiten Hälfte des Buches geht es um die Konzeptionalisierung des systemischen Denkens als „Klinische Theorie“, in der Grundlagen, einzelne Konzepte, methodischer Rahmen und Aspekte der Versorgung thematisiert werden.
Inhalt
Bereits im Vorwort weist der Autor darauf hin, dass es keine systemische Therapie gebe, „auf die man sich verbindlich beziehen könnte“ (8). Gemeinsamkeiten zwischen den Ansätzen finden wir „im Wesentlichen im (meta)theoretischen Überbau, vor allem im Verweis auf konstruktivistische und systemtheoretische Voraussetzungen“ (9). Hiermit wird dem Leser, der sich noch nicht intensiv mit diesem Gebiet auseinandergesetzt hat, eine erleichternde Wegweisung gegeben, die sich in den folgenden Abschnitten dann fortsetzt, wenn in klarer Sprache systemisches Denken und systemische Praxis umrissen werden – deutlich versehen mit dem Hinweis, dass systemisches Denken keine Gewissheiten im Sinne metaphysischer Letztbegründungen schaffen will. Systemisch denken heißt, eher bescheiden, sich der Vorläufigkeit der jeweiligen Interpretation seiner Beobachtungen bewusst zu sein. Die Komplexität des Gegenstandes, individuelles menschliches Erkennen und Erleben, das sich immer in gegenseitiger Rückbezüglichkeit vollziehen kann (Zitat von Maturana: „“Alles Gesagte wird von einem Beobachter zu einem anderen Beobachter gesagt, der er selbst sein kann“ (31)), darf in der systemischen Reflexion nicht unterschritten werden.
Systemisch denken, bedeutet also, sich der prozesshaften Realitätskonstruktion, die jedes Individuum durch Beobachten und Handeln dauernd vollzieht, bewusst zu sein. Man kann nicht von einer beobachterunabhängigen Realität ausgehen. Und es ist auch nicht möglich, einen anderen Menschen zu „durchschauen“. Menschen sind „nicht instruierbar“, d.h. es ist unmöglich, durch gezielte Intervention kausal auf irgendwelche psychischen Mechanismen so einzuwirken, dass ein vorher bestimmbares Ergebnis herauskäme.
Diese nüchterne Bestandaufnahme ermöglicht neue – manchmal ungewöhnliche und respektlose – Handlungsfreiheiten für therapeutisches Handeln. Der Blick für Ressourcen kann sich öffnen, man kann sich – ohne großmächtigen Anspruch auf „Heilung“ – auf die Suche nach nützlichen Handlungsalternativen machen: „Menschliche und zwischenmenschliche Probleme sind weder ‚behandelbar’ noch ‚heilbar’ oder, im eigentlichen Sinne, ‚lösbar’, sondern vielmehr ‚auflösbar’ oder durch günstigere Alternativen ersetzbar“ (18).
Diese Grundhaltung wird in den Abschnitten des ersten Teils durch die Darstellung der biologischen und soziologischen Voraussetzungen fundiert.(interessanterweise gibt es kein Kapitel über „psychologische Voraussetzungen“). Die biologische Basis findet sich vor allem in den Gedanken Maturanas über den Menschen als autopoietisches („sich selbst schöpfendes) System, das durch seine innere Struktur determiniert und operational geschlossen ist, demzufolge ist das Erkennen nicht Abbildung der Außenwelt, sondern „Ergebnis des Errechnens von Unterschieden im relationalen Gefüge der eigenen Zustände im Nervensystem“ (19). Beobachten und Erkennen sind immer das Erzeugen und Verarbeiten von Unterschieden\.
Kein Mensch kann völlig für sich allein existieren, insofern interagieren die individuellen autopoietischen Systeme in einem Verhältnis von „struktureller Koppelung“, verlieren dabei aber nicht ihre innere Strukturdeterminiertheit, sind also nicht offen nach außen. „Kommunikation“ geschieht über Beobachtung und Handlung, interpretiert und stiftet Sinn, ist keine objektive Übertragung von Information, sondern immer Konstruktion, durchgeführt vom Adressaten der Kommunikation. Auch hier also wieder eine nüchterne Zurückgenommenheit im Wahrheits- und Objektivitätsanspruch. Ludewig favorisiert das Konzept der „kommunikativen Brauchbarkeit“: „Eine Beschreibung ist brauchbar, wenn sie verschiedenen Beobachtern hilft, zu einem angestrebten Ziel zu gelangen“ (33). –
Im Sinne der Systemtheorie Luhmanns, die eine wesentliche Basis der Ludewigschen Überlegungen ausmachen sind Kommunikationen, nicht Menschen, die wesentlichen Elemente sozialer Systeme\. Dies mag den unvorbereiteten Leser überraschen, entspricht aber ganz dem systemischen Prinzip und Menschenbild, dass nicht das Individuum und seine Innerlichkeit primärer Ansatzpunkt therapeutischen Handelns sind. In der systemischen Therapie geht es vorrangig immer um die Auseinandersetzung „mit allen für den Menschen relevanten Systemen, ob als Individuum, Paar, Familie oder Gruppe“ (57).
