Matthias Drilling: Schulsozialarbeit. Antworten auf veränderte Lebenswelten
Matthias Drilling: Schulsozialarbeit. Antworten auf veränderte Lebenswelten. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2004. 3. aktualisierte Auflage. 152 Seiten. ISBN 978-3-258-06794-0. 22,50 EUR, CH: 34,00 sFr.
Einführung in das Thema
Matthias Drilling, Jahrgang 1964, ist studierter Sozialgeograph mit wissenschaftlichen Lehr- und Forschungserfahrungen an den Universitäten Jena, Bern und Basel sowie an der Fachhochschule für Soziale Arbeit bei Basel. Mit dem vorliegenden Band legt er ein Fachbuch zur Schulsozialarbeit vor, das vor allem geeignet ist, die Diskussion um die Schulsozialarbeit theoretisch voranzutreiben, das aber auch praktische Anregungen für eine Arbeit von Jugendhilfe in der Schule geben kann.
Im Unterschied zu anderen Praxisfelder der Jugendhilfe wurde Schulsozialarbeit im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen (KJHG) nicht als Standardangebot ausformuliert (wie etwa die sozialpädagogische Familienhilfe). Auch heute noch wird Schulsozialarbeit zumindest in den alten Bundesländern Deutschlands nur punktuell eingesetzt und in der Schweiz, wo der Autor derzeit lebt und lehrt, ist sie erst in den letzten Jahren zu einem Praxisfeld geworden ist, das die fachliche und öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zieht. Bestehende Praxismodelle unterscheiden sich in hohem Maße voneinander, sowohl was die Zielsetzung und Aufgabenstellung von Schulsozialarbeit betrifft als auch hinsichtlich angewandter Methoden und hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Jugendhilfe und Schule. Die VertreterInnen dieses Praxisfeldes konnten sich bis heute noch nicht abschließend einigen, welche Qualitätsstandards und Rahmenbedingungen bei den Arbeitsansatz Schulsozialarbeit relevant sind. Häufig wird Schulsozialarbeit als Arbeitsfeld gesehen, das inhaltlich und methodisch relativ beliebig und zufällig gefüllt werden kann.
Zentrale Fragestellungen
Letztlich stellt sich hier die Frage, ob es "die" Schulsozialarbeit geben kann. Gibt es Qualitätsstandards, gibt es Rahmenbedingungen, gibt es bestimmte Kooperationsformen und — inhalte, bestimmte Aufgabenstellungen, bestimmte Zielsetzungen und Arbeitsfelder, die aus wissenschaftlicher und fachlicher Sicht eine qualifizierte und sich ihrer besonderen Möglichkeiten bewusste Schulsozialarbeit auszeichnen? Sind alle Ansätze von Schulsozialarbeit, die wir in der Praxis vorfinden und vorfanden, sinnvoll bzw. sind sie gleich sinnvoll? Und was kann Schulsozialarbeit überhaupt im besten Fall für ihre Klientel erreichen?
Ausgehend von Istsituation und den hier genannten Fragestellungen gibt Drilling einen Überblick über Konzepte und Ansätze sowie über die bestehenden Forschungsprojekte, die meist im Rahmen von Modellprojekten und Landesprogrammen in den neuen Bundesländern durchgeführt wurden. Auf diesem Hintergrund versucht er Schulsozialarbeit neu zu definieren und ein fachlich begründetes Konzept von Schulssozialarbeit herzuleiten.
Übersicht über Aufbau und Inhalt
Drilling beginnt im ersten Kapitel seine Ausführungen mit allgemeinen soziologischen Überlegungen zu den gesellschaftlichen Wandlungsprozessen im Kontext des Erwachsenwerdens.
Im zweiten Kapitel stellt er die Grundpositionen zur Schulsozialarbeit vor, die in den letzten Jahrzehnten anzutreffen waren und die auch noch die Gegenwart prägen. Die zentrale Auseinandersetzung kreist um die Frage der Eigenständigkeit und der eigenständigen Aufgabenstellung von Schulsozialarbeit. Geht es darum, Sozialarbeit in der Schule zu verwirklichen oder darum, Schule durch mehr Sozialpädagogik zu verbessern und sie für ihre ihrer eigentliche Aufgabe zu qualifizieren? Auf dem Hintergrund der Aussagen zum gesellschaftlichen Wandel (s. erstes Kapitel) vertritt Drilling die Position, dass die theoretische Begründung für Schulsozialarbeit weniger aus den Defiziten der heutiger Schule sondern vielmehr aus dem Wandel im Verständnis von Jugend- und Erziehungshilfe selber erfolgen müsste.
Im dritten Kapitel stellt Drilling die neueren Entwicklungstrends in der Schulsozialarbeit in Deutschland vor:
- Die Lebensweltorientierung als zentrale programmatische und methodische Ausrichtung moderner Sozialarbeit,
- das Begreifen von Schulsozialarbeit als Jugendsozialarbeit und damit die Abwendung von reinen Freizeit- und Jugendarbeitsprojekten,
- die neueren Entwicklungen im Osten Deutschlands nach der Wende, wo in allen neuen Bundesländern Schulsozialarbeit als flächendeckende Projekte eingeführt wurden,
- die mit diesem Aufbau verbundenen Handikaps, die einer qualifizierten Schulsozialarbeit entgegenstanden (z.B. fehlende Qualifikation der MitarbeiterInnen der Schulsozialarbeit)
- sowie Ansätze zur Profilbildung von Schulsozialarbeit durch theoretische Strukturierungsversuche, die das beliebige Nebeneinander von unterschiedlichen Konzepten und Ansätzen analysierten und klassifizierten.
Drilling stellt fest, dass sich im Rahmen dieser Profilbildungstendenzen in den letzten 10, 20 Jahren im Rahmen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Praxisfeld sehr wohl so etwas wie fachlich allgemein anerkannte Standards durchgesetzt haben, die vor allem die Kooperation mit der Schule und die Aufgabentypen und Zielstellungen von Schulsozialarbeit betreffen.
Im dritten und vierten Kapitel schließt sich die Darstellung und Auswertung der Modellprojekte an, die in den letzten 10 Jahren in den neuen Bundesländern und in der Schweiz durchgeführt wurden. Die im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitungen dieser Projekte erarbeiteten Forschungsergebnisse wertet Drilling aus und setzt damit die Auseinandersetzung um die Grundpositionen und Konzepte von Schulsozialarbeit auf theoretischer und empirischer Ebene fort.
Drilling definiert im fünften Kapitel das von ihm favorisierte und begründete Konzept der "integrativen Schulsozialarbeit" und konkretisiert es hinsichtlich des erforderlichen kooperativen Verhältnisses zur Schule, der sozialpädagogischen Grundsätze, die in diesem Handlungsfeld bestimmend sein sollten und mit Blick auf die spezifischen Arbeitsfelder und Zielgruppen. Drilling setzt dieses Konzept deutlich ab gegen die Unverbindlichkeit eines distanzorientierten Konzeptes und die nur punktuelle Wirksamkeit und Bedeutung additiver Modelle von Schulsozialarbeit.
Es handelt sich laut Drilling bei dem integrationsorientierten Ansatz von Schulsozialarbeit nicht um ein einmaliges Geschehen, sondern um "eine mittelfristige, komplexe Problemlösung". Nach Drilling sollte Schulsozialarbeit wirksam werden im System Schule und ihre eigene Arbeit als Teilsystem in diesem System betrachten. "Integrationsorientierte Schulsozialarbeit" wird von Drilling ganz unmissverständlich als ein selbständiges Handlungsfeld der Sozialen Arbeit bzw. der Jugendhilfe definiert. Damit, so Driilling, dürfte sich Schulsozialarbeit nicht als Nische im System Schule verstehen und sie würde ihre eigentlichen Aufgaben verschenken, sollte sie ihre Hauptaufgabe darin sehen, die Lernfähigkeit der Klientel (der Schülerschaft) zu sichern und zu erhalten. Dies sei, so Drilling, Aufgabe der Schulpädagogik und von ihr im Rahmen schulreformerischer Überlegungen und im Rahmen der Schulentwicklung zu lösen. Die Aufgabe der Schulsozialarbeit aber sei es, im Rahmen des integrationsorientierten Konzeptes, den SchülerInnen Hilfestellungen bei ihrem Entwicklungsprozeß anzubieten.