Im zweiten Teil des Buches über „Klinische Theorie“ werden die systemischen Grundgedanken zu einem Modell therapeutischen Denkens und Handelns fortgeführt. Das „Problem“ eines Menschen als Ausgangspunkt einer Therapie wird ausdifferenziert in „Anliegen“, „Auftrag“ und „Vertrag“. Wichtig ist ebenfalls die Herleitung der „Problemsysteme“, die sich sehr häufig „als eigenständige soziale Systeme im Umkreis von Problemen“ (87) entwickeln. Es geht hier meist um sich hartnäckig reproduzierende Kommunikationen im Sinne gegenseitiger Entwertungen oder Kränkungen, die sich um ein Lebensproblem herum ergeben können Auch Problemsysteme sind nicht im klassischen Sinne heilbar, aber „aufkündbar“ durch Finden alternativer Kommunikationsformen.
Der therapiebezogene Teil des Buches setzt sich fort mit Ausführungen über therapeutische Ziele und die therapeutische Beziehung. Er endet mit kurzen, aber sehr prägnanten Ausführungen zum methodischen Rahmen systemischer Therapie und zu Grundarten professioneller psychosozialer Versorgung.
Diskussion
Als Leser ist man erstaunt, wie viele Informationen der Autor auf den 120 Seiten dieses kleinen Büchleins untergebracht hat. Das grundlegende Fundament des systemischen Ansatzes und die mittlerweile vielen Verästelungen in unterschiedliche therapeutische Ausrichtungen werden in klarer Sprache vorgestellt. Hervorzuheben ist die Bescheidenheit im Wahrheitsanspruch, so dass man nie den Eindruck bekommt, hier wolle sich ein Anhänger einer bestimmten „Therapieschule“ unangemessen .profilieren. Manche sprachlichen Eigentümlichkeiten oder Neukreationen, die dem systemischen Ansatz ja nicht fremd sind, „verstören“ manchmal (z.B. S.95: „Überlebensdiagnostik“oder S.49:„Ein Mitglied ist ein durch Kommunikation erzeugter sozialer Operator“), bringen den Leser aber auch dazu, altbekannte Phänomene in einer neuen Perspektive zu sehen. Auch die eingestreuten Abbildungen, in denen jeweils wesentliche Aspekte eines Abschnittes zusammengefasst werden, sind manchmal etwas eigenwillig gestaltet und gewöhnungsbedürftig.
Der Autor verschafft dem Leser aber insgesamt nicht nur einen guten Ein- und Überblick über den systemischen Ansatz, denn quasi „nebenbei“ werden noch interessante Ideen zu geschichtlichen Aspekten, zum „Therapeutendilemma“ (Therapeuten sollen Menschen ändern, was aufgrund der „Nichtinstruierbarkeit“ des Menschen eigentlich gar nicht geht) oder zur Diagnostik mitgeliefert. Außerdem ist der Darstellung an verschiedenen Stellen ein klarer ethischer Hintergrund zu entnehmen, beispielsweise in den Ausführungen zu „positiven Konnotationen“ (S.101), die nach Meinung des Autors zu leicht zum Zynismus verführen. Der systemische Ansatz wird ja gelegentlich wegen mangelnder oder zu wenig expliziter ethischer Prinzipien kritisiert. Kurt Ludewig stellt sich hier als äußerst reflektierter Therapeut dar, gegen den ein solcher Vorwurf völlig verfehlt wäre. Dazu passen auch seine Gütekriterien für psychotherapeutisches Arbeiten: „Therapeutische Interventionen sollten im Hinblick auf das Ziel nützlich, bezüglich der Form schön und bezüglich der darin vermittelten menschlichen Haltung respektvoll sein“ (S.107).
Fazit
Kurt Ludewigs „Einführung in dien theoretischen Grundlagen der systemischen Therapie“ ist nicht nur Interessenten zu empfehlen, die mit dem systemischen Ansatz noch nicht vertraut sind und auf der Suche nach einer fundierten Einführung sind. Das Buch bietet auch dem in der Thematik fortgeschritteneren Leser neue Perspektiven und Anstöße zur weiteren eigenen Reflexion und geht damit über eine reine „Anfängerlektüre“ hinaus. Dass der Autor das alles auf nicht viel mehr als 100 Seiten – noch dazu im Taschenbuchformat – geleistet hat, muss anerkennend hervorgehoben werden.
Rezensent
Prof. Dr. Reinhard Lütjen
Fachhochschule Kiel, FB Soziale Arbeit und Gesundheit
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Zitiervorschlag
Reinhard Lütjen. Rezension vom 15.10.2009 zu: Kurt Ludewig: Einführung in die Grundlagen der systemischen Therapie. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. 128 Seiten. ISBN 978-3-89670-466-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3199.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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