Weniger grundsätzlich und übersichtlich geht Drilling im letzten Kapitel "Arbeitsweisen der Schulsozialarbeit" vor. Hier werden zwei grundlegende Methoden mit Blick auf die Gewalt- und Suchtthematik in Schulen beleuchtet und z. T an konkreten Beispielen veranschaulicht. Die hier dargestellten Überlegungen und Ideen sind zweifelsfrei interessant und verwertbar, sie thematisieren aber nur einen Ausschnitt der Arbeitsweisen und Methoden von Schulsozialarbeit.
Ein Ausblick rundet die Erläuterungen ab.
Nutzen für unterschiedliche Zielgruppen
Das vorliegende Buch leistet eine theoretische Auseinandersetzung mit Grundpositionen, Konzeptionen und Handlungsansätzen der Schulsozialarbeit und bleibt in keiner Weise bei dem oft vorgefundenen Nebeneinander beliebiger Ansätze von Schulsozialarbeit stehen. Drilling zieht Vergleiche und leitet sein integrationsorientiertes Modell der Schulsozialarbeit aus theoretischen Überlegungen, empirischen Ergebnissen und aus Erfahrungswerten der Praxis ab. Drilling favorisiert die integrationsorientierte Konzeption von Schulsozialarbeit, von der er annimmt und für die er ableitet, dass sie die anstehenden Probleme am besten lösen kann.
Das vorliegende Buch ist sowohl für Theoretiker der Handlungswissenschaft Sozialarbeit, für Lehrende an Fachhochschulen und Universitäten von Interesse als auch für Studierende der Fächer Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Erziehungswissenschaft. Diese erhalten hier neben einem anschaulichen Einblick in ein Praxisfeld einen guten Überblick in die Auseinandersetzungen über divergierende Standpunkte zu diesem Handlungsfeld.
Auch für Praktiker der Schulsozialarbeit und für anleitende Fachkräfte der Jugendhilfe dürfte der Band neue Blickwinkel bringen und wertvolle Anstöße vermitteln — nicht unbedingt, weil er viele konkrete Handlungsanweisungen und praktische Beispiele für Schulsozialarbeit enthielte, sondern weil er zu einer Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Positionen und Fragen im Kontext Schule und Jugendhilfe und Schulsozialarbeit, zur Reflexion des eigenen Tuns und zur Hinterfragung der vertretenen Praxisstruktur zwingt.
Einschätzung
Das Buch ist lesbar geschrieben und in seiner inneren Struktur gut nachvollziehbar. Das favorisierte Konzept der integrationsorientierten Schulsozialarbeit wird von Kapitel zu Kapitel deutlicher und nachvollziehbarer herausgearbeitet.
Der Autor weiß, wovon er spricht. Der Versuch, Projekte der Schulsozialarbeit historisch und regionalspezifisch (z.B. West- und Ostdeutschland, Schweiz) systematisch zu erfassen, zu vergleichen und für die Theorie und Weiterentwicklung von Schulsozialarbeit auszuwerten, ist ein besonderer Verdienst von Drilling. Er leistet damit einen wichtigen und dringend erforderlichen Beitrag zur fachlichen Diskussion und Theoriebildung für dieses bisher theoretisch eher vernachlässigte Handlungsfeld der Jugendhilfe.
Die Hervorhebung der organisatorischen, vor allem auch inhaltlichen Eigenständigkeit der Schulsozialarbeit gegenüber ihrem schulischen Kontext und damit die klare Absage an alle Formen von Schulsozialarbeit, die letztlich als Dienerin der Schule auftritt, nimmt für Drilling eine besondere Stellung in seinen Ausführungen ein. Ansätze, bei denen sich Schulsozialarbeit von Schule als "Pausenclown" missbrauchen lässt, sind für ihn dabei in gleichem Maße inakzeptabel wie solche, bei denen sich Schulsozialarbeit als die heimliche Schulentwicklerin versteht. Er betont zurecht, dass die schulpädagogischen Aufgaben, Bildung und soziale Integration ihrer SchülerInnen zu gewährleisten, neue didaktische Methoden zu entwickeln und Unterricht als Lernprozess zu qualifizieren, der für die Kinder und Jugendlichen akzeptierter und wertvoller Teil ihrer Lebenswelt wird, von der Schule, also den LehrerInnen selber gelöst werden müssen und gelöst werden können.
Die Betonung der Gemeinsamkeiten von Schulpädagogik und Jugendhilfe in ihren Zielsetzungen und die Qualifizierung der erforderlichen Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe als integrierte Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen, nicht als arbeitsteilige, hintereinander oder nebeneinander geschaltete Zuständigkeiten, ergänzt diese Aussagen und macht die Notwendigkeit von Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe deutlich und anschaulich.
Drilling stellt zurecht fest, dass nicht die Tätigkeitsfelder die Professionalität von Schulsozialarbeit bestimmen und definieren sondern die entwickelte Methodenkompetenz und die Orientierung an den Grundsätzen moderner Sozialpädagogik, wie sie etwa im 8. Jugendbericht definiert und hergeleitet wurden. Damit wird klar gemacht, dass nicht die spezifischen Tätigkeiten und Arbeitsprojekte das sind, was Schulsozialarbeit als solche kennzeichnet, sondern vielmehr Aspekte der integrativen Kooperation, der sozialpädagogischen Grundhaltungen und der Einsatz qualifizierter Methoden sozialer Arbeit. Diese Aussage ist wichtig und kann zur Definition von Qualitätsstandards wesentlich beitragen.
Kritisch gesehen werden muss die starke Betonung Drillings derjenigen Aufgabenbereiche von Schulsozialarbeit, die sich im Kontext expliziter, bereits virulenter Problemlagen stellen. Dies entspricht sicherlich der gegenwärtigen Praxis von Schulsozialarbeit, vernachlässigt aber die — eigentlich auch von Drilling eingeforderte — präventive Kompetenz und Aufgabe von Schulsozialarbeit. Angebote, die sich an die gesamte Schülerschaft wenden, z.B. auch solche, die, wie Drilling formuliert, sich um eine "tragfähige Schulhauskultur" bemühen, sind geeignet, die präventiven Chancen, die mit dem Konzept Schulsozialarbeit verbunden sind, zu nutzen.
Fazit
Drilling holt mit diesem Buch die Schulsozialarbeit aus der ihr nachgesagten Beliebigkeit und Unübersichtlichkeit heraus und leistet einen wertvollen Beitrag zur Theoriebildung im Bereich Schulsozialarbeit.
Das Buch eignet sich wegen seiner Lesbarkeit und Übersichtlichkeit sehr gut für das Studium, aber es sollte auch von Praktikern und anleitenden Fachkräften der Jugendhilfe gelesen werden, da es aufgrund seiner Theoriegeleitetheit bestehende Praxis hinterfragt und dazu beitragen kann, die in der Praxis dringend erforderliche konzeptionelle, fachliche Orientierung von Projekten der Schulsozialarbeit zu verstärken.
Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der ersten Auflage von 2001 (ISBN 3-258-06311-7).
Rezensentin
Prof. Dr. Mechthild Seithe
Fachhochschule Jena, Fachbereich Sozialwesen
Homepage www.sw.fh-jena.de/people/mechthild.seithe
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Zitiervorschlag
Mechthild Seithe. Rezension vom 30.06.2002 zu: Matthias Drilling: Schulsozialarbeit. Antworten auf veränderte Lebenswelten. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2004. 3. aktualisierte Auflage. 152 Seiten. ISBN 978-3-258-06794-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/320.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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